Oraz Myradov
Audio: Antenne Brandenburg | 09.04.2021 | Isabell Röder | Bild: Isabell Röder/rbb

Viadrina nimmt Studierende aus Belarus auf - "Eine Atmosphäre der Angst hatte alles durchdrungen"

Wer in Belarus protestiert, muss mit schweren Konsequenzen rechnen. Über 130 Studierende wurden von ihren Universitäten exmatrikuliert. Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt nimmt jetzt sechs von ihnen auf. Oraz Myradov ist einer von ihnen. Von Isabel Röder

 

Ende November hat Oraz Myradov Belarus Richtung Polen verlassen. "Eine Atmosphäre der Angst hatte alles durchdrungen und ich realisierte, dass ich mit dieser Angst nicht leben kann. Deswegen musste ich das Land sofort verlassen", sagt er in weichem Englisch.

Bei Festnahme droht Abschiebung

Vor acht Jahren war Oraz zum Studium aus Turkmenistan nach Belarus gekommen. Dort engagierte sich der 24-Jährige für die Belarusische Studierenden Organisation. Auf nationaler und internationaler Ebene vertritt sie die Interessen von Studierenden. Zum Beispiel als die Regierung viele von ihnen 2019 aus ihren Wohnheimen werfen möchte. "Damals fanden in Minsk die Europaspiele statt, eine Art europäische Olympiade. Zu den Studierenden haben sie dann gesagt, sie müssten ihre Zimmer im Wohnheim verlassen, weil sie diese für die Sportler bräuchten."

Die belarusische Regierung beäugt die Arbeit der Studierenden kritisch. Doch gefährlich wird es für Oraz Myradov, als nach der Präsidentschaftswahl im August 2020 die Proteste gegen Präsident Alexander Lukashenko beginnen. "Wenn sie mich gesehen hätten, hätten sie mich nicht nur festgenommen, sondern gleich abgeschoben. Und ich weiß wirklich nicht, was schlimmer ist", sagt er, "In Turkmenistan können sie mich inhaftieren, weil ich in einem anderen Land protestiere. Sie hassen Leute, die demokratisch denken."

Von Warschau geht es weiter nach Frankfurt

Bei den Protesten bleibt er deswegen im Hintergrund; dokumentiert, wie die Regierung gegen Studierende vorgeht. Doch am 12. November werden Mitglieder der Belarusischen Studierenden Organisation verhaftet. Sechs von ihnen sitzen heute noch im Gefängnis. Auch für Oraz wird es zu gefährlich: "Ob jemand tatsächlich an den Protesten teilgenommen hat, das interessiert die Regierung schon lange nicht mehr."

Ende November erhält er von der polnischen Botschaft ein humanitäres Visum, fliegt nach Polen. Doch als queerer Mensch fühlt sich der 24-Jährige in Warschau nicht wohl. Mit der Hilfe von Freunden bewirbt er sich an der Viadrina-Universität in Frankfurt.

Viadrina nimmt sechs Studierende auf

Ähnlich wie Oraz Myradov geht es vielen Studierenden in Belarus. Über 400 von ihnen wurden festgenommen, über 130 exmatrikuliert. Oraz Freunde sind vor allem nach Litauen und in die Ukraine geflohen. Er wird bald mit fünf weiteren Studierenden an der Europa-Universität in Frankfurt sein Deutsch verbessern, um später studieren zu können.

"Für uns war es klar, dass wir in dieser Situation helfen müssen", sagt Janine Nuyken, Vizepräsidentin der Europa-Universität Viadrina. Die Universität unterstützt die Studierenden mit einem Stipendium und ermöglicht ihnen, ihr Deutsch so zu verbessern, dass sie spätestens in einem Jahr ein Studium aufnehmen können. Obwohl die Bundesregierung angekündigt hat, Stipendien für Studierende aus Belarus zu unterstützen, hat die Universität die Finanzierung eigenständig organisiert. "Die Studierenden erhalten 750 Euro im Monat. Das bezahlen wir zum Teil aus eigenen Mitteln und zum Teil aus Drittmitteln", sagt Nuyken. Notsituationen bräuchten schnelle Antworten, so die Vizepräsidentin.

Von Pharmazie zu Internationalen Beziehungen

Oraz hofft, in Frankfurt bald einen Master studieren zu können: "Mich interessieren zum Beispiel Internationales Recht oder Internationales Beziehungen." Für ihn wäre das ein Neuanfang. Denn in Belarus hatte er sein Pharmazie-Studium schon abgeschlossen. "Doch ob ich diesen Abschluss anerkennen lasse, oder einen anderen Master studiere, dass dauert zeitlich bestimmt genauso lange."

Sendung: Antenne Brandenburg, 09.04.2021, 16:40 Uhr

Beitrag von Isabel Röder

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