Kita Hanschmann (21) mit der Heike Hohmann von der Schwerbehindertenvertretung
Video: Brandenburg Aktuell | 03.12.2020 | Michel Nowak | Bild: Eva Kirchner-Rätsch/rbb

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung - "Einfacher ist es, Menschen mit Behinderung in Büro-Berufe zu vermitteln"

Inklusion am Arbeitsplatz - dafür wirbt der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Auch die Arbeitsagenturen bieten potentiellen Arbeitgebern spezielle Beratungen und finanzielle Unterstützung. Doch Zweifel gibt es noch immer.

Sie sind unsere Nachbarn, arbeiten vielleicht im Büro gegenüber oder wir treffen sie beim Einkaufen – Brandenburger mit Handicap. Doch noch immer erfahren diese Menschen nicht die Anerkennung, wie sie Menschen ohne Behinderung erfahren. Das gilt im Alltag aber und auch im Berufsleben. Wer ein Handicap hat, hat es schwerer einen Job zu finden oder eine Ausbildung. Darauf soll am 3. Dezember, dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung, aufmerksam gemacht werden.

"Ich bin froh, dass ich so viel Vertrauen geschenkt bekomme"

Wenn die 21-jährige Kira Hanschmann allmorgendlich mit ihrer Arbeit im Tiefbauamt der Stadt Frankfurt (Oder) beginnt, ist sie froh und vor allem dankbar, diesen Ausbildungsplatz bekommen zu haben. "Ich bin hier von Anfang an positiv aufgenommen worden und freue mich, dass ich so viel Vertrauen geschenkt bekomme."

Doch der Weg zu diesem Job war oft nicht leicht, erzählt die junge Frau, die seit ihrem sechsten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt. Nach ihrem Abitur 2018 gestaltete sich die Suche nach einer Lehrstelle schwer. Kira Hanschmann zufolge haben Unternehmen noch immer Berührungsängste und Zweifel, dass Schwerbehinderte ebenso in der Lage sind anstehende Aufgaben zu bewältigen.

Unternehmen bei Inklusion gefordert

Die junge Auszubildende ist nur ein Beispiel von vielen. Menschen mit einer Schwerbehinderung haben es nach wie vor schwer, auf dem Arbeitsmarkt integriert zu werden. Und das liegt in den meisten Fällen nicht an den Suchenden, sondern an den Arbeitgebern, bestätigt auch Monika Kodlewicz in der Frankfurter Arbeitsagentur. "Einfacher ist es Menschen mit Behinderung in Büro-Berufe zu vermitteln. Im Handwerk oder der Industrie wird es schwieriger. Grundsätzlich sind die Arbeitgeber gewillt. Da ist aber noch viel Luft nach oben und dort könnten viele Unternehmen noch mehr tun."

Monika Kodlewicz von Agentur für Arbeit berät potenzielle Arbeitgeber die Menschen mit einer Behinderung einstellen möchtenMonika Kodlewicz von Agentur für Arbeit

Arbeitsagenturen unterstützen

Hierbei ist die Arbeitsagentur ein wichtiger Partner. Aktuell sind im Bereich Frankfurt (Oder) etwa 760 Menschen mit einer Schwerbehinderung arbeitslos gemeldet. Seit Anfang des Jahres konnten allerdings auch 240 Menschen mit Handicap in Jobs vermittels werden. Potenzielle Arbeitgeber werden umfangreich beraten und über Unterstützungsangebote informiert. Es gibt auch finanzielle Mittel, um beispielsweise einen Arbeitsplatz behindertengerecht auszustatten.

Bei Kira Hanschmann, die jetzt im dritten Lehrjahr ist, hat das gut funktioniert. Sie hat einen höhenverstellbaren Schreibtisch und Hilfsmittel, die ihr den Arbeitsalltag erleichtern. Außerdem gibt es in der Stadtverwaltung seit eineinhalb Jahren auch eine Schwerbehindertenvertretung. Heike Hohmann steht ihren Kollegen mit Handicap beratend zur Seite und ist auch bei Bewerbungsverfahren involviert. "Das heißt, dass man auch bei Stellenbesetzungsverfahren intern oder bei der Agentur für Arbeit nachfragt, ob es Schwerbehinderte gibt."

Zudem kämpft Heike Hohmann dafür, dass die Belange ihrer Kollegen mit Handicap ernster genommen werden. Ein Wunsch, den auch Kira Hanschmann hat. "Ich möchte so behandelt werden, wie andere Kollegen auch."

Pandemie bringt Herausforderungen

Auch die Corona-Pandemie stellt viele Menschen mit Behinderung vor große Herausforderungen. Mitarbeiter der Hoffnungsthaler Werkstätten in Biesenthal (Landkreis Barnim) beobachten, wie wichtig für ihre Kollegen die Arbeit ist. Bereichsleiter Markus Böttcher zufolge, hat sich das bereits in der ersten Welle gezeigt.

Dort mussten die Werkstätten geschlossen und die Arbeit eingestellt werden. "Über diesen Zeitraum hat man gemerkt, dass das mit den Leuten etwas macht und auch das soziale Umfeld teilweise zusammengebrochen ist." Ähnliches berichtet auch Floristin Ina Geipel. Darüber hinaus seien die Abstandsregeln nur schwer zu vermitteln. "Es ist sowohl für die Beschäftigten als auch für uns schwierig, auf gewisse Dinge verzichten müssen, gerade auch körperlich: dass sie sich nicht einfach mal umarmen oder die Hände schütteln können."

Zum Tag der Menschen mit Behinderung

Der internationale Tag der Menschen mit Behinderung wird seit 1993 jährlich am 3. Dezember begangen und soll das Bewusstsein im gesellschaftlichen Umgang stärken sowie den Einsatz für Würde und Rechte fördern. Sowohl das Grundgesetz (Artikel 3) als auch die UN-Konventionen über die Rechte von Menschen mit Behinderung, dem sich Deutschland vor zehn Jahren verpflichtet hat, geben ein Diskriminierungsverbot vor.

Die Konventionen sehen außerdem ein Recht auf inklusive Bildung und den Abbau von Barrieren im öffentlichen Raum vor. Ende 2016 verabschiedete der Bundestag das Teilhabegesetz, welches die Teilhabe am Arbeitsleben und die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen stärken soll. Am Donnerstag hat sich die Bundesregierung anlässlich des Aktionstages dafür ausgesprochen, weiterhin am Ziel der gleichwertigen Lebensbedingungen zu arbeiten [www.bundesregierung.de].

Sendung: Antenne Brandenburg, 03.12.2020, 15:40 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Ja,da gibt es noch viel zu tun. Die Zuständigen im öffentlichen Straßenland und öffentlichen Gebäuden sollten mal selbst im Rollstuhl unterwegs sein. Bei solchen Testfahrten könnten sie sehr schnell feststellen wo Rollifahrer an ihre Grenzen kommen. Bzw. wo diese baulich ausgegrenzt werden.

  2. 3.

    Das sind ganz wichtige Hinweise in Ihrem Beitrag. Die auszubildenden Kaufleute für Bürokommunikation im Bezirk konnten bis vor kurzem gar nicht alle Abteilungen durchlaufen- besser durchrollen- . Kein Wendekreis im Büro, keine Türöffner usw. Die baulichen Verbesserungen, die allen nutzen würden, ziehen sich seit 20 Jahren hin. Hier und da ein Aufzug ist ein Schritt, aber das ist nicht alles. Unser Azubi im Rolli blieb 9 Monate im Schulbüro - für die Schule ein echter Gewinn- obwohl 3 Monate die Regel sind, weil das nächste Amt erst umräumen und den Weg zu einer rollstuhlgerechten Toilette suchen musste. In unserer Schule ist alles barrierefrei aber einen rolligerechten Waschraum und WC für Mitarbeiter gibt es nicht. Somit musste er immer warten, bis die Kinder fertig sind um den entsprechenden Raum benutzen zu können. Immerhin - aber nicht gut.

  3. 2.

    Eigentlich schade, das sich dieser Beitrag auch nur auf körperliche Einschränkungen bezieht. Ich musste und muss immer wieder die Erfahrung machen, das z.B. Stottern bei vielen Arbeitgebern ein No-Go ist. Da wird, falls man nicht schon vorher "aussortiert" wird, oft bewusst langsam und überdeutlich gesprochen, so als ob man geistig zurückgeblieben ist. Und was Arbeitsamt und Jobcenter betrifft - kann man in die Tonne kloppen. Wirkliche Hilfe gab es noch nie und Vorschläge wurden und werden regelmäßig abgeschmettert.

  4. 1.

    "Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung
    "Einfacher ist es, Menschen mit Behinderung in Büro-Berufe zu vermitteln"
    Was Rohlstuhlfahrer/innen betrifft aber auch nur,wenn z.B. die Gebäude der Verwaltung durchweg barrierefrei sind und nicht nur für Publikum. Fahrstuhl,Gänge,Büros und Toiletten müssen jederzeit auch alleine mit einem Elektrorollstuhl frei befahrbar sein,alles andere wäre ggf. nur bedingt barrierefrei aber nicht rollstuhlgerecht. Ganz besonders in den Bezirken gibt es da noch großen Nachholbedarf.

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