Archivbild: Teilweise mit einem Baugerüst umgeben ist die Schinkelkirche in Joachimsthal (Brandenburg, Luftaufnahme mit einer Drohne) zu sehen. (Quelle: dpa/P. Pleul)
Audio: Antenne Brandenburg | 17.09.2020 | Autorin: Anna Bayer | Bild: dpa/P. Pleul

Debatte um Kleidervorschriften in Joachimsthal (Barnim) - Wenn das Stadtparlament festlegt, ob der Rock zu kurz ist

Darf die Geschäftsordnung einer Stadtverordnetenversammlung festlegen, was ihre Mitglieder anziehen dürfen und was nicht? Darüber wird in Joachimtshal heftig debattiert. Von Anna Bayer

In Joachimsthal gibt es Streit in der Stadtverordnetenversammlung – und zwar um lange Hosen und züchtige Oberteile. In einem Punkt der Geschäftsordnung heißt es: "Es ist angemessene Kleidung zu tragen: lange Hosen für Männer, schulterbedeckte Oberteile und über die Knie reichende Röcke für Frauen."

Lange Hosen für Männer, knielange Röcke für Frauen

Als Ruth Butterfield von den Grünen vor einem Jahr zur Stadtverordneten gewählt wurde und diese Passage las, habe sie ihren Augen nicht getraut, sagt sie: "Dass eine Kleiderordnung genau vorschreibt, was man in einer Stadtverordnetenversammlung anzuziehen hat, das kann eigentlich nicht sein im 21. Jahrhundert."

Die 51-jährige Übersetzerin wollte die Stelle mit der Kleiderordnung streichen und reichte einen Antrag ein, um die Geschäftsordnung zu modernisieren, wie sie sagt.

Problematisch findet die gebürtige Britin, dass das Regelwerk zwischen Männern und Frauen unterscheidet: Männer müssen Hosen tragen, Frauen Röcke. Außerdem störe sie die Bevormundung.

In Joachimsthal sehen das aber offenbar nicht alle so. Die CDU-Fraktion, die gegen die Streichung der Passage war, möchte sich dem rbb gegenüber nicht äußern. Und auch der Bürgermeister, Rene Knaak-Reichstein (CDU) antwortete nur schriftlich auf die rbb-Anfrage, die Änderung der Geschäftsordnung werde in einer der nächsten Stadtverordnetenversammlungen noch einmal diskutiert. "Bis dahin werde ich mich zu diesem Thema nicht äußern und stehe für ein Interview nicht zur Verfügung", teilte er mit.

Änderungsantrag wird hitzig diskutiert

Mit so viel Gegenwind hat Ruth Butterfield nicht gerechnet, als sie den Antrag gestellt hat. Sie habe gedacht, die Änderung sei mehr oder weniger eine Formsache. "Ich war völlig baff, dass so viele dagegen waren. Ich dachte alle wären damit einverstanden, die Geschäftsordnung zu modernisieren, aber das war nicht so.“

Die Befürchtung: Stadtverordnete in Badelatschen

Die 51-jährige Übersetzerin sagt, manche hätten die Befürchtung, dass Stadtverordnete in Badelatschen kommen würden, wenn die Kleiderordnung abgeschafft werde. Ruth Butterfield findet dieses Misstrauen unverständlich. Ihrer Meinung nach sollte jeder Stadtverordnete selbst beurteilen, was angemessene Kleidung bedeutet: In der Geschäftsordnung stehe auch nicht, man solle nicht betrunken in die Versammlung kommen. "Das ist für mich auch selbstverständlich und für alle anderen auch."

Ruth Butterfield will die Kleiderordnung weiterhin aus der Geschäftsordnung streichen und das Thema noch einmal auf die Tagesordnung setzen. Ob das gelingt, wird eine der nächsten Stadtverordnetenversammlungen zeigen.

Sendung: Antenne Brandenburg, 18.09.2020, 15:10 Uhr

Beitrag von Anna Bayer

26 Kommentare

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  1. 25.

    Typisch grün.
    Deutsche dezente Kleidervorschriften, die schon im Aktenstaub fast vergessen wurden, zum Problem konstruieren.
    Bei anderen Verhüllungsvorschriften für Frauen schauen die Grünen weg.
    Mir ist übrigens ein Altherrenwitz, auf den ich kontern kann, 1.000 mal lieber als eine wüste Jungherrenbeschimpfung.

  2. 23.

    Darf eine Frau denn eine Hose und ein Mann einen Rock tragen? Überhaupt, was macht das „Dritte Geschlecht? Fragen über Fragen. Zum Glück scheint man dort keine anderen Sorgen zu haben.

  3. 22.

    Was soll's? Das sind doch nur noch Rückzugsgefechte in einer Zeit, wo es als schick gilt, sich alles mögliche tätowieren zu lassen und das dann auch noch herumzuzeigen, praktisch überall in Badelatschen herumzuschlurfen, gern die Unterhosen zumindest teilweise zu entblößen, sich als Frau zur Barbiepuppe ummodeln zu lassen oder an so ziemlich jedem Ort zu stillen. Parlamente sollen doch ein Spiegel der Gesellschaft sein und dessen, was dort als schön und angemessen gilt.

  4. 21.

    Ach herrje, Joachimsthal hat knapp 3.500 Einwohner und in der Stadtverordnetenversammlung sitzen 19 Abgeordnete, darunter sechs Frauen. Ohne diese Regelung, die die CDU so wehement verteidigt, würde dort wohl 'Sodom und Gomorra' ausbrechen.

  5. 20.

    Nein, die Sexualisierung interpretieren Sie hinein. Damit hat es aber nicht primär zu tun. Das selbe gilt auch für Schlabber-T-Shirts oder Jogginghosen. Es macht einfach keinen seriösen Eindruck. Das mögen Manche für konservativ halten, ich sehe hier aber eine gewisse Vorbildfunktion. Es ist die gleiche Erwartung, die ich etwa auch an Lehrerinnen und Lehrer habe. Da gibt es einfach auf Neudeutsch No Gos.

  6. 19.

    Jetzt wissen wir endlich, worüber die Stadtverordneten in Joachimsthal so alles diskutieren. Ich empfehle noch eine Ergänzung hinsichtlich des örtlichen Fernsehprogramms, etwas Nettes aus den 50ger Jahren, eine Puddingwerbung. Dort wird eine typisch deutsche Frau gezeigt und vermittelt, worüber sie sich so ihre Gedanken macht:"Was soll ich heute anziehen? Was soll ich heute kochen?".

  7. 18.

    Es macht für Sie nur keinen seriösen Eindruck, weil Sie Spaghettiträger-Top und Minirock sexualisieren. Was hat die Wahl der Kleidung mit Seriosität und Kompetenz zu tun? Spoiler: Nichts.

  8. 17.

    "Bei den Damen gilt für den Minirock ähnliches: Manche sehen gut darin aus, sie lenken aber die Herren zu sehr ab; bei anderen wünscht man sich mehr "Verhüllung"."

    Sie hätten gleich anstatt "man" "Mann" schreiben können. Ihr Wunsch in allen Ehren, aber zwischen Ihren Wünschen und einer Gesetzgebung gibt es zum Glück Unterschiede. Ich wünsche mir zum Beispiel weniger ewig gestrige altherrenwitzähnliche Kommentare von Ihnen auf der RBB-Seite. Diese lenken mich nämlich zu sehr von meiner angestrebten guten Laune ab. Danke!

  9. 16.

    Ja, ich finde auch, daß es ebenso den Männern erlaubt sein muß, bei 30 Grad einen Rock zu tragen.

  10. 15.

    "Bedeckte Kleidung" ist - nicht nur - sprachlich ein Mißgriff.

    Offenbar sollen die Schultern und die Knie (und natürlich die verführerischen, ablenkenden Fesseln und Knöchel und Handgelenke und Nackenansätze und Bauchnabel und ... hach, es gibt so viel zu bedecken! )von Männern und Frauen "bedeckt" sein/werden (im Gegensatz zu "unbedeckt" und damit wohl frivol unverhüllt und unzüchtig, verführerisch und einfach zu nackich) und das sollte dann durch "bedeckende" Kleidung errreicht werden.

    Wenn einem demokratiegefährenden laissez faire in Bekleidungsfragen Einhalt geboten werden soll, dann doch aber bitte mit der gehörigen Ernsthaftigkeit und Würde und sprachlicher Wucht, die dem Amte und der Sache innewohnen, da man sonst dem Verfall der Sitten nur noch sehenden Auges und ohnmächtig Kenntnis nehmend ausgeliefert wäre.

    Wahlweise empfähle sich bei besonders verstockten und freizügig liederlich Exemplaren der Stadtverordneten eine wallende Robe.

  11. 14.

    Ich wusste gar nicht, dass das Joachimsthaler Stadtparlament eine Satire-Veranstaltung ist...

  12. 13.

    Ach ja, die Grünen können sich in grün kleiden."

    Und bei Anderen wiederum könnte das Brett vorm Kopp auch offiziell als Teil der Dienstkleidung angesehen werden.

  13. 12.

    Ich finde es richtig, einen HInweis in die Geschäftsordnung aufzunehmen, "angemessen" gekleidet zu erscheinen. Eine Unterscheidung zwischen nur Hosen für Männer und nur Röcke für Frauen ist dagegen m. E. völlig überholt. Sollte zufällig ein Verordneter Schotte sein und im Schottenrock erscheinen, finde ich das durchaus "angemessen".
    Wichtig fände ich ebenfalls einen Hinweis auf eine Alkoholverbot. Dazu bedarf es auch einer Verfügung, dass die Caterer bspw. zur BVV Vollversammlung bspw. kein Bier verkaufen, welches dann in großen Gläsern bei den Verordneten in/während der Sitzung auf den Tischen wiederzufinden ist und obendrein im eh schlecht belüfteten Saal auch noch riecht. Für mich als besuchende Bürgerin ist das ein ekelhafter Eindruck eines Bezirksparlaments.

  14. 11.

    Der Hinweis auf angemessene Kleidung ist - gerade heutzutage (!) - nicht verfehlt. Kurze Hosen sind Freizeitkleidung und sollten es bleiben. Sie stehen auch nicht jedem Herrn, um es vorsichtig auszudrücken. Bei den Damen gilt für den Minirock ähnliches: Manche sehen gut darin aus, sie lenken aber die Herren zu sehr ab; bei anderen wünscht man sich mehr "Verhüllung". Es würde reichen, den Damen auch (lange) Hosen zu gestatten.
    Ach ja, die Grünen können sich in grün kleiden.

  15. 10.

    Rock-Zwang für Frauen hört sich als Diskriminierung anhand des Geschlechts an, bzw. als Verstoß gegen die Grundsätze der Gleichstellung und Gleichbehandlung von Männer und Frauen, welche z.B. im EG-Vertrag, Artikel 2 und 3 und 141 genannt, sowie in Richtlinie 2002/73/EG (und davon abgeleitet das AGG). Des weiteren ist es auch z.B. in Europäischer Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (Menschenrechtskonvention), auch wenn Deutschland immer noch nicht das 12. Protokoll zur EMRK ratifiziert hat.

    In dem Sinne ist ein solcher Rock-Zwang nicht zulässig, bzw. nicht rechtens. Dies bedeutet jedoch nicht, dass eine formelle Kleiderordnung unzulässig. Z.B. üblich sind sogar langärmlige Hemden (damit Schweiß nicht auf Dokumente tropft, oder z.B. in Gastronomie ins Essen).

    Die Kosten für dieses Kommentar in Höhe von 35.159,82 Euro sind mir von der CDU zu zahlen, ob nun schon versteht, dass EU nicht wie Buffet wo man sich Rosinen rauspickt oder noch nicht.

  16. 9.

    Könnten Sie vielleicht kurz erläutern/definieren, was das von Ihnen verwendete Wort "diskreniert" bedeutet?

  17. 8.

    Haben wir keine anderen Probleme als verstaubte Kleidervorschriften?
    Sollen die Grünen doch anziehen, was sie wollen, und gut ist.
    Sollten sich wirklich mal um wichtige Paragrafen kümmern, die man streichen könnte.

  18. 7.

    Das mag sein, genau so schlimm finde ich allerdings, mit welcher Vehemenz für die bestehende Regelung gestritten wird. Soll man doch einfach den ersten Teil belassen "Es ist angemessene Kleidung zu tragen" und den zweiten Teil ersatzlos streichen. Das ist keine christliche Schule mit Uniformen. Jeder Erwachsene sollte klar selbst definieren können, was angemessene Kleidung ist. Ich fänd's jetzt auch nicht so passend, wenn eine Dame im Minirock und mit Spaghetti-Top erscheint, das macht keinen seriösen Eindruck. Aber wenn der Rock nur bis über's Knie reicht, ist das ganz sicher kein Skandal mehr in heutigen Zeiten. Die jetzige Kleidervorschrift dürfte ohnehin nicht juristisch haltbar, geschweige denn durchsetzbar sein.

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