Interview| Ukraine-Experte der Uni Potsdam - "Es geht Russland darum, die westlichen Demokratien so maximal wie möglich zu schwächen"

Di 15.02.22 | 13:07 Uhr | Von Tony Schönberg
Auf diesem vom Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums zur Verfügung gestellten Foto rollen russische Panzer, während militärischer Übungen in der Region Leningrad, über das Feld. (Quelle: dpa/Russian Defense Ministry Press S)
Audio: Antenne Brandenburg | 15.02.2022 | Ukrainist Alexander Wöll | Bild: dpa/Russian Defense Ministry Press S

Der Professor für Osteuropa-Studien an der Uni Potsdam, Alexander Wöll, kritisiert das Vorgehen Russlands im Ukraine-Konflikt scharf. Der Westen müsse konsequent und geschlossen gegen Putin vorgehen und demokratische Kräfte fördern.

Seit Wochen verlegt Russlands Präsident Wladimir Putin tausende Soldaten und Material an die Grenze zur Ukraine. Der Konflikt droht zu eskalieren. US-Geheimdienste warnen vor einem russischen Angriff noch in dieser Woche. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) reiste am Dienstag nach Moskau. Zwar kündigte Russland am Dienstag an, Soldaten teilweise abziehen zu wollen. Doch die Spannungen bleiben.

Auch Alexander Wöll, Ukraine-Experte an der Universität Potsdam, ehemaliger Präsident der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und Vorsitzender der Deutschen Assoziation der Ukrainisten, beobachtet die Situation mit Sorge. rbb|24 hat mit ihm gesprochen.

rbb|24: Herr Wöll, wie bewerten Sie die Lage im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine?

Alexander Wöll: Ich fühle mich an 1938 zurückerinnert – und zwar das Münchner Abkommen. Nach dem ersten Weltkrieg gab es eine neue Ordnung in Europa, und dann kam einer, der plötzlich alles ordnen wollte als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Jetzt ist die Sowjetunion nach dem Putsch gegen Gorbatschow ohne Krieg im eigentlichen Sinne zusammengebrochen. Aber es kommt jetzt eben wieder einer, der alles umordnen will. Natürlich gruselt es einem, denn das ist seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf dieser internationalen Bühne von einer der wirklichen Weltmächte nicht mehr passiert. Das ist ziemlich einzigartig und beunruhigend.

Alexander Wöll (Quelle: dpa/Ralf Hirschberger)Ukrainist und ehemaliger Viadrina-Präsident Alexander Wöll

Wie angespannt ist denn die Lage?

Es geht Russland insgesamt darum, die westlichen Demokratien so maximal wie möglich zu schwächen. Das sind Herausforderungen, um mal zu schauen, wie schwach die Demokratien wirklich schon sind. Ich glaube an unsere Demokratien und denke, wenn wir das jetzt geschickt machen, wird die russische Regierung genau das Gegenteil erreichen, nämlich die Demokraten und Demokratien zusammenbringen. Der Zustand bei uns ist ja nicht so richtig gut. Aber es deutet sich ja an, dass in der Not auch Rettung kommt. Und das ist an der Sache noch doch einzig positive Aspekt.

Erwarten Sie einen Einmarsch Russlands und tatsächliche Kampfhandlungen?

Das kann niemand sagen. Ich würde eher nicht davon ausgehen, aber das weiß kein Mensch. Es geht jetzt in erster Linie darum - nicht wie in diesem Münchener Abkommen - Zugeständnisse zu machen. Ob das ein großer Bluff ist, kann in letzter Konsequenz keiner einschätzen.

Welche Erwartungen haben Sie an Olaf Scholz?

Schwierig zu sagen. Deutschland hat seine fast längste Friedensphase in der gesamten Geschichte. Und natürlich haben wir diesen Frieden dadurch, dass wir uns aus kriegerischen Konflikten traditionell nach dem Zweiten Weltkrieg heraushalten. Das geht bis zu einem bestimmten Grat. Bislang funktioniert es. Ich finde das erstklassig gut, dass jetzt die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland - die zentralen Mächte auf der einen Seite, mit Russland und China im Hintergrund diesen Dialog führen. Aber ich als Nicht-Diplomat weiß ich auch nicht, wie der konkrete Stand hinter den Kulissen ist.

Wie sollten sich Deutschland und die EU verhalten?

Aus den Lehren von 1938 heraus glaube ich, dass wirklich nur eine Haltung der Stärke, der Gemeinsamkeit und des entschiedenen Androhens von dramatischen Konsequenzen diesen Krieg verhindern kann. Soweit ich es erkennen kann, kommen jetzt Frankreich, die USA, Großbritannien und Deutschland zu dieser Position zusammen. Das dauert sehr lange, aber es geht für mich schon in die richtige Richtung.

Wie stehen Sie zur Lieferung von Waffen und Truppen?

Aufgrund der historischen Situation Deutschlands ist diese Frage kaum zu beantworten. Wenn Russland tatsächlich einen souveränen Staat angreift, der mit dem Budapester Memorandum 1991 unabhängig geworden ist und Recht auf freie Souveränität hat, dann sind wir in der Situation wie 1938. Dann sollte Deutschland keine Alleingänge machen. Das war historisch immer schlecht. Aber wenn es denn wirklich eine Konfrontation zwischen den liberalen Demokratien und den autokraten Diktaturen – da sind Russland und China momentan in einem Verbund, der ohne uns sofort wieder zerbrechen würde, wenn die Demokratien besiegt werden – müsste der Westen eine gemeinsame Antwort finden.

Was hören Sie von den Ukrainerinnen und Ukrainern in Deutschland?

An der Viadrina haben wir einen Ukraine-Schwerpunkt. Wir hatten und haben großartige Studierende. Die sind absolut Europa-begeistert, brillant ausgebildet und wissen genau, was sie wollen. Sie wollen westliche Freiheiten, den Wohlstand und Demokratie. Die sind so überzeugte und glühende Europäer, wie man sie bei uns ja kaum mehr findet. Genau diese Menschen müssen wir unterstützen, weil wir in der Welt für liberale Demokratie stehen, die in letzter Konsequenz den Frieden bisher für uns und Europa gesichert hat.

Wie nehmen Sie denn die Stimmung in der Ukraine selbst wahr?

Das Erstaunliche ist, dass alle immer sagen, wir liegen seit Jahren im Krieg. Die, die ich kenne, sind alle sehr ruhig und gefasst. Ein paar Freunde von mir haben ihre Familie und Kinder zu den Verwandten in den Karpaten geschickt. Wenn eines von all meinen Gesprächen ganz sicher ist, wenn jetzt wirklich ein Krieg entsteht, würde in der Ukraine jeder von ihnen jeden Quadratmeter verteidigen. Da würden sich der Kreml und die russische Regierung etwas vormachen, wenn sie denken, es würde alles implodieren. Bei allen, die ich kenne, würde das ganz sicher nicht passieren. Aber die sind alle so ruhig und entspannt, dass ich mich enorm wundere. Aber sie liegen halt seit 2014 im Krieg und für sie ist das Alltag.

Jetzt ziehen viele westliche Mächte ihr Personal aus der Ukraine ab. Die Bundesregierung hat eine Reisewarnung herausgegeben. Ist das ein falsches Zeichen?

Ich glaube, dass die USA mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, diesen Krieg zu verhindern. Ich schätze das ist Teil der Strategie. Da potentiell nicht der Krieg das Ziel Russlands ist, sondern eine Schwächung des Westens und das Maximum an Zugeständnissen und Kompromissen, ist diese Provokation eines Krieges wahrscheinlich genau die Strategie ihn zu verhindern. Das ist völlig paradox. Aber das ist schon höhere diplomatische Logik.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine gekürzte und redigierte Fassung.

Das Interview führte Tony Schönberg für Antenne Brandenburg

Sendung: Antenne Brandenburg, 15.02.2022, 10:30 Uhr

Beitrag von Tony Schönberg

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