Abgeschnitten: Die Wriezener Bahn wurde 1998 gekappt
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Audio: Antenne Brandenburg | 03.12.2018 | Fred Pilarski | Bild: rbb/Fred Pilarski

Ostbrandenburger fordern Verbesserungen im Bahnverkehr - Abgehängt im Pendlerland

Im nördlichen Oderbruch haben Pendler kaum noch eine Chance, mit der Bahn nach Berlin zu kommen. Weiter südlich fährt zwar noch die Ostbahn - doch die ist eine Zumutung, sagen Pendler. Von Fred Pilarski

Die alte Bahnstrecke von Berlin über Tiefensee nach Wriezen (Märkisch-Oderland) ist seit 1998 stillgelegt. Zu wenig Verkehr, hieß es damals. Ein Fehler, heißt es heute. Berlin-Pendler aus dem nördlichen Oderbruch müssen nun nach Eberswalde im landkreis Barnim, um sich dort in überfüllte Regionalexpress-Züge zu quetschen - oder sie steigen ins Auto. Und das ist oft auch kein Vergnügen, sagt die Wriezenerin Bärbel Klatt, die das 20 Jahre lang gemacht hatte: "Immer nur die roten Bremslichter vor mir, jeden Morgen stand ich im Stau."

60 Minuten sind die Grenze

Bis 2014 fuhren wenigstens noch morgens und abends durchgehende Züge von Wriezen über Eberswalde nach Berlin-Lichtenberg. Auch das ist vorbei.  Gernot Schmidt, Landrat von Märkisch-Oderland, will nicht gleich sagen, dass die Gegend abgehängt sei - dennoch könnten Bürgermeister und Amtsdirektoren gern ein bisschen mehr Krawall machen, meint der SPD-Politiker. Denn schon jetzt beginne die Diskussion um Ausschreibungen des Landes für den Schienennahverkehr ab 2022. 

Ein Fehler wie die Stilllegung der Wriezener Bahn dürfe sich nicht wiederholen, meint Landrat Schmidt. Er fordert Lösungen, die Orte wie Wriezen zeitlich näher an die Metropole rücken. Eine Fahrzeit von 60 Minuten habe sich dabei als Grenze erwiesen, sagt er. Orte, von denen man innerhalb einer Stunde nach Berlin kommt, würden oft einen Entwicklungsschub erleben. Die anderen fielen eher zurück, so Schmidt.

Der Wriezener Bahnhof
Der Wriezener Bahnhof | Bild: rbb/Fred Pilarski

Vom Koppeln und Flügeln

Für eine bessere Anbindung dieser Orte könnte möglicherweise auch bessere Technik sorgen: sogenannte Flügelzüge, die sich an einen Regionalexpress andocken oder auf Nebenstrecken von ihm abkoppeln lassen, schlägt Verkehrsexperte Hans Leister von der Beratungsgesellschaft Innoverse vor. Das gehe neuerdings auch mit unterschiedlichen Fahrzeugtypen, was bisher ein großes Hindernis gewesen sei. Mit modernen Batteriezügen ließen sich auch nicht-elektrifizierte Nebenstrecken besser erschließen.

Verkehrsexperte Hans Leister
Verkehrsexperte Hans Leister | Bild: rbb-screenshot

Dass Bahnverbindungen die Orte beleben, ist entlang der Ostbahn zu besichtigen, also entlang der Strecke Berlin-Gorzow: In Orten wie Rehfelde oder Gusow wurden Bahnhöfe saniert und Pendlerparkplätze gebaut. Eine länderübergreifende Interessengemeinschaft hatte diese Entwicklungen vorangetrieben und dafür Fördergelder eingeworben. Die Grundstückspreise steigen seither, Unternehmen siedeln sich an. Selbst in den weiter östlich gelegenen Orten sei der Bevölkerungsrückgang gestoppt oder kurz davor, heißt es.

Vollbesetzt aus Küstrin-Kietz

Gebremst wird die positive Entwicklung leider nur durch die Ostbahn selbst, denn die hält mit den wachsenden Pendlerströmen nicht mehr mit. Wer in Müncheberg Richtung Berlin zusteigt, bekommt meist nur noch einen Stehplatz. Die Züge kommen bereits vollbesetzt aus Küstrin-Kietz, wo die meisten polnischen Pendler zusteigen.

Dass zu wenige Wagen auf der Strecke sind, liegt nur zum Teil an der Betreibergesellschaft, der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB). Die hatte für die Ostbahn Fahrzeuge des polnischen Herstellers Pesa gekauft, die auf beiden Seiten der Oder zugelassen sind und daher kein Umkoppeln der Züge an der Grenze nötig machen. Doch die Züge hatten technische Probleme, die Auslieferung verzögerte sich. Weitere Fahrzeuge einer verbesserten Generation stehen zwar einsatzbereit im Depot, warten aber noch auf das Okay der deutschen Zulassungsbehörde.

Das fehlende Gleis

Das größere Problem der Ostbahn aber ist die Infrastruktur: Das zweite Gleis, das nach dem Krieg als Reparation demontiert wurde, muss wieder her, fordern die IHK Ostbrandenburg und die Kommunalpolitiker der Region. Ohne zweites Gleis lasse sich die Taktzeit - derzeit eine Stunde - nicht erhöhen. Zwar ist ab 2022 ein Halbstundentakt ab Müncheberg Richtung Berlin geplant, doch dafür müsste zwischen Mahlsdorf und Hoppegarten eine Begegnungstrecke gebaut werden. Und die ist derzeit nicht in Sicht.

In einer Studie der Industrie- und Handelskammer wurden kürzlich Wege aufgezeigt, wie und mit welchem Aufwand die gesamte Strecke auszubauen und zu elektrifizieren wäre. Dass dies nötig ist, begründen die Autoren nicht nur mit den wachsenden Pendlerströmen. Sie glauben auch, dass über die Ostbahn schon bald viel mehr Gütertransporte rollen müssten: einerseits, weil ein verbesserter Takt auf dem RE1 nach Frankfurt weniger Raum für Warentransporte lässt. Andererseits weil es in Osteuropa große Ausbaupläne für den Verkehr in Richtung Baltikum gebe, erklärt Verkehrsexperte Torsten Perner von der Beratungsfirma ETC Gauff Solutions. Ein großer Teil dieser Transporte soll dann über Gorzow und Bydgosz gehen - setzt also die Ostbahn fort.

So forderten Wirtschaftsverbände und Kommunalpolitiker nun erneut von Land und Bund mehr Engagement für die Ostbahn: Deren Ausbau gehöre endlich in den Bundesverkehrswegeplan. Ministerpräsident Dietmar Woldke (SPD) solle sich als Koordinator für die deutsch-polnischen Beziehungen für gemeinsame Planungen einsetzen, heißt es in einer "Seelower Erklärung" von Wirtschaftsverbänden und Kommunalpolitikern entlang der Ostbahn.

Beitrag von Fred Pilarski

Kommentar

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2 Kommentare

  1. 2.

    Hallo "Der von drüben",
    als Arbeits-Pendler lebe ich trotzdem gern auf dem Land, aber was da von der NEB geboten wird, ist bei Tieren verboten!
    Am letzten Freitag wird einem vom Triebfahrzeugführer gesagt, dass der Zug schon überfüllt ist. Der nächste Zug fährt in einer Stunde. Leider kann man in den Fahrgastinformationsportalen nicht sehen, ob der Zug mit nur einem Teil kommt, obwohl 2 Zugteile schon recht wenig sind.
    Bis vor 2 Jahren gab es solche Probleme nur ein bis 2 Mal im Jahr nun 2 - 3 Mal in der Woche. Das ist das Problem!
    Beste Grüße

  2. 1.

    Nicht meckern, wer aufs Land zieht, muß auch auf dem Land leben.

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