Standortsuche für Zukunftszentrum Deutsche Einheit - Alles auf Frankfurt

Das Panorama aus 5 Einzelbildern zeigt den Blick vom Oderturm auf Stadtzentrum von Frankfurt (Oder) mit dem polnische Slubice hinter dem Grenzfluss Oder am 26.09.2018. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: Abendschau | 07.07.2021 | H. Christ/M. Nowak | Bild: dpa/Patrick Pleul

Das Rennen ist eröffnet: Mehrere ostdeutsche Städte bewerben sich um das Zukunftszentrum Europäische Transformation und Deutsche Einheit. Brandenburg setzt dabei voll auf die Oder-Stadt Frankfurt. Von Hanno Christ

Der Brandenburger Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) dürfte schon länger nicht mehr an einem Kabinettstisch Platz genommen haben. Vor allem nicht an jenem, der in der Mitte Berlins steht und vom Bundeskanzleramt umgeben ist.

An diesem Mittwoch war es dann aber wieder soweit. Als ehemaliger Vorsitzender der Kommission "30 Jahre friedliche Revolution und Deutsche Einheit" warb der 67-Jährige vor dem Bundeskabinett noch einmal final für sein Herzensprojekt, mit dem er sich nebenbei noch selbst ein Denkmal setzen könnte: das Zukunftszentrum Europäische Transformation und Deutsche Einheit.

Das Projekt mit dem sperrigen Namen ist für Platzeck eine "Verbeugung vor der Lebensleistung der Ostdeutschen". Eine Verbeugung, die für ihn mehr als 30 Jahre nach der Einheit reichlich spät kommt. Jetzt soll sie Wirklichkeit werden, untermauert mit zig Millionen vom Bund - eine Art Post-Einheits-Wumms.

Guggenheim des Ostens?

So sind laut Platzeck allein für den Bau etwa 200 Millionen Euro veranschlagt, deutlich mehr also als der neue Landtag in Potsdam mit fast 140 Millionen Euro einst gekostet hat. Dazu kommt ein Jahres-Etat von 43 Millionen Euro für etwa 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Im Interview mit der "Zeit" [zeit.de] sprach Platzeck von einem "Dom", den man errichten wolle. Oder - in einem anderen Interview - von einer Architektur à la Guggenheim.

Egal was es wird: Es sind große Worte, die fallen, und wohl nicht minder ausgewachsene Erwartungen, die damit geweckt werden. Schon 2022 soll das Zentrum seine Arbeit aufnehmen. Fertig soll der Bau bis 2027 sein und als Leuchtturm aus Ostdeutschland strahlen, obgleich noch nicht klar ist, wen genau er beleuchten soll und wohin - in die Vergangenheit oder in die Zukunft?

Nach allem, was zu hören und zu lesen ist, ist es beides: Zum einen soll es Begegnungszentrum sein, zum anderen Denkschmiede für die Demokratie und wissenschaftlicher Knotenpunkt für Forschungen. Im Fokus stehen dabei gesellschaftliche Umbrüche, beispielsweise durch den Zerfall der Sowjetunion oder eben die Deutsche Einheit, aber auch Veränderungen, die der Klimawandel mit sich bringen könnte. Das Feld ist ein weites. Klar ist: Gleich welche Stadt den Zuschlag erhalten wird, es wird für sie eine Art Bescherung.

Frankfurt ist ein idealer Kandidat

Als eine der ersten Städte meldete Frankfurt (Oder) Begehrlichkeiten an. "Die meinen uns", verkündete der Frankfurter Oberbürgermeister René Wilke (Die Linke) selbstbewusst auf einer Pressekonferenz, kurz nachdem das Projekt erstmals offiziell vorgestellt worden war. Geht es nach dem Kriterienkatalog, den eine Arbeitsgruppe unter Platzeck vorab erarbeitet hatte, könnte Wilke tatsächlich viele Häkchen setzen.

Gesucht ist etwa eine Stadt mit Umbruchserfahrungen. Von denen hat Frankfurt reichlich, wenn nicht gar zu viele zu bieten. Noch heute schwelgt die Stadt von Zeiten, in denen die Frankfurter Halbleitertechnik gefragt war und viele Arbeitsplätze sicherte. Nach der Wende gingen die Bewohner und es kamen die Enttäuschungen wie das Desaster der Chipfabrik.

Nun könnten die Wunden, die der Umbruch schlug, Chancen für morgen sein: Weil viel abgerissen wurde und Investoren zuweilen eher einen Bogen um die Stadt machten, kann der Oberbürgermeister mit baureifen Flächen wuchern, nach denen sich Boom-Städte wie Leipzig oder Dresden mittlerweile die Finger lecken.

Landesregierung unterstützt Frankfurter Pläne

Die Stadt hat sich berappelt und sich einen internationalen Ruf als europäische Grenzstadt mit der polnischen "Schwesterstadt" Slubice am anderen Oderufer erworben. Die Viadrina-Universität bietet eben jene akademische Anbindung, die die Väter und Mütter des Zukunftszentrums sich wünschen.

Außerdem kommt eine immer bessere Verkehrsanbindung dazu. Wer nach Frankfurt will, kann mit dem Zug kommen oder über die Autobahn. Und der neue BER-Flughafen ist mittlerweile von der Lachnummer zum Standortvorteil gereift.

Im Brandenburgischen genießt Frankfurt bereits großen Rückhalt: Die Stadtverordneten votierten einstimmig für eine Bewerbung um das Zukunftszentrum und auch die Landesregierung hat sich rasch auf die Seite Frankfurts geschlagen, über Parteigrenzen hinweg. Wie konkret diese Zustimmung auch finanziell ausfällt, ist allerdings noch nicht bekannt. In der Stadt haben sie bereits eine Taskforce ins Leben gerufen, die das Zentrum an die Oder lotsen soll.

Starke Konkurrenz

Die Konkurrenz ist seit Wilkes Ankündigung deutlich gewachsen - aus fast allen ostdeutschen Bundesländern. Allein die sächsische Landesregierung hat angekündigt, insgesamt 150.000 Euro für Bewerberstädte zuschießen zu wollen. So hätten sich Plauen und Leipzig bereits für eine Bewerbung entschieden, auch in Dresden und Chemnitz gebe es Überlegungen, sagt Staatskanzleichef Schenk. Leipzig will dabei als Zentrum der friedlichen Revolution punkten.

Thüringen hat bereits ein altes Schloss als möglichen Zentrumssitz ins Gespräch gebracht. Aus Sachsen-Anhalt hat Halle Interesse signalisiert.

Wer am Ende den Zuschlag bekommt, soll im ersten Halbjahr 2022 entschieden werden. Politische Vorentscheidungen für das Projekt an sich werden aber schon jetzt gefällt, so wie an diesem Mittwoch im Bundeskabinett.

Und der Zeitpunkt, eine möglichst breite Zustimmung für ein so kostspieliges Vorhaben zu ernten, ist kein schlechter. Denn so kurz vor einer Bundestagswahl stehen die Regierenden einem Ja sicher näher als einem Nein. Wann, wenn nicht jetzt ist Zeit, um mit einer Verbeugung vor Lebensleistungen zu beginnen?

Sendung: Brandenburg aktuell, 7.7.2021, 19:30 Uhr

14 Kommentare

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  1. 14.

    Ich habe mal in meinem Bekanntenkreis rumgehört: Eine Mehrheit reagiert ablehnend auf dieses Zentrum. Frankfurter Politiker verlieren hier den Boden unter ihren Füßen. In 30 Jahren haben sie es nicht geschafft, im Stadtzentrum vernünftige Radwege zu bauen. Das Nadelöhr Slubicer Straße soll überbaut werden, ohne dass eine zweite Stadtbrücke existiert. Sorry, aber Frankfurt ist momentan ungeeignet für Traumtänzerprojekte.

  2. 13.

    Als Frankfurter bin ich sehr euphorisch bezüglich eines solchen Projektes in unserer Stadt.
    1mio Besucher/Jahr macht viele Übernachtungen, zusätzliche Angebote auch für uns Einwohner und endlich ein architektonisches und weiteres kulturelles Highlight in der Stadt.
    Die Logistik ist natürlich machbar, da viele Gäste mit der Bahn kommen werden.
    Sowas ist mehr wert als riskante Industrieprojekte.

  3. 12.

    Als Frankfurter bin ich sehr skeptisch gegenüber diesem Projekt. Es gibt im Stadtzentrum keine Parkplätze für soviel Tagesbesucher. Der Platz an der Slubicer Straße ist für so ein Monsterbau viel zu klein. Solch ein Zentrum gehört in die Mitte von Deutschland, z.B. Halle, Leipzig, Erfurt... 1 Million Besucher erzeugen eine enorme Umweltbelastung. 500.000 Autos zusätzlich in der Stadt: Will ich nicht haben!

  4. 11.

    Als Frankfurter bin ich sehr skeptisch gegenüber diesem Projekt. Es gibt im Stadtzentrum keine Parkplätze für soviel Tagesbesucher. Der Platz an der Slubicer Straße ist für so ein Monsterbau viel zu klein. Solch ein Zentrum gehört in die Mitte von Deutschland, z.B. Halle, Leipzig, Erfurt... 1 Million Besucher erzeugen eine enorme Umweltbelastung. 500.000 Autos zusätzlich in der Stadt: Will ich nicht haben!

  5. 10.

    Dem Vernehmen nach geht es bei diesem Projekt um Umbrüche in der Geschichte auch vor 1989 im Zusammenhang der globalen Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg und die gesamte ostdeutsche Geschichte. Da hat Leipzig eben nur die Demos der Vorwendezeit zu bieten und Abriss sowie Neubau von Industrie/Gewerbe und Lebensorten wie überalle in ehemals DDR auch. Leipzig war gefühlt schon immer da als historisch gewachsene Stadt. Andere Städte auf dem Gebiet ehemals DDR haben mehr Aufbruch, Neuanfang und Umbrüche erlebt als Leipzig.
    FFO finde ich persönlich jetzt auch nicht so ausgewogen als Vorschlags-Standort für dieses Projekt. Leipzig und Dresden aber auch nicht. Hm... mal schauen, wo dieses Geschichtsprojekt landet...

  6. 9.

    Genau aus diesem Grund sollte Leipzig keinen Zuschlag erhalten. Wie sollen sich die „Verlierer-Regionen“ eine eigene Zukunft bekommen, wenn kein Leuchtturm angesiedelt wird? Von 53.000 sind noch um 20.000 Menschen in Hütte übrig geblieben. Wenn das EKO zu macht, geht es den Abgrund entgegen. Die Ganze Region rund um Hütte inkl. FF/O. und Guben ist ein völliger Wendeverlierer. Ich hatte es so verstanden, dass dieses Zentrum Themen des Strukturbruchs behandeln. Das wäre in Leipzig als einer der aktuellen Schwarmstädte fehl am Platz. Ich hoffe in Hütte besinnt man sich endlich seiner einmaligen Geschichte. Leider verpennt man das seit der Wende. In Berlin hab ich bis heute keine Werbung für Tagestouren nach Hütte gesehen. Warum muss es in Berlin künstliche DDR Wohnung im Museum geben statt echten DDR Wohnblock in Hütte? Wie wäre es mit einem Ost-Tel in der Platte? Alles Möglichkeiten die alle samt verpennt wurden.

  7. 8.

    Selbst als Brandenburger würde ich nicht für Frankfurt plädieren, sondern für die Sachsen, mit der Stadt Leipzig! Weil in Leipzig alles angefangen hat und Leipzig auf der ganzen Welt bekannt, durch die Messen ist! Frankfurt kennen nur noch die, die die Befreiung durch die rote Armee mitbekommen haben.

  8. 7.

    Eisenhüttenstadt wäre von der Stadtgeschichte her prädestiniert für solche Themen. Bei den vielen Umbrüchen und Neustrukturierungen, die diese Stadt und deren Einwohner schon erlebt haben... und die Zukunft mit der Hütte im Kontext der Klimaneutralität kommt ja noch hinzu. Ja Schade eigentlich...

  9. 6.

    Ich denke mal, wenn die Stadt Frankfurt/Oder "auf Zack" ist, wird sie diese connection herstellen. Es wäre dann in der Tat ein Cluster, den man entsprechend nutzen sollte! "Hütte" hätte es verdient. Nur denke ich ein produktiver Bereich wäre immer noch das Beste, was man befördern könnte. Es müsste aber dann wirklich etwas sein, das auf Zukunftstechnologien setzt. Denn ehrlich gesagt bei dem Tesla-Werk bin ich mir da nicht so sicher: Wieder "Blech" , Raumforderungen an den fließenden und ruhenden Verkehr, wieder individuell basiert. Ich hoffe, die Batterie-/Akkufrage, wenn da ein neuer fällig werden sollte, ist auch gründlich untersucht und begutachtet worden. Für restlos überzeugend halte ich das nicht, aber ich könnte mich auch irren.

  10. 5.

    Beim Lesen des Artikels hatte ich das Gefühl, nicht richtig aufgepasst zu haben oder nicht gescheit genug zu sein, um sich unter Zukunfts-zentrum Europäische Transformation und Deutsche Einheit annähernd das vorzustellen, was es dann sein soll. Das Beste ist, dass sich Landesvater a.D. Platzeck dafür stark gemacht hat, einen brandenburger Standort einzubringen. Da kann man nicht meckern, um es mit seinen Worten zu sagen.
    Bleibt zu hoffen, dass es "Kai aus der Kiste" dann bringt, was sich die Stad, Herr Platzeck bzw. das Land Brandenburg erhoffen. Die Enttäu-schungen über das sang- und klanglose Verschwinden eines hochmodernen Großbetriebes wie das Halbleiterwerk/ff Chipfabrik sitzen tief. Auch heute ist die Konkurrenz sehr groß, denn Leipzig und Dresden sind schon prosperierende Standorte, waren vielleicht nie wirklich weg "vom Fenster". rbb24 sei gebeten, da mal ausführlicher zu berichten.

  11. 4.

    Schade, dass Eisenhüttestadt da mal wieder eine Chance verpennt hat. Wo wenn nicht in der einzigen Stadtneugründung der DDR einer Stadt die als Experiment des Sozialismus auf dem Reißbrett entstanden ist und seit der Wende Stück für Stück Schrumpft und Stirbt wäre ein solcher Leuchtturm besser platziert. Hütte ist eines der größten Flächendenkmäler und besitzt jetzt schon ein DOK Zentrum für DDR Alltagskultur.
    Mit der einmaligen Geschichte hätte Hütte da echt Chancen gehabt. Tja - wieder verpennt.

  12. 3.

    Es wäre toll, wenn Frankfurt/Oder hier den Zuschlag bekommen könnte. Es ist super gut mit der Bahn in unter 1h zu erreichen, hat durch die Viadrina bereits junge Menschen in der Stadt und bietet enorme Chancen und Möglichkeiten für diese Region.

  13. 2.

    Eine gute Idee, wichtige Institute / Einrichtungen an die Peripherie zu bringen. Es gäbe da auch andere Kandidaten. Stutzig macht mich der "Jahres-Etat von 43 Millionen Euro für etwa 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". 238 889 Euro pro Kopf pro Jahr wären 19 907 pro Kopf pro Monat. Wer wird dort arbeiten? Sind die gedachten Stellen schon verteilt?

  14. 1.

    Seit wann liegt Halle (Saale) in Sachsen? Wenn die Sachsen-Anhalter das eher gewusst hätten, wäre ihnen die Hauptstadtdebatte erspart geblieben......

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