Interview | Viadrina-Studierende zu Ukraine-Konflikt - "Ich kann nur den Nachrichten zuhören und meine Eltern mit Worten unterstützen"

Fr 28.01.22 | 12:22 Uhr
Svitlana Nikolaienko studiert an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine droht zu einem offenen Krieg zu werden. Davor fürchten sich auch viele Ukrainer in Brandenburg, etwa Svitlana Nikolaienko, Studentin an der Frankfurter Viadrina. Sie sorgt sich um ihre Familie in Charkiw.

Die Lage in der Ukraine spitzt sich zu. Bis zu 100.000 russische Soldaten sollen entlang der ostukrainischen Grenze in Westrussland stationiert sein. Laut einer aktuellen Studie fürchtet ein Drittel der Ukrainer einen Einmarsch Russlands. Das beschäftigt auch die in Deutschland lebenden Ukrainer.

Eine von ihnen ist Svitlana Nikolaienko. Die 21-Jährige studiert an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) und ist damit eine von insgesamt aktuell 136 Studierenden mit ukrainischen Wurzeln.

rbb|24: Frau Nikolaienko, aktuell droht eine weitere Eskalation mit Russland. Fürchten Sie einen Einmarsch?

Svitlana Nikolaienko: Es gibt das Problem eines Krieges zwischen Russland und der Ukraine seit acht Jahren. Es bleibt bei allen Leuten immer im Kopf, dass es im Land immer ein Problem gibt, wo die Menschen sterben. Das hindert den Alltag, das Studium oder die Zukunft im Land zu planen.

Als der Krieg angefangen hat, war das eine große Gefahr. Aber wir haben es geschafft, im Land zu bleiben. Und jetzt mit den Nachrichten aus Belarus und Russland, kommt es zur immer größerer Aufregung und Nervosität. Wir versuchen uns mit den Nachrichten auf dem Laufenden zu halten, aber das verhindert, dass wir ruhig bleiben. Wir haben immer die Hoffnung, dass alles in Ordnung kommen wird. Aber immer wieder kommen Nachrichten, dass Russland die Truppen für einen Einmarsch vorbereitet. Ich komme aus dem Osten und für meine Heimatstadt Charkiw ist das ein riesiges Problem. Man weiß nicht, was man erwarten kann und die Nachrichten die Wahrheit sagen. Ob wir uns entspannen und einfach weiterleben, so wie es vorher war.

Sie waren das letzte Mal im Dezember in Charkiw. Wie haben Sie die Lage in der Stadt gesehen und was denken Familie und Freunde?

Ich bin ständig in Kontakt mit meinen Freunden, Bekannten und Familie. Als ich dort war, gab es in der Gesellschaft noch keine Aufregung. Aber jetzt kommt es immer mehr mit den Nachrichten, dass es eine Verschärfung des Konfliktes geben wird. Ich habe mit meinen Eltern gesprochen und sie berichten, dass ihre Bekannten darüber sprechen. Aber man weiß nie, ob etwas passieren kann. Ich bin immer aufgeregt und fühle eine Ohnmacht. Ich kann nur den Nachrichten zuhören und meine Eltern mit Worten unterstützen. Ich weiß nicht, wie ich die Situation beeinflussen kann. Wir können in Charkiw nicht sicher sein.

Gibt es Menschen, die noch hoffen, dass es bei den Drohungen bleibt?

Die Mehrheit der Einwohner von Charkiw ist russischsprachig. Einige versuchen ukrainisch zu reden. Die Pro-Ukrainer unterstützen natürlich das Land und wollen den Frieden. Ich glaube, dass viele sehr patriotisch sind. Es gibt aber auch die Stimmungen, die sich nicht gegen Russland richten. Es gibt nicht die eine Stimmung. Der Einmarsch liegt in der Luft, aber man kann nicht begreifen, warum es passiert. Charkiw ist eine friedliche Universitätsstadt.

Viele Studierende an der Viadrina kommen aus der Ukraine und der ganzen Welt. Wie ist der Austausch?

Es freut mich immer, den Leuten zu erklären, wie die Situation dort wirklich ist, weil es zeigt, dass sich die Leute dafür interessieren. Ich glaube, das muss bekannter werden und besonders wir – die Ukrainer und ukrainischen Studenten – müssen uns mit den Leuten hier und aus anderen Kulturen dazu austauschen. Es ist eine Sache, wie es in den Nachrichten gezeigt wird, eine andere, wie die Menschen, die dort gelebt oder Familie haben, das empfinden.

Wie ist der Austausch mit den Studierenden aus den betroffenen Regionen?

Ich habe viel Bekannte aus Russland. Es freut mich, dass sie die ukrainische Seite und die demokratischen Stimmungen unterstützen. Sie betrachten den Konflikt als großes Problem und eine große Sache, die man aber nicht einseitig sehen kann. Sie sprechen sich gegen einen Krieg zwischen unseren Ländern aus. Der Konflikt soll nicht verstärkt, sondern beseitigt werden.

Deutschland hat sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen. Der Botschafter hat an die Bundesrepublik appelliert, seine Position noch einmal zu überdenken und eine führende Rolle in der EU einzunehmen. Wie schätzen Sie das ein?

Es ist eine große Freude, dass Deutschland an der Seite der Ukraine ist. Die Priorität wäre natürlich, den Konflikt zu beruhigen. In einer führenden Rolle könnte Deutschland versuchen, in den Verhandlungen zu entschärfen. Und was die Waffen angeht, dass, wenn es dazu kommt, wären Waffe auf jeden Fall eine Unterstützung. Wichtig wäre auch Unterstützung in den sozialen Medien. Es müsste die Situation objektiv beleuchtet werden. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Leute in Europa und in anderen Ländern wissen, wie sie wirklich ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Der vorliegende Text ist eine gekürzte und redigiert Fassung.

Das Interview führte Robert Schwaß für Antenne Brandenburg

Sendung: Antenne Brandenburg, 26.01.2022, 16:10 Uhr

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