Hauptraum des Coworking-Space in Letschin im Oderbruch mit viele Schreibtischen
Video: Brandenburg aktuell | 22.07.2018 | Melanie Manthey | Bild: rbb/ Melanie Manthey

Arbeitscafé für Freiberufler in Letschin - Ein Coworking-Space im Dorf

Die Gemeinde Letschin im Oderbruch hat 4.000 Einwohner - und seit Neuestem einen Coworking-Space. Kann auf dem Land funktionieren, was es in den Großstädten schon lange gibt? Von Melanie Manthey

Vorm Ortseingang von Letschin wiegen sich grün-gelbe Ähren im Wind, während sich im Hintergrund die Windräder drehen. Auch in der 4.000-Seelen-Gemeinde regt sich nur etwas auf der Ortsdurchfahrt Karl-Marx-Straße: Anwohner, die zum Beispiel ins 18 Kilometer entfernte Seelow zur Arbeit fahren, oder Durchreisende.

Die "Alte Schule" in Letschin. Im Erdgeschoss befindet sich das Coworking-Café
Die "Alte Schule" in Letschin, in der sich das Coworking-Space befindet | Bild: rbb| Melanie Manthey

Mitten im sanierten Ortskern, gegenüber vom in Backsteinrot und Weiß leuchtenden Schinkel-Turm, steht hinter einem Baum versteckt die Alte Schule Letschin. Von außen sieht das hellgelbe Gebäude nicht so aus, als ob sich drinnen ein Exportschlager aus den Weltmetropolen befinden würde: ein Coworking-Space. Doch so ist es. Genauso wie es sich freiberufliche Architekten, Kreativleute oder Designer nur erträumen können: mintgrüne Wände, Lampen mit Schirmen aus Kupferstangen, Espressomaschine.

Von einer Statikerin, die einzog, um co-zu-worken

Auf einer der Holzbänke mit graumelierten Polstern sitzt Katrin Zabel. Laptop, Ordner und Taschenrechner liegen vor ihr auf dem schwarzen Schreibtisch. "Ich habe lange Zeit von zu Hause aus gearbeitet", sagt die 46-Jährige. "Aber da macht man nebenbei die Wäsche und überlegt, was man als nächstes isst. Dadurch wird man unzufrieden, weil man nicht mehr effizient arbeitet."

Katrin Zabel ist freiberufliche Statikerin und arbeitet regelmäßig im Coworking-Space in Letschin
Katrin Zabel, freiberufliche Statikerin im Coworking-Space | Bild: rbb/ Melanie Manthey

Früher hat sie in Berlin gelebt. Ihr Mann kommt aus Eichwerder, beide hatten lange Zeit eine Fernbeziehung. Vor neun Jahren hat sie sich dann entschieden, zu ihrem Mann zu ziehen. Das war kein Problem für die studierte Bauingenieurin, die als freiberufliche Statikerin, Energieberaterin und Tragwerkplanerin arbeitet. Denn die meisten Aufgaben kann sie überall am Laptop erledigen.

Lange hat sie nach einem Büro in der Gegend gesucht. "Ich hab mich gefreut, als ich vom Coworking erfahren habe", erzählt sie. "Ich war allerdings skeptisch, weil es Alte Schule heißt." Ihre Befürchtung: alte graue Klassenräume und Schulbänke. Sie wurde vom Gegenteil überrascht und ist dann "mehr oder minder gleich eingezogen". Für eine 20-Tages-Karte zahlt sie 100 Euro, ein Ticket für einen Tag kostet zehn Euro - WLAN und Kaffee inklusive.

Warum Letschin?

Bisher gibt es neben Katrin Zabel noch zwei weitere Freiberuflerinnen, die regelmäßig ins Coworking-Café kommen. Torsten Kohn, Projektleiter des Coworking Oderbruch, ist mit dieser Auslastung zufrieden: "Dafür, dass wir erst seit anderthalb Monaten geöffnet haben, sind wir total begeistert."

Torsten Kohn, Projektleiter des Coworking Oderbruch in Letschin
Torsten Kohn, Projektleiter des Coworking Oderbruch | Bild: rbb/ Melanie Manthey

Anfang Mai hat das Café eröffnet. Gegründet wurde es als Projekt von der STIC Wirtschaftsfördergesellschaft Märkisch-Oderland. Gefördert wird es bis Ende 2018 vom Bundeslandwirtschaftsministerium.

Der Landkreis hatte sich bei der Projektvergabe für Letschin entschieden, weil der Ort im Zentrum des Oderbruchs liegt, und auch, weil die Alte Schule im Ortskern verkehrstechnisch gut angebunden ist. Außerdem gibt es Gaststätten und Parkplätze ringsum. Kohn, der seit 14 Jahren im Oderbruch lebt und herkam, weil seine Frau in der Region geboren wurde, ist sich bewusst: "Das hier ist ein Test."

Das Coworking-Space als Internet-Oase für den Ort?

Letschin wurde als Test-Ort auch deswegen ausgewählt, weil es hier Internet gibt – keine Selbstverständlichkeit für den ländlichen Raum von Brandenburg. Den bisherigen Coworkern genügt die 16 Mbit/s-WLAN-Verbindung, bis Ende des Jahres sollen daraus 50 Mbit/s werden.

Breitbandverfügbarkeit in Märkisch-Oderland, Stand 14. März 2018
Verfügbarkeit von schnellem Internet in Märkisch-Oderland | Bild: Breitbandatlas Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur| Grafik: rbb/ Brandenburg aktuell

"Die Ortslage Letschin ist einigermaßen gut erschlossen“, sagt Bürgermeister Michael Böttcher (Freie Wählergemeinschaft Letschin). "Die umliegenden Ortsteile haben aber noch Nachholbedarf." Deswegen hat sich die Geminde auch für die Bundesfördermittel zum Breitbandausbau beworben – erfolgreich.

In Katrin Zabels Zuhause gibt es jedenfalls eine ordentliche Internetverbindung. Für sie war das also nicht der Grund, sich ins Coworking-Café einzumieten.

Breitbandverfügbarkeit in Märkisch-Oderland, Stand 14. März 2018
Verfügbarkeit von schnellem Internet in Letschin, Stand 14. März 2018 | Bild: Breitbandatlas Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur| Grafik: rbb/ Brandenburg aktuell

Arbeiten 2.0 auf dem Land

Das Café zeigt, wie die Zukunft der Arbeit auf dem Land aussehen könnte. Internetverfügbarkeit, Verkehrsanbindung und Arbeitsräume machen es möglich, dass für Selbstständige oder auch Arbeitnehmer, für die Home Office eine Option ist, das Leben auf dem Land interessant wird.

Designerin und Schneiderin Wilma Rippich hat ihr Atelier zwei Etagen über dem Coworking-Space in Letschin
Designerin und Schneiderin Wilma Rippich in ihrem Atelier | Bild: rbb/ Melanie Manthey

Wie für Wilma Rippich. Die Designerin und Schneiderin hat ihre Ausbildung in Berlin gemacht und lange dort gelebt. Jetzt ist sie in ihre Heimat, das Oderbruch, zurückgekehrt. Zwei Etagen über dem Coworking-Space hat sie ihr Atelier eingerichtet. "Es ist total toll, endlich ein eigenes Atelier zu haben", sagt sie, "und wenn man mal eine Pause braucht, geht man runter ins Coworking."

Noch gibt es da genügend freie Plätze, die auch schon mal von Anwohnern in Anspruch genommen wurden. Für einen Gesellschaftsspiele-Abend.

Beitrag von Melanie Manthey

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2 Kommentare

  1. 2.

    Wer verdient sich hier eine goldene Nase?
    Der Coworking Alte Schule Letschin ist ein Wirtschaftsförderprojekt der STIC Wirtschaftsförderung MOL mbH. Das Projekt soll den ländlichen Raum vor weiteren Wegzug bewaren und wenn möglich sogar atraktiv für Neusiedler machen. Verdient wird damit erst einmal gar nichts!

  2. 1.

    Habe das schonmal kommentiert, würde aber nicht veröffentlicht. Ich Frage mich, wieso muß da einer sich eine goldene Nase mit Fördermitteln verdienen, der nichts an Leistung erbringt..

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