Führungen für Location-Scouts - Eberswalde will mit Industrieanlagen zum Drehort für Film und Fernsehen werden

Fr 06.05.22 | 13:46 Uhr
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Locationsscouts suchen Drehorte in Eberswalde
Audio: Antenne Brandenburg | 06.05.2022 | Helge Oelert | Bild: rbb

Während in Berlin schon jede Ecke als Film-Set herhalten musste, sind in Eberswalde die Industriehallen und Ruinen noch Geheimtipps. Um künftig Filmproduktionen in die Stadt zu locken, wurden nun Location-Scouts zur Besichtigung geladen.

Filme produzieren nicht nur einen Hype um Schauspieler, sie können Kultstätten entstehen lassen. In Berlin beispielsweise gibt es ganze Touren für Besucher auf den Spuren der ARD-Serie "Babylon Berlin". Und auch in anderen Städten werden Drehorte berühmter Filme zum Impulsgeber für Tourismus. Görlitz hat es 2014 mit dem "Grand Budapest Hotel" vorgemacht. Einen ähnlichen Erfolg wünschen sich die Verantwortlichen vom Stadtmarketing nun auch für Eberswalde (Barnim).

Deshalb wurden in dieser Woche ein gutes Duzend so genannter Location-Scouts aus Berlin an den Finowkanal eingeladen. Deren Aufgabe ist es, für Filmproduktionen die Drehorte organisieren. Eberwalde bietet ideale Kulissen, egal ob für futuristische Endzeitgeschichten oder geheimnisvolle Tatort-Plots, so das Echo der Scouts beim Gang durch die möglichen Sets.

Eberswalde biete noch Platz für Fantasie

Riesige Fabrikhallen mit vor sich hinrostenden Gerätschaften oder zerfallende Gemäuer mit morbidem Charme. Es braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie Mad Max oder Snake Plissken in einer dystopischen Zukunft durch die alten Industrieanlagen schleichen. In manchen wird heute sogar noch gearbeitet. Aber viele sind mittlerweile zu so genannten Lost Places geworden, die sich nun als Chance für die Stadt entpuppen. "Jetzt ist die Renaissance, wo man die Nachnutzung beginnen und vielen dieser Orte vielleicht auch im Film ein neues Leben ermöglichen kann", sagt Kirsten Niehuus von der staatlichen Filmförderung Medienboard Berlin-Brandenburg während der Tour.

Locationsscouts suchen Drehorte in EberswaldeLocation-Scouts unterwegs in den Eberswalder Industrieanlagen

"Es gibt noch alte Strukturen, die wir in Berlin immer weniger haben", berichtet Drehort-Scout Tatjana Liebenow. "Alles wird saniert. Gentrifizierung ist in der Stadt ein großes Thema. Und hier haben wir ganz alte Werkhallen, die uns zum Filmen zur Verfügung gestellt werden könnten." Auch Kollege Jens Polte zeigt sich angesichts der Größe der Eberswalder Anlagen beeindruckt und sieht noch einen anderen Vorteil. "Es ist in gewisser Weise zeitlos. Man kann also einen großen Zeitrahmen erzählen. Und das ist sehr interessant."

Eberswalder hoffe mit Film-Drehs nicht nur auf volle Kassen

Wer es schafft, seine Location an Filmproduktionen zu vermieten, kann dafür mit Geld rechnen. Aber das ist nicht für alle die Hauptmotivation, berichtet Sarah Polzer-Storek, die Besitzerin des Rofin-Parks. Dort wurden früher Rohre gefertigt. "Ich finde es immer schön, wenn unsere Gebäude auch größtmögliche Aufmerksamkeit bekommen. Wir haben auch schon für viele Low-Budget-Produktionen unsere Gassen zur Verfügung gestellt. So wurde hier etwa mal ein Zombie- und ein Kunst-Film gedreht. Die Namen habe ich aber leider vergessen."

Locationsscouts suchen Drehorte in EberswaldeAlte Hallen bieten Platz für Fantasie

Für die Stadt Eberswalde bietet das neue Interesse ebenfalls Chancen. Sanierungskosten, wie etwa die für das Industriedenkmal "Borsighalle", liegen schnell in Millionenhöhe. Wenn dort aber große Kinofilme gedreht würden, käme ein nennenswerter Teil über den Tourismus wieder rein, sagt Georg Werdermann vom Stadtmarketing.

Hinzu käme die Bekanntheit durch Filme über regionale Grenzen hinaus, sagt Ulrich Wessollek. "Filmproduktionen bedeuten nicht nur, dass es eine Woche gibt, wo gedreht wird und dann verschwindet das Film-Team wieder. Es ist auch eine Form von Öffentlichkeit. Der Ort und die Stadt werden - wenn auch nur als Kulisse - gezeigt", sat Wessollek weiter. "Aber es gibt viele Menschen, die die Orte wieder besuchen weil sie die Geschichte und das Visuelle interessant finden."

Ein bisschen scheint diese Kalkulation schon jetzt aufzugehen. Zumindest unter den Besuchern in Sachen Filmproduktionen seien einige gewesen, die Eberswalde bisher nur als Abfahrt auf der Autobahn gekannt hätten, so Kirsten Niehuus vom Medienboard. "Wahrscheinlich sind viele Berlin-zentriert, und wenn man rausfährt, dann fährt man aufs Land. Dabei entgehen einem natürlich so wunderbare Orte."

Stadtführung durch Blockbuster?

Ob der Besuch der Location-Scouts Früchte trägt und Produktionen wie "Die Tribute von Panem", "Dark" oder "Matrix" zur Besichtigung von Eberswalde auf der Leinwand einladen, wird dann wohl die Zukunft zeigen. Location-Sucher Roland Gerhard hat jedenfalls schon ganz konkrete Ideen: "Ich bin gerade auf der Suche nach Drehorten für einen Kinofilm, der erst Ende des Jahres im Winter gedreht werden soll. Da suchen wir als große Probe-Halle für ein Orchester eine Industriehalle. Das könnte dann möglicherweise dann hier schon passen."

Sendung: Antenne Brandenburg, 06.05.2022, 15:10 Uhr

Mit Material von Helge Oelert

6 Kommentare

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  1. 6.

    Zitat: "Irgendwann ist hier alles nur noch Filmkulisse, wenn so weiter regiert wird."

    Da haben wir ja schon die erste Drehbuchidee. Die "Ampel" hat Deutschland vollkommen deindustrialisiert, und die Bevölkerung schlurft lerlumpt und völlig orientierungslos durch Industrieruinen . . .

  2. 5.

    Irgendwann ist hier alles nur noch Filmkulisse, wenn so weiter regiert wird.

    Aber wer wird sich den Film dann ansehen wollen?

    Manche Bilder täuschen auch - wie das Bild im "Jänschwalde-Beitrag", leider nicht kommentierbar. Das Kraftwerk im Hintergrund dürfte Schwarze Pumpe sein und der Tagebau, incl. 6300er Bagger gehört nach Welzow.

    So gesehen, hat uns die Zukunft schon eingeholt - alles Kulisse für alles.

  3. 4.

    In Berlin und Umland werden diese Gebäude saniert oder eben auch gern mal abgerissen, wie der Alte Packhof in der York Str, oder der Bayerische Hof in Falkensee usw usw. VG

  4. 3.

    Ein bisschen Internationalität täte Eberswalde echt gut. Tolle Uni, gute Umgebung - nur so Ewiggestrige passen nicht ins Bild. Da hilft nur frischer Wind, meinetwegen durch Film

  5. 2.

    Danke für den gut geschriebenen Artikel, Helge Oelert. Und ja, ich hoffe darauf, dass Eberswalde für Filmproduktionen entdeckt wird, denn es bietet doch viele "lost"- und auch nicht-"lost places", die sich in Kino- oder TV-Produktionen gut machen würden.

    Eine kleine Anmerkung noch: Die Klapperschlange in ESCAPE FROM NEW YORK heißt Snake Plissken. So genau muss ich schon sein, denn der Carpenter Film gehört zu meinen Sci-Fi Favoriten. ;)

  6. 1.

    Eberswalde ist auf einen guten Weg mit viel Flair... Bloß die Hallen vom Kranbau will man der Requisite nicht "gönnen". Da sollen hoffentlich Krane weiter gebaut werden...

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