v.l. Elizabeth Pankhurst und Katrin Dobbrick
Audio: Antenne Brandenburg | 18.08.2020 | Katrin Dobbrick | Bild: Riccardo Wittig/ rbb

Hochwasserschutz oder Gefahr für die Umwelt? - Aktivisten starten Online-Petition gegen Odervertiefung

Zwei Aktivistinnen haben eine Online-Petition gegen einen Oderausbau gestartet. Die Oder dürfe nicht zu einer Schiffsautobahn werden, kritisieren sie. Und fordern den Brandenburger Ministerpräsidenten Woidke zum Handeln auf. Von Riccardo Wittig

Auf einer Buhne am Ufer der Oder stehen Katrin Dobbrick aus Stolzenhagen (Barnim) und Elizabeth Pankhurst aus Hohenwutzen (Märkisch-Oderland). Sie diskutieren über die Folgen einer bevorstehenden Flussregulierung. Die beiden Frauen sind die Gesichter des Online-Protestes und sind sich einig - der Ausbau der Oder muss gestoppt werden.

Kein Eingriff in die Natur

"Es ist Fünf vor Zwölf", betont Katrin Dobbrick mit Nachdruck die Situation. Sie wohnt wie Elizabeth Pankhurst erst seit zehn Jahren an der Oder. Die beiden haben den Fluss und vor allem das Untere Odertal mit seinen einzigartigen Auenwäldern lieben gelernt. "Eigentlich müsste es einen Aufschrei aus der Bevölkerung geben", sagt Elizabeth Pankhurst. "Wir haben keine Zeit mehr, noch in diesem Jahr sollen hier die ersten Bagger rollen." Den Eingriff in die Natur können sie nicht verstehen. Deswegen wollen sie jetzt das Sprachrohr für eine ganze Region sein. Sie sehen sogar für das Oderbruch den Hochwasserschutz in Gefahr.

Einengung und Vertiefung geplant

Mit der Verbesserung des Hochwasserschutzes argumentiert seit Jahren die polnische Seite, um die Pläne zum Ausbau der Oder voranzutreiben. Doch bisher schien es, als seien diese nur eine Fiktion. Nun soll es losgehen. Das Programm sieht eine Einengung und Vertiefung des Flussbettes vor, um eine konstante Wassertiefe und eine höhere Fließgeschwindigkeit zu erreichen.

Artur SosnaSchiffsführer Artur Sosna

Das Niedrigwasser der Oder macht eine Binnenschifffahrt unmöglich. "Uns fehlt schon lange die Flussregulierung", sagt Steuermann Artur Sosna, der mit seinen Kollegen im Schwedter Hafen Klärschlamm aus Berlin entleert. Früher ist er mit Kohle von Breslau nach Stettin gekommen, heute fährt der Pole fast nur noch auf dem Rhein. "Ohne Wasser haben wir keine Arbeit. Ladung wäre in Wrocław, Opole, Krosno Odrzańskie oder Szczecin." Der Transport auf der Oder ist aber nicht mehr wirtschaftlich. Mit dem Ausbau der Wasserstraße, so hofft Binnenschiffer Sosna, gäbe es neue Aufträge; außerdem schone der Transport über die Wasserstraße die Umwelt, sagt er.

Polen argumentiert für Ausbaggerung

Das sehen Katrin Dobbrick und Elizabeth Pankhurst anders: Sie wollen für den wilden Fluss kämpfen. Ein Ausbau würde ihrer Ansicht nach der Umwelt mehr schaden als nutzen. "Historisch gesehen waren Flüsse schon immer für Schiffe da und dadurch sind auch Städte entstanden", sagt Katrin Dobbrick: "Aber die Zeiten haben sich verändert." Heute führt die Oder häufig nur wenig Wasser und lässt sich kaum befahren.

Dass die polnischen Pläne nun bald Wirklichkeit werden könnten, ärgert Katrin Dobbrick und Elizabeth Pankhurst. Auch weil das deutsch-polnische Abkommen über den Ausbau der Oder vor fünf Jahren durch einen politischen Deal zustande kam. Schon seit Jahren beabsichtigt das Schwedter Papierunternehmen Leipa seine Produkte mit binnengängigen Seeschiffen bis nach England zu transportieren. Doch der Wasserweg ist für solche Schiffe nicht tief genug. Ein kleiner, auf polnischer Seite liegender Abschnitt - die "Klützer Querfahrt" - müsste dafür Richtung Stettin ausgebaggert werden. Die Polen stimmten der Ausbaggerung der Querfahrt unter der Bedingung zu, dass die Grenz-Oder wieder zu einem schiffbaren Fluss ausgebaut wird.

Schiff auf der OderSchiff auf der Oder

Warenverkehr von der Straße aufs Wasser

"Verzichten Sie auf die 'Klützer Querfahrt'", fordern die beiden auch in ihrer Online-Petition. Dagegen wehrt sich Leipa-Logistik-Chef Felix Lösch. Die Ausbaggerung der "Klützer Querfahrt" stehe nicht im Zusammenhang mit den polnischen Plänen des Oderausbaus. "Wir bemühen uns als Leipa nicht aus wirtschaftlichen Gründen um die Wiederherstellung der Schiffbarkeit der Klützer Querfahrt, sondern um die Möglichkeit, den Warenverkehr von der Straße und Schiene auf den umweltverträglichen Transportträger Küstenmotorschiff zu verlagern."

Woidke: "Tafelsilber der deutschen Einheit nicht auf Spiel setzen"

Inzwischen soll es Gespräche zwischen der deutschen und polnischen Seite geben, heißt es aus dem Potsdamer Ministerium. Bei einem Besuch beim Papierhersteller Leipa vor wenigen Wochen sagte Ministerpräsident Woidke: "Ich glaube, dass wir gut beraten sind, das Tafelsilber der deutschen Einheit nicht auf Spiel zu setzen." Gemeint ist die einzigartige Natur der Oder und genau darum geht es auch in der Online-Petition.

Nach einer Woche haben sich bereits mehr als 500 Menschen den Protest angeschlossen [change.org]. Katrin Dobbrick und Elizabeth Pankhurst hoffen jetzt, dass das Land Gesprächsbereitschaft mit den Menschen an der Oder signalisiert. Denn diese, so sagen sie, wollten wissen, was auf sie zukommt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 18.08.2020, 14:40 Uhr

Beitrag von Riccardo Wittig

18 Kommentare

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  1. 18.

    Hallo Sandra, meine dringende Bitte: Bitte gehe auf die Fakten ein, bevor Du hier diese beiden Frauen mit sehr bitterer Polemik persönlich beleidigst. Sei sehr gern für den Oderausbau, das ist selbstverständlich Dein gutes Recht, das Dir niemand nimmt, aber dann arrgumentiere mit Fakten und lass bitte die Beleidigungen. Eine sehr kurze Zusammenfassung der Fakten zum Oderausbau findest Du z.B. in meinem letzten Kommentar (Nr. 16), wenn Du dort auf "mehr" klickst.

  2. 17.

    Und andere sind dagegen den Strom zu produzieren, den die Frauen verbrauchen. Die Nächsten wollen, dass die LKW nicht fahren, die ihren Supermarkt beliefern.. die Autos die sie fahren... die Handys die sie kaufen... die Kleidung aus Kambodscha... die Medikamente aus Indien... Bananen aus... Kiwi aus...
    Vielleicht sollten die Frauen bei 10° Minus, nackt mit Pfeil und Bogen Fische in der Oder fangen.

  3. 16.

    Herzlichen Dank für Ihren Mut, Frau Dobbrick und Frau Pankhurst!

    Das ist wirklich ein Skandal:

    1. Deutsche und polnische Regierung behaupten. der Oderausbau sei nötig,damit die Eisbrecher nicht auf Grund laufen - dabei besteht diese Gefahr laut zuverlässigsten Quellen nicht.
    Der Erfinder des Eisbrecher-Arguments, Andzrej Kreft, gibt sogar zu, dass er das Eisbrecher-Argument nur erfunden habe, weil er in Wirklichkeit den Oderausbau für die Binnenschifffahrt durchsetzen wollte.
    Der Oderausbau dient tatsächlich den Binnenschifffahrtsinteressen von OT Logistics.

    2. Der Oderausbau erhöht den Wasserstand bei Hochwasser am Deich von Hohenwutzen, siehe Stromregelungskonzeption der Bundesanstalt für Wasserbau.

    3. Der Deal "Klützer Querfahrt" im Tausch für "Ausbau der Oder" wurde im Artikel bereits erwähnt.

    Land und Bund sind dabei, faktisch den Hochwasserschutz des Oderbruchs für den Hafen Schwedt und für Leipa zu verkaufen.

  4. 15.

    Mit Verlaub, es geht um die Sache, nicht um ihr malträtiertes Gehör. Aber vielleicht ist es das ja, was sie stört.

  5. 14.

    Sie sollten sich über die Gründe des momentanen Wassermangels, in Deutschland, informieren. Dann werden Sie erfahren, dass wir eine nahezu unveränderte Niederschlagsmenge in Deutschland haben (ca. 188 Mrd. T). Durch den "Klimawandel" fallen diese aber oft als Starkregen. Vergangene und zukünftige "Änderungen" an Flüssen führen dazu, dass das ganze Wasser viel zu schnell ins Meer abfließt und viel zu wenig versickern kann! Darum Hände weg von Flüssen, Auen. Seen, Mooren, Teichen und Tümpeln. Nötig sind keinesfalls weitere Ausbauten sonder "Rückbauten" der Wasserstraßen!!!

  6. 13.

    Tja das ist die Krux der Demokratie. Man darf dagegen oder dafür sein. Man hat auch das Recht dass es einem egal ist. Vor allem muss man ertragen dass nicht alle eine gleiche Meinung haben.
    Was die Oder angeht, einfach mal eine Woche Urlaub an der Oder machen, dann weiß man was so ein „unbewirtschafteter“ Fluss mitten in Europa wert ist.

  7. 12.

    Ich verstehe durchaus Ihre Argumente und Bedenken. Es ist halt im Leben nichts umsonst zu kriegen, das habe ich versucht zu sagen. Solche Entscheidungen bedürfen des ausgewogenen Abwägungsprozesses, wo die Pros und Contras auf den Tisch kommen. Hier müssen auch die Interessen der Polen angemessen berücksichtigt werden, es sind dann auch deutsche Interesssen, denn ohne eine gemeinsame Strategie wird das nichts.
    Die Deutschen wollen ihre schönen Wiesenauen erhalten und die Polen wollen die Oder, einer der größten Wasserströme im betreffenden Gebiet, für die Anbindung des oberschlesischen Industriegebiets zur Ostsee und damit zu den Weltmeeren nutzen.

  8. 11.

    Danke, ihr beiden Frauen. Weiter so!

  9. 10.

    Ich bin es auch sehr leid, immer wieder abrupt"dagegen" zu hören!
    Hauptsache DAGEGEN... Überall... Aber nicht da, wo ICH wohne°°° ich glaub fast, wenn jemand lange Weile hat... Man kann sich jeden Tag an irgendwelche Demos beteiligen... Hauptsache DAGEGEN und nicht da wo ICH bin

  10. 9.

    AktivistInnen....gähn, ich kann das Wort nicht mehr hören....fehlt nur noch eine "Experten"meinung

  11. 8.

    Leipa hat doch einen Bahnanschluss, auf dem man das Papier verladen und transportieren kann. Das ist umweltfreundlicher als der Wassertransport. Und ich frage mich ernsthaft, ob wir noch Papier nach England verschiffen müssen. Wir verschicken das Zeug um die halbe Welt zu Kosten der Umwelt.

  12. 7.

    Früher hatte man auch andere Kähne. Vertiefung von Flüssen verursacht schnelleres Fließen und bei Hochwassersituationen schnellere und größere Überflutungen. Weshalb u.a. ja andernorts Flüsse renaturiert werden. Außerdem gibt es in der Oder, soviel ich weiß, schon lange zeitweise Niedrigwasserprobleme, die durch Ausbaggern nicht zu beheben sind und Schifffahrt nicht möglich ist. Bei der Elbe übrigens auch, sogar beim Rhein.

  13. 6.

    Herzlichen Dank an Katrin und Elizabeth darauf aufmerksam zu machen.
    Wenn das Wasser schneller abfließt, wird auch das Grundwasser weniger gespeist und sinken :(

  14. 5.

    Die Schifffahrt (3xf -löl) kann doch auch ein Initial sein für Gewerbe und Industrie und Arbeitsplätze. Das Dauergemotze gegen alles, wirklich alles, was man in diesem Land verändern möchte, geht mir auf den Geist. Wo ist das Problem, die ODER zu vertiefen, sie stabil schiffbar zu machen? Herrschaftszeiten: meckern, mozen, pöbeln.... Hauptsache dagegen!

  15. 4.

    @rbb Was sagen denn die Ökologen dazu?

  16. 3.

    "Macht euch die Erde untertan" heiß es in der Bibel. Jede Nutzung der Natur bedeutete auch einen Eingriff, nullum nullo agit, oder in Kölsch Vun nix kütt nix.
    Will man umweltsschonend den Transport von Massengütern auf das Wasser verlagern statt die Autobahnen und Straßen damit zuzustopfen, muss man die Oder auf entsprechend schiffbare Tiefe ausbaggern. Früher, zu Großvaters Zeiten, war die Oder von Stettin bis Cosel in Oberschlesien schiffbar. Heute geht das nicht und es ist "Wahnsinn".

  17. 2.

    Wahnsinn. Schaut euch mal den Rhein an... Begradigt zum Hochwasserschutz, dadurch sank der Grundwasserspiegel so stark, daß alle paar Kilometer eine Staustufe her musste, mit Schleusen. Jetzt sammeln die Staustufen so viel Sediment, daß permanent ausgebaggert werden muß. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme sicher großartig, für Umwelt, Landschaft und Schifffahrt eine Katastrophe. Da sind natürlich wieder Politiker am Werk mit Verwandtschaft im Baggergewerbe/Baugewerbe. Die Hochwasser gibt's natürlich trotzdem...

  18. 1.

    irgendwie ist man gegen alles. Nichts aber nichts soll mehr umgesetzt werden und gerade Schiffahrt ist immer noch ein umweltfreundlicher Verkehrsträger. Jetzt kommen bestimmt gleich wieder die stimmen von wegen alte Schiffsdiesel und so.
    Für jedes Thema gibt es heute sogenannte Aktivisten.

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