Interview | Prozess um Badetod einer Erstklässlerin - "Ein Urteil würde uns helfen, einen Abschluss zu finden"

Do 18.03.21 | 19:11 Uhr
Eine Figur einer trauernden Frau in Engelsgestalt steht auf einer Grabstelle. (Quelle: dpa/Volkmar Heinz)
Bild: dpa/Volkmar Heinz

Die siebenjährige Elif ertrank 2016 auf ihrer ersten Klassenfahrt im Werbellinsee. Nun beginnt der Prozess gegen Elifs Lehrerinnen und Erzieherinnen. Die Familie wisse bis heute nicht, was tatsächlich passiert sei, erzählt die Schwester der Verstobenen im Interview.

Die siebenjährige Grundschülerin Elif aus Berlin-Neukölln wurde am 6. Juni 2016 leblos aus dem Wasser gezogen und starb noch am selben Abend im Krankenhaus. Vier Lehrerinnen und Erzieherinnen müssen sich seit Februar am Amtsgericht Eberswalde wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Die 30-jährige Aylin Ermiş ist zusammen mit ihren zwei Geschwistern in dem Verfahren Nebenklägerin. rbb|24 hat mit ihr gesprochen.

rbb|24: Wie hat sich Ihr Familienleben verändert seit dem Vorfall?

Aylin Ermiş: Elif hat uns als jüngstes Kind alle an einen Tisch gebracht. Wir wollten alle nicht verpassen, was sie Neues macht. Seit dem Unfall ist eine Welt zusammengebrochen. Meine Stiefmutter (Anm. d. Red.: Elif war ihr einziges leibliches Kind.) redet täglich darüber, sie kann kein normales Leben führen. Sie hat keinen Lebenssinn mehr und klammert sich an dieses Verfahren. Meine Eltern ziehen sich komplett zurück und sind sehr in ihrer Trauer gefangen. Mein Familienleben existiert gar nicht mehr.

Gab es vor der Klassenfahrt Bedenken, Elif mit zur Klassenfahrt zu schicken, auch weil sie Nichtschwimmerin ist?

Mein Vater ist ein sehr vorsichtiger Mensch bezüglich Klassenfahrten. Aber nach vier Kindern ist man auch etwas routinierter. Er war auch auf dem Elternabend dabei, auf dem auch alles abgeklärt wurde. Und er hatte schriftlich - nicht nur mündlich - mitgeteilt, dass sie Nichtschwimmerin ist. An solche Zustände denkt man nicht, wenn man eine Nichtschwimmerin zur Klassenfahrt schickt.

Sie sagen, dass deutlich etwas schiefgelaufen sein muss an dem Tag. Was meinen Sie genau?

Ich möchte keiner bestimmten Person die Schuld geben. Es sitzen jetzt vier Angeklagte auf der Anklagebank. Und keine derjenigen Personen hat meine Schwester im Wasser gefunden. Sie wurde von anderen Kindern gefunden, die eine Lehrerin einer anderen Schule informiert hatten. Diese ist dann ins Wasser und hat meine Schwester mit Hilfe einer Rettungsschwimmerin rausgeholt. Und allein dieser Fakt bereitet mir Bauchschmerzen. Da ist definitiv etwas schiefgelaufen, wenn vier Aufsichtspersonen verantwortlich waren und das nicht im Blick hatten. Ich bin keine Juristin aber für mich ist das ein klarer Punkt, dass jemand Schuld daran hat, dass es so weit kommen konnte.

Ein großes Thema im Prozess sind die Gedächtnisprotokolle der Angeklagten, die von der Schulleiterin zurückgehalten wurden und erst im Rahmen einer Durchsuchung beschlagnahmt wurden. Was halten Sie davon?

Ich kann es absolut nicht nachvollziehen, weil eine Schulleiterin nicht nur für ihr Personal da sein sollte, sondern auch für das Wohl der Kinder. Es muss aufgeklärt werden, damit so etwas nicht noch einmal passiert.

Ihre Stiefmutter sagte im Prozess, dass sie Bestrafung möchte. Ihr Vater forderte Aufklärung. Was möchten Sie?

Ich erwarte ein Urteil und es ist mir egal, wie hoch das Strafmaß ausfällt. Ich will definitiv, dass es zu einer Verurteilung kommt. Es soll nicht als tragischer Unfall gelten. Es ist mir sehr wichtig, dass festgestellt wird, dass die Aufsichtspflicht verletzt wurde. Ein Urteil würde uns helfen, einen Abschluss zu finden. Ich hoffe, dass die große Wut und Trauer im Herzen meiner Eltern abgemildert wird und es ihnen hilft, das zu verarbeiten. Auch damit sie wissen, dass sie sich für ihr Kind eingesetzt haben und etwas erreicht haben. Vielleicht am Ende auch einfach innerer Frieden.

Das Interview führte Dorett Kirmse für Antenne Brandenburg. Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Version des Gesprächs.

Sendung: Antenne Brandenburg, 18.03.2020, 15:10 Uhr

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