Gedenken für die Opfer des Holocaust in Frankfurt (Oder) am Gedenkstein der Synagoge
Audio: Antenne Brandenburg | 27.01.2021 | Robert Schwaß | Bild: Robert Schwaß/rbb

Jüdische Gemeinde in Frankfurt (Oder) - "Wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen"

In Ostbrandenburg wird zum Holocaust-Gedenktag den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Wegen der Corona-Pandemie finden viele Veranstaltungen digital statt - eine Herausforderung für ältere Mitglieder der jüdischen Gemeinde, denen der Austausch fehlt.

Am 27. Januar vor 76 Jahren befreiten die Truppen der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz im vom Deutschen Reich annektierten Polen. Zwischen 1940 und 1945 fanden über 1,1 Millionen Menschen, hauptsächlich Juden, in dem Lagerkomplex der Nationalsozialisten ihren Tod. Nach dem Krieg ist Auschwitz zum Synonym für die Massenmorde im Dritten Reich geworden. Am Jahrestag der Befreiung wird deshalb seit 1996 in Deutschland und seit 2005 auch international der Opfer des Holocaust gedacht.

Gedenken im kleinen Rahmen

Wegen der Corona-Pandemie finden die Veranstaltungen dieses Jahr meist digital oder nur im kleinen Rahmen statt. Dabei ist das gemeinsame Erinnern gerade in der Corona-Krise wichtig, sagen auch die Mitglieder der Jüdischen Gemeinden in Ostbrandenburg.

Wenn Yosyp Vaysblat über Jüdische Geschichte in Frankfurt (Oder) spricht, hat er viel zu erzählen. 1998 kam der 74-Jährige aus der Ukraine in die damals neugegründete jüdische Gemeinde der Stadt. Die meisten der heute über 200 Mitglieder kommen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Im Gemeindehaus zeigt Josyp Vaysblat auf eine Tafel: Sie erinnert an 162 Jüdinnen und Juden aus Frankfurt, die in den Konzentrationslagern ermordet wurden. "Wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen. Juden, die hier lebten, haben die Stadt mitgeprägt. Es waren Ärzte, Juristen, Händler und Lehrer. Wer die Geschichte seiner Vorfahren nicht kennt, hat keine Zukunft."

An die Opfer des Nationalsozialismus wird am Mittwochnachmittag am Frankfurter Synagogengedenkstein in der Karl-Marx-Straße mit einer öffentlichen Kundgebung erinnert. Wegen der Corona-Krise fällt die Kundgebung kleiner als sonst aus. Die Pandemie ist auch für die Jüdische Gemeinde eine Herausforderung, sagt die Vorsitzende Larissa Bargtel. Besonders älteren Mitgliedern fehlt der Austausch in der Gemeinde. "Wir haben auch Holocaust-Überlebende. Wir haben auch Mitglieder, die können sich nicht wie früher unterhalten. Die Leute brauchen mehr Aufmerksamkeit, mehr Gespräche. Wir probieren das telefonisch zu organisieren."

Mitgliedern fehlt der Austausch

Erinnerungen an traumatisierende Erfahrungen während der Shoah werden im Alter präsenter, sagt auch Diana Sandler von der der Jüdischen Gemeinde Landkreis Barnim mit Sitz in Bernau. Gemeinsames Gedenken sei wichtig, auch digital. Deshalb haben Helfer ältere Gemeinde-Mitglieder fit für das Internet gemacht und erklären den Umgang mit der Technik. Sie unterstützen ehrenamtlich beim Einkaufen und psychologischen Problemen, erzählt Diana Sandler: "Das ist in diesem Moment das wichtigste. Viele sitzen zu Hause und brauchen wirklich Unterstützung in dieser schweren Zeit."

Dem heutigen 76. Jahrestag der Ausschwitzbefreiung gedenkt die Jüdische Gemeinde im Barnim mit einer Online-Kunstausstellung. Unter dem Motto "Jüdisches Leben in Brandenburg" und "stumme Erinnerungen" werden Bilder von Sigismund Henke gezeigt [jüdische-gemeinde.com].

Projekte von Prenzlauer Schüler

Auch in Prenzlau (Landkreis Uckermark) soll an die Verbrechen der Nationalsozialisten und deren Opfer gedacht werden. In den vergangenen Jahren trafen sich alle Interessierten zum stillen Gedenken im Stadtpark. Hier befand sich ein jüdischer Friedhof, der seit 2003 von Schülern des Prenzlauer Gymnasiums zum Gedenkort gestaltet wurde. Durch die Corona-Pandemie kann das Treffen nicht wie gewohnt stattfinden. Erinnert werden soll aber trotzdem.

Die Stadt produziert zusammen mit Schülern des Christa- und Peter-Scherpf-Gymnasiums am Gedenktag einen Film. Dieser wird in den kommenden Tagen auf die Homepage der Stadt Prenzlau [prenzlau.eu], der Kreisvolkshochschule und des Christa-und Peter-Scherpf-Gymnasiums gestellt.

Die Bürgermeisterin der Gemeinde Rüdersdorf (Märkisch-Oderland), Sabine Löser legt einen Kranz am Mahnmal auf dem Kolonistenfriedhof nieder. Zudem ist eine kurze Ansprache geplant. Die Rede wird anschließend auf der Website der Gemeinde Rüdersdorf bei Berlin veröffentlicht [ruedersdorf.de].

Sendung: Antenne Brandenburg, 27.01.2021, 15:10 Uhr

4 Kommentare

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  1. 4.

    Richtig. Sehr gut kommentiert. Schon um künftige Generationen davor zu warnen, bedarf es einer ständigen Aufklärung. Besonders an den Schulen. Die Zeitzeugen werden bald nicht mehr dasein um uns den Spiegel vorzuhalten, was geschieht, wenn wir schweigend zuschauen. Die Aussage von Alexander ist beispielhaft für diese Geschichtsverkittung. Bloß nicht mehr darüber reden höre ich allzu oft. Oft hilft da schon ein Besuch im jüdischen Museum. Vor nicht allzu langer Zeit unternahmen ein Freund und ich eine Radtour und unser Weg führte uns direkt an diese Stelle, Gleis 17 von wo aus hunderte Juden abtransportiert wurden. Keiner von uns beiden wagte auch nur zu sprechen.

  2. 3.

    Diese Zusammenkünfte, die ein Selbstverständnis demonstrieren, sind auch deshalb so wichtig, weil gerade im östlichen Brandenburg eine Partei Zulauf hat, die definitiv auf Abschottung setzt. Abschottung vor allem nach außen, infolgedessen aber auch nach innen. Da gibt es dann Menschen, die definitiv dazugehören und solche, die es nach Auffassung dieser Partei nicht tun.

    Menschen, Deutsche von der Nationalität her, die zugleich auch Juden sind, wurden zu NS-Zeiten faktisch ausgegliedert, im nächsten Schritt planmäßig und mit typisch deutscher Akribie vernichtet. Davor gab es Vorformen davon, in etwa so, dass sie wohl nicht so ganz dazugehörten. Danach offenbar auch. Diese Mentalität findet sich heute ungebrochen auch gegenüber anderen Menschen. Die Begriffe "Umvolkung", "Passdeutsche" für jene, die zwar den Personalausweis erworben haben, aber eben wiederum nicht so ganz Teil wären, sollten Alarmsignal genug sein.

  3. 2.

    Es geht nicht um die jeweils eigene Geschichte sondern darum, was passieren kann, wenn es gelingt, immer mehr Menschen an Ideologien glauben und diesen folgen zu lassen, die Menschen anderen Glaubens, Aussehens, Denkens, Sexualität ... als minderwertig einstufen und diesen Menschen deshalb weniger oder kein Recht auf Leben zugestehen. Das sollte man nie vergessen weil es einem auch immer wieder im heutigen Leben begegnet, das macht vielen Menschen Angst und auch deshalb sollte man die Vergangenheit und diese schlimme Zeit mitsamt ihren Taten nie vergessen und immer wieder daran erinnern. Die kommenden Generationen werden noch weniger Bezug zu dieser Vergangenheit haben und sogar wieder mit einigen der damaligen Ideologien und Denkweisen sympathisieren, noch ein Grund mehr, die Vergangenheit immer wieder allen Menschen unter die Nase zu reiben.

  4. 1.

    Man sollte seine eigene Geschichte nie vergessen , aber nach 76 Jahren muß mir niemand mehr das unter die Nase reiben

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