Ukrainische Frauen auf der Flucht - "Deutschland ist eines der Hauptzielländer des Menschenhandels"

Mi 16.03.22 | 18:42 Uhr
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Zwei ukrainische Geflüchtete unterhalten sich in einer temporären Unterkunft in Krakau, Polen (Bild: dpa/Stringer)
Audio: Antenne Brandenburg | 16.03.2022 | Magdalena Dercz | Bild: dpa/Stringer

Die Hilfsbereitschaft, die Menschen aus der Ukraine entlang ihrer Fluchtroute erfahren, ist riesig. Doch nicht jedes Angebot ist auch gut gemeint. Kriminelle aus dem Rotlichtmilieu könnten die Notsituation ausnutzen – in Deutschland wie in Polen.

Noch vermeldet die Bundespolizei in Berlin und Brandenburg keine Straftaten im Zusammenhang mit Zuhälterei, doch die Beobachtungen der Beamten sind ein klares Warnsignal. Am Hauptbahnhof in Berlin, wo täglich Tausende Frauen aus der Ukraine einreisen, versuchen Kriminelle bereits, Frauen für die Sexarbeit zu finden, warnt Jens Schobranski, Pressesprecher der Bundespolizei Berlin Brandenburg: "Wir haben wiederholt mitbekommen, dass sich Männer dort sehr auffällig verhalten." Sie sprächen gezielt Ukrainerinnen an und böten Geld für eine Unterkunft. "Andere Männer haben Süßigkeiten an Kinder verteilt. Und sobald man sie darauf anspricht, reagieren sie aggressiv", sagt Schobranski.

Entlang der Fluchtroute ist Aufmerksamkeit gefordert

Was sich hinter Verhalten wie diesem tatsächlich verbirgt, ist vor Ort oft schwierig herauszufinden. Doch Szenen wie diese spielen sich nicht nur am Hauptbahnhof in Berlin ab. Entlang der gesamten Route – von der ukrainischen Grenze bis zu den Ankunftszentren in der EU – besteht für Ukrainerinnen die Gefahr, an Männer zu geraten, die sie als Sexarbeiterinnen anwerben wollen.

"Deutschland ist europaweit eines der Hauptzielländer für Menschenhändler", sagt Adina Schwarz, Mitarbeiterin der Fachberatungsstelle Jadwiga in Bayern, die Betroffene von Menschenhandel und Zwangsheirat berät. Viele Frauen aus Osteuropa würden hierzulande zur Prostitution gezwungen.

Verdächtige Reisen nach Stuttgart angeboten

Polnischen Medien zufolge sind Zuhälter aus Deutschland seit Beginn der Fluchtbewegung in Polen unterwegs. Die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza berichtete vergangene Woche über deutschsprachige Männer, die Reisen nach Stuttgart angeboten hätten. Wie Helfende am Bahnhof Breslau berichteten, hätten die fünf Männer Transport sowie kostenlose Unterkunft den Frauen versprochen.

Die polnische Polizei verstärkt aufgrund dieser Beobachtungen ihre Präsenz an den Bahnhöfen, teilt Lukasz Dutkowski, Sprecher der Polizei Niederschlesien mit.

Doch diese Reaktion und die Sensibilisierung der Polizei komme zu spät, warnt der Kriminologe Zbigniew Lasocik, vom Forschungszentrum Menschenhandel an der Universität Warschau. "Präventive Maßnahmen hätte man ein paar Tage vor dem Kriegsausbruch, spätestens am 24. Februar einleiten sollen. Doch das Schutzsystem funktioniert seit Jahren schlecht", sagt Lasocik.

Ausweise bei Wohnungsangeboten zeigen lassen

In Polen seien vier große, kriminelle Gruppen im Bereich der Zwangsprostitution unterwegs: eine türkische, eine albanische, eine bulgarische und eine deutsche. "Die deutsche Mafia ist vor allem in Westpolen tätig", sagt der Kriminologe. Wie viele Frauen aus der Ukraine an Bahnhöfen und Grenzübergängen bereits weggeschleppt worden sind, ist unbekannt.

Freiwillige Aktivisten und Aktivistinnen in Deutschland und Polen versuchen die Versäumnisse mit Warnaktionen an den Bahnhöfen nachzuholen. Flugblätter auf Ukrainisch sollen die Frauen warnen und sensibilisieren. So rät die Beratungsstelle Jadwiga [jadwiga-online.de] vor dem Einsteigen das Autokennzeichen zu fotografieren und an eine Vertrauensperson zu schicken. Auch sollten sich Flüchtende den Ausweis mit Namen und Adresse von den Personen notieren, die ihnen eine Wohnung oder ein Zimmer anbieten.

In Berlin bietet die Beratungsstelle IN VIA Frauen Hilfe im Zusammenhang mit Menschenhandel an.

 

Sendung: Antenne Brandenburg, 16.03.2022, 15:42 Uhr

Mit Material von Magdalena Dercz.

15 Kommentare

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  1. 15.

    Es bleibt dabei, bei so einem sensiblen Thema sachlich zu bleiben. Dass es Versuche geben wird, Frauen in diesen Notlagen auszunutzen, auch unabhängig der Ukraine-Krise, ist unstrittig und angesichts überforderter Verwaltung bzw. Bezirksämter umso wahrscheinlicher. Ein Aufruf zu Selbstjustiz und Verleumdung ist das deswegen aber nicht. Auch was Hinz und Kunz zu Prostitution zu wissen zu glauben, interessiert hier nicht. Ebenso der Schutz durch nicht mehr kriminalisierte Sexarbeiter*innen ist hier nicht das Thema. Einzig die Sensibilisierung für die Lage der Frauen, hier in erster Linie aus der Ukraine, ist weiterhin erforderlich, kann aber keine Polizei oder Staatsanwaltschaft nach sich ziehen, solange Straftaten nicht nachgewiesen werden.

    Die Verwaltung muss in ihrer Effizienz gesteigert werden, nicht nur im Punkt der Betreuung Geflüchteter. Wie lange ein schnöder Personalausweis dauert, wissen wir leider alle, in Corona-Zeiten genauso wie in Zeiten des Ukraine-Kriegs.

  2. 14.

    Da dürften wir einer Meinung sein. Es gab vor Monaten einmal eine Sendung im TV über Prostitution. Auf der einen Seite wurden Fälle von ehemaligen Zwangsprostituierten geschildert und dann „selbstbestimmte“ ehemalige Prostituierte, die nun für Aussteigerprogramme arbeiten gezeigt. Es gab interessante Einblicke in diese Szene und ihre Methoden bzw. bei den „Selbstbestimmten“ Frauen über ihre Beweggründe sich zu prostituieren und der Weg zum Ausstieg.

  3. 13.

    Nachtrag:
    Bei politischen Debatten wird scheinbar nicht zwischen der diskutablen "Diskriminierung" von Prostituierten und der Realität von Zuhälterei und Menschenhandel unterschieden.
    Ich befürworte Prostitution zwar auch nicht, aber die diesbezügliche FREIE (ohne wirtschaftliche, psychische oder soziale Nöte) Willensentscheidung von FREIEN (Art. 2 Grundgesetz) Menschen zu "Sexarbeit" kann ich tolerieren.
    -
    "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden." - wenn er anderen Menschen damit nicht schadet.

  4. 12.

    Fake News. "Die Anzahl der registrierten Straftaten in Deutschland ist im Jahr 2020 im Vergleich zu den Vorjahren gesunken. "

  5. 11.

    So mal ganz platt:
    Ich wäre ja eher dafür Zuhälter grundsätzlich wieder zu kriminalisieren und das "sittenwidrig" erworbene Vermögen den Sexarbeitern zukommen zu lassen und diesen bessere Hilfen für selbstständige Tätigkeiten zu geben.
    #Prostituierten-Genossenschaft
    Nicht die Prostitution, die es schon lange legal gibt, ist das Problem, sondern die Zuhälterei und der Menschenhandel.

  6. 10.

    Ich sehe es ähnlich - glaube ich.
    Ich habe nichts gegen selbstbestimmte, eigenständige Personen, die gern intim sind und dafür Geld bekommen.
    #Recht auf sexuelle Selbstbestimmung
    Das Prostitutionsgesetz hat aus meiner Sicht aber NICHTS verbessert.
    Prostitution war schließlich nicht strafbar und Alles wurde per Vorkasse geregelt.
    Zudem durften die Personen statt Steuern für sonstige Einkünfte nun auch noch Gewerbesteuer abdrücken.
    Link: www.haufe.de/steuern/rechtsprechung/bfh-kommentierung-sind-prostituierte-gewerblich-taetig_166_129818.html
    Aus Effiziensgründen wurden sie da geradzu in die nun legalisierte Zuhälterei gedrängt.
    (Ich habe noch nie von selbstständigen Prostituierten-GbR's oder Genossenschaften gehört)
    Vom Missbrauch des Zuhälter-Systems (Menschenhandel) ganz zu schweigen. #Bordell Europas
    Und von den meisten Personen die dem Nachgehen höre ich nur von Geldsorgen und nix von "Spaß".

  7. 9.

    Ja, Dauerpräsenz des LKA und der Polizei in den größeren Unterkünften und Aufnahmezentren, Aufklärung und Vernetzung der Damen und (stichprobenartige) Kontrolle des Verbleibs wirken sicher abschreckend auf Frauenfänger … Und wenn sie einen erwischen, den dann so hart und schnell bestrafen, dass es auch wirklich abschreckt bitte … Nötigung (auch versuchte) kann mit bis zu 5 Jahren Haft bestraft werden.

  8. 8.

    Vielleicht sollte man der Polizei endlich mehr Befugnisse einräumen, sie wird ja ständig durch irgendwelche Leute diskriminiert und als böse dargestellt. Die Polizei nimmt die Täter fest, die Justiz lässt sie wieder laufen.

  9. 7.

    Dem kann man nur zustimmen. Als es bei einer Novelle zu Diskussionen kam wie man hier einschreiten könnte wurde nur gebrüllt Diskriminierung! Ich wäre für ein Gewerbeschein bei den Prostituierten, früher nannte man so etwas „ Bockschein“. Mag zwar nicht alles verhindern, aber wenn man dann die Strafbarkeit von Freiern einführt, die sich diesen Schein nicht vorlegen lassen wäre viel gewonnen. Da mögen diejenigen die sich für die Belange der Prostituierten einsetzen mal an ihre Nase fassen.

  10. 6.

    Nicht nur für Menschenhandel .

    Deutschland ist ein Hot Spot in Europa für Verbrechen aller Art ...

  11. 5.

    Mit den § 232 ff. StGB gibt es bereits die Grundlagen für ein Vorgehen gegen diese Verbrecher. Aber leider haben wir wieder einmal ein klassisches Vollzugsdefizit.

  12. 4.

    Wo steht denn, dass es in Deutschland besonders viele Männer sind? … die Sie übrigens nicht alle über einen Kamm scheren sollten. Ich z.B. war noch nie bei einer Prostituierten, habe das auch in Zukunft nicht vor und kenne auch niemanden, der das tut. Ob es hierzulande allzu viel mehr Männer gibt, die das tun als anderswo, kann ich Ihnen nicht sagen. Dass Deutschland ein Hauptzielland ist, könnte vielleicht eher daran liegen, dass dieses „Geschäftsmodell“ hier besonders lukrativ für Menschenhändler aus dem Ausland ist, die die Frauen oft unter falschen Versprechungen (oftmals einer ganz anderen Arbeit), hierher locken und das „verdiente“ Geld wieder ins Ausland transferieren – wo es dann gleich viel mehr wert ist, weil es dort eine vielfach größere Kaufkraft besitzt. Der Hauptgrund könnte also vielmehr darin liegen, dass Deutschland ein besonders reiches Land ist und die „Gewinnspanne“ daher deutlich höher, wenn man die Frauen hier ausbeutet, als in einem ärmeren Land.

  13. 3.

    Deutschland als eines der Hauptzielländer für Menschenhandel. Das bedeutet übersetzt also nichts anders als das es hier dann ja auch entsprechend viel zahlende Kundschaft für Prostitution gibt. Ernsthaft? Ihr deutschen Männer - habt ihr es echt so nötig? Klar Prostution hat es immer schon gegeben, aber das wir hier ein Hauptmarkt auch für ZWANGSprostitution sind, da bin ich dann doch entsetzt. Was wird denn von der Politik dagegen unternommen wenn es bekannt ist? Ich meine nicht nur in dieser speziellen Situation? Man kann sich echt nur Fremdschämen für solche Männer. Und nun wette ich das ich auch solche kenne ohne es zu wissen - wenn es wirklich so viele sind. Ehrliches Entsetzen.....

  14. 2.

    Ist doch nichts neues.
    Berlin gilt als Umschlagplatz für die Menschenhandel-Mafia.
    Vielleicht einfach mal unsere Polizei vom Ballast der Corona-Kontrollen befreien und ihnen den Rücken stärken, wenn sie gegen GEWALTTÄTER durchgreifen wollen.

  15. 1.

    "Zuhälter" - so so.
    Wem haben wir denn die Legalisierung der Zuhälterei in Deutschland zu verdanken?
    Ich helfe mal nach:
    ProstG - BGBl. I S. 3983 - Artikel 2

    Danke SPD/Grüne - Schröder/Fischer für NIX!

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