Trockenheit und Dürre auf einem Getriedefeld in der Lausitz, Brandenburg (Bild: dpa/Andreas Franke)
Audio: Antenne Brandenburg | 09.10.2018 | Bild: dpa/Andreas Franke

Debatte über Klimawandel in Brandenburg - "Wir müssen weg vom Rezept-Ackerbau"

Erst sintflutartige Regenfälle, dann Hitze ohne Ende: Brandenburgs Landwirte haben zwei intensive Sommer hinter sich. Wie sie sich für neue Klimaextreme rüsten können, diskutierten Experten und Landwirte am Antenne Stammtisch. Von Marlene Brey

In einer Sache herrscht beim Antenne Stammtisch am Montagabend in Müncheberg Einigkeit auf dem Podium: Die Ernte des Sommers war schlecht, sehr schlecht sogar. In Zahlen heißt das: Je nach Region etwa 20 bis 40 Prozent Verlust. Wer im letzten Jahr wegen des Starkregens keine Reserven bilden konnte, der war durch die Hitze in diesem Jahr doppelt belastet.

Antenne Brandenburg brachte jetzt Agrarwissenschaftler, Landwirte und Politiker an einen Tisch, um eine Bestandsaufnahme zu machen. rbb-Moderator Andreas Oppermann wollte wissen: Wie sieht die Zukunft für Brandenburgs Bauern in Zeiten des Klimawandels aus? Wie kann man helfen?

Beim Antenne Stammtisch in Müncheberg (Quelle: rbb/Marlene Brey)
Bio-Bauer Jan Sommer aus Märkisch-Oderland | Bild: rbb/Marlene Brey

Her mit der Dürrehilfe?

Bio-Bauer Jan Sommer berichtet, dass das Wetter die Arbeit auf seinem Hof umgekrempelt habe. So habe er inzwischen die Siesta eingeführt - dabei liegt sein Hof nicht in Spanien, sondern in Märkisch-Oderland. In den Nächten arbeitet er mehr, am Mittag gibt es dafür Hitzepausen.

Von Anfang an habe er seinen Betrieb so angelegt, dass er in der Ernte flexibel auf das Wetter reagieren könne, sagt Sommer. Das hat sich nach seinen Angaben nun ausgezahlt. "Wir haben gut gewirtschaftet, darauf sind wir stolz", sagt Bauer Sommer, der auch grünes Mitglied des Kreistages Märkisch-Oderland ist. Aber sein Erfolg habe auch einen Haken: Von der Dürrehilfe profitieren nur diejenigen Betriebe, die existenzgefährdet sind. Und zu denen gehört er jetzt nicht. "Wenn wir mehr Mittel hätten, würden wir gerne Hecken und Bäume pflanzen - was für das Klima wichtig wäre. Aber das können wir nicht. Weil wir nicht existenzgefährdet sind, bekommen wir keine Hilfe."

Ob Dürrehilfen das geeignete Instrument der Politik sind, um die Ernteausfälle auszugleichen, ist im Bundestag genauso umstritten wie auf dem Podium - vor allem wegen der Art der Auszahlung. Wie erreicht man eine gerechte Verteilung? Nach dem Gießkannenprinzip oder indem man prüft, welche Betriebe bedürftig sind? Sollte die Auszahlung an die Umsetzung von Reformen gebunden sein?

Beim Antenne Stammtisch in Müncheberg (Quelle: rbb/Marlene Brey)
Debattenrunde mit Moderator Oppermann (5.v.l.) | Bild: rbb/Marlene Brey

"Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht"

Auch Reinhard Jung vom Bauernbund Brandenburg sieht das Instrument der Dürrehilfe kritisch. Er vertritt die bäuerlichen Familienbetriebe. "Wir hatten genau die gleiche Ernte wie alle: eine sehr, sehr schlechte." Aber Dürrehilfen führten zu einer Wettbewerbsverzerrung, sagt Jung. Während viele Brandenburger Betriebe keine Hilfen erhielten, bekämen stattdessen die großen, risikofreudigen Unternehmen das Geld. "Die Betriebe, die volles Risiko gefahren sind, sind jetzt pleite und bekommen Unterstützung." Das Instrument belohne, wer sich nicht an die bäuerlichen Tugenden halte. Die wären: sparsam sein und Vorsorge leisten. Die Dürrehilfe sei somit: "Ein fatales agrarpolitisches Signal."

Selbst aus den Reihen der Politiker wird Kritik laut. Hans-Georg von der Marwitz ist Landwirt und Mitglied der CDU im Bundestag. Zur Dürrehilfe sagt er: "Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht." Die Dürrehilfe ist ein umstrittenes politisches Instrument. Bietet die Wissenschaft Lösungen an, die den Landwirten in der Region wirklich helfen?

Beim Antenne Stammtisch in Müncheberg (Quelle: rbb/Marlene Brey)
Die gut 100 Zuschauer beteiligten sich auch an der Diskussion. | Bild: rbb/Marlene Brey

Was Bauern von der Wissenschaft lernen können

Mit der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde und dem Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg verfügt die Region über zwei Lehr- und Forschungseinrichtungen.

Frank Ewert ist wissenschaftlicher Direktor am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung. Das Thema Klimawandel bestimmt seine Forschung seit mehr als 20 Jahren, Lösungen für die Praxis zu finden, ist eine langwierige Aufgabe. Und eine große Herausforderung ist, dass sich der Klimawandel nicht nur auf eine Art zeigt. Für die Wissenschaftler sei es einfacher, Lösungen für Regionen zu entwickeln, in denen es ein bestimmtes Problem gibt, sagt Ewert - etwa zu viel oder zu wenig Niederschlag. Brandenburg aber sei keine solche Region. 2017 gab es zu viel Regen, 2018 zu wenig - die Anforderungen sind also ganz unterschiedlich.

Die Zunahme der Variabilitäten, wie es die Wissenschaft nennt, sei ein echtes Problem für Bauern wie für Forscher, stellt Ewert fest. "Wir analysieren die Daten und fragen: Lassen sie ein Klimasignal erkennen?" Das dauere. Dann werde man aus diesen Daten aber ableiten können, welche Pflanzen für diese Bedingungen geeignet sind. Das Stichwort lautet Diversifizierung. Das bedeutet, Forscher sollen helfen, die richtigen Arten für den Anbau in der Region zu finden und sie zu züchten.

Beim Antenne Stammtisch in Müncheberg (Quelle: rbb/Marlene Brey)
Ralf Bloch lehrt und forscht am ZALF in Müncheberg und an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde | Bild: rbb/Marlene Brey

"Da brauchen wir keine Wissenschaft, sondern Umsetzung"

So sieht es auch Ralf Bloch von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung: "Wir müssen weg vom Rezept-Ackerbau", sagt er. Darum müssten Landwirte mit den Wissenschaftlern zusammenarbeiten. Im laufenden Betrieb hätten viele Bauern oft keine Zeit, sogenannte resiliente Ökosysteme auszuprobieren - damit sind Ökosysteme gemeint, die den Klimaveränderungen trotzen können. Wissenschaftler könnten helfen, indem sie Projekte an Höfen umsetzen, um so Diversifizierungsstartegien zu entwickeln, die auch in der Praxis funktionierten.

Die richtige Strategie für einen Hof zu finden, sei nicht nur arbeitsintensiv, sondern auch wissensintensiv, sagt Bloch. Darum müsse der Dialog gefördert werden. Im "Innovationsnetzwerk Klimaanpassung Brandenburg Berlin" (INKA BB) werden bereits aktiv Anpassungsprozesse ausprobiert.

Nach Ansicht von Bio-Bauer Jan Sommer ist allerdings nicht mehr viel Zeit: "Ich glaube, wir müssen uns sputen", sagt er. Die wissenschaftlichen Ergebnisse gebe es schließlich nicht erst seit heute. In vielen Fällen brauche es gar keine Forschung, sondern einfach die Umsetzung dessen, was man bereits wisse, meint Sommer. Er nennt auch ein Beispiel: "Dieser Sommer war heiß und extrem trocken, dazu kam der Wind. Hier in Brandenburg haben wir Kilometer weit keine Hecke. Da brauchen wir keine Wissenschaft, sondern Umsetzung."

Bauern als Verursacher des Problems und Teil der Lösung

Henrik Wendorff, Präsident des Landesbauernverbandes, sieht die Verantwortung auch in seiner eigenen Berufsgruppe: "Wir als Landwirte sind ja selbst Mit-Verursacher des Problems." Laut Bundesumweltamt stammten 2016 rund 60 Prozent der gesamten Methan-Emmissionen in Deutschland aus der Landwirtschaft - sowie rund 7,2 Prozent der gesamten Treibhausgase. Gleichzeitig seien die Landwirte aber auch die Leidtragenden, sagt Wendorff. Denn: "Wir sind die ersten, die die Auswirkungen spüren. Mittlerweile erleben wir Zustände, die wir immer für unrealistisch gehalten haben." Nicht zuletzt seien die Landwirte aber auch Teil der Lösung.

Wilhelm Schäkel, Landwirt aus der Prignitz, Agrarökonom und Philosoph, arbeitet wie viele Bauern bereits an ersten Lösungen, berichtet er. Um sich an verändernde Bedingungen anzupassen, Emissionen zu verringern und künftig mehr Kohlenstoff im Boden zu speichern, baue er neue Arten an: zum Beispiel Wicke und 110 Hektar Hanf.

Beim Antenne Stammtisch in Müncheberg (Quelle: rbb/Marlene Brey)
Reinhard Jung (Bauernbund), Hans-Georg von der Marwitz (CDU), Andreas Oppermann und Wolfgang Roick (SPD) | Bild: rbb/Marlene Brey

Landwirte hoffen auf Wertschätzung durch Verbraucher

Wer aber neue Arten anbaut, braucht nicht nur entsprechende Flächen, sondern auch den passenden Markt, um seine neuen Produkteverkaufen zu können. Frank Ewert vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung fordert daher: "Sie müssen die Konsumenten mit im Boot haben, die diese Produkte dann auch kaufen."

So sieht es auch Wissenschaftler Ralf Bloch: "Keine Lösung funktioniert, wenn man sie nicht in den gesamtgesellschaftlichen Kontext stellt." Am Ende der Kette von Landwirtschaft, Politik und Wissenschaft stehe der Konsument. Ohne 80 Millionen Käufer könnten weder Bauern, noch Politiker oder Forscher das Problem der Landwirtschaft im Klimawandels lösen. "Das heißt am Ende auch: Es braucht vernünftige Preise. Die Veränderungen werden sich auch im Geldbeutel bemerkbar machen." Und Bio-Bauer Jan Sommer bilanziert: "Wir brauchen mehr Wertschätzung."

Beitrag von Marlene Brey

Kommentar

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3 Kommentare

  1. 3.

    Ich denke wir müssen den Druck von der Fläche nehmen. Wie Jan sagt: Hecken pflanzen auch wenn da scheinbar Ackerland verloren geht. Die positive Wirkung auf den Humusgehalt und auf den Landschaftswasserhaushalt ist nachgewiesen.
    Und urban farming entlastet die Flächen ebenfalls. Geschlossene Systeme wie http://www.roofwaterfarm.com/partner/
    und Aquaponik eignen sich sehr gut und sind nahezu Wetter unabhängig. Und der Nebeneffekt ist, dass die Menschen in der Stadt merken, dass das alles nicht so einfach ist....

  2. 2.

    McBurgerDonaldKing macht's vor: Salat, mit Nährstoffen in einer Wasser-Matrix die nie Erde braucht! Acker war gestern.
    Solche Dokus habe ich schon vor Jahren gesehen (10 Jahre?).

  3. 1.

    Die konventionelle Landwirtschaft ist mittlerweile die größte Belastung überhaupt für Umwelt und Gesundheit!
    Hier wird von der Bundesregierung genauso einseitige Lobbypolitik betrieben wie im Verkehrsbereich.

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