Der Ortskern von Biesenthal (Bild: imago images/PEMAX)
Bild: imago images/PEMAX

Spaziergang am Sonntag - "Barnim für alle" protestiert gegen Rassismus in Biesenthal

Die rassistische Attacke Anfang Oktober auf einen schwarzen Biesenthaler will die Inititative "Barnim für alle" nicht unwidersprochen lassen. Für Sonntag ruft sie zu einem Protest-Spaziergang durch den Ort auf. Denn der Angriff sei kein Einzelfall. Von Uta Schleiermacher

Nach einem rassistischen Angriff auf einen schwarzen Biesenthaler vor einem Monat ruft die Initiative "Barnim für alle" für Sonntag zu einem Spaziergang gegen Rassismus auf. Denn für die Initiative ist der Angriff kein Einzelfall: Er reihe sich ein in zahlreiche Vorfälle von Alltagsrassismus im Ort. Das wollen sie nicht unwidersprochen lassen, sagt Svea Sobotka, eine der Organisatorinnen des Spaziergangs.

"Es kommt in Biesenthal immer wieder zu rassistischen Übergriffen in Form von Beleidigungen und Bedrohungen", sagt sie. "Wir wollen zeigen, dass Opfer rassistischer Gewalt in Biesenthal nicht allein stehen und dass uns rassistische Übergriffe in unserer Nachbarschaft nicht egal sind."

Mit Bierflasche geschlagen

Aufhänger für ihren Spaziergang ist ein mutmaßlich rassistisch motivierter Übergriff am 1. Oktober. Nach Angaben der Polizei war es an dem Tag am Biesenthaler Markt gegen 21:50 Uhr zu einer körperlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Personen gekommen. Demnach war ein 29-jähriger schwarzer Mann mit seinem Fahrrad an einem Imbiss vorbeigefahren, als ihn ein dort stehender 47-Jähriger lauthals als "Schwarzfahrer" des Fahrraddiebstahls bezichtigte.

Der Radfahrer habe den 47-jährigen daraufhin zur Rede stellen wollen. Im Zuge der Auseinandersetzung soll der Mann am Imbiss den Radfahrer mit einer Bierflasche verletzt haben. Laut der Initiative hat er ihm mit der Flasche ins Gesicht geschlagen. Die Polizei fand nach eigenen Angaben am Ort des Geschehens keine derartige Flasche mehr vor. Der 47-jährige Mann habe einen Atemalkoholwert von einem Promille gehabt. Die Kriminalpolizei ermittelt zu dem Vorfall. Es gäbe bislang keine Hinweise darauf, dass der Vorwurf des Fahrraddiebstahls tatsächlich haltbar wäre, heißt es bei der Polizei.

Mehrere Tatorte

Auf ihrem Spaziergang wollen die Initiativen auch an weiteren Orten in Biesenthal vorbeigehen, an denen es zu rassistischen Anfeindungen gekommen ist, sagt Sobotka. So sei es etwa an einer Bushaltestelle in der Nähe der Schule wiederholt zu Übergriffen und rassistischen Anfeindungen gekommen, ein Mann sei dort auch mit einem Kettenschloss bedroht worden.

Auch in der Nähe des Denkmals habe es einen Übergriff gegeben. "Da hat ein Radfahrer einen schwarzen Mann, der zu Fuß unterwegs war, beim Überholen so stark geschnitten, dass er ihm über den Fuß gefahren ist", sagt Sobotka. "Wenn er nicht zur Seite gesprungen wäre, hätte der Radfahrer ihn wohl direkt angefahren." Der Fußgänger sei gut gelaunt auf dem Heimweg gewesen. Der Radfahrer habe den Mann beschimpft, sei außerdem noch mal umgekehrt und habe mit der Hand ein Zeichen gemacht, als wolle er dem anderen die Kehle durchschneiden. Eine Anzeige bei der Polizei sei ohne Folgen geblieben.

Alltagsrassismus im Barnim

Die Initiative berichtet außerdem, dass schwarze Menschen in Biesenthal wiederholt auf einem bestimmten Abschnitt der Bahnhofsstraße und aus vorbeifahrenden Autos heraus rassistisch beschimpft wurden. In anderen Situationen seien einem Mann mehrfach der Weg mit dem Auto scharf abgeschnitten worden.

"Unsere Idee war erst, dass die Betroffenen an den Stellen selbst zu ihren Erlebnissen sprechen, aber sie haben gesagt, dass sie das nicht wollen, was ich auch sehr gut verstehen kann", sagt Sobotka. "Stattdessen sprechen jetzt zwei Personen an den jeweiligen Stellen darüber und sie berichten auch von den alltäglichen Rassismuserfahrungen, die sie im Barnim immer wieder machen."

Schule und Sportvereine unterstützen den Spaziergang

Dem Aufruf zum Protest und dem antirassistischen Spaziergang haben sich nach Angaben der Initiative zufolge zahlreiche lokale Organisationen, Vereine, Parteien und Unternehmen angeschlossen, darunter der SV Biesenthal, die Grundschule am Pfefferberg sowie der Bürgermeister von Biesenthal, Carsten Bruch (CDU).

"Es ist ein schönes Zeichen, dass sich bei dem Thema alle einig sind", sagt Sobotka. "Es geht ja um die Frage, wie wir hier in Biesenthal miteinander leben und was wir für ein Ort sein wollen." Daher sei es erfreulich, dass sie niemanden groß hätten überreden müssen, sondern die Unterstützer ohne Zögern zugesagt hätten und sich dem Aufruf angeschlossen hätten. Neben dem prinzipiellen Rückhalt hoffen sie nun auch auf rege Beteiligung. Falls mehr als die erlaubten 150 Menschen kommen wolle man zeitversetzt einen zweiten Spaziergang machen, sagen die Veranstalter.

Mit Luftballons und Mund-Nasen-Schutz

Die Unterzeichnenden wollen sich am Sonntag um 12 Uhr an der Grundschule am Pfefferberg treffen und dann mit bunten Luftballons durch den Ort laufen. Dabei gilt Maskenpflicht und ein Mindestabstand von 1,5 Metern. Die Luftballons sollen für das Motto des Spaziergangs, "Biesenthal bleibt bunt", stehen und außerdem auch bei Laufen mit coronabedingtem Abstand zeigen, wer alles zu dem Spaziergang zugehörig ist. Der Spaziergang fürht durch das Biesenthaler Stadtzentrum zum Marktplatz, wo er mit einer kleinen Abschlussveranstaltung endet.

"Barnim für alle" habe den Anwohnern weitläufig Flyer mit dem Aufruf zum Spaziergang in die Briefkästen gesteckt, sagt Sobotka. "Dabei geht es uns gar nicht in erster Linie darum, dass die Menschen alle kommen, sondern vor allem darum, dass möglichst alle von den Vorfällen erfahren und sehen, wie breit die Unterstützung in Vereinen und in den Organisationen im Ort ist", sagt sie. Denn diejenigen, die andere rassistisch beleidigten oder angriffen sollen sich dabei nicht so fühlen, als ob die Gesellschaft um sie herum das mittragen würde.

Sendung: Antenne Brandenburg, 08.11.2020, 10:30 Uhr

8 Kommentare

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  1. 8.

    War "Barnim für Alle" auch in Dresden zur Demo für den ermordeten Deutschen am 2.10. ? Oder bei der Demo für die Attentate in Wien und Nizza?

  2. 7.

    Es ist nicht das Adjektiv und die Farbe schwarz gemeint sondern das Wort wird absichtlich großgeschrieben. Es handelt sich um eine politische Selbstbezeichnung.

    Wer wie ich unsicher mit dem richtigen Sprachgebrauch ist und das ändern möchte, findet hier eine gute Erklärung:

    https://www.br.de/puls/themen/leben/rassismus-in-der-sprache-100.html

  3. 6.

    ... sowie der Vorgang, dass der Alkoholisierte den Radelnden des Fahrraddiebstahls bezichtigt hat.
    ... sowie die ganzen anderen Vorgänge, die in dem Bericht beschrieben werden.
    Alles erfunden? "Stop the count!"?

  4. 5.

    Lieber wegducken, aussitzen, nichts machen, anstatt sich mit Betroffenen von Rassismus zu solidarisieren? Dann leben Sie unser Grundgesetz nicht so ganz, würde ich sagen. Den Betroffenen werden per sekundärer Viktimisierung durch Polizei sowie Justiz häufig eine Mitverantwortung oder gar Hauptverantwortung der Vorfälle unterstellt. So setzt sich Rassismus fort. Die Betroffenen haben laut Angaben vieler sozialer Verbände oft resigniert und sehen oft von Anzeigenerstattung ab, weil sie sich schon daran gewöhnt haben, dass nichts bzw. nichts zu gunsten der Betroffenen passiert. Nicht selten wird im Falle einer Anzeige eine Gegenanzeige von mutmaßlichen Täter*innen gestellt.

    Ich finde es sehr gut, dass die Zivilgesellschaft in Biesenthal aktiv und solidarisch ist. Sinnvoll hätte ich es gefunden, wäre an Beratungsstellen verwiesen worden. Die bundesweit erste Beratungsorganisation für Betroffene von rechter oder rassistischer Gewalt, Opferperspektive, entstand in Brandenburg.

  5. 4.

    Soweit ich das verstanden habe, gibt es von dritter Seite keine Bestätigung der "Bierflaschengeschichte". Da der offensichtlich verletzungslose Angriff "mit der Flasche ins Gesicht geschlagen" von der Polizei nicht erwähnt wurde, und eine Bierflsche lt. Polizei "nicht gefunden" wurde, wollte ich nochmal in den amtlichen Polizeimeldungen nachsehen, aber gefunden habe ich dergleichen nicht.
    Bliebe dann nur der Vorgang, daß ein leicht Alkoholisierter den radelnden Mann aus Tansania als "Schwarzfahrer" bezeichnet hat.

  6. 3.

    nee, es sollen nur mehr Leute kommen, als zur Gedenkfeier für die Opfer von Wien.

  7. 2.

    Zitat: " Im Zuge der Auseinandersetzung soll der Mann am Imbiss den Radfahrer mit einer Bierflasche verletzt haben. Laut der Initiative hat er ihm mit der Flasche ins Gesicht geschlagen. Die Polizei fand nach eigenen Angaben am Ort des Geschehens keine derartige Flasche mehr vor. Der 47-jährige Mann habe einen Atemalkoholwert von einem Promille gehabt. Die Kriminalpolizei ermittelt zu dem Vorfall."

    Es steht also demnach noch gar nicht fest, ob die Geschichte ueberhaupt stimmt. Ferner sollte das mutmassliche Opfer schwere Verletzungen im Gesicht davongetragen haben, wenn es vom mutmasslichen Taeter wirklich mit einer Flasche geschlagen wurde.

    Irgendwie klingt die Geschichte nicht 100% plausibel. Ich denke, man sollte die Ermittelungen abwarten, bevor man voreilige Schluesse zieht.

  8. 1.

    Warum wird denn hier bei "schwarzer Mann" und "schwarzer Biesenthaler" das Wort "schwarzer" andauernd groß geschrieben??? Ist das jetzt eine neue Rechtschreibregel?

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