Interview | 60 Jahre "Die Kinder von Golzow" - "Da ist ein Zeitdokument entstanden"

Und wenn sie nicht gestorben sind ... - Die Kinder von Golzow - Das Ende der unendlichen Geschichte - Dokumentarfilm von Barbara und Winfried Junge/1961 - 2007 (09.08.2020, 23:30)
Audio: Antenne Brandenburg | 01.09.2021 | Winfried Junge | Bild: rbb/PROGRESS Film-Verleih/Winfried Junge

Mit "Die Kinder von Golzow" begann 1961 kurz nach dem Bau der Mauer eine der längsten Dokumentation der Filmgeschichte. Knapp 45 Jahre begleitete Regisseur Winfried Junge Kinder im Oderbruch auf dem Lebensweg. Nun jährt sich der Drehstart zum 60. Mal.

Zum Schulststart im September 1961 begleitete ein Kamera-Team erstmals die Kinder der Klasse 1A an ihrem ersten Tag. Was mit einer kleinen Studie begann, wurde mit "Die Kinder von Golzow" zu einer der bekanntesten Langzeit-Dokumentation der Welt. Herausgekommen sind bis zum Ende 2005 insgesamt 20 Filme und 200 Stunden Filmmaterial. Regisseur Winfried Junge blickt zurück.

rbb|24: Herr Junge, warum ist die Dokumentation ausgerechnet in Golzow entstanden?

Winfried Junge: Das war nicht meine Idee, sondern die von meinem Lehrer, dem Regisseur Carl Gass. Er schlug vor, mit einer Einschulung anzufangen und dann die Kinder dieser Klasse durchs Leben zu begleiten. Am besten so lange, bis sie selbst Kinder haben und diese einschulen.

Wo, war die nächste Frage. In Eisenhüttenstadt wollte ich nicht drehen: Die hatten nur für die Einschulung 20 Klassen - wie soll man da die richtige finden? Dann habe ich mich beim Bezirksschulrat informiert. Die Empfehlung war eine neugebaute Schule zu nehmen - und das war Golzow. Die Schule gehörte zu den ersten Neubauten nach dem Krieg, wo kein Stein mehr auf dem anderen geblieben ist. Außerdem lag der Kindergarten neben der Schule, so dass man zeigen konnte: Das wird der Weg vom Buddelkasten.

Wie war der erste Schultag?

Durch die drei Tage im Buddelkasten kannten die Kinder und wir uns schon. Das war gut für uns zu wissen, wen wir vor uns haben. Am Tag der Einschulung kamen die Eltern mit den Zuckertüten dazu. Die haben sie in einen Baum gehängt und jedes Kind musste sich seine suchen. Dann haben wir das ganze Gewühl und das Festliche auf dem Hof vor der Schule gezeigt - bis zu dem Lied "Wenn ich jetzt zur Schule gehe", das die Kinder noch im Kindergarten gelernt hatten.

So fing es an - und der erste Tag war auch der schönste. Aber ab da musste aus dem Spielen Lernen werden. dann fing das Disziplinieren an. Aber statt ihre Buchstaben zu schreiben, haben manche lieber draußen eine Katze beobachtet.

Die Volksbildung hätte lieber einen Lehrfilm gehabt und wir haben genau das Gegenteil gesucht. Wir wollten zeigen, wie das Leben geht.

Der Regisseur Winfried Junge. Der Dokumentarfilmer Winfried Junge hat mit seiner Langzeitbeobachtung "Die Kinder von Golzow" nach Ansicht von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ein unvergessliches Denkmal geschaffen. (Quelle: dpa/Paul Zinken)Der Regisseur der Doku-Reihe "Die Kinder von Golzow", Winfried Junge

Wie haben Sie die Anfänge erlebt?

Durch Technik wird alles anders. Wir hatten einen Klassenraum im Erdgeschoss und haben von draußen hereingedreht. Die Kinder sahen uns natürlich doch und dann wurde ein Versteckspiel daraus. Das hatte natürlich starken Einfluss auf den Unterricht. Wir haben die junge Lehrerin, die zum ersten Mal eine Klasse hatte, schon bewundert, wie sie versucht hat, da durchzukommen. Aber aus ihr ist ja auch was geworden.

Wie blicken Sie 60 Jahre später auf das ganze Projekt zurück?

Es ist schon etwas Besonderes gewesen und geblieben. Es tut mir nicht leid und hätte ja auch verunglücken können. Vielleicht auch weil die DDR der Hintergrund war und das heute vielleicht keiner mehr sehen will. Aber es ist heute doch interessant zu erleben, wie Schule damals war. Da ist ein Zeitdokument entstanden - und das sogar als Prozess. Denn sie blieben ja nicht die Kinder, die sie waren. Wir haben das durchgezogen bis zur zehnten Klasse, zum Beruf oder wie sie selber Familien gründeten. Wir haben es geschafft, bei vielen bis 2005 an der Seite zu bleiben. Heute haben wir 18 Portraits zur Verfügung. Und das ist einzigartig: Man kann nie wissen, was aus einem Menschen wird. Wir sind nicht die einzigen, aber wir sind die ersten gewesen. Und wir haben versucht, das Bestmögliche festzuhalten.

Wie geht es den Kindern von Golzow?

Wie gesagt: Von den 24, die es mal ursprünglich waren, sind 18 Portraits entstanden. Ich kann nicht sagen, dass ich heute noch alle kenne. Drei sind auch schon gestorben. Das ist traurig. Aber dann gibt es auch andere, die nach der Wende nicht mehr weiterwollten. Von den 18 kann ich heute noch fünf besuchen. Alles andere ist vergangen. Eine Fortsetzung wäre also nicht möglich. Aber keiner ist mir böse, sie wollen bloß in der neuen Zeit nichts mehr öffentlich machen.

Ihnen schlug mit dem Projekt ja auch viel Kritik entgegen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich konnte nur von dem ausgehen, was ich kann, und habe es gemacht. Es waren keine Interviews, sondern Gespräche, wo wir mal Kamera und Mikrofon eingeschaltet haben. Wir haben uns einfach vor der laufenden Kamera weiterunterhalten. Und wenn es darum ging, etwas Bestimmtes zu erfragen oder eine staatserhaltene Äußerung zu kriegen, habe ich vielleicht auch insistiert, bis sie merkten, worauf ich hinaus will. So wie jeder Lehrer auch nachfragt, wenn ihm die Antwort nicht reicht. Das nehmen uns Zuschauer übel. Aber wir hatten nur wenig Material - Kassetten von zwei bis vier Minuten - und wenn zwei Minuten gedreht worden waren, musste etwas entstanden sein. Eine Antwort, die man veröffentlichen und durch die Zensur, beziehungsweise Abnahme gehen konnte. Ich musste schon lenken.

Was ist von Ihrem Werk heute noch geblieben und welche Bedeutung hat es noch?

Von uns ist immer wieder die Rede und es werden Filme gezeigt. Es war damals gar nicht zu ahnen, das daraus 42,5 Stunden Film werden. Und es sind immer wieder neue Zuschauer-Generationen, die das auch sehen wollen. Wir haben etwa gerade im Kino Babylon in Berlin mit 150 Leuten eine Diskussion geführt. Wenn man so eine Bestätigung erfährt, dann macht man auch weiter. Wenn ich gemerkt hätte, es ist alles DDR und vorbei, hätte ich aufgehört. Aber so merkt man, dass wir etwas erhalten, was die Leute gerne wieder sehen wollen. Kinder sind auch diejenigen, die von ihren Eltern angehalten werden, sich damit zu beschäftigen. Es ist besser gelaufen, als ich je gedacht hätte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview ist eine gekürzte und redigierte Fassung. Das Gespräch führte Tony Schönberg für Antenne Brandenburg.

Sendung: Antenne Brandenburg, 01.09.2021

Beitrag von Tony Schönberg

18 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 18.

    Das ist ganz große Doku-Zeitgeschichte mitten aus dem damals möglichen Leben! In 2019 hatte der rbb alle Folgen dieser Doku in einer langen Dokunacht gebracht. Da hab ich echt die ganze Nacht vor dem TV durchgemacht, so spannend waren die Lebensläufe. Einiges von diesen Lebensläufen findet sich dann auch in jedem Leben eines DDR-Kinds der 1960er und 1970er Jahre wieder.

    @Dagmar | Berlin | Mittwoch, 01.09.2021 | 21:08 Uhr
    Zufrieden oder freundliche Kindergesichter sind das sicher nicht. Dort spiegelt sich eher Spannung und Überraschung vor dem Neuen wider. Mein Klassenbild vom Einschlungstag Anfang der 1970er Jahre sieht ähnlich aus. Nur bei uns waren Pionierhalstücher schon keine Pflicht mehr am Einschlungstag.

  2. 17.

    Tut mir leid, aber ich sehe es so, nun dass sofort ein West - Ost Politikum damit entfacht wird, das überrascht mich sehr. War nicht meine Absicht.

    Übrigens, ich selbst wurde ein paar Jahre früher in einem sozialistischem Land eingeschult, meine ganze Schullaufbahn habe ich dort absolviert, und ich denke an diese Zeit sehr gerne.

  3. 16.

    @ die Dagmar: mich fröstelte auch. Bei ihrem Kommentar. Versuchen Sie sich zurück zu erinnern. Erstes Schuljahr. Ganz zu Anfang. Ob nun mit oder ohne dem unsäglichen Halstuch. Die Gesichter der Kinder in Ost und West dürften ob der vielen neuen, spannenden und interessanten Eindrücke ähnlich gewesen sein.

  4. 15.

    Ich habe diese wunderbare Dokumentation begeistert in der Mediathek geschaut, um so mehr über die Zeit zu erfahren, in der meine Eltern zur Schule gingen. Mit dem Hintergrund kann ich einige ihrer heutigen Einstellungen besser nachvollziehen.

  5. 14.

    Den armene Kleene ist eben der Ernst des Lebens begegnet ;-) die Schule... ich fürchte, tief im Westen habe ICH auch nicht anders gekuckt... und mein Kind hier in Brandenburg vor 10 Jahren auch nicht :-)) Und der Ernst ist eben doch kein netter Banknachbar...
    Aber damals wie heute bestand das Leben nicht nur aus dem Ernst im Schulgebäude, sondern den unzähligen kleinen Momenten, die das Leben lebenswert mach(t)en. Erinnert Ihr Euch an die Bilder von Brigitte, mit dem neu geborenen Marcel auf dem Arm? Oder am eigenen Haus?

  6. 13.

    Das sehe ich nicht so, die Mundwinkel und der Gesichtsausdruck aller Kinder, den meinte ich. Die Kinder machen eher einen unglücklichen Eindruck.

  7. 12.

    Da interpretieren Sie m. E. ein wenig über, Dagmar. Es sieht doch sehr danach aus, als ob die Aufnahme bei starkem Sonnenschein gemacht wurde und die Kinder deshalb etwas "verkniffen" schauen . . .

  8. 11.

    Auf diesem Bild machen die Kinder weder zufriedene noch freundliche Gesichter, die zwei Erwachsenen aber schon.
    Bei diesem Anblick fröstelts mich.

  9. 10.

    Ich fand/finde die Doku an sich super! Jedoch empfand ich die eine oder andere Aktion (im speziellen die Sprüche/Nachfragen) von Herrn Junge extrem unpassend. Vor allem diese sticheln zur Wendezeit.... "was meinst du wäre es... Fühlst du dich jetzt besser..." das klang für mich immer nach der Suche das vergangene schlecht zu machen. Aber im Prinzip nix anderes wie die Journalisten heute arbeiten.

  10. 9.

    Vielleicht sollten Sie einfach mal Ihre Programmauswahl überdenken und ändern. Bei uns und in meinem Umfeld laufen keinerlei solcher Trash-Formate. Nicht bei der älteren Generation und nicht bei unseren Kindern. Wir nutzen Streaming Angebote und die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten, gehen ins Kino oder leihen DVDs. RTL und Co.hat niemand. Braucht auch niemand. Denn die würden solche zeitgeschichtlichen Perlen wie „Die Kinder von Golzow“ nie senden. Eine sehr gute Filmreihe für jedes Alter zu empfehlen.

  11. 8.

    Ich bin immer wieder fasziniert! Die Wünsche als Kind und was denn darauf wurde. Auch die Wende-Jahre. Ab in die Mediathek!!

  12. 7.

    Neben Sendungen wie "Benz- Baracken", "Bauer sucht Frau", "Schnäppchenhäuser" u.ä. hat es diese Dokumentation schwer. Wer will denn in dieser Republik 200 Stunden das Leben in der DDR so sehen wie es wahr? Abseits von Stasi und SED Diktatur gab es doch lt.heutiger Meinung kein Leben in der DDR.
    Statt "Die Kinder von Golzow" laufen täglich "Dokumentationen" über Stasi und SED Diktatur auf allen Kanälen. Das Schreckgespenst DDR wurd auch nach pber 30 Jahren gerne aus der Gruft geholt.

  13. 6.

    Dieses Zeitdokument sollte wirklich in der Mediathek vom RBB hinterlegt werden.

  14. 5.

    Eine der besten Investitionen in eine DVD Box. Wer neugierig auf den Osten ist, sollte es sich unbedingt ansehen.
    Hier stehen die Kinder im Vordergrund und man kann sie mit sehr wenigen Vorgaben aufwachsen sehen. Bei aller Kritik ist hier ein Meisterwerk einer Langzeitreportage gelungen, die es bisher kein zweites Mal gibt.

  15. 4.

    "Von den 18 kann ich heute noch fünf besuchen. Alles andere ist vergangen. Eine Fortsetzung wäre also nicht möglich. Aber keiner ist mir böse, sie wollen bloß in der neuen Zeit nichts mehr öffentlich machen."
    Interessant, In der neuen Zeit mit der vielgepriesenen MEINUNGSFREIHEIT.

  16. 3.

    Danke, Herr Junge. Das ist eine wunderbare Arbeit und eine unverstellte Dokumentation über das Leben in der DDR.

  17. 2.

    Die Dokumentation, spiegelt meine Schulzeit und ich kann sie mir immer wieder anschauen. Ich habe auch das Museum vor ein paar Jahren besucht. Karl Gass Tochter ,Gina, war meine Banknachbarin 1954/55 in Rahnsdorf.Ich war auf der Flucht geboren, Gina aus Köln zugezogen. Alle anderen Kinder waren, ",Einheimische". Es war schwer für mich/uns Anerkennung zu finden.Heute haben wir Klassentreffen, wo wir nun über "unsere" Zeit reden können.
    Danke für diese einzigartige Dokumentation.

  18. 1.

    Ich liebe die Dokumentation, ein wunderbares Zeitdokument, so nah dran an den Menschen - toll. Immer noch. Meine Heldin, Brigitte, ist leider ja früh verstorben, ihr Lebensweg und der ihrer kleinen Familie hat mich besonders berührt. Ich würde mich freuen, wenn man diese Filme beim rbb in der Mediathek anlässlich des Jubiläums noch einmal schauen könnte. Als Westfale habe ich sie erst später sehen können, und war sehr beeindruckt.

    Danke, Barbara und Winfried Junge, für diese Filme!

Nächster Artikel