Flucht vor Lukaschenko nach Polen - Neutrebbiner Pfarrer gründet Hilfsverein für belarusische Oppositionelle

Fr 05.11.21 | 08:42 Uhr
  15
Arno Leye gründet Hilfsverein für Geflüchtete aus Belarus
Video: Brandenburg aktuell | 04.11.2021 | Marie Stumpf | Bild: rbb

Aus Angst vor Repressionen suchen zahlreiche Regimekritiker aus Belarus derzeit Zuflucht in Polen. Die Lage dort ist teilweise prekär. Zur Unterstützung gründet ein Pfarrer aus Märkisch-Oderland zusammen mit Geflüchteten jetzt einen Hilfsverein.

Die Bundespolizei verzeichnet seit dem Sommer zunehmend unerlaubte Grenzübertritte von Geflüchteten, die über Belarus und Polen nach Brandenburg kommen. Der belarusische Machthaber Lukaschenko soll diese als Druckmittel gegenüber der EU nutzen, um die Sanktionen gegen ihn aufzuheben. Doch auch viele Belarusen selbst sind zurzeit auf der Flucht. Viele von ihnen finden unter anderem in Polen Zuflucht. Um diesen Menschen zu helfen, will ein Pfarrer aus Neutrebbin (Märkisch-Oderland) nun einen Verein zur Unterstützung gründen.

Pfarrer unterstützt Oppositionelle

Gerade sind wieder Hilfsgüter im Pfarrhaus von Neutrebbin angekommen. Darunter sind vor allem Schulranzen und Schuhe für die belarusischen Flüchtlinge in Polen. Um den Transport besser organisieren zu können, will Pfarrer Arno Leye den Verein ins Leben rufen. Seine Motivation zieht er dabei aus persönlichen Erfahrungen, denn die Situation in Belarus erinnere ihn an die Unterdrückung in der DDR. "Mit so einem Thema wie Wahlfälschung oder Repression und Unterdrückung. Und wenn man das jetzt erlebt, dass das in Europa in einem anderen Land passiert, berührt einen das schon sehr."

Bei der Vereinsgründung unterstützt wird Leye von Vadzim und Olja. Sie haben sich über soziale Netzwerke kennengelernt. Beide sind Regimekritiker aus Belarus. Vadzim ist im Mai über Polen nach Deutschland geflohen und musste dabei seine Familie zurücklassen. Seit den Präsidentschaftswahlen im vergangenen Sommer ist die Situation in Belarus eskaliert. Viele Menschen im Land werfen der Regierung Wahlfälschung vor. Ihre Proteste wurden blutig niedergeschlagen. Zehntausende wurden verhaftet und gefoltert.

"Wir hatten jeden Tag seelische Schmerzen wegen diesem Unrecht."

An den Demonstrationen hat sich auch Vadzim beteiligt. "Unsere Nachbarn und ich sind mit vielen anderen auf die friedlichen Proteste gegangen. Ich betone: Es waren friedliche Proteste. Dort haben wir gesehen, dass die Menschen geschlagen wurden. Viele Menschen wurden verhaftet. Wir hatten jeden Tag seelische Schmerzen wegen diesem Unrecht."

Auch Olja hat Familie in Belarus. Ihr Bruder wurde bereits zweimal verhaftet und saß mehrere Tage im Gefängnis. "Das ist natürlich das allerschlimmste Gefühl. Du weißt, du sitzt hier in Deutschland und bist in Sicherheit, kannst aber den Angehörigen nicht helfen. Du kannst nicht einmal hinfliegen und die Leute umarmen, weil du dich dann selbst in Gefahr bringst."

Mehr als 150.000 Menschen aus Belarus sollen seit den Protesten im vergangenen Jahr Zuflucht in Polen gefunden haben, sagt Vadzim. In den Flüchtlingslagern fehle es an fast allem. "Viele von ihnen konnten bei ihrer Flucht nichts mitnehmen. Wir sind in ständigem Kontakt mit einem Freiwilligen, der uns berichtet, was gebraucht sind. An erster Stelle sind das Lebensmittel und Hygieneartikel. Von polnischer Seite bekommen sie das Essen und fünf Zloty pro Tag, das ist ungefähr ein Euro."

Doch es geht dem Neutrebbiner Verein nicht nur um Hilfslieferungen. Er will die Situation der belarusischen Flüchtlinge auch bekannt machen und für einen Austausch mit den Geflüchteten sorgen. Hilfe bekommt er dabei vom Bildungs- und Begegnungszentrum im Schloss Trebnitz. Dort soll im kommenden Sommer ein Workshop für die Kinder der Flüchtlinge stattfinden, gemeinsam mit deutschen Kindern.

Sendung: Antenne Brandenburg, 04.11.2021, 14:10 Uhr

Mit Material von Marie Stumpf

15 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 15.

    Das die finanzielle Mittel bekommen ist ja bekannt. Von wem allerdings nicht. Auf alle Fälle funktioniert das System. Haben die jetzt ein neues Standbein entdeckt?

  2. 14.

    Wieso "intendiert"? Ist doch schon konkret geplant. Die "Aktion Seebrücke" will bereits kommende Woche nach Polen reisen, um in Belarus „gestrandete“ Weltreisende per Bus nach Deutschland zu holen. „Eine unautorisierte Beförderung und eine etwaige unerlaubte Einreise kann strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen“, so die schwach resolute Antwort des Ministeriumssprechers Steve Alter, auf die Frage, ob die sogenannten Aktivisten mit einer Erlaubnis rechnen könnten. Im Augenblick gebe es „keine Überlegungen für ein Aufnahmeprogramm für Menschen aus Belarus. Die Bundesregierung habe zudem Interesse daran, dass die Dublin-Regeln eingehalten würden, die festlegen, in welchem EU-Mitgliedstaat ein Schutzsuchender seinen Asylantrag stellen muss“.

  3. 13.

    Ich kann das schon erkennen.
    Ein "Workshop" in Deutschland mit belarusischen Kindern, die mit ihren Eltern gerade illegal von Weißrussland nach Polen gekommen sind, ist auf der Basis der gegenwärtigen Rechtslage nicht möglich. Für Bürger von Weißrussland gilt Visumspflicht in der EU. Insoweit wird tatsächlich eine Rechtslage im Beitrag "intendiert", die es nicht gibt.

  4. 12.

    ich bin zu DDR-Zeiten in einem Russenviertel sowjetischer Offiziere ( auch aus Weißrussland) groß geworden.. es sind tolle Menschen und absolute Kameraden… also hier stellt sich die Frage, diese Menschen in Deutschland zu integrieren gar nicht ! Tolle Aktion vom Pfarrer das kann man wirklich mal unterstützen….

  5. 11.

    Zitat: "Was soll man unter einem "Austausch" verstehen?"

    Beruhigen Sie sich erstmal; es ist kein "Bevölkerungs-", sondern ein Erfahrungs- und Meinungsaustausch gemeint, Nina.

  6. 10.

    Zitat: " . . . bleibt doch die Frage, ob per se die gesamte Bevölkerung Weißrusslands in der EU asylberechtigt ist, weil dort Lukaschenko seit 1994 am Ruder ist. Der Artikel intendiert, als wäre dem so."

    Welchen Artikel meinen Sie? Den oben stehenden offenbar nicht, denn ich kann auch nach mehrmaligem Lesen nichts dergleichen feststellen.

  7. 8.

    Bei aller berechtigten Kritik zu den Zuständen in Weißrussland mit dem dienstältesten Diktator Lukaschenko bleibt doch die Frage, ob per se die gesamte Bevölkerung Weißrusslands in der EU asylberechtigt ist, weil dort Lukaschenko seit 1994 am Ruder ist. Der Artikel intendiert, als wäre dem so. Das ist jedoch nach höchst richterlicher Rechtsprechung in Deutschland nicht der Fall.
    Desweiteren sollte man im "Westen" nicht immer dieselben Fehler machen. Ein RegimeChange von außen hat in Afghanistan nicht geklappt und, was bisher weitestgehend im Westen ignoriert wird, hat auch in Syrien nicht geklappt.




  8. 7.

    Der Artikel ist offenbar ein willkommener Anlass für mehrere Menschen, ihre Abgründe zum offenbaren. Ich wünsche dem beiden gutes Gelingen und danke für das Engagement!

  9. 6.

    Wenn man es nicht gut findet, dass bedürftigen Menschen geholfen wird ist man in den christilchen Kirchen in der Tat schlecht aufgehoben. Das ist ja eine der zentralen Punkte im Christentum.

  10. 5.

    Gibts schon Strafanzeigen wegen Schleuserei und Beihilfe zu unerlaubten Grenzübertritten? Wieso tauchen belarussische Kinder plötzlich in Deutschland auf um in Deutschland/Trebnitz an einem "Workshop" teilzunehmen?

  11. 4.

    "Doch es geht dem Neutrebbiner Verein nicht nur um Hilfslieferungen. Er will die Situation der belarusischen Flüchtlinge auch bekannt machen und für einen Austausch mit den Geflüchteten sorgen. "

    Was soll man unter einem "Austausch" verstehen? Soweit irgendwelche ausländerrechtlichen Sachverhalte tangiert sind, hat dieser private Verein dafür kein Mandat. Weissrussen sind visumspflichtig bei Eintritt in die EU.

  12. 3.

    "Dort soll im kommenden Sommer ein Workshop für die Kinder der Flüchtlinge stattfinden, gemeinsam mit deutschen Kindern." Wieso sind denn die dann alle in Deutschland? Polen ist nach den Schjengen-Regeln als Erstaufnahmeland zuständig und muss prüfen, ob die "Menschen aus Belarus" asylberechtigt sind.

  13. 2.

    Ist das nicht auch Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates? Das ist soweit ich weis illegal und strafbar in Deutschland. Egal ob einem die Aktion gefällt oder nicht.

  14. 1.

    …weswegen ich den Kirchenaustritt gewählt habe.

Nächster Artikel