NS-Vergangenheit nachgewiesen - Brandenburg fordert Entschädigung für Gut Zichow zurück

Speicher auf dem Gelände des Guts Zichow (Quelle: rbb)
Speicher auf dem Gelände des Guts Zichow (Quelle: rbb) | Bild: rbb

Seit der Wende zahlte das Land Brandenburg für das Gut Zichow in der Uckermark mehr als 100.000 Euro Entschädigung. Dann stellte sich heraus, dass der frühere Gutsbesitzer KZ-Häftlinge des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück beschäftigte.

Das Land Brandenburg hat nach Bekanntwerden der NS-Geschichte des Guts Zichow (Uckermark) sämtliche Entschädigungszahlungen zurückgefordert, die seit der Wende für das Gut gezahlt worden sind. Wie das Brandenburger Finanzministerium dem rbb auf eine Anfrage mitteilte, stößt die Rückforderung auf Gegenwehr: Vier Klagen wurden bereits beim Potsdamer Verwaltungsgericht eingereicht, für die Verfahrensbeteiligten geht es um einen Streitwert von insgesamt 104.000 Euro. Wann der Prozess beginnt, ist noch unklar.

Wie das Finanzministerium mitteilte, wurde im Jahr 2015 bekannt, dass das Gut während der NS-Zeit Häftlinge des Frauenkonzentrationslagers in Ravensbrück beschäftigte, der frühere Gutsbesitzer gilt deshalb als Profiteur des Konzentrationslagers. Das ehemalige Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen wurde von einer anonymen Quelle über diese Verstrickungen informiert. "Im Rahmen der daraufhin aufgenommen Ermittlungen wurden verschiedene Archive und auch die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück um Unterstützung und Übermittlung vorhandener Informationen gebeten", teilte das Ministerium dem rbb mit.

Verstoß gegen Grundsätze der Menschlichkeit

Nach Auswertung der übersandten Unterlagen habe man schließlich den 1999 erlassenen Bescheid über die Gewährung einer Ausgleichsleistung aufgehoben und die damaligen Antragsteller sowie deren Rechtsnachfolger zur Rückzahlung der erhaltenen Leistung aufgefordert.

Grund für diese rückwirkende Aufhebung sei, dass er damalige und zwischenzeitlich verstorbene Eigentümer des Gutes, Bernd Graf von Arnim, durch die Beschäftigung von KZ-Häftlingen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück nach Auffassung des Ministeriums gegen die Grundsätze der Menschlichkeit oder Rechtsstaatlichkeit verstoßen habe.

"Sämtliche Verfahrensbeteiligten haben beim Verwaltungsgericht Potsdam gegen diese Bescheide aus dem Jahr 2017 Klagen erhoben", erklärte ein Ministeriumssprecher am Freitag.

Streit um Gedenkstein für KZ-Profiteur

Seit Bekanntwerden der NS-Geschichte des Gutsbesitzers gibt es auch einen Streit um einen Gedenkstein, der in einem Wald am Netzowsee 50 Kilometer weiter westlich an ihn erinnert. Anwohner Rainer Witzel sagte im rbb-Fernsehen, er wolle, dass der Stein verschwinde. "Weil ich der Überzeugung bin, hier handelt es sich um einen Menschen der anderen großes Unrecht getan hat. Und auch die Existenz damit, nach '45, sich gesichert hat."

Die Templiner Politikerinnen Birgit Bader (Grüne) und Annett Polle (CDU) aus der Stadtverordnetenversammlung hatten jüngst die Idee ins Spiel gebracht, neben dem Stein eine Gedenktafel zu platzieren, auf der der historische Zusammenhang dargestellt sei. Andreas Büttner, Abgeordneter der Linken im Landtag, sagte hingegen im rbb: "Für die Linke ist vollkommen klar, dass man Nationalsozialisten nicht ehrt. Deswegen ist der Vorschlag von Frau Bader eine mögliche Variante. Eine bessere Variante ist, den Stein zu entfernen."

Insgesamt 92 Häftlingsfrauen aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück hausten im Lagergebäude auf dem Gut Zichow. Sie hatten unter erbärmlichen Bedingungen von 1944 bis 1945 Feldarbeit für Hans-Georg Graf von Arnim zu verrichten.

Sendung: Brandenburg aktuell, 27.11.2020, 19.30 Uhr

19 Kommentare

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  1. 19.

    Dunkel ist der Rede Sinn. Meine Empfehlung wäre, SED-Erben halten hier mal inne und überprüfen ihre eigene Geschichte.

  2. 18.

    Ich wollte lediglich zum Ausdruck bringen, dass SED-Erben bei diesem Thema die Füße still halten sollten.

  3. 17.

    Es ist leicht, aus heutiger Perspektive pauschal von Profiteuren zu urteilen. Aber waren sie es auch? Es ist ja bekannt, dass nahezu jeder Bauer damals Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene als Helfer beschäftigt hat. Anders wäre die Landwirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung, und ja auch des Heeres, gar nicht mehr möglich gewesen, weil die Männer an der Front und die Frauen und Alten in der Industrie waren. Die Bauern mussten zudem in aller Regel für die Helfer an die SS bezahlen und waren für die Verpflegung mitverantwortlich. Es muss daher im Einzelfall untersucht und geprüft werden, ob diese Bauern wirklich profitiert haben. Moralisch ist der Einsatz Gefangener natürlich nicht, aber es muss korrekt eingeordnet werden. Für viele war diese Arbeit die Rettung, anderenfalls wären sie von der SS sofort ermordet worden. Heute zu urteilen ist leicht, fair zu urteilen aber nicht.

  4. 16.

    Die Arbeiter und Bauern wurden in den Krieg geschickt und mussten ihre Köpfe hinhalten und im Gegenzug mussten die Kriegsgefangenen die Arbeit verrichten und gewonnen haben die die immer von einem Krieg profitieren.
    Und bekommen dann noch eine Entschädigung, ganz toll!

  5. 15.

    Sie finden es folglich gut wenn Profiteure am KZ-System immer wieder Geld bekommen?

  6. 14.

    Die von Arnims hatten das Gut bis 1945 inne.
    Danach erfolgte eine Enteignung.

    Die Ausgleichszahlungen dürften damit (Verlust des Grundbesitzes durch den Staat) in Zusammenhang stehen.

  7. 12.

    "Für die Linke ist vollkommen klar, dass man Nationalsozialisten nicht ehrt" plustert sich ein Vertreter der SED-Erben auf. Wenn es um historische Zeitabläufe geht, darf man daran erinnern, daß es bis in die Nachkriegszeit in Ostdeutschland unter der SED schlimmste Verbrechen Stalins gegeben hat, Menschen wurden reihenweise in die Sowjetunion verschleppt und dort umgebracht. Der damalige Bundesratspräsident Platzeck legte zu deren Gedenken einen Kranz an einem Moskauer Friedhof nieder.

  8. 11.

    Also ich verstehe die Verwunderung über die freundliche Behandlung der NS-Täter nicht. Nach dem Beitritt wurde ja auch KZ-Personal für die Haftzeit in der DDR entschädigt, obwohl diese Personen an der Tötung und Unterdrückung der Häftlinge mitwirkten. Da erschien sicher ein Ausnutzer von KZ-Insassen weniger bestialisch. Oder man denke kurz daran, dass ehemalige an Kriegsverbrechen beteilige SS-Leute in zum Beispiel Litauen oder Belgien bis heute deutsche Renten überwiesen bekommen.

  9. 10.

    Das ist völlig undifferenziert. Auf den großen Gütern haben fast überall KZ-Häftlinge oder Kriegsgefangene gearbeitet. Anders war es gerade in den späten Kriegsjahren gar nicht mehr möglich, die Felder zu bestellen. Die Männer waren ja alle an der Front. Daraus abzuleiten, Graf von Arnim hätte vom NS-System profitiert, ist viel zu einfach. Nicht zuletzt war Arbeit für KZ-Häftlinge immer noch die beste Überlebensversicherung, so zynisch und hart das heute für uns klingen muss.

  10. 9.

    Sie beginnen Ihren Kommentar mit Rabulistik und gehen dann über zur offenen Verharmlosung der Verbrechen des NS-Regimes. Sie sind also so "anständig", dass Sie sich hier strafbar gemacht haben.

    Sicher hätte die Sache längst von Amts wegen untersucht werden müssen. Aber auch wenn die Mühlen der Bürokratie langsam mahlen, gibt das niemandem Recht, Unrecht vergessen zu machen oder gar zu verherrlichen, so geschehen bisher mit der Ehrung durch den Gedenkstein. Auch historisch wirkt hier die Täter-Opfer-Umkehr. Profiteur*innen wollen von nichts gewusst haben, obwohl sie selbstredend Vorteile von Zwangsarbeitenden etc. hatten.

  11. 8.

    So, nun ist Herr Witzel endlich in den Medien angekommen. Aber zu diesem Thema sind noch viele Fragen offen. Wie viel der landwirtschaftlichen Produkte musste Herr Arnim auf Druck der NS Partei an die Bevölkerung abgeben? Und wie genau hat sich Herr von Arnim bereichert? Wie viel Frauen sind auf dem Gut umgekommen? Und darüber möchte ich gerne eine sachliche Diskussion. Ich glaube, es gibt da viel Klärungsbedarf. Denn in Deutschland gibt es ganz andere Personen, die sich nachweislich in dieser Zeit durch KZ Zwangsarbeit in Millionenhöhe bereichert haben. Siehe die Geschichte "Varta"

  12. 7.

    Warum wird erst seit 2015 gehandelt? Schon 2003 wurde ausführlich über das Außenlager Zichow publiziert.

    https://opac.k10plus.de/DB=2.299/PPNSET?PPN=569129710&PRS=HOL&HILN=888&INDEXSET=21

  13. 6.

    @rbb24:
    Wofür wurde denn die Entschädigung ursprünglich eigentlich gezahlt?
    Vielen Dank

  14. 5.

    Wieso hat man die Unterlagen nicht gesichtet, bevor der EALG- Bescheid an den Alteigentümer erlassen wurde? Wurde Druck auf das LARoV ausgeübt? Und wenn ja von wem?

  15. 4.

    "Der Widerstand gegen Hitler und die Seinen wird umso stärker, je länger das Dritte Reich zurück liegt."
    Johannes Gross (1932-1999)
    deutscher Publizist und Fernsehmoderator

  16. 3.

    Schon richtig, immer eine Frage der Perspektive. Wenn sie ein Nachkomme der in dieser KZ geschädigten Menschen wären, würden Sie die Entscheidung wahrscheinlich begrüßen. Es ist für die Entscheidung des Gerichts ohne Belang, wie sie behandelt wurden. Fakt ist, die Nazis haben Unschuldige bis zum Tod ausgebeutet. Wer davon mitprofitiert ist mindestens Mitläufer.

  17. 2.

    Na hoffentlich wird auch der Preußenkönig so abgeschmettert. Wer dem Nationalsotialismus erheblichen Vorschub gewährt hat, darf nicht die Gesellschaft um Almosen bitten. Punkt aus. Es gibt keinen Adel mehr.

  18. 1.

    Herr Schlindler (Film Schinders Liste) war auch ein Nazi=NSP Mitglied.
    Wie würden die Häftlinge dort behandelt? Ging es ihn dort Besser als im KZ-Ravensbrück.
    In der gesamten Landwirtschaft wurden Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt. z.B. in Berlin auf den Friedhofen.
    Will meiner einer Adligen Familie aus Politischen Einstellungsgründen eins auswischen.
    Die Frauen müssten sehr Leiden/Wurden ermordet im KZ Ravensbrück mir ist die Berichterstattung zu einseitige.

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