Netzstabilität - Wie 50 Hertz über die Ökostrom-Einspeisung wacht

Die Zentrale des Stromnetzbetreibers 50hertz Transmission in Neuenhagen (Brandenburg). (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Bild: dpa/Patrick Pleul

Mit der Energiewende drängt immer mehr Ökostrom in die Netze. Diese Erneuerbaren haben bei der Durchleitung auch noch Vorfahrt. Für Übertragungsnetzbetreiber wie 50 Hertz bedeutet das jede Menge Mehrarbeit. Von Georg-Stefan Russew

Der Ökostrom-Anteil im Netz nimmt bundesweit kontinuierlich zu. Insgesamt lag 2020 die Erzeugung aus erneuerbaren Energien [bundesnetzagentur.de] mit 233,1 Terrawatt-Stunden rund vier Prozent über dem Vorjahreswert, so die Bundesnetzagentur.

Am stärksten nahm die Photovoltaikeinspeisung zu. Wurden 2019 noch 41,9 Terrawatt-Stunden eingespeist, so waren es im vergangenen Jahr 9,3 Prozent mehr. Im Gegenzug nahm der Anteil konventioneller Energieerzeugung ab. Das ist im Rahmen der Energiewende ein normaler Prozess. Für den Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz - einer von vier großen Playern in diesem Segment - bedeutet dies Schwankungen rechtzeitig zu erkennen und auszugleichen.

Wind und Wetter stets im Fokus

Eine zentrale Rolle bei 50 Hertz bei der Steuerung nimmt das Control-Center in Neuenhagen im Landkreis Märkisch-Oderland ein. Dessen Leiter Lutz Schulze muss stets auf dem aktuellen Stand sein: Ist es warm oder kalt, ist es windig oder herrscht Flaute, scheint die Sonne oder ist es dunkel? Diese Bedingungen und noch weitere Parameter haben massiven Einfluss darauf, wie stabil das Stromnetz läuft.

50 Hertz ist einer von vier deutschen Betreibern von Höchstspannungsnetzen, die die Energie von den Erzeugern und Händlern zu den Käufern und Endkunden transportiert. Vom Control-Center in Neuenhagen aus sorgt Schulze dafür, dass das Netz tadellos funktioniert. "Die fünf neuen Bundesländer sowie Berlin und Hamburg gehören zu unserem Versorgungsgebiet - 75 Umspannwerke, 10.000 Kilometer Leitungen", so Schulze.

Immer die richtigen Regler bedienen

Schulze und seine 30 Kollegen vom Control-Center müssen stets dafür sorgen, dass das Netz unter Spannung steht, immer so viel Strom nachgeführt wie entnommen wird. Das ist nicht immer ganz einfach, denn seit der Energiewende muss 50 Hertz mit einer weiteren Ebene jonglieren. Und da gebe es oft Situationen, in denen erneuerbare als auch konventionelle Energien gleichzeitig in das System eingespeist werden. "Dann obliegt es uns, die Vorfahrt der Erneuerbaren jederzeit sicherzustellen", erklärt Schulze, "das heißt, wir würden dann Anpassungen vornehmen - zunächst einmal in konventionellen Kraftwerken."

Die werden zugunsten der Ökostrom-Einspeisung gedrosselt oder heruntergehfahren. Wenn die nicht mehr ausreiche, also die Transportmenge nicht mehr genug hergebe, müsse konventioneller Strom her, erklärt er. Dann müssten beispielsweise Gaskraft- und/oder Pumpspeicherwerke angefahren werden.

Witterung hat deutlichen Einfluss auf Ökostrom-Erzeugung

Strom ist nicht in größeren Mengen speicherbar. Das macht den Ökostrom noch unberechenbar. Daher muss die aktuelle Lage immer im Auge bleiben, Prognosen stets angepasst werden. "Grundsätzlich kann ich sagen, dass wir im Winter eher Tage haben mit einer hohen Windeinspeisung und im Sommer Tage mit einer eher hohen Einspeisung aus Photovoltaik-Anlagen." Und das könne in allen Situationen herausfordernd sein, "weil die Lastflüsse, die daraus resultieren, natürlich beherrscht werden müssen", sagt Ingenieur Schulze.

Sein Job ist es dafür zu sorgen, dass es zu keinen Schwankungen kommt. Wenn einmal Windflaute herrscht oder es zu dunkel ist, werden Reservekraftwerke angefahren. Umgekehrt können bei sehr viel Ökostrom konventionelle Kraftwerke runtergefahren werden.

Umgang mit Schwankungen ist das "neue Normaes"

Für 50 Hertz ist das Alltagsgeschäft, sagt Kollege Volker Gustedt. Es müsse also nicht hektisch und an irgendwelchen Reglern rumgedreht werden, um eine bestimmte Situation zu bewältigen. 50 Hertz könne mit wolkenverhangenem Himmel genauso gut umgegen wie mit Starkwind. "Für uns ist das keine neue Situation, sondern eigentlich das neue Normale in der Systemführung", sagt Gustedt. 50 Hertz transportiere schon jetzt einen Anteil von über 60 Prozent Erneuerbarer im Jahresdurchschnitt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 22.02.2021, 15:10 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    "Maik Kretschmar" hat n i c h t gesagt, dass 2022 "das Licht ausgeht". Er hat gesagt...das unter bestimmten Bedingungen... zugekauft werden muss. Überraschung? Wohl kaum. Ob wir autark, nicht erpressbar bleiben, kommt auf ideologische Fragen eines sinnvollen Energiemixes an. Was ist sinnvoll? Jeder muss selbst wissen, wem er eine stabile Energiepolitik zutraut. Machern oder Erziehern? Umverteilen/Zuweisen im angespanntem Modus nach Moral wird nicht reichen: dann wollen "rbb24 Kommentatoren" bevorzugt vor (Kita,Grundschul-)Lehrern werden... ;-) ...und schon ist die "Neid-u. Missgunstdebatte eröffnet. Siehe auch schon beim Wasser... Lösungen sehen anders aus. Wobei smarte Lösungen im o.g. Beitrag zum Energie f l u s s einen starken Charme haben, wenn wirtschaftlich machbar.

  2. 5.

    Was Maik sagt ist nicht ganz falsch, wenn das Ausland nicht liefer kann, wird es Flächenabschaltungen geben.
    Im Energy-Charts kann verfogt werden wie sich die Leistung zusammensetzt, da hatten wir in diesem Jahr schon mehrere Ereignisse wo wir mehr Leistung benötigt haben als wir selbst zur verfügung stellen konnten.
    Ein Beispiel zur Versorgungssicherheit mit Wind und Sonne ist die Zeit vom 09-11.02.2021, da wurden gerade mal 14GW von den benötigten 70GW mit Wind und Sonne abgedeckt.

  3. 4.

    Es ist sehr unwahrscheinlich, dass in 2022 in Deutschland die Lichter ausgehen. Das steht übrigens auch nicht in der Studie von Netztransparenz.


    Es ist einfach lächerlich, was sie hier verbreiten.

  4. 3.

    Herr Kretschmar!

    Märkte sind dafür da, dass man kauft und verkauft.
    Derzeit sind wir "Europameister" im Stromexport.

    Wir müssen unser Netz nur derart ausbauen, dass es den reibungslosen Ex und -Import bewerkstelligen kann. Dafür sind Nord-Süd-Trassen notwendig....

    Und wir benötigen unbedingt eine Dezentralisierung des Stromnetzes.

  5. 2.

    Mal so als "Food for Thought" eine kleine Analyse der Uebertragungsnetzbetreiber, denen "50 Hertz" ja angehoert.

    Zitat:

    "Deutschland könnte ab dem Jahr 2022 in den betrachteten, kritischen Situationen unter den getroffenen Annahmen auf Importe aus dem Ausland angewiesen sein. Der hier aufgezeigte Importbedarf von maximal 7,2GW liegt deutlich unterhalb der übertragbaren Kapazität von 18,5 GW."

    Quelle: https://www.netztransparenz.de/portals/1/Bericht_zur_Leistungsbilanz_2019.pdf (Seite 27)

    Ab dem Jahr koennte in Deutschland aufgrund des Ausstieges aus der Kernenergie und der Abschaltung von einigen Kohlekraftwerken bis zu 7,2 GW an Erzeugungsleistung fehlen. Wenn das Ausland diese nicht bereitstellen kann, geht in Deutschland das Licht aus.

    In den deutschen Medien hoert und liest man von der Problematik selten etwas. Lediglich die WELT berichtet oefters darueber.

  6. 1.

    "Grundsätzlich kann ich sagen, dass wir im Winter eher Tage haben mit einer hohen Windeinspeisung und im Sommer Tage mit einer eher hohen Einspeisung aus Photovoltaik-Anlagen." Donnerwetter! Bisher dachte ich, es sind Fakes, wenn gesagt wurde, dass die Witterung den Ökostrom unberechenbar macht.

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