Geflüchtete berichten von Reise über Belarus - "Wir flüchten nicht wegen des Geldes, sondern wegen unserer Leben"

Mo 18.10.21 | 16:10 Uhr | Von Lucia Heisterkamp und Tony Schönberg
Eine Migrantin sitzt hinter einem Zaun in der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber des Landes Brandenburg in Eisenhüttenstadt (Bild: dpa / Patrick Pleul)
Bild: dpa / Patrick Pleul

Im deutsch-polnischen Grenzgebiet sind seit Jahresbeginn tausende Geflüchtete unerlaubt nach Brandenburg eingereist. Viele haben bis in die Erstaufnahme in Eisenhüttenstadt einen Weg voller Strapazen hinter sich. Zwei von ihnen berichten.

Die Zahl der Geflüchteten, die nach Brandenburg kommen, steigen weiter. Momentan sind es nach Angaben der Bundespolizei 100 bis 150 Menschen, die täglich ohne Papiere über die Grenze kommen. Die meisten von ihnen kommen in das Erstaufnahmezentrum in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree).

Einer von ihnen ist Mohammed*. Der 20-Jährige hat noch vor wenigen Wochen im vom Bürgerkrieg zerrütteten Syrien gelebt. Wie so viele andere Menschen aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan nahm er die Strapazen und Gefahren der Flucht auf sich. "Ich habe das Flugzeug nach Belarus genommen, bin dann nach Polen gekommen und von dort aus zwei Wochen gelaufen bis ich in Deutschland angekommen bin."

Mehr Grenzschutz in Polen

Dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko wird unter anderem vom Brandenburger Innenminister Michael Stübgen (CDU) vorgeworfen, Menschen wie Mohammed aktiv anzulocken und nach Polen zu bringen, um die Flüchtenden als Druckmittel gegen die Europäische Union zu nutzen.

Damit würden Menschen plötzlich zum Spielball der Politik. Denn die polnische Regierung versucht, die Geflüchteten abzuwehren. So hat Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak Anfang Oktober angekündigt, die Zahl der Soldaten zur Unterstützung von Grenzschutzbeamten an der Grenze zu Belarus auf 3.000 aufzustocken.

"Werden wie Fußbälle behandelt"

Dort sollen auch Militärhubschrauber auf Luftpatrouillen unterwegs sein, um nach Geflüchteten wie Hassan* zu suchen. Auch er lebt derzeit im Eisenhüttenstädter Zeltlager. Der Iraker steckte mit seinen drei Kindern eine Woche lang im Grenzgebiet zwischen Belarus und Polen fest. "Die Belarussen sagten: 'Geht nach Polen'. Die Polen sagten: 'Geht nach Belarus'. Wir werden wie Fußbälle behandelt."

Nachdem Hassans Familie es doch nach Polen geschafft hatte, hätte sie sich sieben Tage lang zu Fuß nach Brandenburg durchgeschlagen. "Wir sind nur gelaufen und gelaufen. Nach zwei Tagen war unser Essen aufgebraucht. Wir haben gesehen, dass den Kindern sehr kalt war, aber niemand hat uns geholfen. Ich habe versucht, in Polen den Rettungsdienst zu rufen, aber uns wurde nur gesagt: 'Wir können euch nicht helfen. Geht zurück nach Belarus.'"

Hoffnung auf ein Leben ohne Angst

Dabei sei der Grund für die Flucht die Suche nach einer Perspektive für sich und seine Kinder. Im Irak hätte die Familie in ständiger Angst vor Terrorgruppen gelebt, erzählt Hassan. Sein Vater sei im Krieg getötet worden. "Wir flüchten nicht wegen des Geldes, sondern wegen unserer Leben."

Etwa 70 Kilometer sei die Familie zusammen mit anderen Geflüchteten unterwegs gewesen. Den Weg nach Deutschland mit Hilfe von Schleusern zurückzulegen, sei nicht möglich gewesen. "Uns hat jemand gesagt: Gebt mir Geld. Ich antwortete, dass wir kein Geld haben. Daraufhin wollte er uns nicht helfen. Er sagte nur: Bleibt im Wald und sterbt dort."

Schließlich hätten sie auch die polnisch-deutsche Grenze zu Fuß passiert und seien dort auf die Bundespolizei getroffen. Diese hätte sich ihrer angekommen. "Ich bin sehr glücklich, dass ich in Deutschland bin, denn die Leute hier sind sehr hilfsbereit." Nun hoffe er, dass er mit den Kindern in Deutschland bleiben kann.

*Die Namen der Geflüchteten wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

Sendung: Antenne Brandenburg, 18.10.2021, 14:10 Uhr

Beitrag von Lucia Heisterkamp und Tony Schönberg

Nächster Artikel