25 Jahre nach Oderhochwasser - "Wir müssen aus Erinnerungen auch Konsequenzen ziehen"

Fr 08.07.22 | 11:38 Uhr | Von Tobias Hausdorf
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Archiv: Oderflut 1997 - Ein Lkw der Bundesdwehr fährt durch eine ueberflutete Strasse in Brieskow-Finkenheerd. (Foto: Jochen Eckel via www.imago-images.de)
Audio: Antenne Brandenburg | 08.07.2022 | Tobias Hausdorf | Bild: Jochen Eckel via www.imago-images.de

Das verheerende Oderhochwasser 1997 bewirkte auch ein Umdenken im Umweltschutz. Was ist 25 Jahre danach daraus geworden? Und wie gehen Oderausbau und Hochwasserschutz zusammen? Von Tobias Hausdorf

"Das war gewaltig", sagt Siegfried Schulze, "das kann man sich kaum mehr vorstellen." Wer heute an der Oder entlangspaziert, wird dem 80-jährigen Rentner beipflichten: Friedlich, beinahe träge fließt sie durch Ratzdorf, wo sie die Neiße als Grenzfluss zu Polen ablöst. An manchen Stellen kann man hindurchwaten. Schulze wohnt nur etwa 100 Meter vom berühmt gewordenen Oderpegel entfernt. An diesem sonnigen Tag im Juli zeigt der Pegel 1,64 Meter an.

Siegfried Schulze. (Foto: Tobias Hausdorf/rbb)
Der heute 80-jährige Siegfried Schulze. | Bild: Tobias Hausdorf/rbb

Das Bild des kleinen Häuschens auf der beinahe überfluteten Steinpyramide ging zum Oderhochwasser im Juli 1997 durch die Medien: Die Marke näherte sich sieben Metern. Siegfried Schulze war vor 25 Jahren dabei und hat Säcke um Säcke gestapelt, um das Dorf zu schützen. Er ist bei der Freiwilligen Feuerwehr Ratzdorf - noch immer als Ehrenmitglied - und betont, dass damals alle mitangepackt haben: "Männer, Frauen, die Bundeswehr."

Der Pegel Ratzdorf. Vor 25 Jahren stand die Wassersäule bei 6,91 Meter. Auf dem Bild stand das Wasser bei bei normalen 1,64 Meter. (Foto:Tobias Hausdorf/rbb)
Der Pegel Ratzdorf. Vor 25 Jahren stand die Wassersäule bei 6,91 Meter. Auf dem Bild stand das Wasser bei bei normalen 1,64 Meter | Bild: Tobias Hausdorf/rbb

Mehr Raum für die Flüsse

Er und Ratzdorf hatten Glück: In Schulzes Haus stand das Wasser "nur Gummistiefel-hoch", der provisorische Deich hielt - an anderen Stellen nicht. 74 Menschen starben, die Opfer waren auf polnischer und tschechischer Seite zu beklagen. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) besuchte Ratzdorf, versprach Hilfen und forderte schnell: "Gebt den Flüssen mehr Raum". Doch was ist aus dieser Forderung geworden?

"Das Oderhochwasser 1997 erinnert uns wie die Elbe-Flut 2002 und die Ahrtal-Katastrophe im vergangenen Jahr daran, welche Urgewalt Flüssen innewohnt", sagt Astrid Eichhorn von der Umweltschutzorganisation WWF. Sie leitet das Büro Mittlere Elbe und hat dort Helmut Kohls Mahnung befolgt: Eichhorn hat sich dafür eingesetzt, Deiche zurückzuverlegen und Überflutungsgebiete zu schaffen.

Die Oder-Flut von 1997

"Wir müssen aus Erinnerungen an Fluten auch Konsequenzen ziehen", sagt sie. Denn Eichhorn geht davon aus, dass durch die Klimakrise weitere starke Hochwasser kommen werden. Extremwetterereignisse wie im Ahrtal werden wahrscheinlicher. Jedoch werden an der Oder gerade zum Teil alte Fehler wiederholt, warnt die WWF-Expertin.

Auf polnischer Seite werden zum Beispiel in Slubice Deiche neu gebaut und zwischen Ścinava und Lausitzer Neiße 341 Buhnen erneuert. Das sind Steindämme, die die Strömung in die Mitte drücken, so dass sich das Flussbett selbst vertieft. Das Ziel: Schiffbarkeit, vor allem zur wirtschaftlichen Nutzung.

Das Hochwasserrisiko bleibt

Eichhorn sieht dadurch nicht nur Naturlandschaften wie den Nationalpark Unteres Odertal gefährdet, "das Hochwasserrisiko verschärft sich ebenfalls". Experten betonen, dass durch die etwa 1.000 Deichbrüche in Polen 1997 die Flut in Deutschland deutlich abgeschwächter wütete.

Sintflutartige Regenfälle in Polen und Tschechien hatten sie ausgelöst, die Brüche in den Deichen aber für Abfluss gesorgt. Mehr Buhnen und höhere Deiche würden die Kraft der Oder bei Extremwetter verstärken. Sie sind das Gegenteil von Kohls Forderung nach mehr Raum für den Fluss.

Wie das Problem zu lösen wäre

Die Lösung könnten Überflutungsmöglichkeiten auf beiden Seiten der Oder sein. Natürlicherweise sind das Auen. Die sind vor allem im 19. Jahrhundert bereits durch Flussbegradigungen, Deichbau und Trockenlegungen verschwunden - ließen sich aber wieder schaffen. Denn Deiche können zurückverlegt werden.

Genau das ist Astrid Eichhorn in einem Auenwald-Projekt an der Elbe gelungen: Ein neuer Deich wurde 2,5 Kilometer vom alten entfernt gebaut. Der wurde zusätzlich an zehn Stellen gebrochen. Bei Hochwasser kann sich die Elbe hier nun auf 600 Hektar Fläche ausbreiten. Das Projekt hat allerdings auch etwa zehn Jahre gedauert.

Ähnliches hatte sich Matthias Freude, der damalige Präsident des Landesumweltamtes Brandenburg, für die Ziltendorfer Niederung vorgestellt, die gänzlich überflutet wurde. Die stark betroffene Thälmann-Siedlung hätte er nicht wieder aufgebaut und lieber umgesiedelt, Deiche zurückverlegt und Überflutungsmöglichkeiten geschaffen.

Hannelore Lange. (Foto: Tobias Hausdorf/rbb)Hannelore Lange.

Laut einem Bericht des Bundesamts für Naturschutz zum Zustand von Auen sind die Rückhalteflächen von Flüssen in Deutschland in den Jahren 1983 bis 2020 statt wie geplant um zehn nur um 1,5 Prozent vergrößert worden. Bei der Schaffung von Auenflächen sieht Astrid Eichhorn daher noch Potenzial. Ein Umdenken und eine Sensibilität für Hochwasserschutz beobachte sie aber schon.

Zurück nach Ratzdorf, wo Siegfried Schulze wohnt. Er und seine 88-Jährige Cousine Hannelore Lange erinnern sich nicht nur an Zerstörung, sondern auch an den Zusammenhalt bei der Flut 1997. Eines möchten beide noch loswerden: Auch nach 25 Jahren bedanken sie sich herzlich bei allen Helfern, Spenderinnen und der Bundeswehr.

Sendung: rbb24 Brandenburg aktuell, 08.07.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Tobias Hausdorf

2 Kommentare

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  1. 2.

    Wieder ein Problem, wo die Lösung eigentlich bekannt ist, seit langem versprochen wird man werde etwas tun, aber letztlich die Verantwortung für die tatsächliche Änderung an die nächste Regierung abgegeben wird... business as usual also.

  2. 1.

    Die Überschrift suggeriert Leistungen als Konsequenz. Die sind eher bei den Nachbarn erfolgt? Das bedeutet, dass eine "Entlastung" wie 97, mit ca. 1000 Deichbrüchen, nicht mehr zu erwarten ist. Wie hoch genau ist der Einfluss auf der deutschen Seite dann? Der Artikel macht so deutlich, dass wieder bei uns etwas sehr "Typisches" passieren wird...

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