Das Haus Brandenburg der Brandenburgklinik
29.05.2020 | Autor: Maximilian Horn | Bild: rbb/Max Horn

Brandenburgklinik in Bernau - Chronologie eines Corona-Ausbruchs

Anfang April brach in der Brandenburgklinik in Bernau Corona aus, 19 infizierte Patienten verstarben. Das Gesundheitsamt hat den Ausbruch inzwischen für beendet erklärt. Wie es überhaupt dazu kam, ist weiterhin offen. Von Maximilian Horn

Herbert Jeschke (Name von der Redaktion geändert) sollte sich in der Brandenburgklinik eigentlich von einer Lungenentzündung erholen. Seit Ende Februar war er dort. "Er war schwer krank, keine Frage", sagt seine Tochter Marion Baumann (Name von der Redaktion geändert), aber er sei durch die Reha auf dem Weg der Besserung gewesen. Doch dann infiziert sich Herbert Jeschke mit dem Corona-Virus. Er verstirbt am 17. April in der Klinik. Zu diesem Zeitpunkt hat das Virus in Teilen der Brandenburgklinik längst um sich gegriffen.

Zwei Wochen zuvor, am 4. April um 1:20 Uhr in der Nacht: "Wir haben es jetzt im Haus...", schreibt ein Mitarbeiter der Brandenburgklinik in einem WhatsApp-Chat.  "Sechs bestätigte Fälle auf der N2". Gemeint ist eine Station des Neurologischen Reha-Zentrums der Brandenburgklinik. An diesem 4. April meldet die Klinik dem zuständigen Gesundheitsamt des Landkreises Barnim sechs positiv getestete Patienten, sechs weitere zeigen Symptome.

Noch an diesem Samstag, um 15 Uhr, fällen Klinik und Gesundheitsamt grundlegende Entscheidungen: Unter anderem werden zwei Häuser geschlossen, Patienten nicht mehr verlegt und getrennte Wege für die Mitarbeiter eingerichtet. Außerdem beginnt die Klinik mit Massentests an Mitarbeitern und Patienten. Auch Herbert Jeschke wird getestet. Der Corona-Test sei negativ ausgefallen, berichtet seine Tochter Marion Baumann.

Öffentlich bekannt wird der Ausbruch erst später

Am Montag, den 6. April, erklärt die Klinik in einer Pressemitteilung, seit Samstag würden "positiv getestete Patienten betreut". Noch am gleichen Tag titelt eine Lokalzeitung: "Brandenburgklinik für Covid19 gut aufgestellt". Die Klinik gibt später an, dass zum Zeitpunkt der Pressemitteilung die Ergebnisse der Mitarbeitertests noch nicht abschließend vorgelegen hätten.

Das ganze Ausmaß des Ausbruchs wird erst am 9. April durch die Lageberichte der Behörden bekannt. Die ersten Medienberichte sind ein Schreck für das Ehepaar Kluth: Gertrud Tippel-Kluth soll Mitte April zur Reha in die Brandenburgklinik. Ihr Mann Dieter erkundigt sich daher umgehend per Mail. Die Klinik habe ihm geantwortet, Patienten mit COVID-19 seien lediglich in der neurologischen Früh-Reha und würden dort unter Quarantäne versorgt.

Dies geschehe im Haus Havelland, die anderen Häuser seien nicht davon betroffen und durch das Gesundheitsamt freigegeben. An diesem 12. April erhält auch die Familie von Herbert Jeschke wieder Nachricht von der Klinik: "Es kam telefonisch die Info, dass es ihm gut geht", sagt seine Tochter Marion Baumann. Er habe nur ein bisschen Husten.

Das Haus Brandenburg der Brandenburgklinik
Hinweisschild auf dem Gelände der Brandenburgklinik | Bild: rbb/Max Horn

Herbert Jeschkes Tod

Drei Tage später ändert sich alles. "Am 15. April um 12 Uhr kam der Anruf an meine Mutter, ihm gehe es sehr schlecht", sagt Marion Baumann. "Von der Klinik hieß es: Er hat das Coronavirus bekommen." Die Familie solle so schnell wie möglich über die Abschaltung der Geräte entscheiden. Baumann steht tags darauf, am 16. April, mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in Schutzanzug, mit Haube, Handschuhen und Maske am Bett von Herbert Jeschke.

Ihr Vater sei nicht mehr ansprechbar gewesen, sagt Marion Baumann. Trotz eines "komischen Bauchgefühls", so Baumann, entscheiden sich die Angehörigen nach zwei Arztgesprächen für die Abschaltung der lebenserhaltenden Apparate. Am nächsten Tag ist der 74-Jähirge Jeschke tot.  Laut Klinik sei er am 17. April um 6:40 Uhr friedlich eingeschlafen, sagt Baumann. Unter Verweis auf die Schweigepflicht äußert sich die Klinik nicht zu dem Fall.

Die Ausbreitung des Virus

Am selben Tag, dem 17. April, wird Gertrud Tippel-Kluth als Reha-Patientin aufgenommen. Im "Haus Brandenburg" soll sie sich von ihrer Hüft-Operation erholen. Dieses gilt als sicher, denn "das Neurologische Rehabilitationszentrum (Anm. d. Red.: zu dem das "Haus Brandenburg" nicht gehört) ist gegenwärtig in seinen Arbeitsprozessen vollständig isoliert, so dass weitere Infektionsketten auf dem Campus unterbrochen sind". Das schreibt die Brandenburgklinik am 10. April in einer Stellungnahme.

Als Gertrud Tippel-Kluth in die Brandenburgklinik kommt, sind auf dem Campus schon rund 90 Patienten und Mitarbeiter positiv getestet. Am Morgen des 20. April, drei Tage nach ihrer Aufnahme ins "Haus Brandenburg", berichtet Gertrud Tippel-Kluth ihrem Mann Dieter: Alle Patienten seien auf den Zimmern isoliert worden und erhielten nun Abstriche für Corona-Tests. "Es gab überhaupt keine Kommunikation über die Situation. Es gab nur den Flurfunk. Und widersprüchliche Aussagen", klagt Tippel-Kluth. Ihr eigener Corona-Test ist negativ.

Aufnahmestopp für weite Teile der Klinik

Drei Tage später, am 23. April, räumt die Verwaltung des zuständigen Landkreises Barnim auf rbb-Anfrage ein, dass der Ausbruch auch das "Haus Brandenburg" erfasst habe. Laut Kreisverwaltung sind zu diesem Zeitpunkt im gesamten Klinikum 132 Personen positiv getestet. Elf infizierte Patienten sind tot.

Zur Kommunikation mit den Patienten schreibt die Klinik auf Anfrage, alle Patienten seien – auch im "Haus Brandenburg" – informiert worden: "Individuelle Patientengespräche konnten nicht alle zeitgleich stattfinden, so dass es im Rahmen des Möglichen war, dass Informationen auch via 'Flurfunk' unter einigen Patienten ausgetauscht werden konnten."

Das Haus Brandenburg der BrandenburgklinikDas Haus Brandenburg der Brandenburgklinik

Ursachensuche und Patientenkritik

Wie konnte das Virus überhaupt das "Haus Brandenburg" erreichen? Die Klinikleitung verweist auf die laufende Aufarbeitung mithilfe eines externen Beraters. Bis zum Abschluss des Prozesses sei eine Beantwortung nicht möglich.

Laut der Patientin Gertrud Tippel-Kluth wurden Mundschutze erst zwei Tage nach den positiven Testungen verteilt. Die Klinik schreibt dazu: "Das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes als Pflicht erfolgte in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt als Folge der Infektionen im zeitlich bestimmten Rahmen."

Spurensuche: Die Klinik in Potsdam

Aber es stellt sich nicht nur die Frage nach der Einschleppung ins "Haus Brandenburg": Es muss auch gefragt werden, wie das Coronavirus überhaupt in die Brandenburgklinik kam. Eine mögliche Spur führt ins Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam.

Dort gab es schon im März einen Corona-Ausbruch. Nach Angaben der Potsdamer Klinik wurden von dort fünf Patienten in der zweiten Märzhälfte direkt in die Brandenburgklinik verlegt. Es ist der Zeitraum, über den die Geschäftsführung des Bergmann-Klinikums sagt, dass "eine kritische Entwicklung im Rahmen der Corona-Pandemie nicht ausreichend erkannt worden" sei.

Der Campus der Brandenburgklinik
Der Campus der Brandenburgklinik | Bild: rbb/Max Horn

Von den verlegten Patienten war im Bergmann-Klinikum nur einer auf das Coronavirus getestet worden: negativ. Die anderen vier waren laut Bergmann-Klinikum nicht getestet worden. Das habe den im März geltenden RKI-Richtlinien beim Ausbleiben von Symptomen entsprochen. "Heute wissen wir, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 in vielen Fällen symptomfrei verläuft, diese Infizierten aber das Virus weitergeben können", schreibt das Bermann-Klinikum.

Auch zu den Verlegungen aus Potsdam will sich die Brandenburgklinik mit Verweis auf die laufende Aufarbeitung nicht äußern. Für das Gesundheitsamt der Barnimer Kreisverwaltung lässt sich "retrospektiv kein eindeutiger Zusammenhang herstellen". Das Bergmann-Klinikum bezeichnet die Herstellung eines solchen Zusammenhangs als "vollkommen spekulativ".

Besuchsverbote wurden möglicherweise umgangen

Eine weitere mögliche Spur könnte zu den Besuchern der Brandenburgklinik führen: Trotz eines seit dem 15. März geltenden Besucherverbots befinden sich laut Kreisverwaltung Barnim am letzten Märzwochenende "in Folge des schönen Wetters und der geschlossenen Parks in Berlin unverhältnismäßig viele Personen auf dem Klinikgelände".

Dort sei es auch zu Kontakten mit Patienten gekommen.  "Es ist nicht nachzuvollziehen, dass versucht wurde, Besuchersperren zu umgehen", schreibt das Amt weiter. Doch ob es hier tatsächlich zur Einschleppung kam, ist ebenfalls nicht geklärt.

Das neue Corona-Konzept der Brandenburgklinik

Am 30. April erfährt Gertrud Tippel-Kluth nach eigener Aussage, dass sie das "Haus Brandenburg" verlassen soll. Sie wird zu ihrem Ehemann Dieter in die häusliche Quarantäne gebracht. "Bis elf Uhr sollte das Haus geräumt sein", berichtet die 67-Jährige. Die Klinik bestreitet eine "Räumung" des "Haus Brandenburg". Vielmehr seien in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt "die letzten zehn Patienten geplant abgereist". Es folgt eine intensive Grundreinigung.

Zugleich bereitet die Klinikleitung bereitet die Wiederaufnahme von Patienten vor. Am 9. Mai kann die Klinik Erfolge bei der Bekämpfung des Ausbruchs vermelden: Die Zahl der Infizierten habe zuletzt stetig abgenommen, viele infizierte Mitarbeiter seien mittlerweile genesen. Und sie wagt den Neustart: Reha-Patienten würden ab dem 11. Mai "wieder regulär in der Brandenburgklinik aufgenommen".

Sämtliche neu aufgenommenen Patienten würden auf das Coronavirus getestet, so die Klinik weiter. Wenn das Testergebnis eindeutig negativ ausfällt, kann der Patient mit der Rehabilitation beginnen. Zusätzlich soll ein neues Konzept mit Aufnahme-, Beobachtungs- und Normalstation verhindern, dass es erneut zu einem Ausbruch kommen kann.

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Fazit des Ausbruchs

Am 16. Mai erklärt das Gesundheitsamt der Barnimer Kreisverwaltung als zuständige Behörde den Corona-Ausbruch in der Brandenburgklinik offiziell für beendet. Die Bilanz: Im Ausbruchszeitraum wurden 74 Beschäftigte und 82 Patienten positiv getestet.

Laut Amt sind seit mehr als zwei Wochen keine positive Testergebnisse mehr gemeldet worden. Drei Mitarbeiter und ein Patient sind derzeit noch positiv, aber nicht mehr akut erkrankt. 19 der infizierten Patienten sind verstorben. Laut Kreisverwaltung Barnim litten sie alle an schweren Vorerkrankungen.

Gertrud Tippel-Kluth hat nach zwei weiteren negativen Corona-Tests die häusliche Quarantäne verlassen und führt andernorts in Brandenburg ihre Reha durch. Sie fühle sich dort wohl, erzählt ihr Mann Dieter. Das Ehepaar plant schon den nächsten Kroatien-Urlaub.

Die Asche Herbert Jeschkes wurde auf einem Friedhof im Landkreis Barnim beigesetzt. Die Trauergestecke wurden Ende dieser Woche entfernt. Auf einem Stoffband zwischen den Blumen stand: "Unvergessen". Marion Baumann kümmert sich nun um einen Grabstein für ihren Vater.

Zur Recherche beigetragen haben: Michael Lietz, Tina Friedrich, Larissa Mass, John-Alexander Döring und Philip Barnstorf.

Grafik: Geländeplan Brandenburg Klinik. (Quelle: Brankenburgklinik/Michelskliniken)

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Beitrag von Maximilian Horn

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ich war Anfang des Jahres dort zur kardiologischen Reha und habe das nach einer Woche abgebrochen. Die Klinik hat vorsichtig gesagt einen Investitionsstau und die gesamte Versorgung ziehlt darauf ab, alte Menschen mit möglichst wenig Einsatz einmal durch die Reha zu bringen. Mich wundert es insgesamt nicht, dass man dort eine solche Situation wie mit Covid 19 nicht professionell behandelt. Bitter für Angehörige von verstorbenen.

  2. 2.

    Es müsste noch viel mehr über Einzelschicksale berichtet werden, vielleicht verstehen dann mehr Leute warum die Regierung unsere „Rechte“ eingeschränkt hat!

  3. 1.

    Sehr gute Berichterstattung, es geht mal nicht nur darum wie gut alles gemeistert worden ist, sondern auch um die menschliche und tragische Geschichte hinter dem Corona-Ausbruch in der Klinik. Die Öffentlichkeit hat meiner Meinung nach ein Recht auf die echten Zahlen. Hier weiter zu sensibilisieren ist wichtig, Den Angehörigen von Herrn Jeschke wünsche ich viel Mut und Kraft, so wie den Pflegekräften und Ärzten, die sich um Herrn Jeschke kümmerten. Diese Zeit wird nicht spurlos an ihnen vorüber gehen. Hoffe sie finden den nötigen Beistand, kein Klatschen sondern ein bisschen Dank und Zuspruch. Vielen Dank rbb24!

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