Das Heizkraftwerk Klingenberg (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Video: abendschau | 24.05.2017 | Dorit Knieling | Bild: rbb/Annette Miersch

Kraftwerk in Berlin-Rummelsburg stellt um - Klingenberg legt die letzte Schippe Braunkohle drauf

Berlin macht ernst in Sachen Klimawende. In dieser Woche wird das letzte größere Heizkraftwerk von Braunkohle auf Erdgas umgestellt: Klingenberg in Rummelsburg. Annette Miersch hat sich angeschaut, wie die letzten Tonnen Braunkohle verfeuert werden.

Einen schwitzenden, rußverschmierten Heizer, der schaufelweise Kohlebrocken in eine Feuerluke wirft – den sucht man im Berliner Kraftwerk Klingenberg vergebens. In der Industrieanlage haben längst Maschinen, Förderbänder, Mühlen und Gebläse den Job übernommen.

Sie alle laufen in diesen Tagen zum letzten Mal. Denn in Klingenberg herrscht Abschiedsstimmung, auch im Kraftwerks-Hafen: Ein mächtiger Kran entlädt dort die letzten Lastenschiffe mit Braunkohle aus der Lausitz.

Erbaut in den 1920er Jahren war Klingenberg einst das größte und modernste Elektrizitätskraftwerk Europas - heute rangiert es im Berliner Mittelfeld der Energieproduzenten. Es versorgt mehr als 300.000 Haushalte mit Strom und Wärme. Am Mittwoch soll es nun endgültig von Braunkohle auf Erdgas umgestellt werden.

Nach rund 32 Jahren geht damit eine Ära an der Rummelsburger Bucht zu Ende. Das letzte der elf Berliner Vattenfall-Kraftwerke verzichtet auf diesen fossilen Brennstoff.

Das Heizkraftwerk Klingenberg an der Rummelsburger Bucht (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Heizkraftwerk Klingenberg an der Rummelsburger BuchtBild: rbb/Annette Miersch

Braunkohle wurde in Klingenberg seit 1985 verfeuert, weiß Wolfgang Wendelmut, Schichtleiter am Hafen. Er selbst arbeitet seit 1979 hier und sieht die Umstellung auf Erdgas mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Man war ja jahrelang hier, ist durch dick und dünn gegangen. Nun ist die Kohle weg, das hat ja auch ein bisschen mit der Umwelt zu tun. Mal sehen, wie es weitergeht."

Wolfgang Wendelmut, Schichtleiter am Hafen (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Wolfgang Wendelmut, Schichtleiter am Hafen, arbeitet seit fast 40 Jahren hierBild: rbb/Annette Miersch

Mit dem Dreck und Gestank, den mancher noch aus den DDR-Braunkohlekraftwerken in der Lausitz kennt, habe die Arbeit in Klingenberg nichts zu tun gehabt, sagt der Maschinist. In dem Berliner Heizkraftwerk hätten sie sich zeitig um Filter und die Rauchgasentschwefelung gekümmert: "Wir haben die Rauchgase entsprechend gewaschen und entsorgt. Und auch hier im Kraftwerk wurde immer darauf geachtet, dass es sauber und ordentlich aussieht."

Förderbrücken im Heizkraftwerk Klingenberg
Über diese Förderbrücken wurde die Kohle vom Hafen zur Verbrennungsanlage transportiertBild: rbb/Annette Miersch

Und jetzt wird es noch sauberer, verspricht Kraftwerksleiter Harald Flügel. Auch Erdgas sei zwar ein fossiler Brennstoff. Dennoch gebe es künftig weniger Staub am Boden, und weniger Schadstoffe in der Berliner Luft: "Im Erdgas befinden sich keine Schwefelanteile, die eine Entschwefelungsanlage erforderlich machen." Der größte Pluspunkt aber sei der niedrigere CO2-Gehalt. Die Braunkohle habe einen doppelt so hohen CO2-Anteil wie das Erdgas. Deshalb stelle Vattenfall auch Klingenberg nun auf Erdgas um.

Der riesige Verbrennungsofen in Klingenberg (rbb/Annette Miersch)
Der riesige alte Verbrennungsofen steht bald für immer stillBild: rbb/Annette Miersch

600.000 Tonnen CO2-Emissionen werden so jährlich eingespart, teilt der Konzern mit. Dafür habe Vattenfall 100 Millionen Euro in die Modernisierung der am Standort vorhandenen Erdgas-Anlagen investiert. Im Zusammenspiel mit der geplanten neuen Gas- und Dampfturbinen-Anlage am Standort Marzahn soll das HKW Klingenberg künftig die Wärme- und Stromversorgung des Berliner Ostens mit mehr als 300.000 Haushalten übernehmen.

Die beiden Schornsteine in Klingenberg (Quelle: rbb/Annette Miersch)
Die beiden Schornsteine auf dem Werksgelände, wo die Verstromung stattfindetBild: rbb/Annette Miersch

Was aus der Klingenberger Braunkohleanlage mit ihren Förderbrücken und dem Heizblock werden soll, das sei noch nicht klar. Die letzte Schaufel Braunkohle werde symbolisch am Dienstag verfeuert, am Mittwochvormittag soll es dann einen offiziellen Termin mit Vertretern der Landesregierung geben. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Vattenfall Wärme Berlin Vorstandschef Gunther Müller sollen gemeinsam mit dem Lichtenberger Bezirksbürgermeister Michael Grunst eine Gedenktafel enthüllen, die an diesen für Berlin historischen Moment erinnert.

Rohre im Heizkraftwerk Klingenberg (rbb/Annette Miersch)
Über diese Rohre fließt die Wärme in die Berliner HaushalteBild: rbb/Annette Miersch

Zu diesem Zeitpunkt dürfte die Umstellung auf Erdgas technisch im Hintergrund bereits vollzogen sein. Vor einem Strom- oder Heizungsausfall jedenfalls brauche sich keiner fürchten, so der Werksleiter Harald Flügel. Schritt für Schritt werde derzeit die Produktion der Erdgasanlage hochgefahren, gleichzeitig die der Braunkohleanlage herunter. Bis deren rußige Maschinen endgültig still stehen.

Geht es nach dem rot-rot-grünen Senat, ist der Ausstieg aus der Braunkohle nur der Anfang. Bis 2030 soll in Berlin auch mit der Steinkohle Schluss sein, ein entsprechender Gesetzesentwurf wird derzeit diskutiert. Vattenfall zieht da vorerst nicht mit. Der schwedische Staats-Konzern will zuerst eine Machbarkeitsstudie, ob der Ausstieg auch aus der Steinkohle überhaupt in Frage kommt.

Beitrag von Annette Miersch

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsereKommentar-Regeln und Hilfe zu Kommentaren zum Kommentieren von Beiträgen.

3 Kommentare

  1. 3.

    Für die Energiewende wird auch noch Gaskraftwerkskapazität benötigt. Stichwort Dunkelflaute
    Schön zu sehen dass alte Kraftwerke auf diesen Energieträger umgestellt werden können.
    Fehlt nur noch Methan aus überschüssigen Windstrom.

  2. 2.

    Das ist ein technisch ansprechender Bericht von kompetenten Fachkollegen, der auf die weitere Verbesserung der allseits geschätzten "Berliner Luft" zukünftig hoffen lässt.
    Besonders die radelnden Herren werden zu dem nach ihnen scherzhaft benannten Ehrentag, dies am morgigen Himmelfahrtstag dankbar zu schätzen wissen.

  3. 1.

    Ein guter 1. Schritt in Richtung saubere Energiegewinnung, ohne fossile Brennstoffe wär noch besser ;) Die Innenstadtbewohner, Radfahrer und Sportler wirds freuen, etwas saubere Luft. Schön wäre die sofortige Beachtung und Einhaltung der Luftreinhaltungsrichtlinie der EU :) Doch das traut sich GRR leider nicht. Hust. Keuch. Röchel. Grün-Roter Alltag im Berliner Zentrum. Fast immer, wenn ich das Fenster aufmache oder auf Autostrassen in der City unterwegs bin.

Das könnte Sie auch interessieren