Dokumentation über Jugend in der DDR - Als die "Kinder von Golzow" weltbekannt wurden

Sa 15.01.22 | 12:36 Uhr | Von Julian von Bülow
Im Filmmuseum «Kinder von Golzow» sind alte schwarz-weiß Filmstreifen zu sehen (Bild: dpa/Patrick Pleul)
dpa/Patrick Pleul
Audio: Antenne Brandenburg | 15.01.2022 | Julian von Bülow | Bild: dpa/Patrick Pleul

Die Langzeitdokumentation über die Kinder von Golzow feiert am Samstag ein Jubiläum. Vor 40 Jahren kam der Film mit Einzelporträts der Kinder erstmals in die Kinos. Zwischen Start und Ende des Projekts liegt allerdings noch mehr Zeit. Von Julian von Bülow

20 Lebensjahre in rund vier Stunden Film: Mit "Lebensläufe. Geschichte der Kinder von Golzow in einzelnen Portraits" hat Regisseur Winfried Junge vor 40 Jahren Geschichte geschrieben und das Leben in der DDR für die Nachwelt festgehalten. Am 15. Januar 1982 lief der Film in den Kinos an.

Vom Buddelkasten rüber in die Schule

Mit den Dreharbeiten begonnen hatte Regisseur Winfried Junge im September 1961, nachdem ihm sein Lehrer Karl Gass vorgeschlagen hatte, eine Langzeitdokumentation mit Schülern zu machen. Junge entschied sich für Golzow, wo er einen Sandkasten gegenüber der Schule zum Ausgangspunkt nahm. "Das wird ihr Weg werden", so der Beschluss von Junge, "vom Buddelkasten zu Beginn des Films am Tag der Einschulung 'rüber in die Schule."

24 Kinder wurden in der 1a der Schule von Golzow eingeschult. Heute liegen von diesen 18 Porträts vor.

Der Film zeigt die Kinder während des Unterrichts, in den Pausen, bei der Zeugnisübergabe. Beispiel Marieluise: Als kleines Mädchen geht sie mit ihren Eltern jeden Sonntag zum Gottesdienst. Mit 16 tanzt sie lieber zu Rockmusik und nennt sich Mary oder Ise. "Der Name, den der traditionsbewusste Vater ihr gegeben hatte, hält nicht länger stand", bemerkt die Stimme aus dem Off.

Danach macht Marieluise eine Lehre als Laborantin beim Halbleiterwerk Frankfurt (Oder), sie heiratet. In nachfolgenden Filmen dokumentierte Junge, dass sie Kinder bekam und nach dem Mauerfall in den Westen zog.

Zuspruch und Kritik

Es gab viel Zuspruch für die Langzeitdokumentation, aber auch Kritik. "Wenn es darum ging, etwas Bestimmtes zu erfragen oder eine staatserhaltene Äußerung zu kriegen, habe ich vielleicht auch insistiert, bis sie merkten, worauf ich hinaus will", beschreibt Junge die Gespräche mit den Protagonisten. Er habe Antworten gebraucht, die man veröffentlichen und durch Zensur und Abnahme kriegen konnte. "Ich musste schon lenken."

Letztlich überwog aber das Lob für die Arbeit des Filmemachers. 20 Filme und 2.000 Stunden Filmmaterial entstanden – sie seien Dokumente der Zeitgeschichte, die immer wieder neue Zuschauer-Generationen anzögen, sagt Junge. Das habe ihn auch motiviert, die Langzeitdokumentation umzusetzen. "Wir waren ja elf Mal bei der Berlinale dabei. Wenn man so Bestätigung erfährt, dann macht man weiter." Hätte er gemerkt, dass die Filme nach dem Mauerfall keinen mehr interessieren, hätte er wohl aufgehört. "Aber es ist besser gelaufen, als ich je gedacht hätte", freut sich Winfried Junge.

Ende nach 46 Jahren

Sein Werk hat einen Eindruck hinterlassen: 1982 wird der Kinofilm auf der Berlinale und dem Internationalen Dokumentarfilmfestival in Leipzig ausgezeichnet. Das Guinness-Buch der Rekorde kürte "Die Kinder von Golzow" zur "längsten Langzeitbeobachtung der internationalen Filmgeschichte".

2008 erhielt die Grundschule in Golzow den Beinamen "Kinder von Golzow". Ein Jahr zuvor war der letzte Film über die Kinder von Golzow erschienen - 46 Jahre nach Start des Projekts.

Sendung: Antenne Brandenburg, Nachrichten, 15.01.2022

Mit Material von Tony Schönberg

Beitrag von Julian von Bülow

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