Raum und Lebensqualität im Barnim - Boomtown Bernau

Fr 05.11.21 | 14:33 Uhr
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Innenstadt mit Markt in Bernau
Bild: rbb

Berlin platzt aus allen Nähten. Bezahlbarer Wohnraum und Flächen für Gewerbetreibende sind Mangelware. Viele Menschen zieht es deshalb in die umliegenden Städte im Speckgürtel. Eine Stadt, die davon besonders profitiert, ist Bernau.

Direkt vor den Toren Berlins gelegen hat die Stadt Bernau im Landkreis Barnim in den letzten Jahren einen rasanten Aufstieg erlebt. Für Bürgermeister André Stahl (Linke) bietet die Hussitenstadt alles, was Menschen heutzutage begehren.

Deshalb ziehe es immer mehr dorthin. "Bernau verbindet ein Stück weit kleinstädtischen Charakter und trotzdem die Nähe zur Großstadt. Deswegen ist es ein interessanter Wohnstandort. Gleichzeitig liegt die Stadt im Grünen und man kann die Vorzüge der Metropole nutzen, ohne in ihr wohnen zu müssen." Darüber hinaus seien auch alle notwendigen Einrichtungen vorhanden, so Stahl weiter.

Trotz vieler Pendler und einer Vielzahl neuer Einwohner kennt hier jeder jeden, sagt Marktfrau Petra Mannharzberger. Anonymität, wie in der Großstadt, gebe es in Bernau größtenteils nicht. Noch nicht. "Ich habe viele Kunden, die bewusst Dienstag, Donnerstag und Samstag kommen, weil sie sich treffen und quatschen wollen. Man will zusammen sein. Es ist irgendwo heimelig."

Auf der Suche nach Gewerbeflächen im Speckgürtel

Doch das kann sich bald ändern, denn die Einwohnerzahl wächst. Mehr als 1.000 Menschen wollten allein in diesem Jahr nach Bernau ziehen. Darunter sind vor allem viele Gewerbetreibende. Familienbetriebe, wie die Firma Bohn für Werbeanlagen, schätzen den unkomplizierten Umgang mit den Ämtern und gute Verkehrsanbindungen in die ganze Welt.

Die Bohns zog es mit ihrer leuchtenden Buchstabenwerbung vor etwa 15 Jahren aus Schöneiche (Oder-Spree) in den Barnim. Damals waren sie im Gewerbegebiet nahezu allein. Inzwischen sind alle Flächen belegt. Das Bernau so beliebt ist, finden sie gut. "Wir haben hier und da einen schon sehr überalterten Arbeits-Stamm", sagt Seniorchef Volker Bohn. "Der Betrieb existiert seit 28 Jahren und mehr als 50 Prozent der Mitarbeiter sind mehr als 20 Jahre im Unternehmen." Juniorchef Michael Grünberg ergänzt: "Wir brauchen junge Leute. Wir sind ein Ausbildungsbetrieb und suchen händeringend. Denn unsere Investition in die Zukunft ist Ausbildung."

Gewerbefläche in BernauGewerbehalle der Firma Bohn im Bernauer Gewerbegebiet

Ihre Nachbarn - die Tischlerei Schade - hat vor zwei Jahren einen inzwischen begehrten Gewerbeplatz bekommen, und deshalb ihr Unternehmen von Berlin nach Bernau verlagert. In der Hauptstadt hätte das Unternehmen keine Gewerbeflächen gefunden. "Weil wir gewachsen sind, mussten wir ausziehen", sagt Sebastian Schade. "Wir waren Mieter bei der Stadt und haben dann beschlossen, wir müssen nochmal einen Grundstein legen, neu anfangen und alles nochmal so hochziehen, dass wir damit richtig leben können."

Bedarf an Wohraum steigt auch in Bernau

Viele seiner Mitarbeiter wohnen inzwischen auch in Bernau, weil sie das Pendeln in die Hauptstadt satt hatten. Das ist sinnvoll, sagt der Bürgermeister, aber dafür brauche es Wohnraum. Und der ist in der Entstehung. Alte Kasernen wurden komplett saniert, neue Häuser werden für insgesamt rund 1.800 Menschen gebaut. Die Kita "Pankewichtel" ist im Juli eröffnet worden. Damit hat Bernau insgesamt 27 Kitas. Fünf weitere sollen im nächsten Jahr hinzukommen, ebenso neue Schulen.

Alte Kaserne in Bernau wird saniert
Alte Kaserne in Bernau wird zu neuem Wohnraum | Bild: rbb

All das wird auch dringend gebraucht, sagt die stellvertretende Leiterin der Pankewichte, Daniela Klauck. "Die Wartelisten sind voll. Wir sind aktuell bei 150 Kindern - Tendenz steigend. Das betrifft alle Kitas in der Stadt Bernau, die lange Wartelisten haben." Das liege am permanenten Zuzug, der nicht nur Bernau betrifft. Auch die eingemeindeten Ortsteile verzeichnen Wachstum mit entsprechendem Anspruch auf Kita-Plätze.

Wenn der Ausbau auf dem ehemaligen Kasernengelände Ende des kommenden Jahres fertig ist, soll erstmal mit dem Wohnungsbau erstmal Schluss sein, meint der Bürgermeister Stahl. "Wir wollen uns dann auf grüne und soziale Infrastruktur konzentrieren, um dann einfach die Stadt zu konsolidieren. Wir müssen schauen, dass die Menschen auch eine hohe Lebensqualität vorfinden."

So soll Bernau künftig als Ganzes und nicht nur im Bereich Wohnungsbau entwickelt werden. Bernau soll den Zustrom auch vertragen, sagt Stahl. Denn gerade der zunehmende Verkehr ist sei Problem. Und letztendlich soll Bernau mit rund 41.000 Einwohnerinnen und Einwohnern eine kleine Mittelstadt mit ländlichem Charme bleiben.

Sendung: Zibb, 05.11.2021, 18:27 Uhr

Mit Material von Katrin Hampel

5 Kommentare

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  1. 5.

    Kann ich so nicht bestätigen. Wir sind dieses Jahr nach 20 Jahren Berlin eher durch Zufall in einem Ortsteil von Bernau gelandet und sehr glücklich hier. Der (immerhin) stündliche Bus zum Bahnhof, der bis 22 Uhr fährt, aber vor allem gut gepflegte Radwege, die ständig ausgebaut werden, machen die paar Kilometer zum Bahnhof gut zu radeln. Und am Bahnhof gibt es mit dem Fahrradparkhaus sehr wohl P+R, für Radler, weitere Abstellanlagen sind ebenso in Planung, wie das Schwimmbad (und zwar ohne sich dabei ein Millionengrab zu bauen, wie andere Brandenburger Städte). Der ÖPNV wird stetig ausgebaut und für Autopendler wird gerade am S-Bahnhof Friedenstal ein nagelneues Parkhaus eröffnet. Das dort geplante Neubaugebiet wurde übrigens gekippt, damit die Infrastruktur der Stadt erst einmal nachwachsen kann. Etwas Zeit muss man der Stadt schon geben. Ich finde, man bemüht sich sehr. Und dass hier im Eiltempo Kitas gebaut werden, der ÖPNV und die Stadt barrierefrei gemacht werden, Radwege selbstverständlich geräumt und instand gehalten werden, die Digitalisierung der Verwaltung voran getrieben wird und vieles mehr, ist nach der andauernden Übernutzung und Mangelverwaltung in Berlin eine echte Wohltat und lässt uns die zugegegeben recht trostlose Mall am Bahnhof und die fehlenden Drogeriemärkte leicht verschmerzen. Der Einzelhandel folgt dem Zuzug schon noch.

  2. 4.

    @ Franziska, bitte noch erwähnen: Es gibt viele Wege nach Berlin. Aber alle mit Haken. Die Bahn fällt gern mal aus und ist jetzt schon voll. Die Radfahrer haben eine ordentliche Strecke vor sich. Die Autobahn ist immer noch Baustelle. Probiert man den Weg abseits der Autobahn, quält man sich durch diverse Nadelöhre nach Berlin. Sollte man als angehender Pendler im Blick haben.
    Es ist sowieso fragwürdig, für bestimmte Gebiete Werbung zu machen, die jetzt schon von Berlinern geflutet werden. Das ist wie einem vollen Zug hinterher rennen.


  3. 3.

    Ja die Stadt hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt, nur leider mangelt es an einem Schwimmbad so dass Schwimmunterricht in Seen oder Freibädern durchgeführt werden muss, wetterunabhängig. Eine Drogerie in einem abgeranzten Center versorgt 40.000 Menschen, einzigst mit Wohnraum und einem Bahnanschluss kann diese Stadt punkten. Will man jedoch diesen Anschluss nutzen, mangelt es an P&R Parkplätzen oder man ist bereit sich für 70,-/Monat einen Stellplatz in einem gähnend leeren Parkhaus zu bezahlen. Verkehrssituation einfach nur katastrophal. Mit dem Bus zum Bahnhof könnte es spannend werden, dieser fährt nur 1x pro Stunde. Aber das alles bemerken Zuzügler erst dann, wenn sie bereits sesshaft hier geworden sind. Ganz zu schweigen von horrenden Kitagebühren, die von umliegenden Gemeinden den Zuzüglern abgeknöpft werden.

  4. 2.

    Als ehemaliger Bernauer und aufgrund von Mangel an Wohnraum weggezogener solltet Herr Stahl etwas vorsichtiger sein mit diesen Aussagen ! Bernau ist schon weiter als andere Städte im Speckgürtel von Berlin den Bernau hat kaum noch Wohnraum!

  5. 1.

    Berlin wird in den nächsten Jahren enorm viel Wirtschaft verlieren. Dafür kommen ja immer mehr Künstler und freischaffende in die Hauptstadt. Armes Berlin.

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