Tierseuchen in Brandenburg - "Die Vogelgrippe ist ein Sprint, die Afrikanische Schweinepest ein Marathon"

Zaun am Seuchenkerngebiet bei Neuzelle (Oder-Spree), der die Verbreitung der Schweinepest in Brandenburg verhindern soll. (Quelle: rbb/Oliver Soos)
Bild: rbb/Oliver Soos

Bei den Brandenburger Geflügelhaltern gibt es ein großes Aufatmen. Die Vogelgrippe wurde für beendet erklärt, die Stallpflicht ist aufgehoben. Dagegen kann die Afrikanische Schweinepest noch locker zwei Jahre lang andauern. Von Oliver Soos

Es ist paradox. Während das Vogelgrippevirus in elf Brandenburger Geflügelhaltungen eindrang und dafür sorgte, dass knapp 160.000 Nutztiere gekeult werden mussten, konnte das Schweinepestvirus bislang gänzlich aus den Hausschweinbeständen herausgehalten werden. Dennoch reichten bei der Vogelgrippe zwei Wochen ohne Fund eines toten infizierten Wildvogels aus, um Entwarnung zu geben. Bei der Afrikanischen Schweinepest (ASP) kann davon noch lange keine Rede sein. Ein Land gilt als ASP-frei, wenn mindestens ein Jahr lang kein infizierter Wildschweinkadaver gefunden wurde.

"Tierärzte sagen: die Vogelgrippe ist ein Sprint, die Afrikanische Schweinepest ist ein Marathon", so die Brandenburger Verbraucherschutz-Staatssekretärin Anna Heyer-Stuffer, die den ASP-Krisenstab der Landesregierung leitet. Das Vogelgrippevirus sei ein saisonales Virus, das schnell abstirbt, wenn die Vogelzüge in Brandenburg beendet sind und wenn es draußen warm und trocken wird. Hingegen könne das Schweinepestvirus ein halbes Jahr lang im Boden überleben und jederzeit Wildschweine befallen, die in der Erde wühlen.

"Die Afrikanische Schweinepest ist ein Marathon"

In Brandenburg wurden bis zuletzt über 950 infizierte Wildschweinkadaver entdeckt. Die Fundorte liegen mittlerweile in vier eingezäunten Seuchenkerngebieten. Hier gilt es nun möglichst schnell, die Wildschweine zu erlegen. Dabei machen Bauern- und Jagdverbände Druck und klagen, dass es nicht schnell genug voranginge.

Eine Landkarte zeigt die Verbreitung der in Brandenburg. (Quelle: Ausschuss für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz ALUK)
Das gesamte gefährdete Gebiet in Brandenburg ist rund 1.800 Quadratkilometer groß. | Bild: ALUK

Ein weiteres Problem ist der Zaun nach Polen, zu dem Land, wo die Seuche herkam und weiter grassiert. Gut 250 Kilometer Zaun sind an der Oder fertiggebaut, allerdings nur auf der deutschen Seite des Flusses. Die polnischen Behörden weigerten sich, auf ihrer Seite der Oder auch einen Zaun zu bauen, denn sie haben bei der Seuchenbekämpfung andere Sorgen, als mitzuhelfen, dass Deutschland ASP-frei wird. So kann keine "Weiße Zone" zwischen den beiden Ländern entstehen

Das Problem mit dem Zaun nach Polen

"Die infizierten Wildschweine kommen von der polnischen Seite, schwimmen durch die Oder und verenden dann im Idealfall am Zaun. Dann liegen sie allerdings schon auf deutschem Boden und wir müssen das Gebiet als Gefahrenzone ausgeben und bekommen so keine ASP-Freiheit für Deutschland", sagt Staatssekretärin Heyer-Stuffer. Die Bundesregierung verhandelt deshalb gerade mit der EU-Kommission, ob der Korridor zwischen Zaun und Oder als neutrales Gebiet gewertet werden könnte. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner will Deutschland, so schnell es geht, wieder ASP-frei machen, damit der wichtige Abnehmer China sein Importverbot für deutsches Schweinefleisch wieder aufhebt.

Eine Landkarte zeigt die Verbreitung der Afrikanische Schweinepest. (Quelle: Ausschuss für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz ALUK)
Von der ASP betroffen sind in Brandenburg und Polen bisher hauptsächlich Wildschweine. | Bild: ALUK

Der Vorsitzende der Agrargenossenschaft Neuzelle, Frank Matheus, stellt sich auf eine lange finanzielle Durststrecke ein. Sein Betrieb befindet sich im Seuchenkerngebiet im Landkreis Oder-Spree. "Wir hatten zuletzt zwei Dürrejahre mit schlechter Ernte, doch das, was wir jetzt erleben, ist die schlimmste Krise, die man sich vorstellen kann", sagt Matheus.

"Schweinestau" auf dem Weg zum Schlachter

Die Agrargenossenschaft Neuzelle hatte vor der Krise etwa 3.000 Schweine und musste diesen Bestand halbieren, mit ungünstigen Konditionen bei der Schlachtung. Nur noch ein überregionaler Schlachthof in Kellinghusen (Schleswig-Holstein) erklärte sich bereit, Schweine aus dem ASP-Krisengebiet anzunehmen. "Durch die weite Anfahrt und die höheren Schlachtpreise haben wir pro Tier 25 bis 30 Euro verloren. Dazu kam ein Schweinestau, der zu langen Stallzeiten bei den Tieren geführt hat", sagt Matheus.

Ab dem Sommer darf er nur noch regional schlachten und vermarkten, wodurch die Schweinefleisch-Produktion der Agrargenossenschaft zur Hälfte heruntergefahren wird. "Bei der regionalen Vermarktung trifft uns zusätzlich noch die Corona-Krise. Viele Kitas, Schulen und Restaurants, die wir vorher mit Fleisch und Gemüse beliefert haben, sind zu", erzählt Matheus.

Vielfältige finanzielle Einbußen

Es würden noch einige weitere finanzielle Einbußen entstehen. So sei der Schweinefleischpreis wegen des chinesischen Importverbots um etwa ein Viertel gesunken. Auch auf den Feldern entstehen Schäden. Der Landkreis Oder-Spree zahlte der Agrargenossenschaft Neuzelle 150.000 Euro Kompensation für den Mais, den die Genossenschaft im vergangenen September wegen des einmonatigen Ernteverbots vertrocknen lassen musste. Doch auch jetzt kann Matheus 100 von 900 Hektar seiner Felder nicht bewirtschaften, denn er muss Schneisen in die Felder schlagen, für die Wildschweinjagd.

"Wir werden durch die Krise kommen, weil wir als Genossenschaft mehrere Standbeine haben. Doch wir müssen schwer kämpfen", sagt Matheus. Vor allem braucht er Durchhaltevermögen. Bei der Frage, wie lange die Afrikanische Schweinepest noch andauern könnte, will sich die Brandenburger Verbraucherschutz-Staatssekretärin Anna Heyer-Stuffer nicht festlegen. Sie erzählt lieber vom Beispiel Belgien: "Das Land hat zwei Jahre und zwei Monate gebraucht, um die Schweinepest in den Griff zu bekommen. In Brandenburg ist die betroffene Fläche allerdings mehr als sechsmal so groß, wie die in Belgien." Doch was das bedeutet, das könne Heyer-Stuffer nicht vorhersagen.

5 Kommentare

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  1. 5.

    Einfach mal weiter überlegen: Erreger gibt es seit Jahrmillionen, und Wildtierpopulationen kommen damit irgendwann klar. Je kleiner Populationen sind, desto größer sind jedoch allgemein Erkrankungsrisiken: Wenn das ganze Land noch mehr zerschnitten wird als Verkehrswege, Siedlungen usw das ohnehin schon tun, schaffe ich für ALLE Wildtiere kleinere und damit anfälligere Populationen. - Wie weit und wie lange sollen wir dieses Spiel treiben? Bis zur nächsten viralen oder bakteriellen Infektionskrankheit ist es schlicht nur eine Frage der Zeit. Sollen wir also das ganze Land dauerhaft mit Zäunen ausstatten; am besten voll asfaltiereren? Vorsichtshalber alle Wildtiere abballern? NUR, damit ein paar Industrielle weiterhin Billigstfleisch 8000 km weit verscherbeln können? Für Tier- u Naturschutz passiert das nämlich nicht. - Ich bin nicht religiös, aber finde es verdammt gefährlich, wenn der Mensch in solchem Maße Gott spielt, dass er ganz bewusst komplette Ökosysteme zerteilt.

  2. 4.

    Einfach mal überlegen. Die Wildschweine tragen das Virus in sich und verbreiten es. Wenn ich jetzt nur die Stallanlagen in dem betroffenene Gebiet schütze, verhindere ich ja nicht die Verbreitung. Wildschweine wechseln und das jede Nacht und verbreiten somit das Virus immer weiter. Soll dann um jede Stallanlage in Deutschland ein Zaun gezogen werden. Das Virus hat es vom Baltikum bis zu uns geschafft, allerdings auch mit Hilfe des Menschen.

  3. 3.

    Die Hygiene-Schleusen die es früher gab sind für die heutige Zeit zu einfach da sie funktioniert haben. Und sie eben von früher sind das kann man doch heutzutage nicht mehr so machen. Natürlich ist es logischer und einfacher die gefährdeten Bereiche zu schützen aber das ist vermutlich nicht kompliziert genug. Es wird eben einfach ein ganzes Land eingezäunt.

  4. 2.

    Mal losgelöst von der Tierwohlthematik, stelle ich mir nun auch die Frage wieso man das ganze Land vor Wildschweinen „schützt“und nicht die potentiellen Opfer.
    Weitläufig Zäune um die Ställe und Schleusen an der Zufahrt mit Stiefelwechsel und Reifenwäsche. Die Ställe selbst sollten ja eingezäunt sein. Die Reifenwäschen an der Zufahrt zu jeder Viehzuchtanlage von früher sind heute meist trocken. Haben die etwa nicht funktioniert?

  5. 1.

    Tja, dann erkennt endlich Zeichen der Zeit - Qualität statt Quantität!! 1. Kein Billig-Fleisch mehr nach jwd exportieren wollen. 2. Schweinezucht ab SOFORT nur noch mindestens auf Tierwohl-Label-Stufe 3 (Schon diese Kriterien sind grenzwertig; wer Hunde so halten würde, hätte Shitstorms zu erwarten.); dafür gibt's dann gute Preise (Kosten Stufe 3 nur 36% höher). 3. Zäune gegen Wildschweine - und damit zwangsläufig auch gg andere Wildtiere - NICHT quer durch's Land, sondern rund um die Höfe. Dazu brauchbare Hygienekonzepte, die einen Eintrag von Viren durch Hunde, Personen oder KFZ verhindern. - Dass die Neuzeller ihre - lt eigener Website NUR IM Stall produzierten Schweine kaum schlachten lassen konnten, lag doch offenbar nur daran, dass andere Schlachtereien sich indirekt dem chinesischen (!) Wirtschaftsdruck gebeugt haben, oder? - Die Bundes-Info zu Tierwohl-Labels: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/Flyer-Poster/Tierwohlkennzeichen_Schwein_Grafiken.pdf

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