Eine Mitarbeiterin der PCK Raffinerie GmbH im brandenburgischen Schwedt steht am 31.01.2007 zwischen den Rohrleitungen der Benzinveredlungsanlage (Quelle: dpa)

Sanktionen gegen Russland könnten Druschba-Pipeline bedrohen - Bei aller Freundschaft

Die Druschba-Pipeline ist eine der Hauptschlagadern der Ölindustrie, sie liefert ein Fünftel des deutschen Bedarfs. Jede Sekunde wird etwa eine Badewanne voll Öl von Westsibirien nach Schwedt gepumpt - die Raffinerie ist der wichtigste Arbeitgeber der Stadt. Doch mit den Sanktionen gegen Russland wächst die Sorge in der Uckermark. Von Sebastian Schneider

"Druschba" heißt sie, "Freundschaft" bedeutet das - eine Freundschaft so stark, dass sie mehr als 5.300 Kilometer weit hält. Seit mehr als 50 Jahren fließt Erdöl durch die Druschba-Pipeline. Von Westsibirien braucht das Öl drei Wochen bis es in der PCK-Raffinerie in Schwedt wieder aus der Erde kommt. Hier endet die Freundschaft.

Seit der Krim-Krise stellt sich die Frage, wieviel sie noch wert ist: Die Sanktionen der EU gegenüber Russland belasten die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen. Am Donnerstag plädierte Kanzlerin Angela Merkel erneut dafür, Deutschlands Abhängigkeit von russischem Öl und Gas zu verringern. "Es wird eine neue Betrachtung der gesamten Energiepolitik geben", sagte Merkel. Bislang deckt Deutschland 36 Prozent seines Bedarfs mit russischem Öl.

Die Druschba-Pipeline auf dem Gelände der PCK-Raffinerie in Schwedt / Oder (Quelle: rbb online / Schneider).
Das Ende der Druschba-Pipeline ("Freundschaft") auf dem Gelände der PCK-Raffinerie. Die Leitung ist bis heute eine der längsten Erdöl-Pipelines der Welt.

95 Prozent des Benzins an Berliner Tankstellen

Es hätte schwerwiegende Folgen für Schwedt, sollte künftig weniger Öl durch die Druschba-Pipeline rauschen. Die Raffinerie verarbeitet ein Viertel des deutschen Rohöl-Bedarfs, 95 Prozent des an Berliner Tankstellen verkauften Benzins kommen aus der Uckermark. Bisher aber haben die Sanktionen der EU und der USA gegenüber Russland noch keine Auswirkungen auf Schwedt. "Unsere Rohöllieferungen sind konstant, bis jetzt spielt der Konflikt in unserem Geschäft keine Rolle. Es wäre etwas anderes, wenn sich die Sanktionen deutlich verschärfen würden", sagte PCK-Sprecherin Vica Fajnor rbb online.

Karte: Verlauf der Pipeline "Druschba" (Karte: bing.com/Grafik: rbb)
Die Druschba-Pipeline beginnt in Westsibirien und verzweigt sich bis nach Lettland, Litauen, Kroatien und Tschechien. Die nördliche Leitung führt nach Schwedt.

Großteil der Belegschaft kommt aus Schwedt

Die Druschba ist Schwedts Hauptschlagader, ihr Öl brachte Arbeit, und zu DDR-Zeiten ließ es die Stadt anschwellen: Zwischen den fünfziger und den achtziger Jahren stieg Schwedts Bevölkerungszahl von 6.000 auf mehr als 52.000 Menschen. Nach der Wende wurde das Petrochemische Kombinat (PCK) von der Treuhand privatisiert, die Raffinerie zu einer der modernsten und wettbewerbsfähigsten Europas umgebaut. Etwa 1.400 Menschen arbeiten heute dort, mehr als 80 Prozent der Belegschaft kommen aus Schwedt. Die Raffinerie ist noch immer der größte Arbeitgeber der Stadt.

Russischer Energiekonzern hält ein Fünftel der Anteile

Noch stehen die Sanktionen der EU und der USA auf der zweiten von möglichen drei Stufen. Sie umfassen Reise- und Visabeschränkungen für russische Politiker, Militärs und Geschäftsleute und das Einfrieren von Konten. Die PCK-Raffinerie verfolgt sehr genau, wer auf dieser "schwarzen Liste" landet. Denn einer ihrer Gesellschafter ist der russische Energiekonzern Rosneft. Das Unternehmen hält etwa ein Fünftel der Anteile an PCK, es ist der größte Energiekonzern der Welt - und zu 75 Prozent in russischem Staatsbesitz.

Rosneft-Chef Igor Setschin kam bei seinem letzten Besuch in Schwedt mit dem Hubschrauber. Der Milliardär ist einer der engsten Vertrauten Wladimir Putins. "Ich schätze ihn für seine Professionalität und seinen Biss", hat Putin über Igor Setschin gesagt. Die beiden kennen sich seit mehr als 20 Jahren - auch diese Freundschaft könnte Konsequenzen für Schwedt haben. Setzen EU und USA den Oligarchen Setschin auf ihre Liste, so die Befürchtungen, könnte er die Lust an weiteren Investitionen in Schwedt verlieren. Investitionen, auf die die Raffinerie angesichts steigender Energiepreise und einer gleichzeitig sinkenden Nachfrage nach Öl angewiesen ist.

Russian President Vladimir Putin, left, meets with Igor Sechin, head of Rosneft company, in Novo-Ogaryovo residence, 16 September 2013 (Quelle: dpa).
Rosnef-Chef Igor Setschin (rechts) und Vladimir Putin kennen sich seit mehr als 20 Jahren und sind bis heute enge Vertraute.

90 Tage Notreserve

Im Ernstfall halten die Öllager in Deutschland, die so genannte strategische Ölreserve, 90 Tage. Neben der Druschba kann die Raffinerie auch über die Häfen in Rostock und Danzig versorgt werden, die von Tankern angesteuert werden. "Außerdem könnte Schwedt durch seinen eigenen Hafen einen Teil der Engpässe durch Schiffslieferungen ersetzen", sagte Alexander von Gersdorff, Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes, rbb-online.

Aber langfristig könnte die Schwedter Raffinerie einen Rückgang des russischen Rohstoffs kaum kompensieren. Deutschland könnte sein Öl auch aus anderen Staaten beziehen, aus den USA und Kanada, aus Mittelamerika und vom persischen Golf. Für Schwedt wäre das allerdings fatal, denn es spricht wenig dafür, dass dieses Öl dort landen würde.

Am 1. April treffen sich Politiker und Unternehmer in Dresden zur russisch-deutschen Rohstoffkonferenz, um über die Zukunft ihrer Öl- und Gas-Deals zu sprechen. Gute Geschäfte erhalten die Freundschaft.

Berichtigung: In einer früheren Version war versehentlich von Schwedt als Lagerort der strategischen Ölreserve die Rede. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.