Folgen der Corona-Pandemie - Fahrräder und Ersatzteile auch 2022 nur schwer zu bekommen

Di 15.02.22 | 14:06 Uhr | Von Tony Schönberg
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Breite Auswahl an Fahrrädern in einem Geschäft
Audio: Antenne Brandenburg | 15.02.2022 | Tony Schönberg | Bild: Tony Schönberg/rbb

Mehr Nachfrage, Verzögerungen in der Lieferkette - wer sich ein neues Fahrrad zulegen möchte, muss gegebenenfalls viel Geduld mitbringen. Aufgrund von Folgen der Pandemie, kann es auch zu größeren Preisschwankungen kommen.

Das Geschäft "Fahrrad Richter" in Frankfurt (Oder) scheint fast aus allen Nähten zu platzen. Dicht an dicht aufgereiht, stehen Alltags- und Trekkingräder, Mountain- und E-Bikes sowie Renn- und Sporträder. Selbst an den Wänden und von der Decke hängt die Auswahl an Gefährten. Doch der Anblick täuscht, erklärt Inhaber Ingo Richter.

Corona befeuert Rad-Käufe

Während der Verkaufsraum voll ist, seien die Lager hinten leer. Denn die Situation auf dem Fahrrad-Markt gestalte sich derzeit äußerst schwierig. "Die Verfügbarkeit ist bei fast allen Herstellern sehr gering. Es ist nicht so, dass es gar keine Fahrräder gibt. Aber ob man das Modell bekommt, was man sucht, weiß ich eher nicht."

Grund für die Engpässe sei unter anderem die Corona-Pandemie. In den vergangenen zwei Jahren seien viele Brandenburgerinnen und Brandenburger wegen unsicherer Pläne für Reisen ins Ausland stattdessen in Deutschland geblieben. Kaum Berge, weite Landschaften und eine gut ausgebaute Infrastruktur machen die Mark für Radler attraktiv. "Der ganze Freizeit- und Outdoorbereich hat davon profitiert", sagt Steffen Hirt, Besitzer von "Fahrrad Müller" in Beeskow (Oder-Spree). "Viele haben mehr Bewegung für sich entdeckt, lassen das Auto stehen und fahren auch lieber mit dem Rad zur Arbeit." Das hätte zu einem Boom bei den Radverkäufen geführt und Bestände dezimiert.

"Es fehlt vorne und hinten an allem"

Hinzu kommt ein weiteres Problem. Zwar seien laut Händler Ingo Richter etwa Rahmen für die Räder zu bekommen, da diese zum Teil auch in Deutschland und Europa produziert werden. Woran es aber fehlt, sei Zubehör. "Ob es Ketten, Zahnkränze, Bremsen, Schaltheben oder sogar Reifen sind, es fehlt vorne und hinten an allem." Darüber beklagten sich derzeit fast alle Händler. Alles, was an Teilen verfügbar war, hätten Richter und seine Mitarbeiter den Winter über zusammengeschraubt und jetzt ausgestellt.

Verlässliche Nachlieferungen seien nicht zu erwarten. Das liege unter anderem an der Abhängigkeit von globalen Lieferketten. "Es kommt quasi kein Teil mehr aus Deutschland. Die kommen alle aus Zuliefer-Ländern im asiatischen Raum, und dort haben wegen Corona viele Werke stillgestanden." Das bestätigen auch mehrere Fahrrad-Läden in Berlin. Ein Geschäft berichtet, dass eines der Werke von Marktführer Shimano in Südost-Asien für ganze sechs Wochen nicht produzieren konnte. Dadurch fehlten weltweit Scheibenbremsen in Millionenhöhe. Aber auch Akkus für E-Bikes etwa von Bosch, seien derzeit kaum bis gar nicht zu bekommen.

Das spüren dann auch Geschäfte, wie das vom Beeskower Händler Steffen Hirt: "Wenn da ein Teil fehlt, haben wir schon ein Problem. Denn dann geht die ganze Montage schon nicht mehr. Dann kann man Termine nicht einhalten oder muss Zugesagtes sogar canceln."

Radkauf oft nur mit langen Wartezeiten

Denjenigen, die mit dem Gedanken spielen, sich in diesem Jahr ein neues Rad zuzulegen, raten sowohl Hirt als auch Richter, mit dem Kauf nicht erst bis zum Saisonstart im Frühjahr zu warten. "Interessenten sollten sich bei ihrem Händler darüber beraten lassen, was sie möchten", so der Frankfurter. "Der kann dann auflisten, was zu haben ist oder er bestellen kann. Aber bestellen kann sehr lange dauern."

Besonders bei individuellen Wünschen, die über Räder von der Stange hinaus gehen, beliefen sich Wartezeiten auf sechs bis zwölf Monate. Einige Modelle zum Beispiel vom deutschen Hersteller VSF Fahrradmanufaktur für höherklassige Reiseräder werden von vielen Fachhändlern in Berlin und Brandenburg für 2022 nicht mehr gelistet. Falls diese nicht schon vorab bestellt wurden oder noch vorrätig sind, seien Lieferungen vor der Hauptsaison im Sommer unwahrscheinlich.

Preisschwankungen bis zu 300 Euro möglich

Kundinnen und Kunden müssten also auf der Suche nach bestimmten Rädern selbst entsprechende Markenhändler kontaktieren oder eventuell auch bereit sein, Abstriche oder Kompromisse zu machen. Das ergab eine Nachfrage vom rbb. Zudem geben einige Händler, wie etwa bei der Marke "Tout Terrain" schon jetzt bei Bestellungen keine Garantie mehr, dass Liefertermine oder gar der vereinbarte Preis gehalten werden können. So seinen Schwankungen von bis zu 300 Euro möglich. Auch allgemein ist der Preis für Räder in der Pandemie angestiegen, sagt Ingo Richter. "Je nach Händler oder den Teilen, ist es etwas unterschiedlich. Aber auf jeden Fall ist es teurer geworden – deutlich teurer."

Neben dem Kauf sollten sich auch Rad-Besitzer in Sachen Service und Wartungen in diesem Jahr schon früh um Termine kümmern, um noch die nötigen Ersatzteile zu bekommen. Mit einer Entspannung auf dem Fahrrad-Markt rechnet Steffen Hirt frühestens im kommenden Jahr. Realistischer sei aber wohl erst 2024.

Sendung: Antenne Brandenburg, 15.02.2022, 16:10 Uhr

Beitrag von Tony Schönberg

12 Kommentare

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  1. 12.

    Teilweise haben Sie natürlich recht: Mit hochwertigen Rädern hat man viel länger viel mehr Spaß - dasselbe gilt für Textilien, Möbel, Werkzeuge, Elektronik... Aber wie auch Andere hier schon geschrieben haben: Man muss beim Fahrrad unterscheiden zwischen Dauerkomponenten (Rahmen, Lichtanlage usw) und Verschleißteilen (Kette, Ritzel, Bremsbeläge...). Und letztere müssen bei Leuten, deren Rad nicht nur in der Vitrine steht, oft getauscht werden. Eine Aufarbeitung dieser Teile nach Verschleiß scheint mir kaum möglich. Da ist Einschmelzen und neu Formen dann schon die bessere Wahl. Schade eben, dass das kaum noch in D und nicht mal mehr in der EU passiert.

  2. 11.

    Es ist wie mit Kleidung und anderen Utensilien .... Pure Verschwendung an Ressourcen. Warum wird nicht repariert? W<rde dies anständig geschehen müssten keine neuen Räder mehr gefertigt werden. Aber Hauptsache billig und alle zwei Jahre ein neues Rad.

  3. 10.

    Oh, wie heißt denn diese Kette? Bei mir opfere ich die Kette nach der Hälfte der Laufleistung... wenn man das Ritzel schont. Oder man tauscht beides...Aber Ritzel nach 2 Ketten ist besser.
    Je mehr Kraft im E-Bike oder sogar im Lastenrad übertragen wird, um so mehr steigt der ET-Bedarf weiter an..., was zur Nachhaltigkeitsfrage führt: Können wir uns das noch leisten und der Flächenverbrauch erst... im Hausflur...beim Trend zum Drittrad...und erst das Unfallrisiko mit unangeschnallten Kindern :-(...und die "Raserei" erst...aber wir kommen vom Thema ab, obwohl es einen irgendwie bekannt vorkommt...

  4. 9.

    Bei nur einer Kette in 15 Jahren sind Sie wirklich nicht viel gefahren. Mein Fahrrad ist von 1993 und ich fahre in guten Jahren auch mal 6000 km, da reicht die Kette nicht für ein Jahr.

    Aber das ist ein ganz normales Verhalten, man will sich gut fühlen und dann schreibt man so etwas. Geht mir persönlich nicht anders.

  5. 8.

    Wenn ich so wenig fahren würde, wie Sie offensichtlich, dann würde ich mein Rad auch für den sensationell geringen Verschleiß und seine Qualität rühmen :).

    Aber als Vielfahrer komme ich mit meinem nicht störanfälligen High-tech-Fahrrad eigentlich sehr gut zu Recht, es macht großen Spaß. Weiß also nicht so recht, auf wen Sie sich bei Ihrem Rundumschlag beziehen.

    Aber in jedem Fall: Gute Fahrt und viel Spaß die nächsten 15 Jahre mit Ihrer Kette!

  6. 7.

    200km Jahresleistung oder so? Nie im Winter mit Streusalz gefahren? Für viele Menschen ist das Fahrrad leider kein Spielzeug sondern sie brauchen es um täglich zur Arbeit zu pendeln. Bei mir kommen rund 150km die Woche zusammen, auch im Winter. Da halten auch hochwertige Ketten höchstens zwei Jahre durch.

  7. 6.

    Ja, da wurde Qualität noch gross geschrieben. Heutige Schweißnähte sehen manchmal aus wie überlackierte Erdnussflips und gemuffte Rahmen sind auch selten oder kosten solo schon soviel wie ein Durchschnittsdrahtesel. Leichtbau wohin man sieht.

  8. 5.

    Nach meinem Eindruck hat die Wirtschaft das in allen Bereichen ganz allein so entschieden. Die Politik hat höchstens unterstützt. Antrieb war natürlich der unbedingte Wunsch nach Gewinnmaximierung. Eine zeitlang wurde wenigstens noch das Engineering in Deutschland betrieben, aber selbst das können die Chinesen inzwischen meist besser. Ich hatte in Firmen zu tun, die weitgehend mit chinesischen Sondermaschinen ausgestattet sind. - Na ja, immerhin wird noch Brandenburger Schweinefleisch nach China vertickt. Vermutlich haben wir's mit unseren Geiz-ist-Geil-Mentalität aber auch nicht besser verdient als zum Agrar-Exporteur zu werden. Genug Schrotträder, die wir uns dann aufmöbeln können, stehen ja immerhin noch an allen Ecken rum. Vielleicht lernen wir die dann wieder mehr zu schätzen.

  9. 4.

    500.000 Einträge zum Thema Fahrrad. Es muss nicht immer ein neues Bike sein. Offenbar sind viele einfach zu wählerisch und wissen nicht wohin mit ihrem Geld.

  10. 3.

    Und im Gegenzug werden die Politiker kritisiert, die sich dafür einsetzen, dass höherwertige Produkte jenseits der Kiefer in Brandenburg produziert werden anstelle aus China importiert zu werden.

    Beim Fahrrad gehört man hierzulande dabei schon mit 150 Mitarbeitern zu den Industrieriesen in der Fahrradbranche.

  11. 2.

    Na Gott sei Dank, dass ich ein älteres Modell eines Fahrrades habe, welches nicht so störanfällig ist wie die Hightech- Modelle, welche heute für teures Geld verkauft werden. In 15 Jahren nur mal Kette und Reifen gewechselt.

  12. 1.

    Die Ersatzteilsituation ist für mich Ausdruck eine völlig verfehlten Wirtschaftspolitik. Alles was nicht lukrativ war und ist, wird nach Asien verlagert. Damit sind wir aber sehr abhängig , auch von den Launen der Chinesen und trotzdem blasen sich unsere Politiker auf und versuchen China Vorschriften zu machen.

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