Pflegenotstand - Bernauer Pflegeheim muss wegen Peronalmangels Bewohner wegschicken

Ein grellbunter Becher mit Wasser gefüllt in einem Pflegeheim (Quelle: dpa/Markus Scholz)
Audio: Antenne Brandenburg | 28.06.2021 | Michel Nowak | Bild: dpa-Symbolbild/Markus Scholz

Der Pflegekräftemangel spitzt sich zu. Tausende zusätzliche Pflegende werden in den kommenden neun Jahren in Brandenburg gebraucht. Wie groß die Lücke jetzt schon ist, macht ein aktueller Fall aus Bernau deutlich. Von Michel Nowak

Akuter Personalmangel in Brandenburger Pflegeeinrichtungen ist schon lange keine Neuheit mehr. Laut einer Studie des Potsdamer Sozialministeriums werden in den kommenden neun Jahren mehr als 44.000 zusätzliche Pflegekräfte gebraucht.

awo kreisverband barnim
Die Kreisgeschäftsstelle Barnim. | Bild: Micael Nowak/rbb

Doch welche Blüten der Mangel mittlerweile treiben kann, ist für viele Menschen zwischen Elbe und Oder besorgniserregend. Aktuell genügt ein Blick in ein Seniorenheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bernau (Barnim). Aufgrund massiver Engpässe bei Pflegekräften hat die Heimleitung seinen Bewohnern nahegelegt, sich zuhause von Angehörigen betreuen zu lassen oder in ein anderes Heim zu wechseln.

Heimleiterin krank - angespannte Personallage geriet außer Kontrolle

mitEs war ein Schock für viele der 60 Bewohner des Bernauer AWO-Seniorenwohnheims "Am Weinberg". Sie erhielten Ende vergangener Woche die Mitteilung, dass eine Pflege in vollem Umfang nicht mehr sichergestellt werden kann. Die Personallage in der Einrichtung sei ohnehin schon sehr angespannt gewesen und dann habe sich auch noch die bisherige Heimleiterin abgemeldet, sagt AWO-Landesgeschäftsführerin Anne Baaske dem rbb.

"Die Kollegin ist ganz akut gesundheitlich ausgefallen und an so einer Stelle, wo die Leitung sozusagen auch nicht mehr da ist, bricht so ein System auch ganz schnell mal zusammen", sagt Baaske. Bewohner mussten in andere Heime umziehen.

Die Mutter von Inis Buhrow wurde nach Eberswalde gebracht. Sie als Angehörige erfuhr dies erst im Nachhinein, zu ihrem völligen Unverständnis, wie sie sagt.

15 Bewohner in andere Heime verlegt

AWO-Landesgeschäftsführerin Baaske sprach jedoch von einer schwierigen Situation, aber auch von einem guten Zusammenwirken in der Krise. "Von den Bewohnern sind schon 15 am Freitag in andere Einrichtungen verlegt worden. Die waren natürlich zum Teil ganz verunsichert, zum Teil verängstigt", erklärte sie. Aber auch die Arbeitskräfte, die da vor Ort gewesen seien, hätten ihren Worten nach ganz ordentlich unterstützt, "so dass wir Freitagabend sagen konnten, die Situation hat sich ein wenig beruhigt. Und am Samstag ist dann alles in die Beruhigung gegangen", so Baaske weiter.

Eine Komplettschließung, über die zwischenzeitlich nachgedacht wurde, ist inzwischen vom Tisch. Das Heim und auch die Bernauer Stadtverwaltung können aufatmen. Die Entwicklung in der Einrichtung "Am Weinberg" sieht Bürgermeister André Stahl (Linke) mit Sorge. "Wir haben uns mit dem Heim in Verbindung gesetzt und natürlich unsere Hilfe angeboten – nicht zuletzt unser städtisches Pflegeheim. Wir hoffen natürlich, dass sich die Situation dort kurzfristig konsolidiert und man dort die Personalprobleme in den Griff bekommt", erklärt Stahl gegenüber dem rbb.

Kaum neue Pflegekräfte auf dem Markt

Nach Baaskes Angaben werde alles getan, dass sämtliche Bewohner wieder schnellstmöglich zurückkehren können. Aber obwohl die Einrichtung nach Tarif des Öffentlichen Dienstes zahle, sei der Markt an Pflegemitarbeitern vor allem im Berliner Speckgürtel praktisch leergefegt. "Jetzt sind praktisch alle Knöpfe vom Hemd abgesprungen und wir konnten da nicht mehr lösen, als wir tatsächlich jetzt in der Akutsituation im Umgang gelöst haben", sagte Baaske.

Bleibt der Mangel an Pflegekräften so prekär, könnten weitere Heimbetreiber gezwungen sein, über Heimschließungen nachzudenken. Im Seniorenheim "Am Weinberg" wolle sich die AWO jedenfalls darum bemühen, mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von anderen Einrichtungen die Lage zu stabilisieren.

Sendung: Antenne Brandenburg, 28.06.2021, 16:40 Uhr

Beitrag von Michel Nowak

12 Kommentare

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  1. 12.

    Ziemlich zynisch, Ihr Kommentar. Da das Problem bekanntermaßen in unterirdischen Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung zu suchen ist, heißt das dann wohl, dass Sie die Flüchtlinge gern als billige Arbeitskräfte gebrauchen möchten. Nur das beste für unsere Alten also.

  2. 11.

    Es gibt sehr wohl ein System, in dem Pflegekräfte gern arbeiten und das boomt. Es mag merkwürdig für Leute mit Erfahrung darin in anderen Branchen klingen, aber in der Pflege ist dieses System die Leiharbeit. Es gibt immer mehr Pflegekräfte, die ihre ursprünglichen Jobs gekündigt haben und zu diesen Leiharbeitsfirmen gegangen und hochzufrieden damit sind: mehr Mitsprache, mehr Geld, geregelte Dienste, vernünftige Arbeitsbedingungen. In diesem Bereich soll die Leiharbeit aber verboten werden - warum nur? Um die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter geht es da also nicht, wohl eher darum, weiter billig Pflege machen zu können. Dann, und nur dann, kommt natürlich auch der "Fachkräftemangel" wie in anderen Kommentaren angesprochen, zum Zuge. Immer schön billig ausbeuten, so sind wohl die selbsternannten Menschenfreunde.

  3. 10.

    Und ganz wichtig sind die Gendersternchen. Was die Staatsoberen von seinen Bürgern hält erkennt man daran wie sie mit den Menschen umgehen die diesen Staat aufgebaut haben.

  4. 9.

    Worüber wundert ihr euch denn? Ich finde es ist wichtiger über Radwege und abgeschossene Wölfe zu reden. Lass doch die alten haben doch nur unser Land aufgebaut und sind am Klimawandel schuld. Ironie aus. Es ist einfach nur noch traurig in diesem Land.

  5. 8.

    Wir brauchen echt mehr Luxus-Radwege und Radfahrstraßen und noch mehr Poller auf den Straßen am besten elektrische und sowieso könnten die noch viel mehr bemalt werden. Und wir müssen noch viel mehr Milliarden ausgeben, damit einzelne Leute 10,- € Miete sparen und Zigtausende andere dafür keine Wohnung finden. Scheinbar ist das alles viel wichtiger als Pflegekräfte.
    Ich wünschte RRG hätte bei den Pflegekräften nur einen Bruchteil der Energie wie bei den Kriminellen der Rigaer etc pp
    Dieser Senat hat einfach nur versagt und hält sich mit Geschenken und Versprechen auf Kosten anderer über Wasser, bis das Schiff sinkt.
    Nee Danke, ich weiß wo Bernau liegt.

  6. 7.

    Gibt es In Bernau oder Umgebung keine Agentur für Arbeit???
    Ich bin arbeitsloser Krankenpfleger seit 5 Jahren und suche einen geeigneten Arbeitsplatz mit familienfreundlichen Arbeitszeiten.

  7. 6.

    Krass, was in ihren Augen Merkel alles zu verantworten hat. Ihre geschätzte AfD ist es doch, die behauptet, dass es in Deutschland keinen Fachkräftemangel gäbe…

  8. 5.

    Und dabei ist noch nicht unbedingt mit eingerechnet, dass Bedarf an Pflegeheimplätzen bzw. ambulanter Pflege nun wohl steigen wird - da mit Urteil zu Lohn in häuslicher Pflege von vor paar Tagen ein Anstieg der Kosten zu erwarten, welchen sich nicht unbedingt alle leisten können (wobei da nicht alles über PV oder Krankenkasse abgerechnet - siehe z.B. Pflegegeld, welches bei Pflegegrad 5 maximal 901 Euro monatlich). Und die Kräfte, welche da häuslich tätig, deren Qualifikation ist hierzulande nicht unbedingt automatisch anerkannt (wodurch eben oft in häuslicher Pflege, sozusagen als private Betreuung und nicht als anerkannte Pflegekraft). Und da es wohl kaum Angebot gab bzg. "Nachschulung", da kann nicht unbedingt damit gerechnet werden, dass einfach so als Pflegekräfte zur Verfügung.

    Auf der anderen Hand, z.B. dem Höcke in AfD wird für seine Einschätzungen viel bezahlt, und laut ihm gibt es keinen Fachkräftemangel. Und von daher vielleicht unsinning mir Gedanken zu machen, oder?

  9. 4.

    Das die Demografie dies seit 20 - 30 Jahren angekündigt hat, scheint nicht im Fokus der Verantwortlichen gelegen zu haben. Und durch Privatisierung Personalabbau und Lohndumping wurde das Berufsfeld unattraktiv gemacht. Nun folgt die logische Konsequenz.

  10. 3.

    Es ist eine Schande, was hier in Deutschland mit Bildung, Gesundheit und Pflege passiert.
    Dieses reiche Industrieland müsste sich schämen. Aber mit dem Einzug in den Land-oder Bundestag geben viele Abgeordnete ihr Gewissen ab.

  11. 2.

    Mir tun die Heimbewohner und deren Familien sehr leid. Doch wenn wundert das......, Kollegen in der Plege sind meist am Limit - schon ewig wurde bei dem Pflegepersonal kräftigst gespart, ewige Einsatzbereitschaft erwartet.
    Wie man im Bericht liest, wird die Problematik weiterhin klein geredet - das muß halt alles gehen. Natürlich ohne als Institution tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Wann gehört dieses System endlich der Vergangenheit an ?

  12. 1.

    Herzlichen Glückwunsch, mus man ironisch sagen, das hat der Merkel-Staat auch noch hingekriegt. Geld ist für alles Andere da, nur nicht für die angemessenen Bezahlung von Pflegekräften. Ein Land, in dem man nicht alt werden sollte.

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