Solarpark Hohensaaten - Investor möchte 370 Hektar Wald für Solarpark roden

Mi 04.05.22 | 06:18 Uhr | Von Philipp Gerstner
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Das zartes Grün der Blüten und Blätter von Ahornbäumen leuchtet zwischen den dunkelgrünen Nadeln von Kiefernbäumen. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Video: Brandenburg Aktuell | 04.05.2022 | P. Gerstner/W. Siebert | Bild: dpa/Patrick Pleul

370 Hektar Wald sollen für den Bau eines riesigen Solarparks in Hohensaaten gerodet werden. Das Projekt der Lindhorst-Gruppe ist umstritten - und wurde trotzdem mit großer Mehrheit von Stadtverordneten abgesegnet. Eine Recherche von "Correctiv" und dem rbb.

Immer wieder schaut Revierförster Martin Krüger mit besorgtem Blick aus dem Fenster, während er mit seinem Auto über die Landstraße Richtung Hohensaaten (Märkisch-Oderland) fährt. Noch ist der Wald um ihn herum dicht bewachsen, doch das könnte sich bald ändern. Geht es nach den Plänen des Waldeigentümers, soll das üppige Grün in Zukunft durch Solarpanele ersetzt werden, wie eine Recherche von correctiv [www.correctiv.org] und dem rbb ergab. Mitten im Wald soll ein riesiger Solarpark entstehen, der Ökostrom gewinnen soll und damit unter anderem ein neu entstehendes Rechenzentrum und ein Industrie- und Gewerbegebiet versorgen soll.

370 Hektar Wald sollen für den Bau eines riesigen Solarparks in Hohensaaten gerodet werden. Das Projekt der Lindhorst-Gruppe ist umstritten - und wurde trotzdem mit großer Mehrheit von Stadtverordneten abgesegnet. (Quelle: rbb)
Förster Martin Krüger | Bild: rbb

Für das Vorhaben müsste eine Fläche von 370 Hektar gerodet werden, eine Fläche, die größer ist als das Betriebsgelände von Tesla. Das Projekt soll die Energiewende vorantreiben, doch dass dafür Wälder gerodet werden müssten, hält der Revierförster für einen falschen Ansatz. "Wir haben 2020 geweint, dass 300.000 Hektar Wälder in Deutschland gestorben sind - und heute, zwei Jahre später, geben wir Waldflächen zur Abholzung frei. Diese Widersprüche in der Gesellschaft sind gravierend."

Infobox

Axel Vogel (Bündnis 90/Die Grünen), Brandenburger Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (Quelle: dpa/Soeren Stache)
dpa/Soeren Stache

Der Brandenburger Umweltminister Axel Vogel (Grüne) hat den Plänen für einen Solarpark in der brandenburgischen Gemeinde Bad Freienwalde eine Absage erteilt. Im rbb24 Inforadio sagte Vogel am Mittwoch, es gebe ausreichend andere Flächen. Es sei "völlig absurd", für einen Solarpark Wald zu roden.

Wert des Waldes umstritten

Für Passanten ist der Wald schon lange nicht mehr nutzbar. Ein verrosteter Metallzaun umschließt das gesamte Gebiet. Schilder warnen "“Sperrgebiet! Betreten verboten! Lebensgefahr". Auf dem Gelände gibt es militärische Ruinen mit offenen Schächten.

Auch Fundmunition aus dem Zweiten Weltkrieg könnte verstreut auf dem Boden liegen. Damals dienten die hochgewachsenen Kiefern als Versteck, um Sprengstoff herzustellen. Seit Mitte der 1950er Jahre nutzte die NVA das Gelände als Tanklager. Aufgrund der vielen Altlasten ist der Wald laut Stadtverwaltung Bad Freienwalde unbrauchbar und somit ein geeigneter Standort, um Solarenergie zu erzeugen.

Förster Martin Krüger sieht das anders. Durch seine Unberührtheit sei der Wald zum Rückzugsgebiet verschiedener Wildtiere geworden, wie dem Uhu, dem Schwarzstorch oder dem Seeadler. Außerdem entwickele sich der Wald bereits von selbst zu einem nachhaltigen Mischwald. “So wie wir es eigentlich alle wollten", sagt der 52-Jährige.

Der Förster warnt davor, dass das Roden der Waldfläche zum Artensterben führen und massiv das lokale Klima stören könnte. "Dieser Waldkeil, der hier in die Landschaft reingeht, kühlt das Klima vor allem in den Sommermonaten. Das ist unheimlich wichtig für die Bevölkerung. Die Hohensaatener werden das schon spüren."

Idee und Geld kommen aus Niedersachsen

Investor und Vorhabenträger des Solarparks ist die Lindhorst-Gruppe, ein niedersächsischer Agrargroßkonzern. 2019 kaufte die Gruppe das Waldgebiet. Neben dem Solarpark plant der Konzern auch eine Wasserstoff-Industrie auf dem Gelände anzusiedeln. Doch die Produktion von Wasserstoff und auch das Betreiben eines Rechenzentrums benötigen viel Wasser. In der jetzt schon sehr trockenen Region könnte das Vorhaben den Wassermangel verstärken.

Erneuerbare Energien sind ein offizielles Geschäftsfeld des Konzerns. Schon in der Boom-Phase des Biogases zählte Lindhorst zu einem der größten Investoren. Jetzt setzt das Unternehmen im großen Stil auf Photovoltaik, sogar mit eigenem Planungsbüro.

Im Internet präsentiert sich Lindhorst als nachhaltiger Landwirtschaftsbetrieb und betont, wie wichtig Wälder für den Erhalt der biologischen Vielfalt sind. Zudem setzt sich der Konzern nach eigenen Angaben verstärkt für die Aufforstung ein. Die Versprechen aus dem Internet scheint Lindhorst aber nicht immer einzuhalten. Nach Informationen von "Correctiv" sollen bei bereits existierenden Solar-Projekten auf Lindhorst-Flächen Bäume teilweise ohne Absprache gefällt und die Auflage von Ausgleichsmaßnahmen nicht erfüllt worden sein. Auf die Anfrage von rbb und dem Recherche-Netzwerk "Correctiv" zu diesen Vorwürfen und über das Vorhaben in Hohensaaten zu sprechen, haben weder Lindhorst noch das beauftrage Planungsbüro reagiert.

370 Hektar Wald sollen für den Bau eines riesigen Solarparks in Hohensaaten gerodet werden. Das Projekt der Lindhorst-Gruppe ist umstritten - und wurde trotzdem mit großer Mehrheit von Stadtverordneten abgesegnet. (Quelle: rbb)

Bad Freienwalde stimmt für Lindhorst-Projekt

Trotz der Probleme, die das Projekt mit sich bringen könnte, stimmten in Bad Freienwalde 16 von 21 Stadtverordneten im Dezember für den Solarpark mit Industrie- und Gewerbegebiet.

Reinhard Schmook von der SPD sagt, er sei vor allem von der Präsentation des Planungsbüros überzeugt gewesen. Außerdem erhoffe er sich wirtschaftliche Vorteile für Hohensaaten. “Wenn ein Industrie- und Gewerbepark entsteht, entstehen Steuereinnahmen", sagt der Stadtverordnete, "Wir gehen davon aus, dass die Gemeinde Hohensaaten einen gewissen Anteil am wirtschaftlichen Gewinn erwarten kann, um ihre eigenen infrastrukturellen Dinge mitzufinanzieren."

Auch die Grünen im Stadtparlament stimmten für das Lindhorst-Projekt. Wie es zu der Entscheidung kam, wollten sie uns aber nicht erklären. Daher sprachen wir mit Susann Altvater, die für die Grünen im Kreistag Märkisch-Oderland sitzt. "Es wurde im Stadtrat behandelt. Es wurde gesagt, wir wollen klimaneutral werden. Wir wollen die Energieversorgung auch hier dezentralisieren", sagt sie. "Und da haben dann wahrscheinlich die positiven Argumente überwogen."

Jetzt seien sich ihre Parteifreunde aber nicht mehr sicher, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen haben, sagt Altvater. "Allmählich merkt man, dass doch ein sehr großes Waldstück gerodet werden soll und dass wahrscheinlich die Umweltverträglichkeitsprüfungen andere Ergebnisse bringen werden - und dass man da nochmal umsteuern muss, zumindest die Anlage verkleinern muss."

Gegenwind kommt von der AfD. Die Fraktion stimmte als einzige gegen den Solarpark. "Wir haben schon genug Photovoltaik-Flächen" sagt der AfD-Stadtverordnete Lars Günther. Für ihn biete die Technik zu wenig Sicherheit in der Stromversorgung. Außerdem habe die AfD Zweifel an der Lindhorst-Gruppe, sagt Günther. "Die Befürchtung bei mir und vielen anderen ist, dass dann in Salami-Taktik, scheibchenweise, die anderen Gebiete auf dem Areal auch mit Photovoltaik erschlossen werden."

Endgültige Entscheidung noch offen

Ralf Lehmann (CDU), der Bürgermeister von Bad Freienwalde, will sich zu dem Vorhaben nicht äußern. Es gebe nichts Neues, sagt er. Zurzeit prüften die zuständigen Behörden das Projekt, seine Auswirkungen auf Umwelt, Natur und Wasser. Das kann bis zu zwei Jahre dauern. Wann oder ob der Solarpark überhaupt kommt, ist also noch nicht abzusehen.

Revierförster Martin Krüger hofft, dass Lindhorst seine Ideen nicht verwirklichen kann. "Wenn das hier Schule macht, dass wir Wälder abholzen für Solaranlagen, dann sind wir auf dem Holzweg. Das ist der falsche Weg für eine zukünftige Gesellschaft."

Sendung: rbb24-Brandenburg Aktuell, 04.05.2022, 19:30 Uhr

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Beitrag von Philipp Gerstner

66 Kommentare

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  1. 66.

    Warum,muss das wichtigste Gut... für die Umwelt.. getötet werden,um Sonnenenergie zu erhalten...was für eine Wertschätzung liegt im politischen Sinn, im Moment für die Natur da ????Ein Baum ist ein lebendiges Wesen...wer kommt auf solche Ideen..das Bäume gefällt werden, um Stahl und Glaselemente (Solaranlagen) auf den Boden zu pflastern ???Wenn neue Bäume angepflanzt werden,ist das ja okay ,diese gedeihen aber wesentlich besser in schon vorhanden Wäldern und sind Wiederstandsfähiger, nicht im Bezug auf Wachstum, sondern aus Sichtweise der Natur.Da vorhandener Wald das Alter von mehreren Generationen hat und dadurch eine gewisse Stärke ...was in einem Moment zerstört wird ,kann vielleicht Jahrhunderte dauern,bis es wieder in diesem Zustand gebracht wird,was soll das alles Bewirken?????.das wahr bei Tesla schon so...warum nicht einfach auf Flachdächern der Industriegebäude Solaranlagen bauen,was für Einwände sprechen dagegen und wer hat diese Einwände und kann Sie begründen....

  2. 65.

    "Allmählich merkt man, das es sich doch um ein ziemlich großes Waldstück handelt..." Hallo?? Man sollte sich als Abgeordneter vorher informieren, worüber man abstimmt, das gehört zum Job! SPD sagt, worum es geht, nämlich um Geld für "Infrastruktur". Also Wald gegen Schwimmbad?? Toller Deal, haha, hilft dem Klima ungemein....

  3. 64.

    Wie bereits beschrieben, ist die irreparable Vernichtung unserer Umwelt mit dem Ziel "erneuerbare Energien" zu erzeugen absoluter Unfug und schafft kein Vertrauen in die eigentliche Zielstellung. Dann hätte man auch alles so lassen können wie es war.
    Was ist denn eigentlich aus den Projekten geworden, nach denen Europa in Nordafrika riesige Paneelfelder errichten und den Strom über Unterwasser-Übersee-Kabel nach Europa bringen wollte.
    Alles zerschlagen?
    Es gibt dort viel mehr Sonnentage und die Intensität ist auch höher. Und die Staaten hätten bestimmt auch mitverdient.
    Wenn die einzige Idee ist unsere Wälder abzuholzen für Paneele, Windmühlen und provitgierige Automobilinvestoren, haben die Verantwortlichen bis heute nichts kapiert.

  4. 63.

    Ehrlich jetzt? Herr Lindhorst hat Herrn Höcke von der AFD empfangen? Ich denke die AFD will die Braunkohletagebaue weiter betreiben. Dann bauen die bestimmt heimlich ein Kohlekraftwerk in den Wald?

  5. 62.

    Mir wird schlecht wenn ich das lese. Nur der Profit zählt sonst nichts mehr. Ekelhaft.

  6. 61.

    Deutschland hat soviel Dächer, warum nicht zupflastern was schon zu gepflastert ist?
    Am meisten leiden wieder Mal die Tiere wie immer...
    Alle Abgeordneten sehen nur Cash ekelhaft .

  7. 60.

    "Was ist denn eigentlich aus den Projekten geworden, nach denen Europa in Nordafrika riesige Paneelfelder errichten und den Strom über Unterwasser-Übersee-Kabel nach Europa bringen wollte.
    Alles zerschlagen?"
    Diese Frage habe ich mir auch schon vor Monaten gestellt.
    Nun wird selbst das schmutzigste Öl/Gas um die halbe Welt geschippert....ohne Worte.


  8. 59.

    Wald zu roden für Solarstrom, echt, geht's euch noch gut? Was brauchen wir zum Leben? Strom oder Sauerstoff? Wald wird auf der ganzen Erde immer weniger, macht nix wir haben ja Strom.



  9. 58.

    Haben die Bad Freienwalder überhaupt vorher recherchiert, an wen sie das Gelände verkauft haben? Sicher nicht.
    Aber schön, dass die Alternativen nun als Nestbeschmutzer dastehen.
    https://jusos-os.de/2020/12/16/jusos-osnabrueck-keine-deals-solange-juergen-lindhorst-im-amt-ist-keine-geschaefte-mit-unterstuetzern-von-faschistinnen/
    Hoffentlich kann sich der Brandenburger Umweltmini durchsetzen.

  10. 57.

    Letztendlich geht es wieder nur um Geld.
    Hauptsache der Profit stimmt.
    So zeigen auch die Grünen wieder einmal ihr wahre Gesicht.
    Es gibt genug andere Flächen die nutzbar sind.

  11. 56.

    Das sich hier die ahnungslosen Grünen Basher austoben war zu erwarten. Bei 40 Grad ist der Wirkungsgrad geringer als bei 15 Grad.....Aber egal, die Sache ist richtigerweise abgeblasen.
    @Jablonski19, auch Sie können nur hetzen und substanzlose Sprüche klopfen. Das Speicher derzeit noch nicht gebraucht werden und Solarparks inzwischen ohne Subventionen gebaut werden passt nicht in Ihre Filterblase.

  12. 55.

    Ja, damit sie hier günstig Fleisch zum Grillen bekommen. Und Palmöl usw.....Die Wälder werden vor allem für die erste Welt abgeholzt.

  13. 54.

    Natur zerstören für erneuerbare Energien
    Widerspricht sich irgendwie

  14. 53.

    Die Lindhorst-Gruppe, Vater Jürgen Lindhorst hat einen festen Bezug zur AfD, er hat Höcke persönlich empfangen, mehr muss man dazu nicht wirklich wissen.

  15. 52.

    Mit welchen Strom laufen Rechenzentrum und Wasserstofferzeugung in der Nacht?

  16. 51.

    Mir geht die Hutschnur hoch, wenn ich so etwas lese. Statt Wälder zu roden, können ja parallel zu allen Autobahnen ja Solarfelder aufgestellt werden.
    Jeder von den Grünen macht sein eigenes Ding . Hoffe nur nach den nächsten Wahlen sind die wieder weg. Leider ist bis dahin schon viel von den Grünen versaut.

  17. 50.

    Die Lindhorst Gruppe kann bei sich in Niedersachsen solche Anlagen aufbauen und nicht noch Wälder zerstören. An die Abgeordneten der Stadt Bad Freienwalde überdenken sie noch einmal ihre Entscheidung in meinen Augen ist eine Schande bei so was zuzustimmen veralldingen die Grünen die immer für Umweltschutz schreien. Falls der Wald gerodet werden sollte müsste man alle die dafür die Verantwortung tragen vor Gericht stellen wegen Verstoß gegen Umweltschutz.

  18. 49.

    Was möchten Sie denn direkt neben einer Autobahn oder einer Bundesstraße machen? Ich bin froh, wenn ich möglichst weit von stark befahrenen Straßen entfernt bin und finde es besser solche Flächen für die Erzeugung regenerativer Energie zu nutzen, als Flächen in der Nähe von Ortschaften.

  19. 48.

    Was is denn eigentlich aus den Projekten geworden, nach denen Europa in Nordafrika riesige Paneelfelder errichten und den Strom über Unterwasser-Übersee-Kabel nach Europa bringen wollte.
    Alles zerschlagen?
    Es gibt dort viel mehr Sonnentage und die Intensität ist auch höher. Und die Staaten hätten bestimmt auch mitverdient.
    Wenn die einzige Idee ist unsere Wälder abzuholzen für Paneele, Windmühlen und provitgierige Automobilinvestoren, haben die Verantwortlichen bis heute nichts kapiert.


  20. 47.

    Sowas am Ziel vorbei. In Brandenburg gibt zig verfügbare Freiflächen und in den Städten X Dächer, die zur Verfügung stehen. Da könnte man gleich einen See leer pumpen und da drin das Solarkraftwerk errichten. Ökologisch gleiche Liga.

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