Nach der Urabstimmung - Frankfurter Studierende sagen Nein zum Semesterticket - VBB will neu beraten

Di 16.11.21 | 17:28 Uhr | Von Georg-Stefan Russew
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Archivbild: Fahrscheinkauf. (Quelle: Inga Kjer/photothek.net/pa)
Antenne Brandenburg | 16.11.2021 | Julia von Blumenthal | Bild: Inga Kjer/photothek.net/pa

Nach dem Nein der Frankurter Studierendenschaft zum Semesterticket für 245 Euro hat sich der Verkehrsverbund Berlin Brandenburg überrascht gezeigt. Bisher hatten sich sämtliche Hochschulen in Urabstimmungen stets für ein Semsterticket entschieden. Von Georg-Stefan Russew

Das "Nein" der Studierenden der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) scheint den Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB) kalt erwischt zu haben. Fast gebetsmühlenhaft hatte der Verband im Vorfeld der Urabstimmung in Frankfurt (Oder) betont, dass man der Abstimmung gelassen entgegensehe, weil andere Hochschulen sich in ähnlichen Wahlgängen stets für den Verbleib im Semesterticket-Modell trotz Preiserhöhung ausgesprochen hätten.

Doch bei der Frankfurter Urabstimmung vom 8. bis zum 12. November kam es anders. Insgesamt sprachen sich knapp 55 Prozent gegen ein Semesterticket für 245 Euro aus. 45 Prozent stimmten einer schrittweisen Preiserhöhung von bisher 170 auf dann 245 Euro zu.

Wahlbeteiligung hoch genug

Die Wahlbeteiligung lag bei rund 12,3 Prozent. "Auf dem ersten Blick mag das vielleicht niedrig erscheinen. Aber nach Paragraph § 3a der Satzung der Studierendenschaft ist die Urabstimmung verbindlich, weil die Wahlbeteiligung über der vorgeschrieben Zehn-Prozent-Marke für Urabstimmungen lag", sagt Ira Helten, Chefin des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der Viadrina, rbb|24.

Somit sei die Marschrichtung jetzt klar: "Wenn das Land das Semesterticket nicht bezuschusst oder der VBB nicht von seinen 245 Euro pro Semester abrückt, wird es ab 1. April 2022 an der Viadrina kein Ticket mehr geben", betonte Helten.

Stadtsprecher geht von erheblichen Wettberwerbsnachteil aus

Die Stadt Frankfurt (Oder) sprach von einem "erheblichen Wettbewerbsnachteil", wenn es tatsächlich dazukommen sollte, dass das Semesterticket für Frankfurt Ende März 2022 auslaufen sollte. "Wir gehen davon aus, dass dieses Szenario niemand wollen kann", sagte Frankfurts Stadtsprecher Uwe Meier rbb|24. Die Viadrina sei eine Pendler-Uni. Ohne dieses Ticket drohe für die Viadrina und auch für die Stadt Frankfurt (Oder) ein nicht unerheblicher Schaden, so Meier weiter.

Er gehe daher aber fest davon aus, dass durch dieses "Nein" der Studierenden sich Verhandlungspartnerinnen und Verhandlungspartner mit mehr Kompromissbereitschaft wieder zusammenfinden werden, um nach einer sozialverträglicheren Lösung zu kommen. "Die Stadt Frankfurt (Oder) wird hier moderierend helfen, wo sie kann", betonte Meier.

Sehenden Auges steuerte der VBB in die Sackgasse

"Man kann es einfach nur so sagen, der VBB hat es darauf ankommen lassen", sagte einer der Verhandlungsführer der Studierenden in Brandenburg, Tilmann Kolbe. Man sei von VBB-Seite sehenden Auges in diese Sackgasse gesteuert. "Und die nächste Urabstimmung steht im Dezember an der Uni Potsdam an. Mehr als unseren absoluten Willen zu zeigen, dass wir die vom VBB angestrebten Preiserhöhungen nicht mitgehen können, können wir nicht machen", sagte Kolbe gegenüber rbb|24. Ein Semesterticket sei zwar wichtig, aber nicht zu jedem Preis.

VBB will möglicherweise alles noch einmal überdenken

Unterdessen kündigte der VBB an, noch einmal alles überdenken zu wollen. Die entsprechenden Gremien würden sich noch einmal mit der Thematik beschäftigen, sagte ein Sprecher. Erst danach könne man sich als Verbund abschließend äußern. Aber schon jetzt ließ der VBB einen möglichen Paradigmenwechsel durchblicken.

Infrastrukturministerium beharrt auf eigenen Standpunkt

Eine Sprecherin des Infrastrukturministeriums erklärte, dass das "Nein" der Frankfurter Studierenden nichts an der Ansicht ihres Hauses geändert hätte. Zuletzt hatte das Ministerium erklärt, dass das Semesterticket auch mit Preiserhöhung nach wie vor "ein gutes und faires Angebot für die Brandenburger Studierende" sei. Bei erneutem Vertragsabschluss würden die Studierenden ab dem Sommersemester 2022 durchschnittlich 1,18 Euro pro Tag zahlen. Das würde im gesamten VBB-Gebiet mit allen Verkehrsmitteln gelten. "Andernfalls müssten die Studierenden ein teureres Ticket aus dem VBB-Tarifangebot erwerben", hieß es in einem Ministeriumstatement.

Allerdings sei jetzt der VBB am Zug, wie er sich zu der veränderten Ausgangslage positioniere, so die Sprecherin. Ihrer Kenntnis nach seien vom VBB noch einmal sämtliche Vertreter der Hochschulen und Studierenden zu einem Gespräch eingeladen worden. Von daher müsse das Infrastrukturministerium diese Gespräche abwarten, um sich erneut zu positionieren, hieß es.

Viadrina-Präsidentin: Bei gutem Willen der Beteiligten Lösung möglich

Viadrina-Präsidentin Julia von Blumenthahl sprach von einem "Worst Case", wenn eine Pendler-Uni wie die Europa-Universität das Semesterticket verlöre. "Unsere Studierenden leben oder arbeiten in Berlin. Natürlich wäre es für uns ein schwerer Schlag, wenn es dazu kommen würde, dass es kein Semesterticket mehr gibt", sagte sie rbb|24.

Sie sei aber noch optimistisch. Die Hochschulen hätte in Brandenburg eine hohe Priorität. Das hätte man gerade beim neuen Landeshaushalt gesehen. "Da kann ich mir nicht vorstellen, dass sie jetzt die Studierenden in dieser Situation nicht mit im Blick haben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass man bei gutem Willen der Beteiligten keine gute Lösung finden kann", so von Blumenthal weiter.

Sendung: Antenne Brandenburg, 16.11.2021, 15:30 Uhr

Beitrag von Georg-Stefan Russew

15 Kommentare

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  1. 15.

    Schön wie sie Apfel und Birnen vergleichen. Zur Erinnerung Lehrlinge arbeiten und zahlen Steuern, Studenten machen beides nicht, studieren kostenlos und haben überdurchschnittlich reiche Eltern.

  2. 14.

    Achtung! Hier kann ich nur sagen: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Tatsächlich soll der Preis des Tickets 245€ betragen. Allerdings hat dieses eine Gültigkeit von einem Semester, wovon jährlich 2 stattfinden. Entsprechend werden pro Jahr 2 Semestertickets gekauft, welche einen Preis von 490€ haben. Die Ungerechtigkeit der Forderung des VBB besteht darin, dass Auszubildende ein 365€-Ticket für ein Jahr bekommen und der Preis des Semestertickets für Studierende regelmäßig teurer wird.

  3. 13.

    Es gibt leider sehr viele Gutverdienende die sich nur an der Uni einschreiben um dies Tickets abzugreifen. So was ist voll asozial. In Zeiten des Klimawandels wo der ÖPNV jedem Cent brauch sollten die Sudeten auch ihren Beitrag leisten und nicht auf alte Privilegien pochen. Leider ist das typische für sehr viele an der Uni welche gerne Freitags demonstrieren aber keinen eigenen Beitrag leisten wollen.

  4. 12.

    245 €/Semester * 2 Semester/Jahr / 365 Tage/Jahr ergibt einen Preis von 1,34 € pro Tag, nicht 1,18 €. Beim Vergleich zu beachten, daß nicht alle Studenten das Ticket nicht jeden Tag abfahren. Die befahren nicht alle jeden Tag das gesamte Bundesland. Dieser Preis für täglich Berlin/Brandenburg gesamt wird von allen bezahlt. Auch von denen, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Uni kommen, nur den Frankfurter Stadtverkehr nutzen oder aus der näheren Umgebung kommen. Einige wohnen vielleicht auch im Dorf, wo die Verkehsverbindungen nicht für alle Studienveranstaltungen geeignet sind und deshalb das Semesterticket gar nichts nutzt. Da kommen Studenten günstiger mit Monatskarten für Frankfurt+Umgebung. Laut VBB-Infotelefon können Studenten Azubi-Schüler-Monatskarten kaufen: 31,50 € Frankfurt/Oder AB, 48 € Frankfurt/O ABC , Berlin-Frankfurt 127 € oder 315, 480 bzw. 1270 €/Jahr im Abo jeweils 10facher Monatspreis. Sobald die Studis über Frankfurt hinaus wollen, wirds ohne Semesterticken teurer.

  5. 11.

    Wie issn das dann, wenn die jetzt gegen den Rundfunkbeitrag abstimmen? Ich meine, ich würde ja auch so gut wie immer dagegen stimmen, dass ich mehr oder überhaupt bezahlen soll.
    Ansonsten habe ich da wohl einen Denkfehler. Wenn das Semesterticket ausläuft, müssen normale Preise gezahlt werden wie jeder andere auch. Insbesondere die BVG braucht dringend Geld mit ihrem Defizit von 1,3 Milliarden €. Warum sollte jetzt nochmal der VBB sich nötigen lassen weniger für seine Leistungen zu verlangen obwohl alle anderen Preise von Energie bis Personal und Fahrzeuge steigen? Ich krieg das einfach nicht zusammen. Gerade Frankfurt, die hängen doch eh die meiste Zeit in Berlin.
    Also wenn ich jetzt mit meinen Nachbarn beschließe, dass das Brot beim Bäcker nur noch 50 Cent kosten soll, egal ob der da pleite geht.. dann macht der das ??? Ich raff diese Denkweise doppelt nicht. Müssen die nicht froh sein, dass sie überhaupt ca. 3/4 vergünstigt fahren.

  6. 10.

    Mensch Rita, das Jahr hat zwei Semester, das ist doch nicht so schwer...

  7. 9.

    Das Semesterticket gilt ja auch nur für EIN Semester und nicht für ein ganzes Jahr. Ich finde, es ist eine Frechheit, wie abwertend Sie über andere schrei(b)en, ohne sich näher mit den Tatsachen zu befassen.

  8. 8.

    Ein SEMESTERTICKET, also halbes Jahr nicht ein Jahr, vielleicht ein bisschen nachdenken vorm Kommentieren.

  9. 7.

    Die Viadrina ist damit gar nicht alleine. Der VBB kann hier probieren, was er möchte. Wir fordern ein 365€ Jahresticket.

  10. 6.

    Super gemacht. Haben wir weniger Pendler und bleiben im schönen FFO mehr unter uns.

  11. 5.

    Wie können 245 EUR im Jahr, 1,18 EUR pro Tag sein?
    Eine arrogante Frechheit diesem Volk das Ticket hinterher zu schmeissen und die wollen es dann noch umsonst haben.
    In vielen Verbunden kostet so ein Ticket 365 EUR und Diese sind viel kleiner als der Großraum Berlin/BB.
    Eine Frechheit!

  12. 4.

    wow, 13 % Wahlbeteiligung...
    Verstehe, diese Herrschaften kamen nicht so früh aus dem Bett.

  13. 2.

    @rbb: kleiner Fehler im Artikel:
    "wenn es tatsächlich dazukommen sollte, dass das Semesterticket für Frankfurt Ende März 2021 auslaufen sollte.“
    Muss natürlich 2022 heißen.

  14. 1.

    Kaum organisiert man sich, schon kann man was erreichen. Klasse.

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