Kollege afghanischer Ortskräfte - "Wir haben seit Wochen versucht, diesen Leuten die Ausreise zu ermöglichen"

Di 17.08.21 | 18:15 Uhr
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Sven Fieder
Bild: Sven Fiedler/rbb

Im Eberswalder Verein Patenschaftsnetzwerk sind Bundeswehrsoldaten organisiert, die mit Ortskräften in Afghanistan gearbeitet haben. Sven Fiedler ist einer von ihnen. Er und andere sehen ihre ehemaligen Kollegen im Land in höchster Lebensgefahr.

Seit Monaten bemühen sich die Mitglieder des Eberswalder Patenschafts-Netzwerks Afghanische Ortskräfte [patenschaftsnetzwerk.de] darum - im Verein sind sehr viele Bundeswehrsoldaten und ehemalige organisiert - ihren ehemaligen Übersetzern, Wachleuten oder Köchen zu helfen, sie aus dem Land zu holen. Denn durch die Unterstützung der Bundeswehr sind sie zur Zielscheibe der Taliban geworden. Sie und ihre Familien sind in höchster Lebensgefahr, sagt Sven Fiedler, Sprecher des Patenschafts-Netzwerks. Er kennt viele, die jetzt auf Rettung warten.

Hunderte von Menschen versammeln sich vor dem internationalen Flughafen ind Kabul, Afghanistan. (Quelle: dpa)
Menschen vor dem Flughafen in Kabul | Bild: dpa

rbb|24: Sie waren 2019 selbst in Afghanistan im Einsatz. Wie geht es Ihnen damit, dass die Evakuierung der Ortskräfte so schleppend anläuft?

Sven Fiedler: Mir persönlich geht es sehr schlecht damit. Wir haben seit Wochen versucht, diesen Leuten die Ausreise zu ermöglichen. Damit haben wir die Hoffnung der Menschen geweckt, weil wir immer wieder gesagt haben, schickt uns eure Daten. Wir leiten sie weiter. Und passiert ist nichts. Am Ende muss es sich in unseren Augen die gesamte Bundesregierung auf die Fahnen schreiben. Auch die Kanzlerin hätte was machen können. Wir haben alle angeschrieben. Wir haben bei allen versucht, Unterstützung für die Ortskräfte zu finden. Es hat sich niemand bei uns gemeldet.

Über wie viele gefährdete Helfer reden wir?

Es gibt 3.000 antragsberechtigte Menschen in Afghanistan, die wir hätten retten können, wenn Deutschland gewollt hätte, aber zurückgelassen haben. Dazu kommen noch einmal 4.000, die nicht antragsberechtigt sind, weil sie vor 2019 fürs Auswärtige Amt oder für deutsche Firmen vor Ort in Afghanistan gearbeitet haben und über keinen Arbeitsvertrag des Bundesverteidigungsministeriums verfügten. Dazu kommen noch Ortskräfte von Nichtregierungs-Organisationen.

Sie haben mit den Ortskräften Hand in Hand gearbeitet, waren auf sie angewiesen. Wurden diese Menschen im Stich gelassen?

Mmh! Wenn man mit der Zivilbevölkerung im Einsatz ins Gespräch kommen wollte, dann ging das nur mit den Ortskräften. Gerade für die Kameraden, die enger mit diesen Menschen zusammengearbeitet haben, ist es echt schwer fassbar. Ich habe mit meiner alten Einheit gesprochen, die waren sehr erleichtert, weil sie zumindest einen von unseren Mitarbeitern rausholen konnten. Natürlich macht man sich Sorgen um die Menschen. Sie waren unsere Kollegen. Man ist wirklich beunruhigt, wenn man weiß, dass seine Kollegen in einem Kriegsgebiet akut gefährdet sind.

Waren Sie vom schnellen Abzug der internationalen Truppen und der schnellen Machtübernahme der Taliban überrascht?

Dass das Land in so einer extremen Geschwindigkeit kollabieren würde, konnte beim Truppenabzug niemand absehen. Das hat keiner erwartet. Nichtsdestotrotz hätte man spätestens im Juli, als 30 bis 40 Prozent des Landes in wenigen Tagen unter die Kontrolle der Taliban fielen, absehen müssen, dass Kabul spätestens im August fällt. Das ist das, was uns so ärgert, weil wir immer wieder darauf hingewiesen haben.

Sind Sie nach 20 Jahren Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan wütend über den Abzug? Stellt sich für Sie die Sinnfrage, auch wofür so viele Menschen gefallen sind?

Als Privatperson hat man seine Meinung. Ich verstehe jeden, der sich fragt, warum ist mein Mann, mein Vater, mein Sohn gefallen und für was. Die Sinnhaftigkeit erschließt sich mir nicht mehr.

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Georg-Stefan Russew für Antenne Brandenburg.

Sendung: Antenne Brandenburg, 17.08.2021, 16:10 Uhr

19 Kommentare

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  1. 19.

    Ihnen ist klar, dass wer afd, npd u.ä. ins Parlament verhilft, den endgültig irreversiblen Sinkflug einleitet?

  2. 18.

    Sie haben sich noch nie Gedanken gemacht, wie IHNEN in deser Lage zumute wäre zwischen gerettet werden oder in der Hölle Afghanistan vorzeitig den Löffel abgeben zu müssen. Stellen Sie sich vor, man würde IHNEN DANN Asyl und Rettung verweigern!

  3. 17.

    Und was bis jetzt gar nicht thematisiert wird hier und in anderen Medien: das letzte Wochenende (!): am Freitag hieß es: ab Montag... na dann ein schönes Wochenende gehabt lieber Außenminister?

  4. 16.

    Hier wird in gravierendem Maß wieder einmal die Unfähigkeit einzelner Regierungs-Ressorts sichtbar. Keine Planung, keine Absprachen, kein Konzept. Ich bin froh, dass es Menschen wie Sven Fiedler gibt.
    Die Regierung sollte endlich zu gemachten Fehler stehen und diese nicht noch weiter verschärfen. Soll heißen: schnelle u. unbürokratische Verteilung u. Integrierung der Unterstützer u. Helfer unserer Soldaten in unsere Gemeinschaft. Dieser Appell geht insbesondere an Hr. Seehofer: In meinen Augen war er, genau wie Hr. Maas, von Anfang an eine Fehlbesetzung. Das Dilemma in Seehofers Ressorts Bauwesen, Bauwirtschaft,Bundesbauten, Stadtentwicklung, Wohnen, die ländliche Infrastruktur, das öffentliche Baurecht, die Raumordnung sowie die Fragen des demografischen Wandels ist bundesweit sichtbar. Kurzum: Job nicht erfüllt! Es muss sich umfassend etwas ändern...

  5. 15.

    Stabiler Typ Hr. Fiedler! Engagiert sich in seiner Freizeit, während die Verantwortlichen was genau gemacht haben? Ohne Unterstützung der US-Streitkräfte hätten die nicht mal die deutschen Staatsbürger:innen rausholen können. Traurig…
    Weiter so Hr. Fiedler, weiter so!

  6. 14.

    Hat denn wirklich jemand daran geglaubt dass diese "Bundesregierung" es schafft aus ihren sozialen Hängematten zu springen um sich ins Zeug zu legen? Die sind ja bis Heute nicht so richtig in der Lage im eigenen Land eine Corona Politik zu machen die alle in eine gesunde Richtung bringt. Die Kanzlerin ist sich seit langem nur noch am entschuldigen für all den Stuss der in den letzten Jahren veranstaltet wurde. Und da wird bei Regierungswechsel noch so einiges aufgedeckt werden, und da wird es nicht allein bei dem größten Funkloch Europas gehen! Digital so weit wie Rumänien, da kann man sich vorstellen, was diese Regierung logistisch auf der Pfanne hat. Jetzt ist es diesen Typen sogar gelungen dass sie Verhandlungen mit Schurken führen muss in Afghanistan. Die Taschen voll gepackt, nichts geleistet und den Bürgern das Leben unnötig schwer gemacht, nicht allein den Pflegekräften!

  7. 13.

    Es ist eine Schande, dass die Bundesregierung diejenigen Menschen, die Deutschland vor Ort jahrelang unterstützt haben, einfach im Stich lässt und der Taliban ans Messer liefert. Damit verliert Deutschland jede Glauwürdigkeit und wird bei anderen Ausländseinsätzen Schwierigkeiten haben, die notwendige Unterstützung durch Ortskräfte zu erhalten. Die zu erwartenden Gräueltaten der Taliban werden uns noch bitter vor Augen führen, wie fatal es war, die Ortskräfte einfach schutzlos zurückzulassen.

  8. 12.

    Euer Haus mit allem was darin war, Familie und Inventar, wurde pulverisiert, durch die Nato! Was würdet Ihr machen, wenn diese Leute weg sind? Warum haben denn die eigenen Leute so schnell aufgegeben? Da sollte man doch mal lieber nachdenken!

  9. 11.

    Soweit ich das mitbekommen habe, gibt es keine vertraglichen Verpflichtungen, die afghanischen Hilfskräfte der Bundeswehr nach Deutschland zu bringen.
    Auch Kanzlerin Merkel spricht vorrangig von Hilfe vor Ort, ggf. in den umliegenden Staaten.
    Von den befürchteten Gewaltszenen der Taliban nach ihrer Machtübernahme ist gottseidank bisher nichts bekannt geworden. Man wird die nächsten Tage abwarten müssen. Was bisher zu lesen ist, klingt nach vernünftigem Handeln der Taliban. Immerhin sind aus Taliban-Sicht die "örtichen Hilfskräfte" Kollaboranten einer ausländischen Besatzungsarmee.
    Das Angebot von Sprecher Mudschahid, eine allgemeine Amnestie zu erlassen, läßt im Augenblick vorsichtig hoffen.


    https://www.welt.de/politik/ausland/article233202155/Drogenfreies-Afghanistan-Taliban-geben-erste-Pressekonferenz.html

  10. 9.

    Daraus ergibt sich aber keine Verpflichtung, diese Menschen nach Deutschland auszufliegen.
    Besser, man verhandelt mit den Nachbarländern über eine Aufnahme, da gibt es eher kulturelle Gemeinsamkeiten.
    Und falls die Lage in Afghanistan sich stabilisieren SOLLTE, muss sowieso eine Rückkehr möglich sein - anstatt einer dauerhaften Aufenhaltsberechtigung mit sich anschließender Staatsbürgerschaft.

  11. 8.

    Grausam! Hat das denn für irgendjemanden hier Konsequenzen? Erstaunlich auch, wieviele Menschen sich Jetzt plötzlich für die Situation in Afghanistan und den Einsatz der Bundeswehr interessieren…

  12. 7.

    Nachdem sich wiedermal ein zuständiger Minister die Prügel der Öffentlichkeit für den Dilettantismus der Regierung, für den Club Merkel, abgeholt hat, erscheint nun diejenige mit staatsfraulicher Attitüde, die letztlich die Verantwortung für das deutsche Desaster am Hindukusch trägt. Es ist ihr nicht anzumerken, dass ihr das bewusst ist. Merkel folgte nur ihrer üblichen Taktik.

  13. 6.

    Neben „vertraglichen Verpflichtungen“ gibt es übrigens noch menschliche, moralische, gesellschaftliche etc Verantwortung!!!!

  14. 5.

    "Gibt es in den Verträgen zwischen der Bundeswehr und den afghanischen Hilfskräften eine Verpflchtung Deutschlands, diese Hilfskräfte nebst Anhang im Bedarfsfall nach Deutschland auszufliegen?" >klingt fast vorwurfsvoll. Ermessensspielraum? Moralische Verpflichtung? https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_1.html = (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
    (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

  15. 4.

    Herr Müller hat genug eigeneGründe sich zu schämen, aber darauf kommt er nicht, über die Anderen reden ist ja bequem.
    Vor den Taliban muss niemand Angst haben . Die NATO hat durch ihre Aggression und 20 Jahre Besatzung und dem Einsatz einer auf dem Petersberg 2001 eingesetzten Marionettenregierung die Schuld für zigtausende von Toten auf sich geladen. Jetzt der afghanischen Armee die Schuld in die Schuhe zu schieben ist abscheulich.

  16. 3.

    Gibt es in den Verträgen zwischen der Bundeswehr und den afghanischen Hilfskräften eine Verpflchtung Deutschlands, diese Hilfskräfte nebst Anhang im Bedarfsfall nach Deutschland auszufliegen?

  17. 2.

    Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen und vor Herrn Bürgermeister Müller , da sie beide sich trauen, Ihrem Herzen Luft zu machen und Herr Müller bringt es genau auf den Punkt: Die Politik muss sich, angesichts dieser Situation, schämen.

  18. 1.

    Pandemie, Flutkatastrophe,Evakuierung Afghanistan. Was wären wir nur ohne unsere professionellen Macher in politischer Verantwortung? Wer lernen will, extreme Lagen zu meistern oder gar zu verhindern, kann bei diesen Leuten eine Menge lernen. Weiter so.

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