Prozessauftakt in Eberswalde (Barnim) - Eltern müssen sich wegen Vernachlässigung einer Fünfjährigen vor Gericht verantworten

Do 27.01.22 | 16:47 Uhr
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Das Amtsgericht in Eberswalde im Landkreis Barnim. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Nach mehreren Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung in einer Eberswalder Familie schritt 2019 das Jugendamt ein: Die Mitarbeiter fanden die jüngste Tochter stark vernachlässigt auf. Zu Prozessbeginn widersprechen sich die Aussagen der Verantwortlichen.

In Eberswalde (Barnim) muss sich ein Elternpaar vor dem Amtsgericht verantworten, weil es sein Kind über Jahre eingesperrt und vernachlässigt haben soll. Das damals fünf Jahre alte Kind wurde vor etwa zwei Jahren gerettet und trug sowohl körperliche als seelische Schäden davon.

Als die damals Fünfjährige vom Jugendamt aus der Familie geholt wurde, war sie der Anklage zufolge völlig unterernährt, hatte verfaulte Zähne und konnte nicht sprechen. Am Donnerstag hat der Prozess begonnen.

Vater spricht von normalem Familienleben

Die Eltern sagten direkt zu Beginn des Prozesses umfassend aus. Allerdings hätten die Aussagen wenig mit den Vorwürfen und den Akten des Jugendamtes, aus denen immer wieder zitiert wurde, zusammengepasst, berichteten rbb-Reporter im Anschluss.

Der 38-jährige Vater aus Eberswalde beschrieb seine Familie als normal. Das Paar hat gemeinsam zwei Kinder, die Mutter hat insgesamt fünf. Mit den drei jüngsten der Kinder lebten sie zusammen. Es habe einen geregelten Tagesablauf gegeben. Die jüngste Tochter soll bis zum Alter von vier Jahren ein unauffälliges Kind gewesen sein, so der Vater vor Gericht. Erst dann habe sie aggressives Verhalten gezeigt, sich nicht mehr anziehen lassen und wollte die Wohnung nicht verlassen.

Jugendamt schildert prekäre Zustände

In den Akten des Jugendamtes heißt es hingegen, dass die Mutter depressiv gewesen sei, teilweise nur im Bett gelegen und sich nicht um ihre Kinder gekümmert habe. Die Tochter sei teilweise nur unbekleidet durch die Wohnung gelaufen und konnte sich nur durch Laute verständigen.

Mehrere Hinweise auf Kindesgefährdung

Das Jugendamt habe innerhalb von zwei Jahren insgesamt drei Hinweise wegen Gefährdung des Kindeswohls zu der Familie erhalten. Dem sei das Amt auch nachgegangen. Allerdings wurde nicht entschieden, die Kinder aus der Familie zu nehmen. Dies geschah erst 2019 als ein Kinderarzt darauf aufmerksam machte, dass die Tochter nicht regelmäßig zu den Pflichtuntersuchungen für Kleinkinder gebracht wurde.

Zudem hätte sich dort herausgestellt, dass das Kind Autistin sei und dringend behandelt werden müsse. Bereits vor zwei Jahren räumte Barnim-Landrat Daniel Kurth (SPD) Versäumnisse des Jugendamtes ein.

Eltern wünschen sich Rückkehr aus Pflegeeinrichtung

Aktuell ist daas Mädchen sieben Jahre alt und wird in einer Einrichtung betreut und regelmäßig von ihren Eltern besucht. Nach deren Angaben hat sie dort inzwischen Fortschritte in der Entwicklung gemacht. Nach Aussage vom Donnerstag sieht das Paar ihr Kind in der Einrichtung gut aufgehoben, wünscht sich jedoch, dass ihre Tochter wieder bei ihnen leben kann. Gleiches gilt für die älteren Schwestern im Jugendalter, die ebenfalls nicht mehr in der Familie leben.

Sendung: Antenne Brandenburg, 27.01.2022, 16:10 Uhr

Mit Material von Dorett Kirmse

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