Insekten-Aufzucht
Video: zibb | 06.09.2017 | Jana Gebauer | Bild:

"Insecta 2017" in Berlin - Das große Krabbeln

Dass die Honigbiene für Menschen nützlich ist, ist allgemein bekannt. Aber dass man aus Grillen Sportriegel machen kann und aus Fliegenlarven sogar Kerosin? In Berlin diskutieren Wissenschaftler aus aller Welt über die Verwertung von Insekten. Von Anne Hoffmann

Im Potsdamer Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie  sind sie dem Liebesleben der Heimchen-Grille auf der Spur: In speziellen Anzuchtboxen sollen sich hier die Insekten vermehren, und das möglichst massenhaft. "Wir untersuchen den Einfluss unterschiedlicher Beleuchtungen und Temperaturen, ändern die Belüftung und die Luftfeuchtigkeit", erklärt Oliver Schlüter, "denn für die industrielle Nutzung müssen die Zuchtbedingungen standardisiert und artgerecht sein, damit Menge und Stoffzusammensetzung der Tiere möglichst gleich bleiben."

Die Heimchen-Grillen sollen erst einmal als Futter für Nutz- und Haustiere verwertet werden. Denn sie sind wahre Eiweißbomben: Bis zu 70 Prozent pro Gramm Trockenmasse der Tiere sind reines Eiweiß. Zudem sind sie sparsame Futterverwerter. Rund 1,7 Kilogramm Futter reichen aus, um ein Kilogramm Grillen zu produzieren. Zum Vergleich: Rinder brauchen für die Produktion von einem Kilo Fleisch rund acht Kilo Futter, wie die Welternährungsorganisation FAO in einer Studie festgestellt hat. Außerdem produzieren Rinder große Mengen des Treibhausgases Methan – Insekten nicht.

Sportriegel aus Grilleneiweiß

Insekten werden in vielen Ländern bereits regelmäßig gegessen – und könnten laut FAO helfen, den weltweiten Bedarf an tierischem Eiweiß zu decken. In der Europäischen Union tritt 2018 die überarbeitete Novel Food Verordnung der EU in Kraft – darin ist auch geregelt, welche Insektenarten und welche ihrer Teile künftig auf dem Lebensmittelmarkt zugelassen werden.

Und ein Start-up aus Köln hat gerade die erste Zulassung für einen Sportriegel aus Grilleneiweiß erhalten. Den Rohstoff beziehen sie zurzeit noch aus Asien.  

Neben Proteinen will die Industrie aus den Grillen auch andere Inhaltsstoffe für die Lebensmittelindustrie gewinnen: Fette zum Beispiel. Und im Chitin ihres Panzers steckt Chitosan, das in Lebensmitteln unter anderem als Dickungsmittel dient.

Über den Stand der Insektenforschung tauschen sich die Wissenschaftler am Mittwoch und Donnerstag auf der "Insecta" in Berlin aus. Das Forschungsgebiet ist riesig: Rund 1,2 Millionen Spezies sind bisher beschrieben - eine noch größtenteils unentdeckte Naturstoffbibliothek, die Wissenschaftler nutzen könnten.

Fliegenlarven aus Baruth als Futter für Tiere

Auf der "Insecta" sind auch kommerzielle Unternehmen vertreten - wie zum Beispiel Hermetia aus Baruth (Teltow-Fläming). Das Unternehmen hat sich auf eine exotischere Insektenart spezialisiert und züchtet die tropische Schwarze Soldatenfliege. Die Biotechnologen haben es vor allem auf die Larven abgesehen, aus denen sie unter anderem Tierfutter herstellen. In derzeit sechs Bioreaktoren züchten sie rund 350 Tonnen Larvenfrischmasse im Jahr – die wird dann getrocknet und in einem mechanischen Verfahren in die Bestandteile Fett und Protein zerlegt.

Bisher dürfen die Larven zwar noch nicht an Nutztiere wie Rinder verfüttert werden. Für Katzen, Hunde und seit Juli auch für Fische sind sie als Futter aber zugelassen.

Insekten könnten den Regenwald retten

Forscher sehen in der Insektenverfütterung an Nutztiere Vorteile für die Umwelt: Für die weltweite Fleischproduktion werden jedes Jahr tausende Quadratkilometer Regenwald abgeholzt, um darauf Soja für die Tierfütterung anzubauen. Würden Schweine und Co. künftig mit Insektenproteinen gefüttert, würde also weniger Regenwald zerstört und auf den bestehenden Soja-Äckern könnte Getreide angepflanzt werden.

Größere Hoffnung als auf den Tierfuttermarkt setzen die Baruther aber auf andere Anwendungen. So haben sie es zusammen mit der Raffinerie in Schwedt geschafft, aus den Fetten der Insektenlarven Kerosin und Diesel herzustellen. Und demnächst eröffnen die Baruther auch ein großes Forschungslabor in Berlin. Dort wollen sie mit Hilfe der Soldatenfliege neue Rohstoffe für die Futtermittel-, Kosmetik-, Pharma- und Energieindustrie entwickeln.

Insekten in der Medizin

Ein anderes Verwendungsgebiet für Insekten ist die Medizin – denn einige Insekten produzieren zum Beispiel natürliche Substanzen, die eine antibiotische Wirkung haben. Auf diesem Gebiet forscht unter anderem Andreas Vilcinskas an der Universität Gießen. Der Wissenschaftler ist Pionier der Insektenbiotechnologie und hat seine ersten Forschungsschritte in Berlin und Potsdam getan.

Aisatischer Marienkäfer
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Vor ein paar Jahren hat Vilcinskas  im Blut des Asiatischen Marienkäfers eine Vielzahl an Stoffen aufgespürt, die sehr gut gegen Krankheitserreger wirken. "Wir haben in der Hämolymphe, also in seinem Blut, eine Substanz gefunden mit dem Namen Harmonin. Und die zeigte im Experiment, dass sie gegen Malaria oder auch gegen Tuberkulose wirksam ist."

Die Heilkraft der Wundmade

Dass Insekten antibiotisch wirksame Stoffe produzieren, ist schon lange bekannt. So werden Wundmaden heute in manchen Kliniken mit einem Pflaster auf chronische Wunden geklebt. Sie geben mit ihrem Speichel einen ganzen Cocktail toller Substanzen ab. Solche, die die Wundheilung beschleunigen, und solche, die nur das kranke Gewebe auflösen, wovon sich die Maden ernähren. Das gesunde Gewebe bleibt unangetastet. Aus dem Speichel der Wundmaden haben die Gießener Forscher 47 antimikrobiell wirkende Stoffe isoliert.

Ihr neuester Coup: Sie nutzen anstelle menschlicher Blutzellen die von Insekten, um damit einmal bestimmte Medikamente in großtechnischem Maßstab herzustellen. Auch Enzyme aus Insekten wollen sie künftig für biotechnologische Anwendungen industriell produzieren lassen. Und dabei kommt dann auch das Potsdamer Leibniz-Institut mit seinen großen Fermentieranlagen ins Spiel.

Sendung: zibb, 06.09.2017, 18:30 Uhr

Beitrag von Anne Hoffmann

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