Interview | Viadrina-Studierende zu Ukraine-Konflikt - "Was gerade an der Grenze passiert, macht mir Angst"

Fr 28.01.22 | 12:22 Uhr
Studentin Hanna Herych (Quelle: rbb)
Bild: rbb

In der Ukraine droht der Einmarsch russischer Truppen. Davor fürchten sich auch viele in Brandenburg lebende Ukrainer, wie die 136 Studierende mit ukrainischen Würzeln an der Frankfurer Viadrina. Die Studentin Hanna Herych befürwortet Sanktionen gegen Russland und eine stärkere Rolle Deutschlands.

Die Lage in der Ukraine spitzt sich zu. Bis zu 100.000 russische Soldaten sollen entlang der ostukrainischen Grenze in Westrussland stationiert sein. Laut einer aktuellen Studie fürchtet ein Drittel der Ukrainer einen Einmarsch Russlands. Das beschäftigt auch die in Deutschland lebenden Ukrainer.

Hanna Herych ist eine von ihnen. Herych studiert an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder), wo sie ihren Master in "European Studies" absolviert. Die 26-Jährige stammt aus Raliwka, einem Dorf im Westen der Ukraine, ganz in der Nähe der polnischen Grenze. Die Studentin schaut mit analytischem Blick auf die schwierige Lage in ihrem Mutterland.

rbb|24: Seit acht Jahren herrscht im Osten der Ukraine Kriegszustand. Nun spitzt sich die Lage zu, es gibt erneut die Gefahr eines russischen Einmarschs. Wie empfinden Sie es?

Hanna Herych: Es ist eine komplizierte Situation. In den letzten Tagen fällt es mir schwer, die Nachrichten zu verfolgen, da gibt es so viele negative Artikel. Ich weiß nicht, was im Kopf von Putin alles passiert und welche Pläne er hat. Aber ich muss gestehen, dass die Situation meines Erachtens sehr gefährlich ist und dass die Gefahr auch von Tag zu Tag wächst. Aber es tröstet mich, dass viele Staaten wie die USA, Großbritannien, die baltischen Staaten oder unser Nachbar Polen uns tagtäglich unterstützen und uns Rüstung verschaffen.

Wie finden Sie die deutsche Position?

Ich bin natürlich enttäuscht von dem, was Deutschland in der letzten Zeit gezeigt hat. Das betrifft zum Beispiel die Äußerungen vom Marinechef Kay-Achim Schönbach, dass der Krim weg sei; oder die Äußerung von Söder, dass Russland kein Feind für Europa sei und wir keine härteren Sanktionen veranlassen sollten. Er ist auch gegen die Waffenlieferungen an die Ukraine.

Ich hoffe, dass sich doch in nächster Zeit etwas ändert. Wenn wir über die historische Verantwortung reden, dann gibt es Millionen Menschen in der Ukraine, die im Zweiten Weltkrieg genauso gelitten haben wie in anderen Teilen der Sowjetunion. Deutschland hat also auch eine Verantwortung für die Ukraine und nicht nur für Russland.

Bundesverteidigungsministerin Lamprecht hat Waffenlieferungen abgelehnt. Es werden lediglich 5.000 Helme geliefert. Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hat gefordert, dass Deutschland eine führende Rolle in der UN einnehmen soll. Wie könnte diese Rolle aussehen?

Erstens: Es ist wichtig, dass Deutschland die Ukraine unterstützt. Aber leider kann man sich mit Helmen nicht sehr gut verteidigen. Was wir brauchen, ist die harte Rüstung. Ich weiß, dass Deutschland prinzipiell gar nicht Waffen in Krisengebiete liefert. Aber wir brauchen sie nicht um anzugreifen, sondern um uns zu verteidigen.

Zweitens brauchen wir nicht nur wörtliche Unterstützung, sondern dass auch Worten Taten folgen. Ich finde die Idee des Botschafters Melnyk gut, dass die Sanktionen präventiv sein sollten und nicht erst dann kommen, wenn russische Truppen die ukrainische Grenze überqueren. Ich hoffe, dass die Außenpolitik von Russland irgendwann anders gestaltet wird. Aber jetzt brauchen wir die Rüstung – wenn nicht aus Deutschland, denn aus anderen Ländern.

Wieso könnten präventive Sanktionen helfen?

Putin glaubt, er sei allmächtig und die Außenwelt würde ihm alles verziehen. Aber Schritte wie der Rauswurf aus dem SWIFT-Zahlungssystem oder Sanktionen gegen große Unternehmen könnten die russische Wirtschaft beeinflussen, so dass Putin weiß, dass er so nicht weitermachen kann. Das wäre ein klares Signal von Europa und den USA.

Die ukrainische Politik bemüht sich gerade daran, die Partner um Hilfe zu bitten. Schafft man es, auf das Land aufmerksam zu machen?

Wir haben viel Aufmerksamkeit bekommen. Das ist wichtig, um Putin zu zeigen, dass wir die Unterstützung der Weltgemeinschaft haben. Wir haben auch eine gute Armee, die schon seit acht Jahren kämpft. Wir werden unser Land bis zum Ende verteidigen. Wir hören nicht auf und hoffen, dass wir gemeinsam mit unseren Partnern die Krise in der Ukraine bewältigen können.

Sie leben in Frankfurt (Oder), weit entfernt von der Ukraine. Doch wie geht es Ihnen, wenn Sie über den Konflikt nachdenken?

Ich bin in letzter Zeit sehr unruhig. Ich verfolge die Nachrichten mit großer Aufmerksamkeit, da sich jeden Tag was ändert. Oft ist es was Schlechtes. Aber mir ist wichtig zu wissen, was in meinem Heimatland passiert. Da sind meine Familie und viele Freunde von mir. Was gerade an der Grenze passiert, das macht mir Angst. Aber es gab gute Nachrichten, wie die Unterstützung von Großbritannien, den USA und anderen Partnern wie unseren Nachbarländern.

Und wie geht es Ihrer Familie und Ihren Bekannten vor Ort?

Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Schwester und meiner Mutter. Wir alle sind sehr beunruhigt, genau wie andere Menschen in der Ukraine. Ich hoffe nur, dass wir unseren klaren Kopf bewahren und dadurch gute Entscheidungen treffen. Der durchschnittliche Mensch in der Ukraine kann nicht sehr viel beeinflussen, trotzdem ist es wichtig, dass jeder von uns das Richtige tut. Putin will unser Land destabilisieren, daher müssen wir genau das Gegenteil tun, weiterkämpfen und hoffen, dass unser Land weiterhin souverän bleibt und hoffentlich bald friedlich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der vorliegende Text ist eine gekürzte und redigiert Fassung.

Das Interview führte Robert Schwaß für Antenne Brandenburg

Sendung: Brandenburg aktuell, 27.01.2022, 19:30 Uhr

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