Alternative Szene Berlins zieht es in den Barnim - Wie Eberswalde zum zweiten Kreuzberg wird

Ein hippes Café in Eberswalde. (Quelle: rbb)
Audio: Antenne Brandenburg | 04.10.2021 | Helge Oelert | Bild: rbb

Zu viel und teuer: Viele junge Unternehmer entfliehen den Berliner Kiezen und suchen ihr Glück im Speckgürtel. Besonders attraktiv scheint da Eberswalde im Barnim. Dort locken niedrige Mieten, reichlich Wohnraum und junges Publikum mit ihren Potentialen. Von Helge Oelert

Milena Glimbovski ist so etwas wie der Star der Alternativszene in Berlin-Kreuzberg. Mit ihrem Unverpackt-Laden gilt die 31-Jährige als Initialzünderin der Zero-Waste-Bewegung in Deutschland, ist 2018 Unternehmerin des Jahres geworden. Sogar amerikanische und britische Zeitungen berichten über die junge Unternehmerin.

Doch Mitte August hat sie privat den Berliner Szene-Kiez verlassen und ist nach Eberswalde in den Barnim gezogen. Ihr Kommentar: "Ich habe manchmal das Gefühl, das ist wie ein zweites Kreuzberg."

Kein Entzug vom Berliner Szene-Leben

Klingt erstmal absurd, denn Kreuzberg steht eigentlich für Urbanität und Kiezkultur, während Eberswalde lange als nicht besonders hip unter dem Radar lief. Aber Corona, der Klimawandel und die steigenden Mieten lassen bei vielen Berlinerinnen und Berlinern den Wunsch aufkommen, aus der großen Metropole rauszuziehen. So entstehen auch in Brandenburg vermehrt Zentren der kreativen Alternativszene, die man sonst nur in den Hotspots der Großstädte vermutet hätte. So dann eben in Eberswalde.

Unternehmerin Milena Glimbovski zieht nach EberswaldeUnternehmerin Milena Glimbovski zieht es in den Barnim

Milena Glimbovski ist mit Sohn Karlchen gerade aus dem Kreuzberger Bergmannkiez in den Barnim ausgewandert. Dafür musste sie sich insgesamt zwei Wohnungen ansehen, hat sich für die zweite entschieden und direkt den Zuschlag bekommen. In Eberswalde findet sie, was sie sucht: "Hier gibt es viel Grün und viel Ruhe. Ich fühle mich wie eine Rentnerin, aber das ist genau das, was ich mir gewünscht habe und wo mir Kreuzberg zu viel wurde." Trotz ihres Erfolgs hat sie der alten Heimat Berlin den Rücken gekehrt und schwört auf Eberswalde.

Auch hier muss die 31-Jährige auf Cafés, Bioläden und Bäcker nicht verzichten. "Es entspricht nicht dem Bild, welches viele von Brandenburg haben. Es ist modern, freundlich und offen", erzählt sie. Bei einem Mittags-Snack in der Eberswalder Innenstadt ergibt der Zufall, dass am Nachbartisch alte Bekannte sitzen und zum Plausch laden - die Betreiber der Markthalle Neun, ebenfalls eine Institution in Kreuzberg. Sie sind wegen der Menschen, der Aufbruchstimmung und der trotz allem kurzen Fahrzeit nach Berlin in den Barnim gezogen, erzählen sie.

Wie Berlin vor der Gentrifizierung

Tatsächlich sieht Eberswalde an vielen Stellen aus wie die Kulisse für einen Film über das Berlin vor der Gentrifizierung. Junge Menschen können es sich leisten, hier zu wohnen, es gibt Freiräume für Kreativität und auch als Standort für Unternehmen ist die etwas mehr als 42.000 Einwohner zählende Stadt attraktiv. Auch die Kaffee-Rösterei "Firstcrack" hat nach zehn Jahren aus Berlin nach Barnim expandiert - und will den Prenzlauer Berg nun für Eberswalde verlassen. "Es ist eine dynamische Stadt, in der unglaublich viel Bewegung ist", sagt Besitzer Andreas Kuhn. Er sieht vor allem die Nähe zur Hochschule für Nachhaltige Entwicklung und damit die zahlreichen Studierenden als belebendes Element.

Deshalb ist er ab Jahresanfang im Rofin Gewerbepark, einem plötzlich sehr angesagten Industriegelände, zu finden, das ähnlich wie früher das RAW in Friedrichshain zum Inkubator für Eberswaldes Szene-Ambitionen wird. Dort gibt es mittlerweile ein Musiklabel, eine Strandbar und eine Boulderhalle.

Töpferin Hanna Lühl aus EberswaldeTöpferin Hanna Lühl sorgt sich um Gentrifizierung

Und Eberswalde will noch mehr: Die Stadt schaltet auf Plakaten und in Zeitschriften gezielt Werbung für Zuzügler. Bis vor kurzem hieß es, die Stadt würde schrumpfen, weil niemand hier wohnen wolle. Doch plötzlich kehrt sich dieser Trend um.

Viele Alteingesessene beobachten das mit gemischten Gefühlen. Hanna Lühl, Inhaberin einer Töpferei, sagt: "Es ziehen immer mehr Menschen hierhin. Das ist toll, wie sich das verändert. Aber ich habe Sorge, dass ich keinen Wohnplatz mehr kriege, wenn wir wegen Renovierung aus unserer Wohnung geschmissen werden."

Auch die Betreiberin des Rofin-Gewerbeparks Sarah Polzer-Storek ist sich bewusst, dass die Attraktivität Gefahren birgt. "Man soll dabei nicht die Ur-Eberswalder:in vergessen. Es ist wichtig, dass dieser Mix ausgewogen bleibt."

Auf der anderen Seite entsteht durch die Veränderungen laut Unternehmerin Milena Glimbovski gerade eine Aufbruchstimmung. Sie und ihre kleine Familie fühlen sich jedenfalls bereits in Eberswalde heimisch. Nun hofft sie aber, dass die Mieten nicht dieselbe Entwicklung nehmen, wie in den Berliner Szene-Kiezen.

Auf Twitter schiebt Glimbovski kurz darauf nach: "Ich wünscht ich hätte noch die Herausforderungen aufgeführt." Die Stadt komme dem aktuellen Wachstum und Zuzug kaum hinterher, es gebe nur zwei Kinderärzte, keine Kitaplätze und volle Wartelisten - und sie beobachte erste Formen von Gentrifizierung.

Sendung: Antenne Brandenburg, 04.10.2021, 14:10 Uhr

Beitrag von Helge Oelert

25 Kommentare

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  1. 25.

    Danke für Ihren Kommentar.....Sie sprechen Alles aus, was wir hier seit Jahren als Alt- Berliner denken. Und Reisende sollte man auf gar keinen Fall aufhalten.

  2. 24.

    haha, man merkt schon, dass die Beliebtheit dort wo sie hin wollen genauso hoch ist wie dort, von wo sie einst nach Berlin gekommen sind. Von Berlin selber gar nicht zu reden.

  3. 22.

    Passend hierzu hat die FAZ einen Artikel veröffentlicht, dass das Zusammenleben mit den ausgewandert Kreuzbergern durchaus auch Konfliktpotential bürgt - nicht nur am Herrentag.

  4. 21.

    .. leider die Falschen. Die Kunden dieser Szeneläden sollten wegziehen. Dann werden die ganzen gentrifizierten Wohnungen wieder frei. Die Mieten sinken, Bus und Bahn fährt sich entspannter, Ämter sind leerer, der Spuk ist vorbei. Und einer Weltstadt ein Bullerbü überzuhelfen und die Bewohner in Grund und Boden zu schikanieren hört auf.. genau wie die Spaltung der Gesellschaft, daher hoffe ich auch, dass die SPD nicht mehr RRG zusammenzimmert. Wir brauchen Wirtschaft, Jobs, Kohle, damit wir die Zukunft und die Verhinderung des Klimawandels finanzieren können und nicht Radwege, Betonpoller und Verkehrsschikane, welche die Klimakriese nur noch anheizt.

  5. 20.

    Oh würden doch nur ALLE grüne Bio-, Öko- und Gemeinschaftsgärten-gläubigen schnell den selben Entschluss fassen und ins brandenburgische Umland auswandern!

    1.) Sie könnten endlich in Gemeinschaften biologisch und ökologisch korrekter naturnah im Grünen leben.
    2.) Sie müssten nicht mehr unter dem Berliner Autoverkehr leiden.
    3.) Sie hätten endlich mehr Platz zum sicheren Radfahren!
    4.) Brandenburgs Dörfer würden nicht weiterhin Einwohner verlieren und veröden!
    5.) Es gäbe in Berlin ausreichend Wohnraum für Menschen, die Berlin so lieben, wie es ist und die Mieten würden sinken.
    6.) Weniger Grünenwahn mit Verkehrsberuhigung und Pop-Up-Radwegen in Berlin!
    7.) Kein RRG mehr im roten Rathaus!

    Es gibt so viele Vorteile! Grüne Öko-Bio-Gemeinschaften, wann beginnt Euer Auszug aus Berlin zum Wohle Aller?

  6. 19.

    "Junge Unternehmer sind die alternative Scene?" Ja, das ist ja das Schlimme: Kreuzberg steht heute nicht mehr für poltitische Arbeit, Widerstand, Freiraum schaffen sondern für Geschäfte machen mit Touristen, Bioläden und teuersten Wohnraum. Von daher stimmt die Überschrift des Artikels.

  7. 18.

    Dann sollten die, die jetzt Kreuzberg & Co. Richtung Eberswalde verlassen, endlich mal das Gehirn einschalten, aus der Geschichte lernen und Verantwortung in Form von Eigentumsbildung/Vorsorge (verhindert Gentrifizierung) betreiben.

    Dann hört das weinerliche Gehabe auf.

  8. 17.

    Vielleicht mal darüber nachdenken das Brandenburg ein flächenland ist. Da bringen ihre popup Radwege gar nichts. Wieviel Kilometer Fahrrad wollen sie den den Brandenburgern zumuten ? Die Verkehrswende in Berlin wird die nächsten Jahre in Berlin auch nicht kommen. Dazu fehlt es einfach an Personal, Fahrzeugen und Infrastruktur für den Ausbau des ÖPNV .

  9. 16.

    Es ist nicht nur im Landkreis Barnim so. Es gilt inzwischen für alle nahen Regionen rund um Berlin mit guten Anbindungen dorthin... :-((

  10. 15.

    Re: Sven Krein | Berlin: Wie es für mich aussieht, waren Sie noch nicht in Eberswalde. Es ist fahrradfreundlicher als Sie denken. Dort gibt zwar weder eine Straßenbahn, noch eine U-Bahn oder S-Bahn, aber dafür ein funktionierendes O-Bus Netz, d. h. die Stadtlinienbusse fahren rein elektrisch ohne Batterie und ohne Dieselmotor. Aber Eberswalde ist auch nicht mit Berlin vergleichbar, wo man, egal an welchem Wochentag und Tageszeit, aus der Haustür kommt und schon im ÖPNV ist. Allein aufgrund dieser Tatsache wird der Individualverkehr in Eberswalde weiterhin wichtig bleiben!

  11. 14.

    Nur die schönen Pop-up Radwege fehlen in Eberswalde noch. Da wird noch wie überall in Brandenburg zu sehr auf das Auto gesetzt.
    Aber vielleicht können die jungen Leute im neuen Kreuzberg auch die Verkehrswende in Brandenburg mit vorantreiben !

  12. 13.

    Keine Angst, das Großstädtische, Urbane, das vielfältige Kiezleben und das einzigartige Kulturelle Angebot einer Millionenmetropole, das Touristen aus der ganzen Welt scharenweise nach Berlin zieht, wird es bei 40.000 Einwohnern in Eberswalde wohl allzu bald nicht geben. Eine alternative Szene wird es dort also wohl weiterhin nur im Kleinen geben. Dafür, wie wichtig es ist, frühzeitig für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen, bevor dieser Knapp zu werden droht, könnte den Eberswalder Stadtoberen ein kurzer Blick nach Berlin genügen.

  13. 12.

    Bezaubernd naiv wenn man Teil des Problems der Gentrefizierung ist aber hofft dass die Mieten nicht steigen...
    Das wovor der Kreuzberger flüchtet, bringt er früher oder später mit nach Eberswalde:
    Schöne und hippe Cafés mit WLAN, überteuerte Second Hand Geschäfte, crazy Shisha Bars und vielleicht sogar eine bessere Infrastruktur und noch ein paar Kinderärzte.
    Was davon jetzt "gut" ist darf sich jeder selbst aussuchen.
    Was ich nur nicht verstehe: warum bleibt man dann nicht da wo man alles hatte?
    Ich möchte gern den Neuankömmlingen mit auf den Weg geben: auf dem Dorf grüßt man sich und wünscht einen "guten Tag" und rennt nicht störrisch an den Menschen vorbei wie evtl. in Kreuzberg üblich.
    Dann klappt das vielleicht auch mit den Einheimischen. (PS: bei uns gibt's nicht nur genauso wenig Kitaplätze, ihr müsst sie sogar auch selbst bezahlen)

  14. 11.

    Junge Unternehmer sind die alternative Scene? Oh je wie konservativ ist das den?

  15. 10.

    So? Weil ich anspreche, was Tatsache ist? Am Ende des Artikels wird ja wenigstens noch versucht, die Missstände aufzuzeigen. Auf Facharzttermine wartet man Monate, Kinderärzte nehmen keine Patienten auf, eine Verwaltung, die bei der Vergabe von KiTa-Plätzen überfordert ist. Und das Getreibe der WHG oben drauf. Wieso sollte ich von meinen Mitbürgern verprügelt werden, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass diese Stadt garantiert NICHT den öffentlichen Vergleich zu Kreuzberg braucht? Können Sie das mal näher ausführen?

  16. 9.

    Deshalb ja auch „zweites Kreuzberg“: den Kreuzbergern wird doch immer hier in den Kommentaren empfohlen, aufs Land zu ziehen - das machen sie nun zu Hauf.

  17. 8.

    Von Kreuzberg nach Eberswalde. Ich habe den Schritt 1997 gewagt. Und wenn ich mir eine Wohnung in Berlin hätte leisten können, wäre ich seit 5 Jahren auch schon wieder zurück. Aber wenn die anderen Kreuzberger mir jetzt folgen, dann wird es ja vielleicht besser mit der Infrastruktur und der ärztlichen Versorgung, denn zum Shoppen fahre ich immer noch nach Berlin.

  18. 7.

    Hoffentlich nicht, bisher eine nette schoene kleine Stadt. Erstst war es Kreuzberg, dann Prenzlauer Berg und jetzt geht es auch ans Umland. Irgendwann schwadronieren dann auch dort die Rollkoffertouris und mieten die gut sanierten Wohnungen und fuehlen fuehlen sich wie im Disneyland.

  19. 6.

    Aber das ist doch ein ganz normaler Prozess, ohne Anfang und Ende, also immer wiederkehrend. Gut für Eberswalde und auch noch andere Städte...
    Und Frau Sarah Polzer-Storek kennt "Ur-Eberswalder:in"? Was für eine Entgleisung in Stil, Zeit und Raum...das kann Eberswalde nicht gebrauchen...

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