Impfdosen werden knapp - Polen fragen zunehmend Grippeimpfstoff in Deutschland nach

Agnieszka Fułczyńska-Staniec, Eigentümerin einer Apotheke
Audio: Antenne Brandenburg | 23.10.2020 | Agnieszka Hreczuk | Bild: rbb

Weil in Polen der Grippeimpfstoff knapp wird, fragen Angehörige von Risikogruppen zunehmend in Apotheken in Deutschland nach Impfdosen. Doch auch dort reicht es nicht für alle. Zudem sind Ärzten rechtliche Grenzen gesetzt. Von Agnieszka Hreczuk

Ständig klingelt in der Apotheke Tilia im nordwestpolnischen Stettin das Telefon. Und die Antwort ist immer die gleiche: Nein, es gebe keine Grippeimpfstoffe mehr und es sei unklar, ob überhaupt geliefert würde. Agnieszka Fułczyńska-Staniec, die Eigentümerin von Tilia ist frustriert. "Ich warte und warte weiter und hoffe, dass noch irgendwelche Impfstoffdosen kommen, aber meine Hoffnung schwindet mit jedem Tag", sagt sie.

Am nächsten Tag erhält die Apotheke zwei Dosen. Doch auf der Warteliste stehen allein in dieser Apotheke fast 400 Patienten. In ganz Polen ist die Situation ähnlich. Der Grund: Anders als in Deutschland,müssen sich in Polen die meisten Patienten selbst den Impfstoff in einer Apotheke besorgen.

Wenig Impfdosen bestellt

Bisher war die Grippeschutzimpfung in Polen nicht besonders beliebt: Nur 5 Prozent der Bevölkerung lassen sich jährlich (gegen Grippe) impfen. Folglich bestellte die polnische Regierung entsprechend wenig Impfstoff. So auch in diesem Frühling – trotz Corona-Pandemie. Warschau bestellte nur zwei Millionen Impfdosen. Deutschland besorgte 26 Millionen Dosen mit Impfstoff - nach Auskunft des Bundesgesundheitsministeriums sind das doppelt so viele, wie in vorangegangenen Jahren verimpft wurden.

Darauf setzen auch Polens Bürger. Zum Beispiel Barbara. Seit Jahren lassen die Seniorin und ihr Mann sich gegen Grippe impfen. "Wir haben ein Rezept, sind in diesem Jahr, wie immer, zur Apotheke gegangen. Und haben erfahren, dass die Chancen sehr schlecht stehen", sagt sie. "Das ist frustrierend, wir haben richtig Angst, denn wir wissen, dass die Impfung für uns jetzt besonders wichtig ist." In der örtlichen Poliklinik haben sie die Auskunft erhalten, es gäbe noch Impfstoff in Deutschland. Also machte sich das ältere Ehepaar auf den Weg.

Anfragen sogar aus Warschau

Dass Bürgerinnen und Bürger aus Polen Impfdosen in Apotheken in Deutschland besorgen, ist kein Einzelfall, sagt dazu Jan Kramarek, ein polnischer Pharmazeut. Er arbeitet in einer Apotheke in Pasewalk, eine halbe Autostunde entfernt von Stettin. "Sie rufen an, schreiben E-Mails, kommen persönlich vorbei", sagt er. "Nicht nur aus Stettin, sondern auch aus Posen, Köslin oder sogar Warschau kommen Anfragen. Sie sind bereit, viele Kilometer zurückzulegen, weil sie hoffen, die Impfung in Deutschland zu kaufen."

Seine Apotheke könnte hundert Impfdosen am Tag verkaufen, wenn sie nur verfügbar wären, sagt Kramarek. Die Kunden sind nicht nur Rentner, sondern es seien auch Ärzte darunter, die sich gleich im Auto auf dem Parkplatz selbst impfen würden, berichtet er. Denn auch für Risikogruppen wie Ärzte hat Polens Regierung keine Grippeimpfdosen mehr.

Impfung nur mit deutscher Krankenversicherung

Über ähnliche Erfahrungen kann auch der Prenzlauer Internist Marcin Florczak berichten. Bei dem gebürtigen Polen melden sich viele Landsleute, die kein Deutsch sprechen. "Bei uns spielt die Nationalität keine Rolle, aber wir dürfen nur Versicherte deutscher Krankenkassen impfen", sagt er. Florczak impfte bereits mehrere Dutzend polnische Pendler aus der Grenzregion, die eine deutsche Chipkarte haben.

Alle anderen gehen leer aus, selbst, wenn sie selbst zahlen wollen. Sie sind auf die Bestände in Apotheken aufgewiesen. Doch auch in deutschen Apotheken in der Grenzregion und vereinzelt auch in Berliner Apotheken wird der Impfstoff knapp.

Auch Barbara aus Stettin hat auf deutscher Seite in der Uckermark keinen Impfstoff kaufen können. Jetzt hofft sie, dass die polnische Regierung ihr Versprechen einlöst. Bis Dezember sollen weitere Impfdosen an polnische Apotheken geliefert werden.

Beitrag von Agnieszka Hreczuk

2 Kommentare

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  1. 2.

    Toll,einige Praxen hier müssen Patienten abweisen.Donnerstag erst selbst erlebt !
    Dollet Ding.

  2. 1.

    Das kommt dabei heraus, wenn Populisten Krisenmanagement betreiben sollen.

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