Slubice am Tag nach der Wahl
Video: Brandenburg aktuell | 29.06.2020 | Michael Lietz | Bild: rbb / Marie Stumpf

Partnerstadt von Frankfurt (Oder) - Das sagt man in Slubice über die polnische Präsidentschaftswahl

Europäische Union oder Nationalismus, Schwulenrechte oder konservatives Familienbild - bei der Präsidentschaftswahl in Polen geht es um Grundsatzfragen. Das treibt auch die Bürger in der Grenzstadt Slubice um.

Der nationalkonservative Amtsinhaber Andrzej Duda hat die Präsidentschaftswahl am Sonntag in Polen gewonnen. Der Kandidat der rechtspopulistischen PiS-Partei, die auch die polnische Regierung stellt, verpasste jedoch mit knapp 44 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit. Deshalb muss er in einer Stichwahl am 12. Juli gegen den zweitplazierten liberalen Kandidaten Rafal Trzaskowski antreten.

"Die anderen Parteien kann man in die Oder schmeißen"

In Slubice, direkt an der deutschen Grenze, gegenüber von Frankfurt (Oder), sind die Reaktionen nach der Wahl gemischt. "Ich habe den dritten Kandidaten gewählt. Der ist ein so konkreter, parteiloser Kandidat. Die anderen Parteien kann man doch nur in die Oder schmeißen", erzählt eine ältere Dame und fuchtelt mit ihrem Gehstock.

Mit ihren Beschwerden ist sie nicht allein in der Stadt mit knapp 17.000 Einwohnern. "Viele Leute wollen eine Änderung. Man schätzt, dass es 70 Prozent sind", sagt ein Familienvater, der mit seiner Tochter den Nachmittag auf dem Spielplatz verbringt, "aber trotzdem wählen sie immer die bestehenden Parteien." Auch ein weiterer Passant zeigt sich wenig begeistert: "Ich bin nicht zufrieden. Die Polen sollten sich schneller entscheiden, weil es sehr viel Geld kostet, so eine Stichwahl zu organisieren."

"Weniger Stimmen als prognostiziert"

Krzysztof Wojchiechowski ist Soziologe und leitet in Slubice das Collegium Polonicum, einen Teil der deutsch-polnischen Viadrina-Universität. Er zeigt sich vom Wahlsieg Dudas nicht überrascht. "Signifikant ist, dass der amtierende Präsident weniger Stimmen bekommen hat, als ihm prognostiziert wurden", sagt Wojchiechowski.

Noch im Mai hatten viele Umfragen dem Amtsinhaber die absolute Mehrheit zugetraut. Duda unterzeichne selbst die problematischsten Gesetzesvorschläge der PiS ohne Kritik, kritisiert der Soziologe. Gerade in Westpolen und den großen Städten wendeten sich deswegen immer mehr Menschen von Duda und der PiS ab.

Deutsch-polnische Beziehungen

Das Ergebnis der Stichwahl könnte auch die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen beeinflussen. Der Herausforderer Rafal Trzaskowski, derzeit Bürgermeister von Warschau, gilt als viel europafreundlicher als Amtsinhaber Duda und seine PiS-Partei. "Trzaskowski würde sich zweifellos um gute Beziehungen mit Deutschland und der europäischen Union bemühen", sagt Wojchiechowski. Auch die PiS habe inzwischen gemerkt, dass die meisten Polen eine gute Beziehungen zu Deutschland wollten, sagt Wojchiechowski. Dennoch glaube er, dass Duda die Stichwahl gewinnen werde.

Sendung: Antenne Brandenburg, 29.06.2020, 19:40 Uhr.

Kommentar

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27 Kommentare

  1. 26.

    Soweit Sie die Ablehnung der Migrationspolitik der hiesigen Regierung damit meinen, müssen Sie doch nicht die "Westpolen" strapazieren. Merkel schafft es bekanntlich seit Jahren nicht, hier eine Einigung auf EU Ebene herbeizuführen. Da inzwischen auch Schweden oder Dänemark nicht mehr mitspielen, kann man sich gelegentlich fragen, wer ist denn sonst noch mit der Bundesregierung in Europa an Board.
    In der WELT war diese Tage zu lesen, daß v.d.Leyen die Einigung über Migration erstmal bis zum Ende des Jahres verschoben hat und erstmal Themen angehen will, wo überhaupt eine Einigung aller EU Staaten möglich sein könnte.

  2. 25.

    herman, Dienstag, 30.06.2020 | 15:46 Uhr:
    "Polen wird im Westen verzerrt dargestellt. Die „Charta der Familienrechte“ beruft sich auf die in der Verfassung festgeschriebenen Werte. Es geht der Charta um die Förderung der „Familie, der Ehe als Bund von Mann und Frau, der Elternschaft und Mutterschaft, des Rechts der Eltern, ihre Kinder im Einklang mit ihren eigenen Überzeugungen zu erziehen“. Organisationen, die diese Werte verletzen, sollen keine öffentlichen Gelder bekommen.mehr…"

    Und warum werden Homosexuelle dann diskriminiert?

    Wo ist die Homosexuellenfeindlichkeit in Polen "verzerrt dargestellt"? Gibt es keine öffentlich erklärten "LGBT-freien Zonen", obwohl dort genauso wie überall ca. 5% Nicht-Heteros leben und damit diskriminiert werden?

    P.S.
    Wenn eine Verfassung mittelalterliche menschen(rechts)feindliche Werte beinhaltet, dann sollte man sich nicht auf solch eine Verfassung berufen, sondern sie ändern und kompatibel mit den Menschenrechten machen!

  3. 24.

    franzke, Montag, 29.06.2020 | 21:17 Uhr:
    ""Gerade in Westpolen" sehe viele, wie es in Berlin und in vielen westdeutschen Städte aussieht, und sie sagen "Nein Danke!""

    Wie kommen Sie darauf und was meinen Sie konkret?

  4. 23.

    Polen wird im Westen verzerrt dargestellt. Die „Charta der Familienrechte“ beruft sich auf die in der Verfassung festgeschriebenen Werte. Es geht der Charta um die Förderung der „Familie, der Ehe als Bund von Mann und Frau, der Elternschaft und Mutterschaft, des Rechts der Eltern, ihre Kinder im Einklang mit ihren eigenen Überzeugungen zu erziehen“. Organisationen, die diese Werte verletzen, sollen keine öffentlichen Gelder bekommen.

  5. 22.

    Zum besseren Verständnis der "polnischen Befindlichkeiten" empfehle ich auch das Buch "Der Pakt: Stalin, Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz" der Viadrina-Historikerin Prof. Dr. Claudia Weber.

  6. 20.

    Das ist schon so. Und das erklärt auch die für uns Deutsche oftmals irrational erscheinende politische Frontstellung gegenüber den Russen. Die haben sich in ihrer tiefen Katholizität vom Atheismus, der vom östlichen Nachbarn verordnend ausging, schlichtweg bevormundet gefühlt. Deshalb war die Rede Frank-Walter Steinmeiers von Sensibilität geprägt.

  7. 19.

    Was ich meine, sind die nahezu durchgängigen Wahlergebnisse, seitdem es diese Art der Polarisierung in Polen gibt. Schwerlich vorstellbar, dass es jetzt ganz anders sein soll.

  8. 18.

    Historisch bedingt steigt der Zusammenhalt der Polen mit zunehmendem Druck von außen.
    "Gute Ratschläge"(wenn sie es schon nicht "vorschreiben" nennen wollen) gerade von deutscher Seite, haben in Polen oft genau die gegenteilige Wirkung.

  9. 17.

    "Haben Sie mal das frühere öffentlich-rechtliche Fernsehen Polens und seine (Wahl)Berichterstattung gesehen? "

    Ja, war jetzt mal wieder in meiner alten Heimat. Ist dort so ähnlich wie hier.

  10. 16.

    Da wissen Sie mehr, als bisher veröffentlicht wurde. Das offizielle Wahlergebnis soll am Dienstag oder Mittwoch Morgen vorliegen.
    Was Sie vielleicht meinen sind die Erklärungen auf LGBT freie Gebiete. Da ist es in der Tat so, dass faktisch der ganze Südosten Polens sich als LGBT frei erklärt hat.

  11. 15.

    Das westliche Polen ist eine Hochburg der Opposition. Der RBB Bericht bildet also keineswegs die Stimmung in Polen ab sondern ist eine einseitige Berichterstattung.

  12. 14.

    Wie kommen Sie drauf, das "die Deutschen" "den Polen" was vorschreiben?
    Und weshalb ist der Bericht von Tatsachen - wie die PIS sich den polnischen Staat und seine Institutionen zur Beute macht eine "einseitige Parteinahme" Vertragen Sie - wie die PIS - die Wahrheit nicht? UND wollen das die PIS sich den polnischen Staat und seine Institutionen zur Beute macht?
    Haben Sie mal das frühere öffentlich-rechtliche Fernsehen Polens und seine (Wahl)Berichterstattung gesehen?

    Autoritär-Reaktionäre sind einfach auch immer noch Feiglinge. Die können noch nicht einmal zu dem stehen was sie machen und alle sehen können.

  13. 13.

    Also ich bin zwar Berliner, jedoch ist meine Familie polnisch/schlesisch-stämmig. Daher habe ich zu der Situation in Polen eine gemischte Meinung...

    Ich finde die aktuelle Politik in Polen nicht gut, dass man sich so gegenüber der Welt verschließt. Gerade Polen müsste dies aus seiner eigenen Geschichte zu gut kennen. NS-Zeit, rote Armee, Völkerflucht durch den Zaren-Krieg und dann noch der kalte Krieg. Alles in allem nicht gerade schön. Nun hat Polen die Chance durch die EU seinen Status im Ganzen zu verbessern, und verschließt sich gegenüber der EU und dessen Mitgliedsstaaten.

    Konservativ zu sein, heißt nicht gegen gleichgeschlechtliche Politik zu sein. Beides geht, nur bitte nicht noch Pro-Konservativ 5.0, was Polen bald bevor steht. Auf lange Sicht führt der Amtierende das Land jedoch da hin, in eine Krise nie da gesehener Vorstellung.

    Polen ist ein so schönes Land, da sollte es politisch auch so sein... offen, und nicht in den Köpfen grau.

  14. 12.

    In der Tat ist die Gleichsetzung der Europäischen Union mit "Europa" Teil des Problems und nicht der Lösung.

  15. 11.

    Ich mag die polnische Küche und den Stolz der Polen - der in keiner Weise Arroganz beinhaltet, sondern deren gegenseitige Wertschätzung!

    Da haben sich viele von uns noch eine gehörige Portion abzuschauen...

  16. 10.

    Das Wahlverhalten in westpolnischen Städten besagt allerdings etwas anderes. Es ist eher Ost- und Südostpolen, was mit überwältigender Mehrheit die PIS wählt.

  17. 8.

    Perfekt auf den Punkt gebracht. Die können anscheinend aber nicht anders. Mir ist das peinlich und, ich gebe zu, mir sind Polen, Italiener, Dänen, Ungarn, Russen, US-amerikaner ... oftmals näher als Deutsche.

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