Tafeln am Limit - Eberswalder Tafel bekommt zum ersten Mal öffentliche Gelder

Mi 15.06.22 | 21:07 Uhr
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Symbolbild: Lebensmittelsaugabe bei einer Hilfsorganisation. (Quelle: imago/brennweiteffm)
Video: Brandenburg Aktuell | 15.06.2022 | Marie Stumpf | Bild: imago/brennweiteffm

Seit Monaten fordern die Brandenburger Tafeln Unterstützung vom Staat, doch sie bleibt meistens aus. Dazu sinken die Lebensmittelspenden. In Eberswalde unterstützt die Stadt zum ersten Mal die Tafel, die jede Woche hunderten Ukrainern hilft.

Eine prall gefüllte Tüte mit Grundnahrungsmitteln wie Brot, Butter oder Nudeln: Damit hilft die Eberswalder Tafel Brot & Hoffnung nach eigenen Angaben einmal die Woche etwa 300 geflüchteten Ukrainern in der Stadt. Weil die Lebensmittelspenden nicht ausreichen, musste die Tafel zum ersten Mal öffentliche Hilfe beantragen – und bekam 4.000 Euro.

"Wir standen vor der Schwierigkeit, nicht allen helfen zu können und wollten aber mit Grundnahrungsmitteln irgendwie helfen", sagt die Geschäftsführerin Steffi Wienke dem rbb. Vor dem Krieg habe die Tafel etwa 400 bis 500 Menschen pro Woche geholfen, jetzt kämen Hunderte Ukrainer dazu. Das sei eine große Herausforderung für die 35 Ehrenamtler.

Geld kam aus Nothilfetopf der Stadt

Die Spenden von Lebensmitteln werden laut Wienke derzeit seltener. Ein Grund dafür könnte die Inflation sein: Spendenbereite Menschen haben mit steigenden Lebensmittel-, aber auch Energiekosten zu kämpfen.

Hilfe kam aus einem Nothilfetopf der Stadt Eberswalde. Etwa 50.000 Euro seien in diesem Topf für gemeinnützige Organisationen verfügbar, die Geflüchteten aus der Ukraine helfen, wie der Wirtschafts- und Sozialdezernent der Stadt, Jan König, dem rbb sagt.

Von den 4.000 Euro werden notwendige Grundnahrungsmittel eingekauft, sagt Andrè Koch-Engelmann von der Tafel. "Das ist die völlige Ausnahme, das machen wir nur temporär." Denn eigentlich gelte, dass die Tafeln ausschließlich gespendete Lebensmittel an Bedürftige weitergeben.

Nonnemacher lehnt erneut Landeshilfen ab

Die Brandenburger Tafeln seien am Limit, sagte der Sprecher der Landesarmutskonferenz Brandenburg, Andreas Kaczynski, Anfang Juni. Die Nachfrage bei den Tafeln steige erheblich. "Das liegt zum Teil am Bedarf der ukrainischen Flüchtlinge, vor allem aber daran, dass wegen der Inflation viele, die vorher so gerade über die Runden kamen, nun bei allen Ausgaben sparen müssen, wenn sie keine Schulden machen sollen", sagte Kaczynski. Der Bedarf sei im Vergleich zu den Vorjahren um etwa 20 Prozent gestiegen.

Die Brandenburger Landesregierung lehnte vor einem Monat einen Antrag der Linken ab, die Tafeln mit einer Grundförderung zu unterstützen. Der Staat dürfe neben der Grundsicherung keine konkurrierenden Hilfesysteme aufbauen, hieß es damals als Begründung.

Gesundheits- und Sozialminister Ursula Nonnemacher (Grüne) erneuerte am Mittwoch in rbb24 Brandenburg aktuell diese Position. "Wir ducken uns ja nicht weg, wir unterstützen die Tafeln ja auch, beispielsweise über die Kühlautoförderung sind über eine halbe Millon Euro in den letzten Jahren an die Tafeln geflossen. Ein Haushaltstitel für Tafeln wäre aber völlig systemfremd, denn der Sozialstaat zahlt Regelsätze - und gibt keine Almosen."

Linke-Fraktionschef Sebastian Walter kritisierte ebenfalls in rbb24 Brandenburg aktuell diese Äußerungen. Er sei enttäuscht von Nonnemacher, sie verhalte sich "ignorant". Man werde gemeinsam mit den Tafeln weiter um strukturelle Landeshilfen kämpfen, kündigte Walter an.

Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 15.06.2022, 19.30 Uhr

Mit Material von Elke Bader

13 Kommentare

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  1. 13.

    Man kann es auch überdramatisieren. Ich saß selbst schon auf der Seite des Hilfeempfängers. Nun sitze ich auf der andere Seite (Leistungsabteilung im Jobcenter). Ich kam immer mit ALG II zurecht, konnte mir halt nicht alles leisten. Und wupp bin ich wieder in Arbeit gekommen und jetzt kann ich mir mehr leisten. Aber rumgejammert habe ich NIE!

  2. 12.

    Sie verwechseln Themenbereiche und streuen Populismus.

    Fakt ist, dass die Sozialabgaben und die Lohnsteuer in den nächsten Jahren massiv steigen werden.

    Das kommt durch die unkontrollierte Zuwanderung in unsere Sozialsysteme und die Alterspyramide. Immer mehr alte Menschen müssen von immer weniger Beitragszahlern finanziert werden.

    Die Bürger werden zu alt und zu krank. Fies, aber wahr.

  3. 11.

    Auch hier haben Sie keine Ahnung. Niemand braucht Sozialverbände, denn es gibt bei Anspruch die Prozesskostenhilfe und die Beratungshilfe. Jeder kann sich beim zuständigen Amtsgericht einen Beratungsschein holen und einen Fachanwalt für Sozialrecht oder für andere Rechtsgebiete aufsuchen.

    Geht ganz einfach und unkompliziert

  4. 10.

    Die Schmerzgrenze ist noch lange nicht erreicht. Durch massive Einwanderung und die Alterspyramide werden die Beiträge zur Sozialversicherung und die LSt für Arbeitnehmer in den nächsten Jahren massiv steigen müssen.

    Ebenso wird sich der Etat für Soziales im Bundeshaushalt alle 3 Jahre verdoppeln.

    Fakt ist. dass immer mehr Arbeitnehmer immer mehr Rentner finanzieren müssen. Das ist unvermeidbar. Problem ist, die Menschen leben immer länger und werden immer kränker...

  5. 9.

    Sozialneid spricht aus Ihnen, Sie denken nicht mit den Armen, sondern gegen Sie. Wahrscheinlich wissen Sie auch, wer bedürftig ist und wer nicht. Sehr abenteuerlich. Nein, wenn das Sozialsystem alle auffangen würde, wäre es ganz toll. Wir würden keine Sozialverbände benötigen, die ehrenamtlich und durch Spenden finanziert, sich für sozial Abgehängte einsetzen. Da geht es um Gleichstellung, um Rechtsansprüche, um Gutachten, Widersprüche und alles nur, weil eigentlich niemand wirklich für Alte und Kranke und Abgehängte tatsächlich zahlen will. Wer das einmal selbst miterleben muss, der erkennt das System der Träger. Ablehnen und Zahlung vermeiden, wenig aufklären und nicht beraten, Klienten loswerden und so wird man herumgereicht. Vielleicht machen Sie irgendwann diese Erfahrung, es ist kein gutes System, es kränkt Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben, zutiefst.

  6. 8.

    So lange wie mit unseren Steuergeldern irrsinnige Projekte wie der BER, der Ausbau des Oder-Havel-Kanals, der Neubau eines Schiffshebewerkes, Hubschrauberflüge für Söhne von Bundesministerinnen, schicke Tankschiffe der Bundeswehr, Zulagen für PolitikerInnen und was weiß der Geier noch gezahlt wird, sind die 4000 € für die Tafel ein Vogelsch**** im Vergleich.
    Wenn ich allein daran denke, wie viele Milliarden dem Fiskus gerade durch den Tank"rabatt" flöten gehen; davon könnte man vielen helfen.
    Und die tollen funktionierenden Sozialkassen federn im Moment keine Preissteigerung im Einzelhandel ab.
    Wenn ich mit normalem Einkommen schon nicht mehr weiß, ob ich am Ende des Monats lieber tanke und nur noch Stulle mit Brot esse, oder mir was koche und nur noch 80 auf der Bahn fahre; was machen Menschen, deren Regelsätze nicht angepasst werden?!

  7. 7.

    Ihnen ist bewusst, dass die Armut sogar arbeitende Menschen betrifft. Das heißt Arbeit, aber trotzdem zur Tafel, weil das Geld nicht für Miete und Essen reicht. Da stimmt etwas nicht, ein völlig aus dem Gleichgewicht gekommenes Verständnis vom Wert der Arbeit. Ausländer werden oftmals in der Schattenwirtschaft ausgebeutet, Sklavenarbeit parallel zur Gesellschaft, rechtlos. Der Menschenhandel boomt.
    Unser Sozialsystem ist für Sie in Ordnung, dann haben Sie keine Ahnung von diesem System. Ich hoffe, Sie wachen nicht irgendwann aus diesem Tagtraum auf und müssen unfreiwillig darauf zurückgreifen, natürlich nur, wenn Sie persönlich der Arbeit angehören.

  8. 6.

    Auffangen --> ja, aber nur die, die es wirklich brauchen und dann aber auch wieder aufs Pferd kommen und arbeiten gehen. In meiner alten Heimat wurde Kinder bekommen als EINKOMMENSQUELLE betrachtet! Da gab's mehr Kindergeld und mehr ALG II. Jeder Steuerzahler rackert sich den Arsch ab und dann hat man (und das ist definitiv kein Einzelfall!) solche, die das System ausnutzen.
    Und bei uns rutscht kaum einer durch das Raster. Hilfebedürftige bekommen die Versicherung, die volle Miete, diverse Einmalzulagen, Klassenfahrten etc "spendiert", wo jeder andere sparen muss, weil er 5€ drüber liegt.

  9. 5.

    Ich habe nichts gegen arme Leute, aber Sozialleistungen müssen auch bezahlt werden und die Leistungstraeger müssen dafür Steuern zahlen und beides muss im Einklang sein. Unser Sozialsystem ist engmaschig, die Anziehung von Ausländern ist auch dadurch bedingt. Sie dürfen Sozialsystem nicht auf Hartz IV begrenzen. Dazu gehört z. Bsp. auch, dass auch ärmere Menschen eine Krankenversicherung haben, Wohngeld, Arbeitslosenversicherung usw.
    Dies alles wird durch Steuern und Abgaben finanziert.

  10. 4.

    Und ich finde es nicht gut, wenn man behauptet, es gebe in Deutschland ein engmaschig funktionierendes Sozialsystem. Das stimmt nicht, denn wenn es so wäre, gäbe es auch keine Tafeln. Sie müssen vor dem Schreiben den Sinn Ihrer Aussage überprüfen, sicher sind Sie kein Betroffener, der mit dem Sozialsystem eiskalt konfrontiert wird. Und in der Zukunft wird es noch mehr Menschen geben, die durch die Luftmaschen fallen werden. Und ja, wir wollen Sie auffangen, oder haben Sie etwas gegen arme Leute?

  11. 3.

    Waren "die Tafeln" nicht eigentlich dazu gedacht, nicht mehr verkehrsfähige Nahrungsmittel, die sonst im Müll gelandet wären, an Bedürftige - als OPTIONALE Ergänzung - zu verteilen?
    Müssten sich die Tafeln nicht freuen, wenn jetzt - durch bessere Planung der Geschäfte - immer weniger "vor der Tonne" gerettet werden muss und gespendet wird?

    Aber - leider - hat man nicht deutlich genug betont, dass die Gaben der Tafeln keine garantierte Leistung darstellen, mit der man sicher rechnen kann.
    Viele, die deswegen keine Notwendigkeit mehr sahen, Ihre Ausgaben ihren beschränkten finanziellen Möglichkeiten anzupassen, haben sich an das "Zubrot" der Tafeln gewöhnt und wollen an anderen Stellen nicht sparen.

    Was wäre das für ein Skandal, wenn die Tafeln Alkohol und Zigaretten verteilen würden...
    Wenn man aber durch die Tafeln eingespartes Geld nutzen kann, um davon Bier und Tabak zu kaufen, stört das kaum jemanden...

  12. 2.

    "ein enges gut funktionierendes Sozialsystem"
    Dann bräuchte es die Tafeln nicht.

    Wissen Sie wie hoch der Anteil an Essen und Trinken im Hartz IV-Satz ist und auf welcher Datenbasis dieser Satz berechnet wurde? Wissen Sie, das Stromkosten aus dem Hartz IV-Satz zu begleichen sind?
    Was denken Sie denn, warum die Verbände rundum eine massive Erhöhung fordern.

    Und ich find es gut, wenn öffentliches Geld an die Tafeln geht. Und sei es nur, das die Räume beheizt und die Ware gekühlt und die Fahrzeuge bewegt werden können. Es ist zielgerichtet und nicht wie so oft moniert mit der Gießkanne ausgekippt...


  13. 1.

    Ich finde es nicht gut, dass die Tafeln Unterstützung aus öffentlichen Kassen erhalten. Es gibt in Deutschland ein enges gut funktionierendes Sozialsystem. Die ständige Ausweitung der sozialen Leistungen aus öffentlichen Kassen führt auf der anderen Seite bei den Leistungstraeger zu immer höher en Belastungen und da ist die Schmerzgrenze bereits überschritten. Die Tafel sollte das bleiben was sie ist, eine private auf Spenden basierte private Initiative.

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