Afghanische Ortskräfte der Bundeswehr - "Wenn wir das Land nicht verlassen, werden sie uns töten"

Marcus Grotian vom Patenschaftsnetzwerks Ortskräfte der Bundeswehr zur Hilfe der Beschäftigten in Afghanistan
Audio: Antenne Brandenburg | 27.05.2021 | Michel Nowak | Bild: Michel Nowak/rbb

Nur noch wenige Monate, dann verlässt die Bundeswehr nach fast 20 Jahren Afghanistan. Zurück bleiben einheimische Helfer, die die Soldaten untersützt haben. Viele von ihnen fürchten nun um ihre Sicherheit. Ein Verein aus Brandenburg hilft.

Die Bundeswehr zieht sich aus Afghanistan zurück. Noch gut 100 Tage, dann kehren auch die letzten Brandenburger Soldaten beispielsweise in die Kaserne nach Storkow (Oder-Spree) zurück. Was bleibt, ist ein tief zerrissenes Land, in dem die radikalen Taliban wohl wieder eine wichtige Rolle spielen werden. Afghanen, die vor Ort als Angestellte der Bundeswehr arbeiten - zum Beispiel als Dolmetscher oder Fahrer - fürchten nun um ihr Leben.

"Die Gesellschaft bezeichnet uns als Spione oder auch als Täter"

Per Skype spricht Marcus Grotian, Chef des "Patenschaftsnetzwerks Ortskräfte", von seiner Wohnung in Eberswalde (Barnim) aus mit Beschäftigten der Bundeswehr in Afghanistan. Er und sein Verein mit Sitz in Brandenburg kümmern sich um diese Menschen.

An diesem Mittwoch spricht Grotian mit Ahmad Jawid Sultani. Bis 2017 hat Sultani zehn Jahre als Dolmetscher für das deutsche Militär gearbeitet. Nach dessen Abzug sieht er sein Leben bedroht. "Die Gesellschaft bezeichnet uns als Spione oder auch als Täter", sagt Sultani. "Wenn wir das Land nicht verlassen, werden sie uns töten oder uns passiert auf andere Weise etwas Schreckliches."

Seit dem Jahr 2003 sind Bundeswehr-Soldaten als Teil einer internationalen Truppe in Afghanistan stationiert. Nun hinterlassen sie ein Land, in dem die Taliban zurück an die Macht drängen, sagt Marcus Grotian. Ihm zufolge sollen die Taliban Teil der Regierung werden. "Ein Teil dieser Regierung sieht unsere Ortskräfte als Verräter an. Was die gemacht haben, ist für Ungläubige zu arbeiten und denen zu helfen, dem eigenen Land zu schaden."

Bundeswehr Ortskraft Ahmad Jawid SultaniAhmad Sawid Sultani zu Hause in Afghanistan

Bundesregierung verspricht Hilfe

Prinzipiell haben Ortskräfte wie Ahmad Jawid Sultani deshalb Chancen für eine Aufnahme in Deutschland. Marcus Grotian setzt sich ehrenamtlich für sie ein. Beruflich ist er Hauptmann im Einsatzführungskommando in Geltow (Landkreis Potsdam-Mittelmark) und will Stimme für die afghanischen Helfer der Bundeswehr sein.

Auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat sich in der vergangenen Woche in den ARD-Tagesthemen für eine wohlwollende Prüfung ausgesprochen. Ihr zufolge ist das Ziel, diejenigen, die in den vergangenen Jahren an der Seite der Deutschen standen, zusammen mit ihren Familien in die Bundesrepublik in Sicherheit zu bringen. "Das betrifft die, die jetzt oder in den letzten zwei Jahren für uns gearbeitet haben. Eine offene Frage ist, wie wir mit denen aus der Vergangenheit umgehen." Laut Verteidigungsministerium soll Anfang Juni sowohl in Masar-i-Sharif als auch in Kabul jeweils ein sogenanntes Ortskräftebüro eingerichtet werden. Dort könnten Beschäftigte der Bundeswehr ihre Gefährdung darlegen. Mehr als 400 Ortskräfte hätten bereits einen entsprechenden Ausreiseantrag gestellt.

Praktisch passiere allerdings viel zu wenig, sagt Patenschafts-Chef Marcus Grotian. Allein von Ahmad Sawid Sultani seien inzwischen sieben Anträge abgelehnt worden. "Wenn er nicht genau nachweisen kann, dass er wirklich bedroht ist, dann wird halt abgelehnt. Es ist schwer, wenn man erstmal eine Kugel der Taliban in der linken Herzkammer braucht, um beweisen zu können, dass man bedroht wird."

Die Mitstreiter des Vereins wollen weiter Druck machen. Denn mit dem raschen Abzug der Bundeswehr läuft auch die Zeit gegen viele Ortskräfte.

Sendung: Antenne Brandenburg, 27.05.2021, 16:10 Uhr

Mit Material von Michel Nowak

23 Kommentare

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  1. 23.

    Die Mudschaheddin oder Taliban waren doch ein gefundenes Fressen für den Kampf gegen die Russen. Allen voran die Amerikaner und die NATO. Nun ist diese Bande aus dem Ruder gelaufen und das ganz große Jammern hat begonnen. Dieses Gezücht wird Europa noch viel „Freude“ bereiten.

  2. 22.

    Vielen Dank für die Nachhilfe in Kolonialgeschichte. Wie tief läßt der Begriff "Sowietrußland" denn blicken? bis 1917? Oder glauben Sie ernsthaft an eine "Union" von Sowietrepubliken? Der gegenwärtige Konflikt brginnt leider mit dem Einmarsch der Sowietarmee. Und daß die sog. Taliban aus Pakistan kommen, sollten Sie auch wissen.

  3. 21.

    Wer für die westlichen Armeen gearbeitet hat, muss für sich und die Familie ein Aufenthaltsangebot erhalten, ohne juristische Winkelzuege und Ausreden. Ist das von der westlichen Wohlstandsgesellschaft schon wieder zuviel verlangt?

    Ich muss künftig daran denken, zu kontrollieren, ob die Übermittlung stattgefunden hat. Ich glaube nicht, daß der RBB den Erstversuch zensiert. Wer mir als Verursacher der ständigen technischen Probleme, auch mit Passwörtern, in Verdacht kommt, behalte ich in der Hoffnung, daß das endlich aufhört, vorerst für mich.

  4. 20.

    Es ist unglaublich und ein Skandal, was sich unser Staat hier seit Jahren leistet und wie die Sicherheit der Menschen, die unsere Soldaten vor Ort unterstützt haben, mit Füßen getreten wird; wie diese Menschen eiskalt ihrem Schicksal überlassen werden! Praktisch jeder Afghane, der illegal über die Türkei nach Deutschland einreist, erhält ein dauerhaftes Bleiberecht, weil Abschiebungen, wenn überhaupt nur bei schweren Straftätern erfolgen. Die Menschen, die wir als deutscher Staat aber wirklich in Lebensgefahr bringen, weil wir uns ihrer Hilfe und Mitarbeit bedienen, die überlässt man ohne Augenzucken ihrem (tödlichen) Schicksal. Da tut einem schon der Nacken weh vom dauerhaften Kopfschütteln!

  5. 19.

    Abgesehen davon, dass deutsche Uniformen dort nichts zu suchen haben, um wieviel Menschen geht es denn? Diese Frage stellt sich doch jeder zu Hause auch, wenn er seine "Schlafplätze" durchzählt...und helfen will/muss.

  6. 18.

    Ja, auch die. Du kwnnst dich doch Null mit Afghanistan aus.

  7. 17.

    Natürlich wollen sie nicht nach Polen. Ich würde auch nicht nach Polen wollen. Sehe das Problem nicht.

  8. 16.

    Ich habe für die Angst der Betroffenen volles Verständnis. Interessieren würde mich allerdings die Antwort auf die Frage, wie handhaben es denn die anderen Länder die in Afghanistan im Einsatz waren??? Nehmen die auch ihre Berater vor Ort mit in Heimat??? Oder ist es für die Betroffenen nur ein willkommener Anlass diesem Land zu entfliehen. Mir ist nicht bekannt, das afghanische Helfer gern nach Polen möchten.

  9. 15.

    Es gab schon ein paar mehr Besatzungsmächte im Laufe der Geschichte in Afghanistan und wir gehören dazu.
    Die einen sind eher gegangen und die anderen erkannten ihren Fehler etwas später.
    Die Taliban sind hingegen keine Besatzungsmacht, es sind schon Afghanen oder ehemalige afghanische Flüchtlinge in Pakistan welche auch mit unserer Unterstützung zu dem geworden sind was diese jetzt sind, für die einen Terroristen und für die anderen Freiheitskämpfer.
    Die sogenannten Ortskräfte haben nun einmal mit den Besatzungstruppen zusammengearbeitet, es sind Kollaborateure.
    Entweder wir nehmen diese auf da ihr Leben bedroht ist oder wir überlassen diese ihrem Schicksal. Die Kosten für das ganze sollte aber nicht schon wieder der Bürger tragen, die wenigsten waren für den Einsatz. Zur Kasse sollten die Abgeordneten gebeten werden die immer für die Verlängerung des Einsatzes gestimmt haben.
    Der Begriff Sowjetrußland lässt tief blicken.

  10. 14.

    " Früher war der Dank des vaterlands ein Stück Blech " , ja , ein Orden, der damals allgem. Wertschätzung hatte , heute ersetzt durch eine Urkunde , aber immer noch die allerbilligste Art des Staates jemand für seine verdienste zu ehren

  11. 13.

    guter Kommentar
    , ebenso : " Andere, auch aus Afghanistan, wo kein Grund besteht diese aufzunehmen, werden aufgenommen und können in D bleiben, " das wirft berechtigte Fragen auf , die leider unbeantwortet bleiben werden

  12. 12.

    Das lässt sich schön vom Sofa aus labern...
    Vielleicht haben diese Leute an eine Verbesserung geglaubt und wollten mithelfen ihr Land besser zu machen.
    Kann doch nicht so schwer sein, diese Leute mit-/ aufzunehmen, bei Hunderttausenden ohne Verdienste klappte es doch auch.

  13. 11.

    Ein schwieriges Thema. Eine Art von, wenn auch nicht rechtlicher, Verpflichtung für die Sicherheit der ehemaligen Mitarbeiter sehe ich schon für Deutschland. Die Frage ist, ob diese Sicherheit nur durch Aufnahme IN Deutschland zu gewährleisten ist oder ob es nicht kulturell für die Familien weniger fremde Staaten in der Region gibt, mit denen ein Resettlement-Programm vereinbart werden könnte.

  14. 10.

    Wenn Deutschland Menschenrechte etwas wert wären würde es kein überlegen geben Frau Kramp Karrenbauer !

  15. 9.

    Mehr als Menschenverachtung war von Ihnen nicht zu erwarten.
    Diese Menschen haben Leben von BW Soldaten gerettet auch wenn man über den Sinn des Einsatzes streiten kann.

  16. 8.

    Lieber Kommentator "nerd"! Besatzungskräfte sind die Taliban aus Pakistan, gegen die sich zu verteidigen die Bundewehr den Einheimischen versucht hat zu helfen. Wenn dies nicht gelungen ist, muß man den Menschen auf andere Weise helfen, vielleicht auch durch Aufnahme in Deutschland. P.S.: Erinnern Sie sich noch an die 1. Besatzungsmacht anno 1980? Richtig, Sowjetrußland...

  17. 7.

    " "Wenn er nicht genau nachweisen kann, dass er wirklich bedroht ist, dann wird halt abgelehnt. "

    bei der Migration muß niemand etwas nachweisen ..... komisch , mal wieder zweierlei Maß

  18. 6.

    " zum Beispiel als Dolmetscher oder Fahrer "

    Dolmetscher ist ja noch verständlich, aber Fahrer bzw. Chauffeur ?

  19. 5.

    " Bundeswehr nach fast 20 Jahren Afghanistan. ....Ein Verein aus Brandenburg hilft "

    sollte das nicht die Aufgabe des verteid-Ministeriums sein ?

  20. 4.

    " Auch Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hat sich in der vergangenen Woche in den ARD-Tagesthemen für eine wohlwollende Prüfung ausgesprochen "

    " "Wenn er nicht genau nachweisen kann, dass er wirklich bedroht ist, dann wird halt abgelehnt. "

    Politikergedöns und Realität

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