Kuestrinchen Auszeitort
Audio: Antenne Brandenburg | 29.12.2020 | Torsten Glauche | Bild: Georg-Stefan Russew/rbb

Auszeit-Orte | Uckermark - Wie es sich am ruhigsten Ort Deutschlands lebt

Das Jahr 2020 war vor allem wegen der Corona-Pandemie im Kleinen wie Großen verrückt, bedrückend, anstrengend. Doch im Norden von Brandenburg scheint die Welt noch in Ordnung. Ohne Handy- und Internet-Empfang gibt es hier den perfekten Auszeitort. Von Georg-Stefan Russew

Direkt an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern gibt es jede Menge Natur und allzu viele Menschen tummeln sich in der Uckermark gleich gar nicht. Klingt nach einem perfekten Ort, um durchzuschnaufen und abzuschalten.

Das hat auch eine Datenrecherche von rbb|24 bestätigt. In einer Analyse wurden Zahlen und Daten aus ganz Deutschland zur Netzabdeckung wie Handy- und Internetempfang, Bevölkerung sowie zum Naturraum zusammengetragen - und daraus dann der beste Auszeit-Ort für Naturliebhaber ermittelt. Große Überraschung: Es sind nicht die Alpen, es ist nicht die Insel Rügen, es ist der Große Küstrinsee im Boitzenburger Land.

Kuestrinchen Auszeitort
40 Einwohner leben ohne Netz trotzdem sehr komfortabel hier. | Bild: Georg-Stefan Russew/rbb

Wie auf einer einsamen Insel

Mitten in diesem Gebiet liegt auch das 40-Seelen-Dörfchen Küstrinchen. Hier betreibt Ewald Karau zusammen mit Partnern direkt am Großen Küstrinsee seine Fischerei. In einer ehemaligen Schafszuchthalle zieht er Forellen. Seit mehr als 30 Jahren fährt Karau auch raus auf den See, um zusätzlich auf Hecht und Zander zu gehen.

Ihm gefällt es in der Abgeschiedenheit. "Ich kann mir nichts besseres vorstellen", sagt er, denn Küstrinchen liege mitten im Naturschutzgebiet Uckermärkische Seen. Der Ort selbst zähle nicht dazu und sei wie eine Insel. "Ich sag immer scherzhaft, hier kann man Homosapiens Küstrinnennsis bestaunen, die letzten Menschen ihrer Art."

Absolutes Funkloch

Die 40 Einwohner von Küstrinchen leben fast wie in der digitalen Steinzeit. Zum Beispiel sucht man im Ort und auf dem See vergebens Handyempfang. "Wenn die Leute ab und zu herkommen und irgendwo telefonieren wollen, dann sag ich: 'Tut mir leid, da müssen sie woanders hinfahren.' Ansonsten hat es auch was Gutes: Man hat dadurch seine Ruhe!", betont Fischer Karau.

Leben, wo andere Urlaub machen

Idyllische Uckermark, fernab der hektischen Städte: Die, die hier wohnen, genießen es - auch ohne Handy-Empfang, meint auch Einwohnerin Hellwig Klöpper: "Bin ich mit aufgewachsen. Kenn ich. Und nein, das ist nicht der Arsch der Welt!" Klöpper will aus Küstrinchen auch nicht mehr weg. Sie und ihr Mann haben in der Region Arbeit, ihre Freunde und ihr Auskommen. "Und wenn man auf den See hinausschwimmt, da geht schonmal der Seeadler neben einem runter und holt sich einen Fisch." Das sei dann auch ein tolles Erlebnis. "Dafür müssen andere dann in den Urlaub fahren. Und wir wohnen hier", freut sich Klöpper.

Touristen entdecken so langsam die Abgeschiedenheit

Touristen hat es im Sommer in der Corona-Zeit in Scharen nach Küstrinchen und Umgebung getrieben. "Aus Nordrhein-Westfalen und Bayern waren sie mit ihren Wohnwagen hier. Das waren Menschen, die sonst an den warmen Meeren der Welt Station machen", sagt etwa Anwohner Hans-Jürgen Erdmann. Ihn hat es vor 14 Jahren zusammen mit seiner Frau Gudrun nach Küstrinchen verschlagen. "Wir haben uns sofort in die Landschaft verliebt. Für uns war schnell klar, dass wir hier unseren Lebensabend verbringen wollen", sagt Gudrun Erdmann. Um einen Fitzel mobiles Internet zu erhaschen, haben sich die Erdmanns eine Extra-Antenne angeschafft. "Für Mails und Banking reicht es gerade so", sagen beide.

Glasfaserkabel soll bald kommen

Die Sache mit der digitalen Steinzeit soll übrigens im kommenden Jahr zumindest teilweise ein Ende haben. Dann sollen Glasfaserkabel das 40-Seelen-Dörfchen per Datenturbo ins Zeitalter von Netflix und Co. holen. Und vielleicht kommt irgendwann dann auch noch ein Funkmast dazu. "Das wäre eine feine Sache", findet selbst Fischer Karau.

13 Kommentare

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  1. 13.

    Da ist was Wahres dran. Bouletten am Spandauer Stadtrand sind ein Vorgeschmack. Manchmal wünsche ich mir auch Zugbrücken.
    Dabei ist es eigentlich ganz einfach.

  2. 12.

    großstädter können vielfach garnicht mehr mit der Natur umgehen. Deshalb sollte man, gerade in coronazeiten, mehr egoist sein und sie schützen und erhalten. Sonst gibt es diese ruhigen Ecken bald nicht mehr.

  3. 11.

    Ich kann den Einwohnern nur raten: Achtet und bewahrt euren Ort. Selbst lebe ich in einem ähnlich stillen Ort im Naturschutzgebiet am Elbufer. Dorthin haben sich im Sommer nur wenige Touristen verirrt. Leider hat aber ein Berliner Grundstücke erworben und sucht Investoren für Wellness, Gastronomie und Bau mehrerer Ferienhäuser. Wenn das realisiert wird, ist es mit Ruhe, Beschaulichkeit und Naturschutz für immer vorbei. Ein wunderbarer Ort der Entschleunigung wird dann verloren sein.

  4. 10.

    Ich kenne die Uckermark aus Kindertagen und hoffe,es bleibt dort so ruhig und schön.Aber sobald über so tolle Landschaften berichtet wird ist es vorbei...leider...auch hier bei uns in der Umgebung waren in diesem jahr Wohnmobile ohne Ende,die noch fast in Seens und die Spree reingefahren sind und danach sah es aus...na danke...inclusive Lagerfeuer am Waldrand usw....der Mensch vernichtet eben selber,was es noch schönes gibt...traurig

  5. 9.

    Sie sind zwar vielleicht ein Freund der Natur, aber natürlich auch ein Egoist.
    Geht in diesem Corona Zeiten gar nicht mehr.

  6. 8.

    @Paul Schäfer: ist zwar ein running gag mit der Graf.....in, aber trotzdem kleiner Hinweis: das eine hat mit dem anderen nichts zu tun und die Dame, die Text und Bild schön macht auch nichts mit dem Grafen. Es heißt also die "Grafiken" oder bisschen antiquierter, aber auch richtig: "die Graphiken".
    Allet klärchen ;)?

  7. 7.

    Es ist immer wieder eine richtig tolle Idee von den Medien und den Journalisten die tollsten, besten und ruhigsten Orte in den Gegenden zu finden und darüber zu berichten und es damit publik zu machen und es damit hinbekommen das man an diesen Orten dann nie wieder so richtig entspannen kann, weil dann Hinz und Kunz dort hinfahren müssen, ihren besten Freunden Bescheid sagen, diese dann auch dort hinkommen und sich dann so benehmen das man nur noch alle Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann und es dann irgendwann wie eine Müllkippe aussieht weil keiner irgendwie daran denkt seine Müll mitzunehmen oder richtig zu entsorgen. Dieses Phänomen hab ich an mehreren Orten schon miterlebt. Deswegen bitte ich alle, die etwas mit Medien zu tun haben, auch die besonders die Influencer(oder wie die sich nennen), mit solchen Berichten aufzuhören, die richten damit mehr Schaden (besonders an der Natur) als Nutzen an.
    Ganz liebe Grüße von einem kleinen Freund der Natur

  8. 6.

    Sobald die wieder fliegen und reisen dürfen, kommen die nicht mehr wieder. Schwacher Trost - dauert noch 11 Jahre! Impfen ist halt ne langwierige Sache...

  9. 5.

    Genau wie bei uns.Leben in der Uckermark,im Nationalpark Unteres Odertal.Kein Handyempfang.Nur zum Polennetz.Auch wir hatten dieses Jahr Touristen aus ganz Deutschland.Die waren begeistert von der Ruhe und der zum Teil unberührten Natur.

  10. 4.

    Kann mich dem nur anschließen, war dieses Jahr unerträglich mit den Touristen.

  11. 3.

    Allerdings!
    Jetzt fallen alle wie die Heuschrecken über den Ort her und wollen die Ruhe genießen.

  12. 2.

    RBB : Leider kann man die Graficken nicht vergrößern, so dass man sein Heimatort finden kann ?

  13. 1.

    Armes Küstrienchen ,jetzt wird es wohl mit der Ruhe vorbei sein

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