Der etwas andere Freiwilligendienst - Brandenburger Heimatschützer üben in Herzberg für den Ernstfall

Do 07.04.22 | 11:44 Uhr | Von Franz Paul Helms
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Reservisten des Heimatschutzes beim Training auf dem Truppenübungsplatzder Bundeswehr in der Annaburger Heide
Sendung: Antenne Brandenburg | 07.04.2022 | Franz Paul Helms | Bild: Landeskommando Brandenburg Informationsarbeit

Seit dem Krieg in der Ukraine stellen sich viele die Frage: Wer schützt Deutschland im Ernstfall? In Brandenburg sind es auch Schlosser, Polizisten oder Physiotherapeuten, die sich freiwillig im Heimatschutz engagieren. Von Franz Paul Helms

Es ist kalt auf dem Truppenübungsplatz der Bundeswehr in der Annaburger Heide in der Nähe von Herzberg (Elbe-Elster). Eine kleine Gruppe von Männern in Uniform steht um einen Munitionswagen verteilt. Manche von ihnen wärmen sich die Hände an einem Becher Kaffee. Einige Soldaten sind jung und durchtrainiert, bei anderen lässt sich ein kleiner Bauch unter der straffen Kevlar-Weste ausmachen. Die Stimmung ist gut: Es werden Zigaretten geraucht und gescherzt. Dann tragen zwei der Männer ihre schweren G-36 Gewehre auf die Schießbahn. Sie legen an, zielen, warten bis der Ausbilder den Befehl gibt - dann schallen Schüsse über die Heide.

Reservisten sollen kritische Infrastruktur schützen

Eine Woche lang trainieren hier 40 Soldatinnen und Soldaten der sogenannten Heimatschutzkompanie Brandenburg für den Ernstfall. Sie alle sind Reservistinnen und Reservisten - also Ehemalige der Bundeswehr, die sich nach ihrem Dienst für die Reserve gemeldet haben. "Die Kompanie besteht insgesamt aus 180 Reservisten", sagt Henning Hoffmann, Oberleutnant der Reserve und stellvertretender Kompaniechef. Er steht mit einem Funkgerät am Rande des Geschehens und koordiniert die Übung. "Der Heimatschutz hat den Auftrag kritische Infrastruktur zu sichern und im Katastrophenfall Hilfe zu leisten." Kritische Infrastruktur, das bezeichnet im Jargon der Bundeswehr zum Beispiel Schulen, Straßen, Krankenhäuser oder die Stromversorgung.

So entspannt wie auf dem Schießplatz geht es in der Kompanie nicht immer zu. Beim "Winterbiwak" durchlaufen die Reservistinnen und Reservisten eine Wachausbildung bei der auch mal nachts im Freien geschlafen wird. Während der Corona-Pandemie waren viele Heimatschützer zudem in Impfzentren oder Gesundheitsämtern im Einsatz. "Damit halten wir der aktiven Truppe den Rücken frei", so Oberleutnant Hoffmann.

Aufbau des Heimatschutzes seit 2011

Nach der Neuausrichtung der Bundeswehr 2011 ist der Heimatschutz erst seit kurzem wieder fester Bestandteil der Truppe. Letztes Jahr rief die ehemalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sogenannten Heimatschutzkompanien und einen neuen "Freiwilligendienst" ins Leben. 30 Kompanien gibt es heute in ganz Deutschland - eine davon in Brandenburg. Die Begriffswahl ist nicht unumstritten: die Linke bemängelte im Bundestag, dass der Begriff "belastet" sei und auch durch Neonazi-Gruppierungen benutzt würde [www.die-linke.de]. Kramp-Karrenbauer argumentierte hingegen, dass damit die "Heimat zurück in die demokratisch Mitte" geholt werde [www.deutschlandfunk.de]. Bis 2025 soll der Heimatschutz jedenfalls in fünf bundesweiten Regimentern gebündelt werden.

Engagement nach der Dienstzeit

"Der regionale Bezug beim Heimatschutz ist mir sehr wichtig gewesen", sagt Stefan Wesche aus Müncheberg (Märkisch-Oderland), Stabsfeldwebel und Gruppenführer in der Heimatschutzkompanie. Wesche ist groß - sehr groß. Er steht in Uniform, mit Helm, Sturmhaube und Schutzbrille bekleidet am Schießstand und hält sein Gewehr in der Hand. Auf seinem Helm und an seinen Schulterpolstern klebt ein freundlich-lächelnder Waschbär-Aufnäher: sein Glücksbringer, verrät er schmunzelnd. Wesche war als 20-jähriger in Mazedonien im Auslandseinsatz, hat insgesamt zwölf Jahre als Zeitsoldat gedient. Nach seiner Zeit in der Truppe wollte er sich weiter in der Reserve engagieren, dafür aber nicht mehr durch das ganze Land fahren müssen.

Grundsätzlich sind alle Tätigkeiten im Heimatschutz freiwillig und werden mit den Arbeitgebern abgestimmt. Für die Teilnahme an Übungen oder Hilfsdiensten erhalten die Reservistinnen und Reservisten eine Vergütung. "Es gibt viele Möglichkeiten, um sich beim Heimatschutz zu engagieren", erklärt Oberstleutnant Hoffmann. Bewerben kann man sich als Reservist, Quereinsteiger oder seit letztem Jahr auch über den "Freiwilligendienst". Insgesamt gibt es zehn Übungen am Wochenende und fünf einwöchige Lehrgänge über das Jahr verteilt. Dazu kommen Hilfsdienste.

Von der neurologischen Station auf den Schießstand

Viele Bewerberinnen und Bewerber kommen über Mund zu Mund Propaganda zur Kompanie. So auch Marco aus Eberswalde (Barnim). Eigentlich ist der 43-jährige Physiotherapeut auf einer neurologischen Station. Über einen Arbeitskollegen kam er zum Heimatschutz. Er steht etwas zurückhaltend auf einem Sandhügel, kommt gerade von der Schießbahn. Warum er seine Wochenenden auf dem Truppenübungsplatz verbringt: "Man kommt mal raus und ist kurz weg von den Verantwortlichkeiten, die man sonst so hat." Bei seiner Arbeit streitet Marco sich auch mal mit Kollegen, die sein Engagement in der Bundeswehr nicht verstehen: "Ich denke, wenn wir keine Soldaten haben, können wir uns gar nicht verteidigen", sagt er.

Reservisten des Heimatschutzes beim Training auf dem Truppenübungsplatzder Bundeswehr in der Annaburger Heide
Bild: Landeskommando Brandenburg Informationsarbeit

Wie Marco und Stefan Wesche haben fast alle beim Heimatschutz Brandenburg noch zivile Berufe: bei der Polizei, im Handwerk, es sind Selbstständige darunter oder promovierte Historiker. Viele junge Menschen aus dem neuen Freiwilligen Dienst oder auch weibliche Soldatinnen sind beim Training am Wochenende allerdings nicht auf dem Truppenübungsplatz zu sehen.

Ukraine-Krieg hat vorerst keine Bedeutung für Heimatschutz

Während die Soldaten ihre Schießübungen absolvieren, erreichen Deutschland die Bilder der mutmaßlich von russischen Truppen ermordeten Menschen in Butscha, bei Kiew. Der Krieg in Europa und seine Schrecken scheint hier niemanden so wirklich überrascht zu haben. Viele der Soldaten vom Heimatschutz waren, wie Stefan Wesche, selbst im Einsatz im Kosovo, Mazedonien oder in Afghanistan. Trotzdem zeigen sich manche Soldaten berührt von den Ereignissen: "Das ist ein gewisser Wendepunkt im Kopf. Die Ukraine ist näher dran als vielleicht Mali oder Afghanistan. Das geht mir manchmal schon nahe", sagt Oberleutnant Hoffmann.

In Brandenburg gerät die Bundeswehr durch den Krieg in Bewegung: Truppenteile werden verlegt, am Übungsplatz Lehnin wurde ein logistisches Zentrum eingerichtet. Für den Heimatschutz hat der Krieg vorerst allerdings keine Bedeutung: das Programm bleibt wie gewohnt, die Übungen gehören zur Routine. Laut Oberleutnant Hoffmann hätten sich auch nicht deutlich mehr Menschen bei der Kompanie gemeldet als sonst.

Auch der Heimatschutz beklagt Materialmangel: es fehle an Nachtsichtgeräten und Gewehren. Trotzdem ist die Motivation hoch. Marco aus Eberswalde jedenfalls will noch eine ganze Weile mit dabei sein: "Solange wie mein Körper mitmacht, mache ich auch mit."

Sendung: Antenne Brandenburg, 07.04.2022, 14:10 Uhr

Beitrag von Franz Paul Helms

30 Kommentare

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  1. 30.

    Sie haben einfach Recht.

    Wir geben jetzt lieber viele Milliarden für Rüstung aus und sparen uns bei der Bildung zu Tode (genau genommen sprichwörtlich). O.K. Bundeswehr erneuern auf Minimalkurs ohne teure Berater wäre m.E. noch denkbar.

    Aber, es scheint ganz einfach zu sein; Mit Blöden kann man besser in einen Krieg ziehen, weil:
    Während die Intelligenten noch grübeln, stürmen die Doofen schon längst die Festung.

    So, liebe Reservisten, sollte ich einem von Euch zu nahe gekommen sein, so war es gewollt.

  2. 29.

    Gewehre haben nur einen Gewehrschaft mit Abzug und keinen Handgriff mit Abzug wie bei einer Pistole. Im Prinzip sind moderne Waffen alles MPi's.

  3. 28.

    Natürlich wäre es toll, wenn der Spruch "Frieden schaffen ohne Waffen!" tatsächlich funktionieren würde. Ist aber leider nicht so, denn trotz Abrüstung haben wir Krieg in Europa.
    Somit ist es nicht verkehrt, zum einen die Bundeswehr so auszustatten, dass sie nicht mit Wattebällen nach der gegnerischen Kriegspartei werfen müssen und zum anderen mit Hilfe der ReservistInnen die heimatliche Infrastrukturen zu schützen.
    Im übrigen ist es traurig, dass der Begriff "Heimatschutz" als belastet angesehen wird. Deutschland ist nunmal unsere Heimat und die sollte geschützt werden.

  4. 27.

    Die allgemeine Wehroflicht muss dringend wieder eingeführt werden, damit auch due ewig gestrigen den Unterschied zwischen der DDR und der Bundesrepublik von ihren Enkeln erklärt bekommen können. Die politische Bildung von damals wirkt bis heute nach. Kein Wunder, dass es bisher nur wenige Ostdeutsche in Führungspositionen geschafft haben.

  5. 26.

    Da fällt mir die freiwillige Polizeireserve im kalten Krieg in West-Berlin ein. Als ich "Nein" sagte und noch das Wort "Volkssturm " fallen ließ, wäre ich beinahe meinen Job im ÖD los gewesen. Da war es mit der freien Meinungsäußerung vorbei. Da half mir auch mein Status als ehem.pol. Häftling nichts. Ich war Kommunist.- Solange der Reichskriegerbund nicht wieder aufwacht sollen sie marschieren, wenn es ihnen Spaß macht.

  6. 25.

    Sie können sich ja in der aktuellen Berichterstattung über die Ukraine informieren, wie so ein Schützenloch überhaupt aussieht. Man hat zu lange zu wenig und das auch noch an der falschen Stelle in die Landesverteidigung investiert. Die deutsche Geschichte lehrt, dass man energisch gegen Tyrannen vorgehen muss und sei es eben auch, weil die einen Angriffskrieg als legitimes Mittel der Politik halten.

  7. 24.

    Zu DDR-Zeiten gab es für die Jugend die GST und für die ab 18 Jährigen die Kampfgruppe und dann war da noch der Zivilschutz der auch irgendwie in seiner Befehlshierarchie auch ziemlich ans Militär erinnerte.
    Ich kann diesem "Soldaten spielen" nichts abgewinnen weder heute und erst recht nicht damals.
    Wir brauchen eine gut ausgerüstete und ausgebildete Armee und keine kleinen Sheriffs die in der Heide Cowboy und Indianer spielen.
    Auch sollte dem THW mehr an Beachtung und Gelder zukommen, denn die leisten eine wirklich gute Arbeit und das nicht nur in Deutschland.
    Wer sich unbedingt austoben möchte kann ja auch Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr werden.
    Krieg spielen ist meiner Meinung nach das Dümmste was es gibt, überlasst sowas lieber den Profis.

  8. 23.

    "Dank der Pazifisten steht die Bundeswehr ziemlich blank da und kann der Ukraine nicht mti Verteidigungswaffen helfen."

    Ich wußte gar nicht, dass im BAAINBw ausschließlich Pazifisten sitzen. Man sollte erst den Filz und Korruption beseitigen bevor man der BW weiteres Geld hinterherwirft.

    "Linke Laberrunden haben erst zu diesem Krieg geführt, den Putin vor allem wegen der Tapferkeit der Ukrainer noch nicht gewonnen hat."

    Was für ein Quatsch! Es waren in erster Linie die Wirtschaftsverbände und deren Parteien, die einträgliche Geschäfte mit Putin machen wollten. Die paar Steinzeitkommunisten der Linken hatten überhaupt keinen Einfluß. Wer saß denn im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium?

  9. 22.

    Guter Artikel aber das G36 ist kein schweres Gewehr. Bei einem MG3 mag das zutreffen aber nicht beim G36 mit dem kleinen Kaliber

  10. 21.

    Also Pazifisten haben keinen Anteil daran, das Flugzeuge nicht fliegen, Schiffe nicht schwimmen und Gewehre nicht geradeaus schießen. Was jetzt am Natodoppelbeschluss so toll gewesen sein soll, erschließt sich mir auch nicht. Ich kann auch keinen Sinn drin sehen, das ich als Zivilistin die Strukturen der Bundeswehr kennen muss. Mich graust auch nicht vor der Wattebausch-Fraktion - eher vor den kalten Kriegern, die immer noch in den alten Schützenlöchern hocken, ihren veralteten Ansichten nachhängen und dies offensichtlich auch noch toll finden.

  11. 20.

    "oder auch weibliche Soldatinnen sind beim Training am Wochenende allerdings nicht auf dem Truppenübungsplatz zu sehen" - Wie viele sind es oder/und wie ist das Verhältnis genau? 50:50?

    P.S. Diese (beabsichtigte?) ungenaue Art der Formulierungen "gewisser Kreise" lässt vermuten: gar keine, nicht eine Einzige...

  12. 19.

    Hui! Der Brandenburger kann sich außerhalb der Faschingszeit wieder verkleiden und in Uniform rumlaufen!
    Im Bericht fehlt noch die Erwähnung des knisternden Lagerfeuers und dem Ruf des Käuzchens im Morgennebel. Danach gab es bestimmt noch eine Suppe aus der Gulaschkanone.

  13. 18.

    Das ist schon bemerkenswert das es solche Hobby Soldaten gibt, man staunt immer wieder.
    Was ich mich frage ist wie man auf solch ein Schmarn kommt haben die nichts besseres in ihrer Freizeit zutun?

  14. 17.

    Sie können gerne nach Moskau fahren und Putin für sich gewinnen. Dank der Pazifisten steht die Bundeswehr ziemlich blank da und kann der Ukraine nicht mti Verteidigungswaffen helfen. Die Friedensdividende war schon vor Jahren aufgebraucht. Dabei hat der NATO-Doppelbeschluß gezeigt, dass man Aggressoren wirkungsvoll begegnen muss. Linke Laberrunden haben erst zu diesem Krieg geführt, den Putin vor allem wegen der Tapferkeit der Ukrainer noch nicht gewonnen hat. Mit graust vor der Wattebausch-Fraktion.

    Traurig, dass 30 Jahre nach der Wende viele auch noch nicht die Struktur der Bundeswehr kennen und in alten Bahnen denken.

  15. 16.

    Das stimmt. Nach der wende verteufelt, wird die kampfgruppe neu erfunden. Ein altes kind bekommt einen neuen namen. Wie so oft. Also kann ja nicht alles soooo schlecht gewesen sein.

  16. 15.

    Also Zivilisten, die freiwillig Uniform anziehen sind mir sogar beim Karneval verdächtig.

    vor 89 gab's die Kampfgruppen, und zu Kriegsschluss .....

    Hört auf mit dem Mist und überlegt mal wenigstens, wie der Frieden wiederhergestellt werden kann. Das ist viel effizienter, als Schießübungen.
    Krieg gewinnt man, wenn man die Menschen gewinnt. Waffen nutzen wenig. Das hab ich aus dem Untergang der DDR gelernt.

  17. 14.

    Das ist gut. Damit ist Putin sicher ausreichend abgeschreckt. Insbesondere schwere G36 helfen. Das ist nämlich eine leichte Infanteriewaffe. Aber der Redakteur hat sicher ausführlich recherchiert.

  18. 13.

    Durchaus bin ich den Personen dankbar. Strenge Pazifisten würden schließlich auch Niemanden effektiv verteidigen.
    Trotzdem wird man ja noch hoffen dürfen.
    In diesem Sinne: "wenn wir alle Englein wären" dann wär die Welt nochmal so schön.

  19. 12.

    "Also per Boot übers Mittelmeer nach Afrika? Wollen sie uns dort überhaupt haben?"
    So, wie sich manche "Europäer" den Flüchtlingen von dort gegenüber aufgeführt haben ... Offene Arme kann ich mir nicht vorstellen.

  20. 11.

    Der beste "Heimatschutz" ist Pazifist und Antimilitarist zu sein .

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