Brandenburg - Ehemalige Pfarrerin bekommt Freiheitspreis für Engagement gegen Rechts

Beatrix Spreng aus Joachimsthal bekommt Brandenburger Freiheitspreis
Bild: rbb

Mit einem Jahr Verspätung erhält Beatrix Spreng im Dom zu Brandenburg den Freiheitspreis. Trotz persönlicher Bedrohungen hat die Pfarrerin in Joachimsthal soziale Projekt gegen Rechtsradikalismus unter Jugendlichen ins Leben gerufen. Von Helge Oelert

Joachimsthal (Barnim) in den 90er Jahren. Eine rechtsradikale Szene will sogenannte "national befreite Zonen" einrichten. Jeder, der nicht ins rechte Weltbild passt, gerät in ihr Visier: Menschen mit Migrationshintergrund, Linke, Demokraten. Verbale, aber auch körperliche Gewalt sind allgegenwärtig.

"Ich mach da nicht mit"

Das ist die Zeit, in der Beatrix Spreng aus Westdeutschland in Joachimsthal ihre erste Stelle als Pfarrerin antritt. Schon in den ersten Tagen wird sie überfallen. Nach einem Konzert sitzt sie im VW-Bus mit türkischen Jugendlichen fest, als draußen eine Gruppe junger Nazis den Wagen umringt und attackiert. Todesangst habe sie gehabt, berichtet Beatrix Spreng.

Doch genau in diesem Moment habe sie etwas erkannt: Denn die Angreifer waren nicht irgendwelche angereisten Fremden. Es waren Jugendliche aus dem Ort, sagt Spreng, teilweise sogar ihre eigenen Konfirmanden, die jetzt in der anonymen Gruppe bereit gewesen wären, die Pfarrerin umzubringen. "Wenn es da nur einen einzigen gegeben hätte, der aufgestanden wäre und sich gegen die Gruppe gestellt und gesagt hätte, 'Ich mach das nicht mit', dann wäre so ein Überfall nicht möglich gewesen", ist Spreng überzeugt. Sie beschließt, genau diese Jugendlichen für Toleranz und Demokratie gewinnen zu wollen.

Sozialarbeit gegen alle Widerstände

Mit Breakdance- und Musikprojekten spricht sie die jungen Menschen an. Selbsterarbeitete Erfolge und große Auftritte vor Publikum sollen deren Selbstvertrauen stärken - und sie robust machen gegen die verführenden Parolen der Rechten. Tatsächlich nehmen immer mehr ihr Angebot an. Aber es gibt auch Widerstand. Beatrix Spreng wird 14 Mal überfallen, immer wieder wird in ihr Zuhause eingebrochen, es gibt Morddrohungen. Doch sie lässt sich nicht beirren, kämpft immer weiter gegen die Intoleranz - und gegen die ständig präsente Geldnot ihrer Projekte.

Beatrix Spreng erhält FreiheitspreisBeatrix Spreng plakatiert gegen Hass und Hetze

Vor einem Jahr ist Beatrix Spreng in den Ruhestand gegangen. Ob ihre Arbeit erfolgreich war? "Joachimsthal ist heute ein anderer Ort als damals", sagt sie. "Und ich hoffe, dass ich einen Teil dazu beitragen konnte."

Gleichzeitig hängen auch hier die Straßenlaternen voller AfD-Parolen, rund jeder Fünfte hat bei der letzten Bundestagswahl hier die Populisten gewählt. Ob die, die damals grölend auf der Straße standen, heute einfach nur salonfähig geworden sind? Auch Beatrix Spreng hat keine einfachen Antworten.

"Aber es ist wichtig, dass wir durchhalten. Denn es gibt auch heute in Brandenburg Orte, wo Menschen von Rechten überfallen und bedroht werden. Wir dürfen nicht aufgeben!"

Am 2. September bekommt Beatrix Spreng im Dom zu Brandenburg für ihre Arbeit den Brandenburger Freiheitspreis überreicht. Die Laudatio hält Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten. Eigentlich hätte Spreng den Preis schon vor einem Jahr erhalten sollen, aber wegen Corona wurde die Verleihung auf 2021 verschoben.

Sendung: Brandenburg Aktuell, 02.09.2021, 19:30 Uhr

Beitrag von Helge Oelert

6 Kommentare

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  1. 6.

    Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten."
    Zwischen früh und spät liegt immer nur ein Augenblick.

  2. 5.

    Weder ich, noch Sie, noch irgendwer würde es als "angepasst" oder "spießig" empfinden, bedroht zu werden. Aber Empathie ist wohl nicht ihre Stärke...

  3. 4.

    1944 vielleicht "mutig&zivilcouragiert", im späten "demokratischen Gegenentwurf zum III.Reich" dagegen eher angepaßt und sogar ein wenig spießig.

  4. 3.

    Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

  5. 2.

    Eine traurige Wahrheit, dass mutige Menschen, die sich dem Hass entgegenstellen als Dank auch noch bedroht werden. Selbst als Atheist ziehe ich meinen Hut vor dieser Frau...

  6. 1.

    Warum wird die Frau erst mit Beginn des Ruhestandes ausgezeichnet. Diesen oder einen vergleichbaren Preis hätte sie schon vor mehr als 20 Jahren erhalten müssen.
    Traut sich niemand solche Arbeit, solch Engagement wer zu schätzen?

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