Tagung der 31 Mitgliedsstädte in Potsdam - Historische Altstädte suchen nach Lösungen für Klimaschutz und Einzelhandel

Fr 06.01.23 | 15:54 Uhr
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Innenstadt von Beeskow von oben
Audio: Antenne Brandenburg | 06.01.2023 | Bürgermeister Frank Steffen | Bild: Tony Schönberg/ rbb

Brandenburgs Städte debattieren wieder über aktuelle Herausforderungen. So soll der Spagat zwischen Denkmalschutz und der Energiewende gelingen. Hinzu kommt das Sterben des Einzelhandels. Doch es gibt auch gute Nachrichten: sie werden immer beliebter.

Die Brandenburger Städte mit historischen Stadtkernen wollen Klimaschutz und Klimafolgenanpassung stärker in den Blick nehmen. Die Entwicklung der Städte müsse klimagerecht, ressourcenschonend und nachhaltig gestaltet werden, sagte Bauminister Guido Beermann (CDU) am Freitag in Potsdam beim Jahresausblick der Arbeitsgemeinschaft der 31 Städte mit historischen Stadtkernen. Dafür stünden bis 2027 auch rund 80 Millionen EU-Fördermittel zur Verfügung.

Das Bundesland wolle bis 2045 klimaneutral werden, betonte Beermann: "Das ist ein hochgestecktes Ziel." Die komplexen Herausforderungen müssten auch durch gemeinsame Projektentwicklung und Austausch über gute Lösungsansätze bewältigt werden. Für die historischen Stadtkerne seien Fragen von Energie und Klimaschutz besondere Herausforderungen, weil die denkmalgeschützte Bausubstanz bewahrt und zugleich neue energetische Lösungen gefunden werden müssten.

Steffen: Denkmal- und Klimaschutz müssen vereint werden

Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft, der Beeskower Bürgermeister Frank Steffen (SPD), betonte, die historischen Altstädte stünden mit dem Erhalt ihrer Bausubstanz bereits beispielhaft für Nachhaltigkeit. Klimaschutz und Klimafolgenanpassung zu integrieren, sei hingegen schwieriger. "Wir werden uns in diesem Jahr ganz besonders damit beschäftigen, wie Erneuerbare Energien in unsere historischen Stadtkerne mit integriert werden können. Dabei geht es um Photovoltaik aber auch um Wärmepumpen oder die Dämmung von Gebäuden."

Lösungen könnten beispielsweise auch kleine Fernwärmenetze statt Wärmepumpen sein. Die Arbeitsgemeinschaft beteilige sich deshalb auch an einem Forschungsprojekt zu historischen Gebäuden und Klimaschutz.

Suche nach Konzepten für den Einzelhandel

Ein weiteres Thema auf der Tagung ist der Schwund des Einzelhandels in den Innenstädten. "Langjährige Geschäftsinhaber geben ihre Geschäfte auf und finden keine Nachfolge", so der Vorsitzende. Dort suche die Arbeitsgemeinschaft nach neuen Ideen und Konzepten, um der Entwicklung Einhalt zu gebieten.

Altstädte erleben wieder mehr Zuzug

Doch auf der Tagung in Potsdam geht es nicht nur um Herausforderungen für die Zukunft, sondern auch um erfreuliche Entwicklungen in der Gegenwart. So erleben auch die berlinferneren Städte dank ihres historischen Stadtbilds und günstigem Bauland wieder einen Zuzug. Die Zahl der Einwohner etwa in Beeskow habe in den vergangenen Jahren stabilisiert und zeige wieder eine leicht steigende Tendenz, berichtete Frank Steffen.

Andere Möglichkeiten als in der Großstadt

Darunter seien viele junge Leute nicht nur aus Berlin, sondern auch aus anderen Regionen Deutschlands, die in der Provinz Perspektiven hätten, die es in der Metropole so nicht gebe, sagte Steffen. "Das ist eine jüngere Generation, die ihre Arbeit unabhängig vom Standort ausüben kann." So hätten junge Leute aus der Kultur- und Entertainmentbranche unter dem Namen "Rakäte" in Beeskow die alte Käte-Agerth-Schule zu einem gemeinsamen Wohn- und Kreativquartier umgebaut und im vergangenen Sommer ein Festival auf die Beine gestellt. "So etwas ist in den großen Städten kaum mehr möglich", meinte Steffen.

Der Bürgermeister von Luckau, Gerald Lehmann (parteilos), berichtete ebenfalls von steigenden Einwohnerzahlen. Dafür habe neben dem Corona-Effekt, der Leute aus den dicht besiedelten Städten herausgetrieben habe, auch das in seiner Stadt noch günstige Bauland gesorgt, berichtete Lehmann. Auch Touristen aus Berlin würden durch die historische Altstadt von Luckau im Landkreis Dahme-Spreewald zunehmend angezogen und sorgten für Aufschwung.

Die Arbeitsgemeinschaft historischer Stadtkerne in Brandenburg wurde 1992 gegründet. Zu den 31 Kommunen im Verbund gehören etwa Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland), Templin (Uckermark) und Beelitz (Potsdam-Mittelmark). Aufgaben sind unter anderem ein gemeinsames Tourismus-Marketing oder die Denkmalpflege.

Sendung: Antenne Brandenburg, 06.01.2023, 07:30 Uhr

13 Kommentare

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  1. 13.

    Ja, dann können die Dörfis aus den Großstädten, endlich zurück in ihre Provinz Nester am A.... der Welt oder nach Jwd zurückgehen und die Großstadt endlich wieder Großstadt sein lassen.
    Da sind die vielen Millionen für Rückkehrende Dörfis, sehr gut angelegt

  2. 12.

    Wenn da die Grünen aus den ganzen Großstädten hinzögen, statt aus den Grtoßstädten Dörfer zu machen, man was wär das für eine WIN WIN Situation für ALLE.

  3. 11.

    Dass es 31 sind, ist keineswegs willkürlich oder auf Lobbyismus-Arbeit zurückzuführen, wie Sie ganz offensichtlich meinen; Um in die AG Städte mit historischen Stadtkernen aufgenommen zu werden, braucht es spezifischer Voraussetzungen. Dazu gehört v. a. ein eindeutig erkennbarer historisch überlieferter Stadtkern als überliefertes Kulturerbe.

    Es ist bezeichnend, dass in Folge einer jahrzehntelang ausgeübten Politik bauliches Kulturerbe bewusst zerstört worden ist oder oft genug die Zerstörung in Kauf genommen wurde - im Osten Deutschlands propagandistischer erklärt, mangels technischer Möglichkeiten dann in geringerem Maße ausgeführt als im vorherigen Bundesgebiet, wo das weniger propagandistisch erklärt wurde, aufgrund höherer technischer Möglichkeiten aber um so stärker umgesetzt wurde.

    Was Brandenburg angeht: Es ist ein Glücksfall, dass es 1989 Fünf vor 12 und nicht Fünf nach 12 stand.

  4. 10.

    Denkmalschutz, Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Förderung des Einzelhandels zu wirtschaftlichen Bedingungen...
    Wer ALLES und SOFORT will, übersieht gern die Realität!

    Dort muss man Prioritäten setzen; wer diese nötigen Entscheidungen durch unrealistische Wünsche und Traumvorstellungen immer weiter verzögert, verschenkt nur wertvolle Zeit und erreicht letztendlich keines seiner Ziele!

  5. 9.

    Fördermittel = höhere Immobilienpreise = höhere Ladenmieten/Mieten = Verdrängung/Geschäftssterben.
    Dazu noch Bürgerinitiativen/Anwohnerinitiativen, die größere Läden/Kaufhäuser bekämpfen/nicht zulassen und die Innenstädte nur für ihren kleinen persönlichen Laden/Geschäft haben wollen.

  6. 8.

    Brandenburg hat weit über 400 Gemeinden.
    Aber 31 dieser mehr als 400 Gemeinden, wollen an die Kohle der anderen Städte, Kommunen und Gemeinden ran und das Jahr für Jahr ?
    Woanders fehlen Schulen, Kitas, Radwege, Infrastruktur aller Art - aber diese Innenstädte und die Häuser darin - bekommen immer wieder eine Verschönerung und Aufwertung und die gekaufte Immobilie in diesen Städten wird dann zum Luxusgut des einzelnen Besitzers !

  7. 7.

    "Lösungen für Klimaschutz und Einzelhandel"
    1. Klimaschutz: Lockert den teils absurden Denkmalschutz, dass auch Solarzeugs auf die Dächer darf und zumindest Außenwände von innen gedämmt werden dürfen. Manche Denkmalschutzbehörde will hier ins absolute Mittelalter zurück und dann sitzt man in einer historischen Hütte nach eben mittelalterlichen Maßgaben.
    2. Einzelhandel: Mit den historisch überlieferten Öffnungszeiten der Einzelhandelsgeschäften in Altstädten 9 bis 18 Uhr ist derzeit in unserer Arbeitswelt kein Staat zu machen. Das könnte sich in ein paar Jahren ändern, wenn die nächste Generation ihre Arbeitszeiten flexibler an das persönliche Leben anpassen kann. Sowas ist derzeit ja noch die Minderheit.
    Die allermeisten "Normalwerker" sind erst so gegen 17:30 Uhr von der Arbeit zurück und dann sind die Geschäfte gleich auch zu.

  8. 6.

    Mit Billiglösungen fern aller Anschauung á la Amazon sind die Städte in der Tat nicht zu halten. Das aber wird sich geben. Menschen sehnen sich nach Anschauung und Handhabbarem und schätzen den offenen Himmel. Und es stimmt: Mit Altbackenem, was in den Schaufenstern liegt, ist weder ein Laden noch eine Stadt zu machen, gemäß des Mottos, warum der Geschäftsinhaber so sehr gestraft worden ist, diesen Laden zu betreiben.

    Mut zur Verbindung!

    Die Hineinnahme von hochmodernen Technologien in uralte Gebäude verbunden mit wirklich neues Ideen ist kein Widerspruch. Auch nicht architektonisch. Vollkommen verglaste Winterkirchen inmitten von großen Hallenkirchen sind dafür ein wunderbares Beispiel, die hochmoderne Ergänzung der so bezeichneten Bischofsburg in Ziesar bspw. auch.

    Der Brandenburger Dom hat sieben Gesellschaftsordnungen im Laufe seines Bestehens überlebt ;-

  9. 5.

    Es ist gebaute Geschichte - mehr, als nur ein geschichtliches Fenster.

    Es gibt Investitionen, die nach 20 oder 30 Jahre zunichte sind, der Bau nach weniger als einem halben Jahrhundert vergessen, weil sich der jeweilige Zeitgeschmack geändert hat. Das betrifft v. a. die Neubauten. Spätestens in 30 Jahre werden die Bauten am Potsdamer Platz in Berlin völlig neu eingekleidet, in 50 Jahren werden sie abgerissen, kein Hahn kräht mehr danach und sind bloß eine Fußnote in der Geschichte von Berlin.

    Dann gibt es stadtbildPRÄGENDE Bauten über den Zeithorizont hinaus. Jeder investierte Euro ist daher langanhaltend. Würde die Summe mit dem Zeitlauf des Bestehens in Beziehung gesetzt, kann es gar keine bessere Investition geben.

  10. 4.

    Die Einkaufskultur hat sich aber nun mal gewandelt und sie wird nicht mehr so werden, wie "in der guten alten Zeit", als man das kaufen musste, was der örtliche Händler gerade anbot. Die Städte haben diesen Wandel schlicht verschlafen und durch übermäßiges Verdrängen des Verkehrs verschärft. Die Kundschaft für Wochenmärkte und Fußgängerzonen innerhalb einer Stadt sind begrenzt, Städte brauchen auch das ländliche Umfeld. Das war schon immer so, denn ursprünglich sind Städte aus Marktplätze an Kreuzungspunkten von Verkehrswegen in der Region entstanden. Heue liefert Amazon auch aufs Land, schnell und mit riesiger Auswahl. Da kann kein örtliches Warenhaus mithalten. Wenn Innenstädte überleben wollen, können sie das nur mit Geschäften, die die Kunden explizit für eine individuelle Beratung aufsuchen und auch das Umfeld muss stimmen. Anbindung und Aufenthaltsqualität sind dafür entscheidend, nicht ob Neu- oder Altbau.

  11. 3.

    So sieht es aus. Die Altstädte sind bereits mit unzähligen Millionen unzählige Male "gerettet" worden und trotzdem hat sich nichts verbessert. Es wird teuer umgestaltet, aber nicht lebenswerter. Jetzt versucht man unter dem allgegenwärtigen Label "Klimawandel" noch mal an Kohle zu kommen und es wird sich wieder nichts bessern, das Sterben geht weiter.
    Ursache ist, dass die Städte durch die Maßnahmen nicht lebenswerter werden, weil es keinen Ausgleich der verschiedenen Interessen gibt sondern immer nur starr in eine Richtung gedacht wird. Eine Stadt ohne Verkehr ist ein Disneyland, in dem die meisten Geschäfte schlicht nicht überleben können. Eine Stadt, die keine ruhigen Aufenthaltsflächen liefert, hat das selbe Problem. Städte waren immer ein Marktplatz für das gesamte ländliche Umfeld. Man fuhr hin zum Einkauf, zum Essen, Schlendern und die Kultur. Hinfahren ist aber nicht mehr erwünscht oder schlicht zu teuer. Städte sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

  12. 2.

    Die Frage dürfte aber auch erlaubt sein : Muss man immer wieder, Millionen über Millionen, in diese 31 Altstädte versenken ?
    Andere Städte in Brandenburg, wo auch jeweils Tausende Einwohner:innen leben, benötigen genauso Fördergelder.
    Immer wieder diese Lobby von 31 Altstädten, die nach neuen Millionen japst - Vergabe der Förderungen in Brandenburg nur nach Lobby !

  13. 1.

    Im Grundsatz ist das nicht nur eine wirtschaftliche oder technische Angelegenheit, sondern auch eine kulturelle. Denn auch das Einkaufen hat eine kulturelle Dimension über das praktische Besorgen hinausgehend. Nach dem Wegsterben von Wochenmärkten in den 1960ern u. 1970ern im vorherigen Bundesgebiet kam es zu einem Wiederaufblühen von Wochenmärkten in den Altstadtquartieren in den 1980ern. Das ging einher mit einem Wandel in der Empfindung: Weg von den aalglatt zurechtgetrimmten Verkaufseinrichtungen ohne Herz & Seele, hin zu Kleinteiligkeit, die Möhre muss nicht schnurgerade sein, sie darf auch schiefgewachsen sein.

    Altstädte sind in aller Regel wirklich gewachsen, eine Zeitschicht nach der anderen, und bei entsprechender Gepflegtheit dürfen sie auch Patina ansetzen. Das ist der Gewinn, während bei Neubauten das sofort einen ästhetischen Abbruch bedeutet.

    Nachhaltigkeit kann und darf auch so aufgefasst werden, Neuerungen dabei keineswegs ausgeschlossen.

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