Himmelfahrt in Oder-Spree. (Quelle: rbb/T. Schönberg)
Audio: Antenne Brandenburg | 21.05.2020 | Bild: rbb/T. Schönberg

Himmelfahrt in Oder-Spree - "Da muss man eben das Beste draus machen"

Kein Ausfahrt mit dem geschmückten Pferdekremser, keine Feiern in Gaststätten und keine Bollerwagentour mit den Kumpels. Die Coronapandemie wirft ihre Schatten auch auf die beliebten Himmelfahrts-Ausflüge. Aus Oder-Spree berichtet Tony Schönberg

Der Marktplatz in Beeskow (Oder-Spree) am Vormittag kurz nach 10 Uhr: strahlender Sonnerschein, keine Wolke trübt den blauen Himmel und dazu 15 Grad im Schatten. Bessere Bedingungen könnte ein Ausflugstag nicht bieten, und doch sind die Holzbänke gegenüber dem Rathaus nahezu verwaist. Ein ungewohntes Bild, da das Zentrum der Kreisstadt normalerweise zu Himmelfahrt ein beliebter Start- und Sammelpunkt für Touren in die Umgebung ist.

Himmelfahrt Oder-Spree. (Quelle: rbb/T. Schönberg)
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Als sich dann doch noch eine Truppe mit ihren Rädern zusammenfindet, sind auch die vier Männer über den ungewohnten Anblick verwundert. "Schon auf dem Weg hierher waren wenige Leute auf der Straße. Eher Paare und Familie. Wird wohl nicht wie sonst die Jahre", sagt Sven aus Beeskow. Er mache immer einen Trip mit seinen Freunden und klappert die Kneipen ab. "Da muss man eben das Beste draus machen. Abstand halten wir beim Fahren sowieso und beim Bier passen wir auf. Alles nicht so kritisch." Noch den Whiskey-Cola austrinken und die Gruppe bricht gut gelaunt auf.

Auch am roten Backsteinbrunnen ist inzwischen eine Achter-Gruppe, oder besser gesagt vier Ehepaare, zusammengekommen. Orange Shirts, selbstgebastelte Ketten aus Schnaps und Süßigkeiten und dazu der passende Mundschutz. "Wir fahren entsprechend der Richtlinien zu Zweit. Also gemeinsam aber doch getrennt. Da lassen wir uns den Spaß aber nicht verbieten. Viele Restaurants haben noch zu. Dann machen wir eben Picknick." Bester Laune wird schnell noch ein Foto - natürlich mit Abstand - gemacht und ein Schnaps hinterher gekippt. "Trump sagt: wir sollen von innen desinfizieren."

Zug um Zug

Ungewöhnlich ruhig hat auch der Tag von Fährmann Maik Slotta angefangen. Er betreibt Brandenburgs einzige Seilzug-Fähre. Die treibt in Leißnitz, zehn Kilometer südlich der Kreisstadt, flussabwärts der Spree. Nur per Muskelkraft befördert Slotta Ausflügler und Radfahrer von einem Ufer zum anderen. Besonders an Christi Himmelfahrt ist der Anleger ein beliebtes Ziel und willkommene Abkürzung, an dem Gäste in normalen Jahren auch schon mal einige Stunden anstehen müssen.

Platz wäre auf der Fähre für zehn Leute samt Drahtesel. Aufgrund des Virus sind derzeit nur sechs Passagiere erlaubt - bis vor kurzem war es sogar nur einer pro Strecke. Die Behörden kontrollierten mehrfach streng. Darum befürchtete Maik Slotta für den Feiertag einen großen Ansturm und Wartezeiten von bis zu drei Stunden. Umso verwunderter ist er, dass bis zum Mittag nur kleine Gruppen und Familien übersetzen wollten. "Es ist bedeutend ruhiger als sonst. Aber am Nachmittag könnte es richtig losgehen."

Da sollte der Fährmann von Leißnitz Recht behalten, dann kurz nach 12 Uhr kommen sie doch noch, die größeren Männergruppen und Familien. Plötzlich geht es Schlag auf Schlag, und innerhalb kürzester Zeit stehen um die 30 Radler in Schlagen an Imbiss-Häuschen, Holzkohlegrill und Absperrseil zum Fähranleger. Heike Slotta, die Fährfrau, kümmert sich um die Zapfanlage. Sie hat eine Erklärung für den ruhigen Vormittag: "Viele haben in den letzten Tagen angerufen und wollten wissen, ob wir überhaupt nach diesen Wochen Betrieb haben. Aber einige waren wohl von den Maßnahmen abgeschreckt. Aber wenn es so weiter geht, wird da heute vielleicht doch noch ein Geschäft draus."

Und so zapft Heike Slotta ein Bier nach dem anderen, Tochter Stefanie verkauft die Fahrscheine und Fährmann Maik zieht an seinem Vatertag bis in den Abend eine Truppe nach der anderen mit Haken und Drahtseil in vier Minuten über die Spree. Die Wartenden sehen gelassen zu.

Himmelfahrt in Oder-Spree. (Quelle: rbb/T. Schönberg)
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"Es fühlt sich anders an"

Auf der anderen Uferseite, ein Stück weiter nördlich, betreibt Gastwirt Frank Kraus bei Ranzig sein Ausflugslokal "Tiefer See". Idyllisch am Waldsee gelegen, ist die Schenke üblicherweise an Himmelfahrt eine echte Instanz. Kurz nach der Wiederöffnung hat Kraus sein Haus Covid-19-fest gemacht. In diesem Jahr bleiben die Musikanlage aus und der Gastraum geschlossen. Auch eine Feier ist diesmal nicht angemeldet. Dafür wurde der Außenbereich auf gut 15 Tische aufgestockt und mit Maßband für den nötigen Abstand gesorgt.

Über den großen Zulauf ist allerdings auch der Chef überrascht. Auch er hatte nach dem mauen Vormittag das Schlimmste befürchtet. Seit High Noon quillt der Parkplatz vor Motorbikes, Autos und Fahrrädern über. Die Besitzer tummeln sich unter den blauen Sonnenschirmen, während die Kellnerinnen im Akkord zwischen Theke und Holzkohlegrill hin und her sprinten.

"Die Leute kommen und freuen sich. Corona ist bis auf die Abstände nicht zu merken. Und ohne Musik und Fete ist es wie ein normaler, aber gut besuchter Tag. Auch die Stimmung passt."

Wie einige Gäste berichten, haben die meisten Wirtschaften in der Gegend noch immer geschlossen, sodass die wenigen, die geöffnet haben, richtige Anlaufstellen sind.
Stammgast Gerd macht mit seinen Kumpels jedes Jahr die gleiche Route. Sonst sind sie 17 Mann im Fahrradkorso. Weil jedoch der Großteil Angst vor Strafen und Kontrollen hätte, sind sie heute nur zu viert und auch nur hierher unterwegs. "Es fühlt sich anders an. Letztes Jahr haben wir dort gestanden und zusammen unsere Lieder gesungen. Das fehlt. Die größeren Cliquen wurden sowieso überall in der Region in den letzten Jahren schon immer weniger. Ich bin gespannt, wie das im nächsten Jahr wird."

Sendung: Antenne Brandenburg, 21.05.2020, 18.40 Uhr

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Beitrag von Tony Schönberg

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1 Kommentar

  1. 1.

    Sollte die Lage in Oder-Spree so anders sein als in der Lausitz? "keine Feiern in Gaststätten und keine Bollerwagentour mit den Kumpels"?? In Cottbus und im Landkreis Spree-Neiße waren heute wie in jedem Jahr Herrengruppen mit Fahrrad, lauter Musik dabei und massig Alkohol. Was daran ruhiger gewesen sein soll als sonst, weiß ich nicht. Kontrollen gab es auch keine. Das Vergnügen der Männer musste kein bisschen zurückstehen.

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