Interview | Dudenhöffer über Tesla - "Ich gehe davon aus, dass Grünheide Shanghai toppen wird"

Di 12.04.22 | 20:34 Uhr
Das neue Werk der Tesla-Fabrik Berlin Brandenburg (Luftaufnahme mit einer Drohne). (Quelle: dpa/Patrick Pleul)
Audio: Antenne Brandenburg | 12.04.2022 | Philip Barnstorf | Bild: dpa/Patrick Pleul

Autoproduktion in Rekordzeit mit weltweit neuen Robotern – laut Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer setzt Tesla mit seinem Grünheider Werk neue Standards. Anfängliche Produktionsmängel kann aber auch das US-Unternehmen nicht vermeiden.

Seit dem 22. März produziert der US-Elektroautobauer Tesla in seinem Werk in Grünheide (Landkreis Oder-Spree). Doch wie viele Autos des Model Y bereits vom Band gerollt sind, ist schwer abzuschätzen. Im Gespräch mit rbb|24 spricht Wirtschaftswissenschafler und Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer über die Produktion, Anfangsschwierigkeiten und globale Lieferketten.

rbb|24: Herr Dudenhöffer, was schätzen Sie, wie viele Autos Tesla derzeit in Grünheide baut?

Ferdinand Dudenhöffer: Das Werk ist jetzt am Anfang, das heißt die Maschinen, die Automatisierung laufen ein, werden feinjustiert. Das dauert eine gewisse Zeit. Ich denke, Mitte nächsten Jahres wird man in die Kapazitätsauslastung gehen können. Das sind dann 500.000 Fahrzeuge pro Jahr. Dann wird man auch 12.000 Mitarbeiter vor Ort haben.

Zur Person:

Ferdinand Dudenhöfer (Quelle: dpa/Stephan Persch)
dpa/Stephan Persch

Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer ist gelernter Wirtschaftswissenschaftler. Von 1996 bis 2008 war er Professor an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Von 2008 bis 2020 war er Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen. Derzeit ist er Direktor am Center Automotive Research in Duisburg.

Derzeit kursiert ein Video im Internet, auf dem alle 150 Sekunden ein Auto aus der Fabrik rollt. Ist das eine realistische Zeit?

Diese Zeiten sind durchaus realistisch. Tesla hat ein hohes Tempo bei seiner Fabrikation und der Automatisierung. Das hängt auch damit zusammen, dass man ganze Teile viel schneller baut als andere. Es gibt in Grünheide die größte Gießmaschine der Branche. Die gießt das ganze rear end (Hinterteil des Autos, Anm. d. Red.) in einem Arbeitsgang. Bei anderen Autobauern hat man da unterschiedliche Bleche, die verschweißt werden müssen. Das dauert viel länger. Tesla hat noch mehr Methoden, die es erlauben, schneller und effizienter zu produzieren. Was in Grünheide entsteht, ist äußerst beachtenswert.

Tesla liegt also bei der Geschwindigkeit vor den deutschen Autobauern?

Absolut. Tesla ist bei Innovationen führend. Da ist einerseits das Fahrzeug selbst mit der Elektro-Mobilität, mit den Funktionen für teilautonomes Fahren und ähnliches mehr. Es ist aber auch die Produktionstechnik. Tesla baut die schnellsten Fabriken mit großer Eleganz bei der Automatisierung. Deshalb werden sie sowas wie ein Vorbild für alle anderen. In ein paar Jahren wird in Wolfsburg das Projekt Trinity umgesetzt werden. Es entstehen völlig neue Gebäude mit einer völlig neuen Automatisierung, denn in den heutigen alten Anlagen kann man diese Durchlaufzeiten mit dieser Automatisierung einfach nicht erreichen. Also Tesla ist Benchmark.

Mittlerweile gibt es Meldungen, dass einzelne Fahrzeuge aus Grünheide Qualitätsmängel aufweisen. Ist das normal?

Ich kenne die Meldungen aus dem Internet. Um ehrlich zu sein: Bei brandneuen Werken, die mit völlig neuen Maschinen arbeiten, ist es üblich, dass das Einfahren des Werks gewisse Probleme mit sich bringt und man nacharbeiten muss. In der Regel macht man zunächst eine Pilotproduktion, um die Anlagen und die Roboter einzustellen. Die Fahrzeuge werden anschließend verschrottet. Das ist aber teuer. Deshalb ist hundertprozentige Qualität bei keinem Autobauer vom ersten Auslieferungstag an gegeben.

Beim Model 3 kommt die beste Qualität derzeit aus Shanghai. Aber ich gehe davon aus, dass das Grünheider Werk das toppen kann, wenn es richtig eingefahren ist. Auf der einen Seite beschäftigt Tesla hier deutsche Ingenieure und Produktionsspezialisten, die bei deutschen Autobauern waren. Zum anderen ist die Automatisierung in Grünheide neuer als die in Shanghai.

Wie lange wird dieses Einfahren, die Feinjustierung dauern?

Da eine Zahl zu nennen, ist schwierig. Das hängt von der Komplexität der Anlagen ab. Zum Beispiel ist die Gießmaschine völlig neu. Die gab es bisher noch nie und man muss schauen, wie man damit zurechtkommt. Pi mal Daumen kann man sagen, nach drei Monaten sollten bei neuen Werken die groben Probleme gelöst sein.

Legt Tesla bei der Endkontrolle einen anderen Maßstab an als andere Hersteller?

Das kann ich mir nicht vorstellen, denn der Automobilmarkt ist sehr eng und Qualität ist ein Kernwert bei den Kunden. Es gibt aber Autobauer, bei denen ist Qualität assoziiert mit Feinarbeit wie in einem Uhrwerk, mit Fertigung per Hand oder bestimmten Materialien wie Leder. Tesla hat einen anderen Qualitätsbegriff. Er ist verbunden mit hochindustrieller Herstellung statt Handarbeit und mit neuen Materialien. Die sind zum Teil nachhaltiger als Leder. Aber letztlich ist das subjektiv.

Viele Teile, die Tesla in Zukunft in Grünheide herstellen will, werden zurzeit noch im Tesla-Werk in Shanghai produziert. Dort gibt es jetzt einen Lockdown. Können Probleme mit globalen Lieferketten die Produktion in Grünheide gefährden?

In den letzten drei Jahren hatte die Autoindustrie Lieferkettenprobleme, wie es sie vorher nie gab. Da ist Corona, dann brauchten plötzlich alle Branchen Halbleiter. Dazu kamen die Lockdowns, bei denen China besonders radikal ist. Der Markt ist aus den Fugen geraten. Ich gehe aber davon aus, dass man in China in vier Wochen wieder arbeiten kann. Danach wird es zwei oder drei Monate dauern, bis das Werk wieder in der Spur ist.

Aber es bleiben noch andere Probleme: Jetzt wütet dieser schreckliche Krieg in der Ukraine, der ebenfalls Belastungen der Lieferkette mit sich bringt. Da kann man nie einschätzen, wie die Dinge sich entwickeln.

Kann Tesla die Produktionsausfälle in Shanghai ausgleichen, indem sie von Dritten einkaufen oder in den USA die Produktion hochfahren?

Tesla hat sich so aufgestellt, dass nicht alle Werke auf einem Kontinent sind. Es gibt im texanischen Austin ein neues Werk, ein traditionelles Werk in Fremont, und man hat das Werk in Grünheide. Dadurch können die starken Störungen in Shanghai ein bisschen ausbalanciert werden. Man wird in Fremont jetzt natürlich Überstunden arbeiten, um die Autos des Model 3 noch schneller auf die Straße zu bringen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview für rbb|24 führten Philip Barnstorf und Martin Krauß.

Geführt wurde das Interview für die neueste Folge des rbb|24-Podcasts Giga-Grünheide - Tesla in Brandenburg. Alle Folgen des Podcasts.

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