Demonstration gegen das neue Abtreibungsgesetz in Slubice.
Audio: Antenne Brandenburg | 27.10.2020 | Robert Schwaß | Bild: rbb / Robert Schwaß

Frauenstreik-Bewegung in Polen - Hunderte protestieren in Slubice gegen Abtreibungsverbot

In Polen protestieren landesweit Menschen gegen das verschärfte Abtreibungsverbot. In der Oderstadt Slubice folgten am Montagabend rund 500 Menschen einem Demonstrationsaufruf der feministischen Bewegung "Strajk Kobiet". Von Robert Schwaß

"Ich denke, ich fühle, ich entscheide", rufen die Słubicer Frauen auf dem Protestmarsch durch die kleine Stadt an der Oder. Die Botschaften auf den Plakaten sind eindeutig: "Mein Körper, meine Wahl." Die Demonstranten wenden sich gegen das verschärfte Abtreibungsverbot in Polen, das letzte Woche vom Verfassungsgericht bestätigt worden war [tagesschau.de].

Polen hatte schon zuvor eines der striktesten Abtreibungsgesetze in Europa. Nun entfällt eine bisherige Ausnahmereglung, wonach Schwangerschaftsabbrüche bei Fehlbildungen des ungeborenen Kindes zulässig sind. Diese Ausnahmeregelung verstoße gegen das in der polnischen Verfassung geregelte Recht auf Leben, argumentierten die Richter. Schwangerschaftsabbrüche sollen nur noch dann möglich sein, wenn das Leben der Schwangeren unmittelbar bedroht ist oder sie durch eine Vergewaltigung oder Inzest schwanger geworden ist. Das Urteil hat im Land zahlreiche Proteste nach sich gezogen, denn die Entscheidung kommt einem kompletten Abtreibungsverbot gleich.

Wut auf Regierung und Kirche

Die Demonstration in Frankfurts Nachbargemeinde Slubice startete am Plac Bohaterow im Stadtzentrum. Von dort marschierten die Protestteilnehmer zur Kirche der Allerheiligsten Jungfrau Maria der Königin Polens, am Stadtrand von Slubice. Die katholische Kirche in Polen unterstützt das Abtreibungsverbot.

Der Protest richtete sich aber auch gegen die rechtskonservative Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Nach 2015 nominierte die PiS-Partei alle Richter des polnischen Verfassungsgerichtes; dieses steht wegen des Justizumbaus unter dem Verdacht der Befangenheit. Die Demonstranten in Slubice kritisierten, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden werde. Jeder einzelne habe das Recht auf seine eigene Entscheidung, sagte ein Teilnehmer am Rande der Kundgebung.

"Die Hölle für Frauen"

In Slubice gehen am Montagabend vor allem junge Frauen auf die Straße. Eine Teilnehmerin sagte dem rbb, dass sie das erste Mal auf eine Demonstration gehe, denn mit dem verschärften Verbot sei eine Grenze überschritten worden.

Die Abtreibungsgesetze seien "Die Hölle für Frauen" steht auf dem Plakat einer anderen Demonstrantin. Auch sie kritisiert, dass die Bevölkerung nicht nach ihrer Meinung gefragt werde. Dabei gehe es nicht nur um Abtreibungen. Jede Frau soll selbst entscheiden, was sie mit ihrem Körper macht, fordert die junge Frau.

Knapp eine Stunde dauert der Protestmarsch am Montagabend in Slubice. Es bleibt ruhig, die Polizei beobachtet den Demonstrationszug. Doch landesweit gehen die Proteste weiter. Die Frauenstreik-Bewegung "Strajk Kobiet" hat für diese Woche weitere Kundgebungen in polnischen Städten angekündigt, auch entlang der Oder.

Hintergrund

Bisher werden laut Deutscher Presse-Agentur in Polen jedes Jahr weniger als 2.000 legale Abtreibungen vorgenommen - die meisten wegen Fehlbildungen des Fötus. Frauenrechtsorganisationen schätzen, dass jedes Jahr zudem bis zu 200.000 Polinnen illegale Abtreibungen vornehmen lassen oder für einen Schwangerschaftsabbruch ins Ausland gehen.

Beitrag von Robert Schwaß

8 Kommentare

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  1. 8.

    "Wer damit ein Problem hat, kann auf Sex an den fruchtbaren Tagen verzichten."
    Das nenne ich sexuelle Aufklärung !!!! Zwar nicht ganz aktuell aber passend zu dem Text. Am besten noch "keine Kondome", vergessen wir mal die (nett ausgedrückt) Ehepflichten und sonstigen Pflichten u.s.w. einfach mal umschauen in der Welt oder neben an und in der Umgebung. Nicht immer von sich selber auf andere schließen oder gar bestimmen wollen, was andere zu tun haben. Aber, es ist leicht, dieses gegen Gruppen von Menschen zu tun, die sich dagegen wenig zur Wehr setzen können und konnten. Wer sind eigentlich die Urheber solcher Gesetzte ? Religionen und Männer ......
    Besser wäre es "Ohne Worte" hätte ihren Namen Taten folgen lassen ....., für viele, viele Frauen auf dieser Welt ..........

  2. 7.

    Artikel 1 bis 3 Grundgesetz kennen Sie? Und was meinen Sie, warum der § 218 existiert? Lesen Sie einfach mal wieder die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts:
    www.servat.unibe.ch/dfr/bv039001.html
    www.servat.unibe.ch/dfr/bv088203.html

    Da die Grundrechte bzw. Menscherechte auch für (behinderte) Kinder vor der Geburt gelten, sie also genau so ein Recht darauf haben, nicht getötet zu werden, wie Sie, gilt in der Bundesrepublik Deutschland:
    "Der Lebensschutz der Leibesfrucht genießt grundsätzlich für die gesamte Dauer der Schwangerschaft Vorrang vor dem Selbstbestimmungsrecht der Schwangeren und darf nicht für eine bestimmte Frist in Frage gestellt werden." (BVerfGE 39,1 Leitsatz 3)

    Insofern kann Abtreibung gar kein "Recht" sein, sondern ist, sofern es nicht um die akute Lebensrettung geht (und das tut es in der Praxis so gut wie nie), ein Verbrechen gegen ein bereits lebendes Kind.

    Wer damit ein Problem hat, kann auf Sex an den fruchtbaren Tagen verzichten.

  3. 6.

    Ich würde mal sagen, beichten und danach ist vergessen und vergeben nach der Abtreibung. Sollte doch reichen. Zumindest für Leute der Kirche und der Gläubigen und für Leute wie Trump und und und ..... war doch immer der Trick bei der Sache ..... gilt aber vermutlich nicht für alle Menschen ..........

  4. 5.

    Ihre Vergleiche sind widerlich und eine Verharmlosung des Holocaust!
    Hier geht es um das Recht, Föten mit schwersten Behinderungen abzutreiben, weit bevor diese überhaupt eigenständig überlebensfähig sind. Es könnte Sie schockieren, dass die Natur genau das Selbe jeden Tag hunderttausendfach von ganz allein tut, in Form einer Fehlgeburt, die weit häufiger in den ersten vier bis fünf Schwangerschaftsmonaten passiert, als Sie wahrhaben wollen. Es hilft auch nicht, die moralische Keule herauszuholen und die Frauen zu kriminalisieren, es ist deren Körper, der den Fötus versorgt und damit überhaupt am Leben erhält. Es ist daher ausschließlich das Recht der Frauen, darüber zu entscheiden, ob sie mit einem schwerstbehinderten Fötus weiterhin schwanger sein wollen. Oft sind diese Kinder nach der Geburt nicht mal überlebensfähig. Dieses Leid berührt Sie nicht?

  5. 4.

    Hunderttausend demonstrieren nicht gegen das neue Abtreibungsverbot, für diese Frauen ist und bleibt Abtreibung Mord.

  6. 3.

    Die "Slubicer Frauen" wollen also ihre eigenen Kinder töten dürfen, vor allem bei diagnostizierter Behinderung. Inklusion und Behindertenrechte also nur, wenn's die anderen trifft?! Vermutlich haben die Demonstrantinnen keine Ahnung, was eine Abtreibung bedeutet und dass sie für den Rest ihres Lebens daran denken werden und sich wünschen, sie hätten es nicht getan – weil es eben die Tötung eines hilflosen Schutzbefohlenen ist. Dabei lernt man alles schon in der Schule, hilfsweise sieht man es im 4D-Ultraschall: Unser Herz begann etwa 22 Tage nach der Zeugung zu schlagen – und schlägt seither ohne Pause und Urlaub, seit damals bis heute. Was für eine Perversion und Menschenverachtung, Kindern vor der Geburt das Menschsein abzusprechen, um sie umbringen zu können – wie vor 80 Jahren die jüdischen Mitbürger. Und das in der wissenschaftlich aufgeklärtesten Generation, die es je gab.

  7. 2.

    Viele Menschen kümmern sich wenig um Verhütung auf beiden Seiten. Trotzdem sollte einer schwangeren Frau die Möglichkeit gegeben sein ihren Fötus zu entfernen aus welchen Gründen und Vorkommnissen auch immer. Die katholische Kirche mit der starken PIS Partei an ihrer Seite sollte langsam aus der Zeit der Hexenverbrennung im 21. Jahrhundert ankommen.

  8. 1.

    Meiner persönlichen Meinung nach ist dieses jetzt extrem verschärfte Abtreibungsrecht durchaus geeignet, die PiS-Regierung ihre sicher geglaubte Mehrheit zu kosten. Die nächsten Wahlen werden für Kacynskis Partei sicher kein Selbstläufer mehr. Die Polen sind duldsam und lassen sich viel nehmen, aber nicht ihre Freiheit.

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