Twitternde Bäume - Wenn die Buche aus ihrem Leben berichtet

Do 21.01.21 | 17:01 Uhr | Von Georg-Stefan Russew
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Ein Twitter-Baum.
Audio: Antenne Brandenburg | 21.01.2020 | Georg-Stefan-Russew, gesprochen von Torsten Glauche | Bild: Georg-Stefan Russew/rbb

Seit 2016 twittern Bäume aus der Schorfheide ihre Vitalwerte in die Welt. Forscher vom Thünen-Institut für Waldökologie in Eberswalde wollen damit die Folgen des Klimawandels erfassen. Eine Zwischenbilanz. Von Georg-Stefan Russew

Schon zu Zeiten des Alten Fritz galt Brandenburg als Sandbüchse. Trockenheit war in der Region schon immer ein Thema. Doch seit einiger Zeit beobachten nicht nur Meteorologen, dass die Region – bedingt durch den Klimawandel – immer trockener und wärmer wird. Das Eberswalder Thünen-Institut für Waldökosysteme untersucht, wie unsere Wälder auf die veränderten Bedingungen reagieren. Seit 2016 twittern Bäume aus der Schorfheide ihre Vitalwerte in die Welt.

Vermessung der Bäume

Zunächst schickten die Eberswalder Forscher eine Kiefer in Britz bei Eberswalde (Barnim) als ersten deutschen Baum ins Rennen. Bis November 2018 twitterte sie per Box und WLAN-Netz täglich ihre Daten zu Verdunstung, Wasserfluss und Zuwachs. Die Sensorik stammt aus dem Labor für Pflanzenökologie der Belgischen Universität Gent. Doch die Kiefer harzte zu stark, es kam zu Problemen und die Wissenschaftler wechselten auf eine Buche. Buchen galten sehr lange als sichere Wahl, um den Wald für den Klimawandel fit zu machen. Momentan leiden aber auch sie unter den warmen Temperaturen und der Einstrahlung.

Die Buche wird rund um die Uhr vermessen. Es ist so, als ob die Forscher den Herzschlag eines Baumes aufnehmen, um zu schauen, wie es ihm unter veränderten Witterungsbedingungen tatsächlich ergeht. Die twitternden Bäume sind mit Saftfluss-und Zuwachssensoren ausgestattet, sagt Projektleiterin Tanja Sanders: "Da wird gemessen, wie viel Wasser der Baum transportiert und wie die Schwankungen des Stammumfangs sind. Das Ganze wird in einer Hochauflösung alle 15 Minuten gemessen." Dadurch sei ersichtlich, dass der Stamm relativ viel pulsiert, das heißt, sich immer wieder zusammenzieht und ausdehnt, damit auch das Wasser transportiert. Auf Twitter [Twitter.com] können Interessierte nachverfolgen, wie es der Buche geht. Dort folgen ihr bereits fast 1.900 User.

Hier twittern Bäume.
Bild: Georg-Stefan Russew

Winterschlaf zum Selbstschutz

Normalerweise benötigt ein Baum zwölf Liter Wasser am Tag. Wenn er drei oder vier Tage nur einen Bruchteil bekommt, macht das noch nicht viel aus. Geht die Dürrezeit länger, sieht es anders aus, so Sander: "Dann schauen wir, was passiert, wie sich der Baum anpasst und was er macht. Zum Beispiel kann er Spätholz ausbilden und signalisiert damit: 'Okay, dieses Jahr ist es mir zu trocken. Ich mach gar nichts mehr. Ich geh jetzt in den Winterschlaf.' Auch wenn es erst Juli ist, der Winterschlaf ist die beste Option und damit schädigt sich der Baum natürlich langfristig nicht selbst, sondern schützt sich."

Wechselwirkung zwischen Bäumen und Wasserkreislauf

Dem Wald kommt im Wasserkreislauf eine wichtige Rolle zu. Er hat Einfluss auf den Grundwasserspiel, sagt der Instituts-Hydrologe Marco Natkhin: "Wasser ist wichtig für die Bäume, aber diese wiederum, beeinflussen auch den Landschaftswasserhaushalt. Sie bestimmen, wie viel Wasser unten ankommt, wie viel Wasser Seen und Moore oder wir letztlich als Trinkwasser bekommen können."

Mischwälder halten sehr viel mehr Wasser zurück als Kiefernwälder und sind widerstandsfähiger. Bei zunehmender Verdunstung durch höhere Temperaturen, stärkerer Sonneneinstrahlung und abnehmender Niederschläge komme es zum Waldumbau, um der Trockenheit mit Mischwäldern Einhalt zu geben, meint Nathkin. In Schorfheide und in der Uckermark ist die Trockenheit mit schrumpfenden Seen und absackenden Grundwasserspiegeln deutlich spürbar.

Forscher wollen noch digitaler werden

Ab März sollen weitere Bäume hinzukommen, die ihre Daten live ins Netz übertragen. Damit sollen Veränderungen im Wasserhaushalt sichtbar gemacht werden, um so für ein nachhaltigeres und resourcenschonenderes Leben zu werben. Mit noch mehr Bäumen könnten die seit 2016 erzielten Resultate auf eine breitere Basis gestellt werden, so Versuchsleiterin Tanja Sanders.

Sendung: Antenne Brandenburg, 21.01.2021, 14:10

Beitrag von Georg-Stefan Russew

1 Kommentar

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  1. 1.

    Schrille Kiste auf den ersten Blick, aber ein sinnvolles Projekt auf den zweiten. Find ich stark!

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