Boitzenburger Land solarpark statt ackerland
Audio: Antenne Brandenburg | 19.04.2021 | Georg-Stefan Russew | Bild: Georg-Stefan Russew/rbb

Boitzenburger Land - Anwohner wehren sich gegen geplanten Mega-Solarpark

Weil er Ackerbau allein nicht mehr als gewinnbringend erachtet, will ein Landwirt und Investor auf großen Teilen seines fruchtbaren Bodens im Boitzenburger Land einen Solarpark installieren. Anwohner fühlen sich "überrollt" - und fordern ein Umdenken. Von Georg-Stefan Russew

Fast zwei Jahrzehnte haben sich Anwohner und Umweltschützer in Haßleben (Uckermark) gegen eine riesige Schweinemastanlage gewehrt. Im vergangenen Jahr setzten sich die Gegner letztlich juristisch durch. Nun will ein anderer Großinvestor und Landwirt - nur einen Steinwurf entfernt - ein anderes Megaprojekt auf die Beine stellen. Er plant auf 286 Hektar seines Ackerlands zwischen den Orten Haßleben, Kuhz und Wichmannsdorf im Boitzenburger Land einen riesigen Solarpark zu errichten.

Insgesamt will der Investor einen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen. "Wir haben mittlerweile Trockenperioden von vier, fünf, sechs Wochen, wo wir keinen Regen mehr bekommen haben und das zeichnet sich deutlich in den Erträgen ab, deutlich", begründet Dietrich Twietmeyer seinen Vorstoß. Da müsse er sich nach Alternativen umschauen, um seinen Ertrag zu steigern.

Boitzenburger Land solarpark statt ackerland
| Bild: Georg-Stefan Russew/rbb

"Nahrungsmittel aus dem brasilianischen Regenwald?"

Solarmodule in China kosteten nicht mehr die Welt, sagt Anwohner Dirk Reichstein, so dass tatsächlich wohl mit Solarstrom mehr Ertrag erwirtschaftet werden könnte als mit reiner Landwirtschaft. Aber es könne nicht sein, dass Ackerland der Lebensmittelproduktion entzogen werde. "Wenn so ein Modell Schule macht, wollen wir dann unsere Nahrungsmittel aus dem brasilianischen Regenwald beziehen?", fragt sich Reichstein. Das käme einem Dammbruch gleich. Generell habe er nichts gegen Photovoltaik. Reichstein habe selbst Panel auf dem Dach. "Aber es gibt in Brandenburg so viele Konversionsflächen, da muss es doch kein Ackerland sein."

Vorgelegtes Tempo überrollt Anwohner

Zusätzlich fühlten sich Reichstein und andere vom Investor und der Gemeinde beim vorgelegten Tempo in der Sache "überrollt". Vor allem von Bürgermeister Frank Zimmermann sind Anwohner wie der ehemalige Grüne Bundestagsabgeordnete Werner Schulz enttäuscht. "Also ich habe bei Herrn Zimmermann den Eindruck, dass er sich schon voll mit dem Investor arrangiert hat", klagt Schulz. Der Bürgermeister habe zum Beispiel keine Anhörung durchgeführt, bevor über einen Aufstellungsbeschluss nachgedacht wurde. Hier sei relativ schnell gehandelt worden. "Die Gemeindevertreter, und das sagen sie, haben gar nicht gewusst, worauf sie sich einlassen. Das ist überhaupt nicht transparent gewesen", so Schulz.

Boitzenburger Land solarpark statt ackerlandSo groß wie 400 Fußballfelder.

Unterschriftensammlung gegen den Solarpark

Dirk Reichstein sieht es ähnlich. Der Aufstellungsbeschluss sei schon im Mai, Juni letzten Jahres gefällt worden, als wegen der Corona-Restriktionen kaum ein Bürger an den Gemeinderatsitzungen teilnehmen konnte, sagt er. Als er davon hörte, habe er sofort eine Unterschriftenaktion in Wichmannsdorf, Kuhz und Haßleben gestartet: "Das sind ungefähr 760 Einwohner. Davon haben wir 411 Stimmen auf der Liste, die eindeutig sagen, wir wollen dies hier gestoppt haben", sagt er. Reichstein betonte aber, dass das nicht bedeute, grundsätzlich gegen Solarstrom zu sein, "sondern das heißt, mit Bedacht und Überlegung eine vernünftige politische Lösung zu finden."

Bürgermeister weist Vorwürfe zurück

Bürgermeister Zimmermann selbst weist die Vorwürfe zurück. Seinen Angaben zufolge sei das Verfahren sauber geführt worden, jeder sei gehört worden. Daran ändere auch eine Unterschriftensammlung nichts. "Also nach Geschäftsordnung der Gemeindevertretung gibt es eine Bürgerfragestunde." Die dauere eine halbe Stunde. Die sei in der Regel am Anfang der Sitzung und da sind immer drei Minuten pro Bürger zugelassen. "Wir waren auch bei mehreren Fragen und wir haben die halbe Stunde da auch überschritten. Da waren wir so nicht kleinlich. Das kann ich ganz klar verneinen", sagt Zimmermann.

Der Bürgermeister müsse auch das finanzielle Wohl seiner Gemeinde im Auge behalten. Da die Region nicht so sehr mit Gewerbebetrieben gesegnet sei, hoffe er durch den Solarpark auf Gewerbesteuer-Einnahmen. Zudem lege noch gar keine Baugenehmigung vor. Der Prozess sei im vollen Gang und die Rahmenbedingungen und Ausgestaltung seien noch zu bestimmen. Da könne sich jeder daran beteiligen, betont Zimmermann.

Land soll Errichtung von Solarparks ähnlich regeln wie Windparks

Schulz sieht über das Boitzenburger Land hinaus Regulierungsbedarf. So lägen allein in der Uckermark für ähnliche Anlagen Pläne vor, wo auf insgesamt 1.700 Hektar Ackerland Solarparks entstehen sollen. Daher spricht sich der ehemalige Bundestagsabgeordnete für ein Moratorium von Solaranlagen auf Ackerland aus. Anders als bei Windkraftanlagen, hier legen überregionale Planungsgemeinschaften Standorte fest, könne jede Kommune selbst entscheiden, ob sie Baurecht für Solarparks schaffe. So könne Schulzes Angaben zufolge ausufernder Wildwuchs entstehen.

"Wichtig wäre es beispielsweise für das Boitzenburger Land, dass hier ein integriertes Entwicklungskonzept aufgestellt wird", betont er. Es müsse festgehalten werden: "Was sind die Potenziale dieser Region? Wo wollen wir hin? Was wollen wir im Tourismus? Was wollen wir in der Landwirtschaft? Wo sind Schwächen?" Auf dieser Basis könne man dann einschätzen, wo Flächen für Photovoltaik und wo noch ungenutzte Dach- und versiegelte Flächen vorhanden seien.

Sendung: Antenne Brandenburg, 19.04.2021, 15:10 Uhr

Beitrag von Georg-Stefan Russew

24 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 24.

    Solche Anlagen werden ohne EEG Förderung betrieben und produzieren Strom für 2-3ct/kWh. Warum sollte das nicht im Sinne aller Stromkunden sein?

  2. 23.

    Achso hat mir bislang gar keiner gesagt. Na nun weiß ich es ja auch dass das in meinem Interesse ist. Warum auch immer.

  3. 22.

    Nein, Subventionen kann auch ein Anreiz sein, aber Anreize sind viel viel mehr, ein ganzes "Gestaltungs-Paket"...deshalb dieser Begriff, auch weil Subventionen nur bedingt und kurzfristig wirken können.

  4. 21.

    Vielleicht mag es auch daran liegen das es in kaum einem Land so viele Steuern und Abgaben für die noch arbeitende Bevölkerung gibt. Nach Abzug von Steuern, Miete, Strom, Wasser, Tankkosten oder Fahrkarte, Krankenversicherung, notwendige Versicherungen, bleibt nicht mehr so viel. Und vom dem solll dann noch fürs Alter und Reparaturen etc. vorgesorgt werden. Hin und wieder mal was neues zum Anziehen. Das einzige wo man am Ende des Tages noch sparen kann sind nun mal Lebensmittel. Und Bio oder Regional bedeutet nicht immer das was es verspricht, aber wird als Rechtfertigung für einen höheren Preis genommen.

  5. 20.

    Es ist zwar nicht das Motiv der Initiative, aber Verhinderung von Solarparks ist auch im Interesse aller Stromkunden. Also weiter so.

  6. 19.

    Die Lebensmittel sind in Deutschland wirklich günstig. Dafür sind in anderen Ländern Europas andere Lebenshaltungskosten günstiger.
    So ist das Wohnen hier recht teuer. Auch Energie.
    Ich bin ganz bei Ihnen wenn wir faire Preise an die Erzeuger zahlen. Das kann auch mit mehr Verzicht und dafür Wertschätzung des Produktes einhergehen.

  7. 18.

    Die wenigsten haben wohl eine Vorstellung wie groß die Fläche ist und viele Städter wissen nicht was ein Hektar ist. Ich möchte solch eine Mammutanlage auch nicht vor der Haustür haben. Ich habe nichts gegen Solaranlage und 500 m von unserem Haus entfernt steht eine. Aber nicht in dieser Größenordnung. Ich kann den Landwirt verstehen, somit hat er jährlich seine geregelte Einnahmen. Mit reiner Landwirtschaft wird es immer schwieriger und wenn man die Kommentare zur Landwirtschaft liest möchte ich auch kein Bauer mehr sein.
    Unser Schäfer hat aufgegeben, weil die Wölfe einen Weg ins innere gefunden haben. Mehr Bienen gibt es deshalb auch nicht, warum auch. Der Anbau von Energiepflanzen wurde in der Zeit, der Rot-Grünen Bundesregierung forciert. Hat mancher vielleicht vergessen.

  8. 17.

    Wer sagt die Lebensmittelpreise sind zu niedrig, muss dem Sozialministerium auch sagen um wieviel Hartz-X erhöht werden muss. Mit Fairem Handel und Bio-First und Klimaneutral. Vielleicht doch eine Streuobstwiese anlegen ? Hält auch etwas Wasser im Boden und füttert Insekten, statt sie in der Luft zum Platzen zu bringen.

  9. 16.

    Ja was denn nun? Grün oder Grün? Grüne hier, Grüne dort. Vernunft, bitte !!!!!!!

  10. 15.

    In kaum einem Land der Erde geben die Menschen, relativ zum Einkommen, so wenig Geld für Lebensmittel aus wie in Deutschland. Das ist übrigens einer der Hauptgründe, warum es lukrativer ist Solarparks auf den Acker zu setzen.

    Zur Sache: Sicherlich dürfen wir nicht alle Acker mit PV-Anlagen zupflastern. Auf der anderen Seite verkompliziert die Politik nach Kräften die Nutzung von Dachflächen. Dagegen sollten die Bürger vielleicht eher mal protestieren.

    Abseits davon gibt es Konzepte PV-Anlagen und Landwirtschaft zu kombinieren (Agrophotovoltaik). Zum Beispiel aufgeständert oder vertikale Anlagen. Auch das wäre besser als ein "wir sind dagegen".

  11. 14.

    Wir wollen günstigen Strom. Der aus Freiflächen PV-Anlagen ist der günstigste und meist auch mit höherer Ausbeute, da optimale Ausrichtung. Konversions- und Dachflächen sind zu klein für den Energiebedarf der Städte, fallen oft noch unter das EEG und machen somit den Strom zusätzlich zu den höheren Baukosten vergleichsweise teurer.
    Diese großen Freiflächenanlagen müssen sich weitestgehend am Strommarkt behaupten.
    Wir werden also kaum um elektrische Wiesen herumkommen.
    Kombiniert mit Bienen und Schafzucht würde auch die Lebensmittelproduktion möglich sein. Wir müssten dann halt mehr auf Dönerfleisch umsteigen. Weniger Verdunstung von Regenwasser und Überdüngung des Grundwassers könnte ein positiver Nebeneffekt sein.

  12. 13.

    Die Preise für Lebensmittel im normalen Supermarkt sind in Deutschland viel zu billig.
    Wer auf Qualität achtet, muss auch heute schon tiefer in die Tasche greifen.
    Jeder setzt halt seine Prioritäten woanders.

  13. 12.

    Liebe Anwohner, sehr es doch mal positiv. So kann auf dieser Fläche keine Gülle aus der Schweinemastanlage verkippt werden.

  14. 11.

    Ertrag bezeichnet im betriebswirtschaftlichen Sinne die erzielte Leistung und steht dem Aufwand entgegen.
    Landwirtschaftlicher Ertrag wird meist mit Ernten erzielt. Davon spricht er jedoch nicht. Daher ist auch ein Erlös durch die Produktion von Energie als Ertrag zu werten.

  15. 10.

    Wenn Landwirtschaft sich nicht mehr lohnt, dann weil die gleichen Bürger, die warum auch immer keine Solaranlage auf des Nachbarn Land wollen, nicht die Preise zahlen wollen, die die Erzeugung von Nahrungsmitteln kostet. Dennoch, lieber bereits versiegelte Flächen für Solarpanele nutzen und vielleicht auch mehr auf den Verbrauch achten. Dann braucht es keine Megaparks.

  16. 9.

    Sind die Preise für Lebensmittel nicht schon genug gestiegen ?
    Unsere Politiker haben den Blick auf Preise Dank Steuerzahler auch nicht nötig.

  17. 8.

    Wozu einen Solarpark?? Der Strom kommt doch aus der Steckdose!! Der Boden wird hier zu Spekulationsobjekt, mit möglichst wenig Aufwand viel Geld verdienen. Das sind für mich keine Landwirte!!!

  18. 6.

    Ich habe den Verdacht, dass es eher eine Neid-Diskussion ist - "mein Nachbar verdient Geld mit Solar, das sehe ich gar nicht ein, dass der damit Erfolg hat!". Wenn es wirklich um die Landwirtschaft und Ernährungssicherheit ginge, müsste man eher diskutieren, wie Solaranlagen mit Landwirtschaft verbunden werden können - da gibt es nämlich Ansätze. Die Teilbeschattung durch weiter auseinanderstehende Solarmodule kann bei immer heisseren und trockeneren Sommern auch von Vorteil sein. Nur riesige Monokulturen, die durch schwere Traktoren bewirtschaftet werden, sind dann nicht mehr möglich.

  19. 5.

    Ein Viertel aller Ackerflächen für die Bioenergie? Woher haben Sie denn diese Zahl? Oder ist das nur "so ne Vermutung"? Nach meiner Beobachtung ist selbst in Regionen mit hoher Dichte an Biogasanlagen der für Bioenergiepflanzen genutzte Flächenanteil deutlich niedriger, allenfalls einstellig.

    Und ja: Unter den Solarpanelen "wächst was", nämlich Gras.

Nächster Artikel