Offener Brief an die Politik - Leibniz-Institut warnt vor Gefahren beim Oder-Ausbau

Luftaunahme der Oder (Qelle: rbb)
Audio: Antenne Brandenburg | 16.12.2020 | Klaus Lampe | Bild: rbb

Angesichts der Pläne für einen Ausbau der Oder warnen Forscher. Es bestehe ein erhöhtes Risiko von Hochwasserschäden, wertvolle Lebensräume von Pflanzen und Tiere seien bedroht. Zudem seien die Planungen nicht mit EU-Recht vereinbar.

Der geplante Oder-Ausbau in Polen und Deutschland hat Wissenschaftler des Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) alarmiert. In einem Policy Brief, einem Dossier an die Politik, kritisieren sie vehement das Vorhaben. Die Oder sei einer der letzten großen, relativ naturnahen Flüsse Europas, heißt es in dem Brief. Durch den Ausbau solle die Oder in ein engeres Flussbett gepresst werden. Dadurch werde aber das Risiko von Hochwasserschäden erhöht, schnellere und steilere Hochwasserwellen seien möglich. Und auch Dürreperioden würden aufgrund von Sohlerosion und sinkender Grundwasserspiegel begünstigt. Sohlerosion bedeutet, dass sich der Fluss immer tiefer eingräbt.

Politik sollte Projekt stoppen

Deswegen empfehlen die Forscher der Europäischen Kommission, der Bundesregierung und der Brandenburger Landesregierung, dringend zu handeln. Es sei nötig, weitere Schritte gegen die polnischen, aber auch die deutschen Ausbaupläne einzuleiten und diese zu stoppen. Stattdessen gehe es darum, sich für den Erhalt der Oder als ökologisches Vorranggebiet einzusetzen. Hintergrund ist, dass die polnische Regierung den Ausbau der Oder mit Mitteln von Weltbank, Europäischer Union und der Entwicklungsbank des Europarates plant. Aber auch Deutschland habe sich zum Ausbau verpflichtet, so die Forscher.

Seit mehr als 100 Jahren geringe Bedeutung für Schifffahrt

Auf rund 500 Kilometern - von Wrocław bis Świnoujście - fließt die Oder ohne größere Hindernisse bis in die Ostsee, umgeben von einer vielerorts intakten und artenreichen Überflutungsaue, betonen die Wissenschaftler. Damit sei er der letzte große Fluss in Deutschland, den Fische und andere Tiere noch barrierefrei durchwandern können. Diese Naturnähe besteht, weil die Oder seit mehr als 100 Jahren nur noch geringe Bedeutung für die Schifffahrt hat und daher vergleichsweise wenig in Ausbau und Unterhaltung investiert wurde.

Bereits im August dieses Jahres hat das Brandenburger Umweltministerium Widerspruch gegen die Oder-Ausbaupläne über eine polnische Anwaltskanzlei beim Regionaldirektor für Umweltschutz in Stettin eingereicht. Die polnischen Maßnahmen könnten "verheerende Auswirkungen auf den Zustand der Oberflächengewässer" haben, sowie "erhebliche Auswirlungen auf Tierarten, die in den Gebieten der Oder nisten". Zudem würden bilaterale Abkommen verletzt, hieß es damals.

Wirtschaftliche Interessen auch auf deutscher Seite

Polen plant Ausbaumaßnamen, um die Oder durchgängig schiffbar zu machen. Wirtschaftliche Interessen gibt es allerdings auch auf deutscher Seite. Die Schwedter Papierfabrik Leipa möchte vom dortigen Hafen aus mit Küstenmotorschiffen die Ostsee erreichen. Dafür müsste jedoch ein Teilabschnitt der Oder in Richtung Stettin ausgebaggert werden. Leipa sieht jedoch keinen Zusammenhang mit den übrigen Ausbauplänen.

26 Kommentare

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  1. 26.

    Ah, da postet der Fachmann. Sie kennen den Lauf der Oder zufällig?
    Sie wissen auch,wo sie eigentlich ihr Bett hat?

  2. 25.

    Haben Sie noch das letzte Hochwasservon Elbe und Mulde Anfang der 2000' er in Erinnerung? Sagte man danach nicht auch, daß wären die Folgen des Eingriffs in die Flußläufe?
    Und die Regulierung der Fließgeschwindigkeit wollen Sie bitte wie bewerkstelligen? Mit Wehren und Staustufen? Der Kaiser ließ das Oderbruch übrigens trockenlegen um den Hugenotten Siedlungsgeebiet zu geben. Das sind die fehlenden Polder bis heute. Nur mal so nebenbei bemerkt.

  3. 24.

    Menschen - gleich welcher Nationalität - könnten es ja eigentlich nur schätzen, einen so naturnahen Fluss vor ihrer Haustür zu haben. Flüsse, die ins Kanalbett gezwungen wurden, um sie als vordergründig zurechtgetrimmten Wirtschaftsweg umzubauen, gibt es wirklich genug. Deren höhere Fließgeschwindigkeit reißt alles mit.

    Wo sich später herausstellte, dass der Fluss noch nicht einmal als besagter Wirtschaftsweg taugte und er seinerzeit nur aus menschlichem Begradigungswillen heraus umgebaut wurde, da gibt es mittlerw. naturnahe Rückbaumaßnahmen - wie beim Oberlauf der Ems, einer ehem. AB-Maßn. der 1920er(!).

  4. 23.

    Es ist kein "Entweder - Oder" bzw. Schwarz/weiß gemeint. Es wird nach Lösungen dazwischen gesucht: Stellenweise... vereinzelt... Vertiefungen ja, aber nicht überall... Fließgeschwindigkeit kann wie kontrolliert werden? Genau das wäre der Kompromiss. So lassen wie es ist geht doch auch nicht, angesichts von Niedrigwasser u n d Hochwasser. Das Oderbruch wieder volllaufen lassen, so wie früher vor der Kaiserzeit?? Naiv zu glauben, das alles so bleibt wie es ist. Der Mensch m u s s hier eingreifen, weil es seine Bestimmung ist. Über das Wie muss gestritten werden. Ablehnung hilft nicht weiter.

  5. 22.

    Auf wen bitte sollte ich neidisch sein?
    Unkenntnis? Wenn doch hinlänglich bekannt ist, welche Folgen Vertiefungen Undd Begradigungen von Flußläufen haben?
    Naja, Sie werden schon wissen, was gemeint ist, nicht wer.
    Und falls nichts, es gibt genügende Material Undd Infos zu den Umwelt folgende. Viel Glück beim Suchen.

  6. 21.

    Es ist hinlänglich bekannt was passiert, wenn man Flüsse begradigt, ausgebaut und vertieft werden. Wer jetzt daran denkt, die Oder auszubauen, ist schuldig an den zukünftig vernichteten Naturflächen, Poldern, Vogelbrutgebieten, Artensterben und Hochwasservorkommnissen ujjd damit entstehenden Schäden.

  7. 20.

    Seit 100 Jahren keine Bedeutung? Von 1905 bis 1990 gab es sogar ein Schifferkinderheim in Eisenhüttenstadt aufgrund der zahlreichen Binnenschiffer. Eisenhüttenstadt war lange Zeit Umschlagzentrum für polnische Schiffer.
    Da der Ausbau einzelner Minischleusen auf dem Oder-Spree-Kanal als Bundeswasserstraße keine Priorität hat, wird sich in naher Zukunft daran trotz der guten Umweltbilanz eines Schiffes gegenüber einem LKW nichts ändern. Von der vielgelobten Trimodalität größerer Konzerne im näheren Umfeld der Wasserstraßen bleiben nur Worte liegen.

    Dieses Jahr war von Niedrigwasser in der Oder eher wenig zu spüren, die Hochwasserwarnstufe 1 sogar überschritten.
    Der Bedarf zeigt es auch, sogar größere Ausflugsschiffe aus Hamburg kamen dieses Jahr über die Oder bis nach EH.

    Das Leipa in SDT Interesse am Ausbau hat, zeigt das es noch umweltbewusst denkende Menschen in Konzernen nahe den Wasserstraßen geben kann.

    Der schon begonnene Ausbau von Polen der Nordoder spricht auch dafür

  8. 19.

    Die Experten hatten den Weg "Schiene" ganz aus den Augen verloren - gut das es solche Kommentare gibt. Die "Papierfritzen" machen einen notwendigen Job und leisten etwas. Hoffentlich noch lange. Das geht nur, wenn notwendiges Geld verdient wird...(wenn man das genau verstehen will: Karl Marx hat es gut aufgeschrieben - im "Kapital")

  9. 18.

    Wer genau ist hier mit "geldgierig" gemeint? Wer ist ein "Depp"? So liest es sich: Neid, Missgunst, katastrophale Unkenntnis.

  10. 17.

    Sicher das hier eine Missachtung vorliegt? Wenn ja, wie wurde die ermittelt? Mit "Bildzeitungsüberschriftenwissen"?

  11. 16.

    Na klar hat Schwedt einen Bahnanschluss direkt bis zur Papierfabrik und dem dahinterliegenden Hafen. Altpapier wird auch per Bahn angeliefert. Die fertigen Papierrollen mit dem Zug über Angermünde auf die Stettiner Bahnstrecke oder wo auch sonst zu bringen dürfte also leicht möglich sein. Diese soll ja durchgehend zweigleisig und elektrisch werden. Und Schiffe mit weniger Tiefgang können auch jetzt schon von Stettin nach Schwedt direkt zur Papierfabrik fahren. In Schwedt gibt es auf Grund der Nähe zum Haff kaum noch Niedrigwassersituationen. Leipa will nur das Umladen auf Ostseetaugliche Schiffe sparen.
    Die Bahn kann das aber gut transportieren. Das Stahlwerk in Eisenhüttenstadt wird trotz Hafenanbindung fast vollständig über die Bahn ver- und entsorgt. Arcelor-Mittal hat dafür eigene Züge mit eigenem Personal.

  12. 15.

    Die Stärkung der polnischen Häfen ist auch von deutschem Interesse. Gemeinsam soll ein Kompromiss gefunden werden. Der ist unter Fachleuten möglich. Und Verbrennermotoren können in Zukunft vielleicht umweltfreundliche synthetische Kraftstoffe/Gase/Wasserstoff verbrennen? Ohne wird es nicht gehen und wir warten auf die Anstrengungen diesbezüglich der Jugend.

  13. 14.

    Naturbelassen? Das hat der "alte Fritz" einmal vorgefunden, dann wurde "Hand angelegt" und es entstand das Oderbruch.

  14. 13.

    Ach der Mensch ist N a t u r und hat z e i t w e i s e eine ganz bestimmte Funktion auf der Erde.

  15. 12.

    Ein gutes Beispiel wie wir Deutschen wahrgenommen werden können, wenn man Polen nicht auf Augenhöhe begegnet. Das passiert auch am Bodensee. Der größte See Dtl. ist kein deutscher See (!), höchstens mit der größten Wasserfläche. Der größte (Binnen-)See in Dtl. ist die Müritz.

  16. 11.

    Wer wirklich mit Umweltschutz argumentieren will soll seine Güter auf die Eisenbahn Packen. Oder hat Schwedt keine Eisenbahngleise mehr? Wegen einen Papierfritzen soll jetzt noch das letzte Stück heile Natur zerstört werden.
    Traurig alles dreht sich nur um das verfluchte Geld...Das Stettin das Stück zur Ostsee hoch ausbaggern tut kann ich ja noch nachvollziehen. Aber dahinter sollte auch Schluss sein.

  17. 10.

    "Ihr wisst schon wieviel LKW Ladungen ein 80 Meter Binnenschiff ersetzt."

    Neee, weiß ich nicht. Ich weiß auch nicht, wie die "Umweltbilanz" solcher Kähne ist.

  18. 9.

    Es scheint, als hätten einige geldgierige Deppen die Hochwasserkatastrophe in den Neunzigern wieder vergessen.

  19. 8.

    Die großen Richtlinien im Umweltrecht werden hier missachtet: Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie, Wasserrahmenrichtlinie und Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie. Wer genehmigt diese Pläne? Umweltamt und Co. bitte besser die Unterlagen prüfen...

  20. 7.

    Nach uns die Sintflut oder schon früher?

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